Archiv für Februar 2015

Gauck instrumentalisiert Auschwitz für den neuen deutschen Nationalismus

Bundespräsident Joachim Gauck sagte in seiner Rede zum 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz: „Keine deutsche Identität ohne Auschwitz“
Pofallas Schuldstolz
Auch der CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla sagte 2008 in Gedenken an die Reichspogromnacht: „Erinnerung ist Teil eines modernen deutschen Patriotismus“.

Die extrem rechte Strömung der „Neuen Rechten“ bezeichnete diese Position als „Schuldstolz“, was ein gar nicht so falscher Begriff für dieses Phänomen ist. Die Kritik freilich ist unterschiedlich. Linke sollten das Wort „Stolz“ bei „Schuldstolz“ kritisieren, Rechte stört natürlich die „Schuld“.

Anetta Kahane von der Amadeu-Antonio-Stiftung kritisierte erst kürzlich in der „Berliner Zeitung“ den „deutschen Opferstolz“ mit treffenden Worten:

Der deutsche Opferstolz braucht keine jüdische Perspektive. Er ist sich selbst genug.
Bundespräsident Joachim Gauck sagte zum Tag der Befreiung von Auschwitz, dass dieser Ort zur deutschen Identität gehöre. Er verband das mit der Aufforderung an alle Einwanderer, ebenfalls der deutschen Sündengemeinschaft beizutreten. Verkürzt gesagt: Wir sind Auschwitz. Und wenn ihr hier mitmachen wollt, müsst ihr die gleiche Bürde auf euch nehmen wie wir und dürft nicht antisemitisch sein. „Unser“ schönes Deutschland hat nun einmal diesen Makel in seiner Textur und damit müsst auch ihr nun leben. Diese Perspektive steht ganz in der Tradition des verkorksten deutschen Stolzes.

„Zivilisationsbruch“ Holocaust?

Als die Rote Armee im Zuge der Befreiung Europas vom Nationalsozialismus die Grenzen Deutschlands erreichte, waren viele Soldaten überrascht. Wie konnte ein ‚Volk‘ mit so hübschen Vorgärten nur solche Verbrechen begehen?
Auch anderen Zeitgenoss*innen, inklusive vieler politischer Emigrant*innen aus Deutschland, schien es schwer zu fallen, zu glauben dass gerade im „Land der Dichter und Denker“ solche Verbrechen hatten geschehen können. Es war die Rede davon, dass Deutschland durch seine Taten aus dem Kreis der „zivilisierten Völker“ ausgestoßen sei.
Die Deutschen hatten also durch ihre Verbrechen scheinbar gezeigt, dass sie „Barbaren“ sind.
Doch hübsche Vorgärten und klassische Musik und Vernichtungskrieg und Shoah sind keine Gegensätze. Das zeigt sich am krassesten am Beispiel des Auschwitz-Orchesters, in dem jüdische Musiker*innen gezwungen wurden zum Gefallen des Lager-Personals aufzuspielen, immer bedroht von der Ermordung, wenn sie das Missfallen der selbst ernannten Herrenmenschen erregen sollten.
Bei der Betrachtung und Analyse der Shoah wird häufig ein Dualismus von „zivilisiert“ und „barbarisch“ konstruiert, der kaum einen Erkenntnisgewinn verspricht und aus postkolonialer Perspektive kritisch zu betrachten ist. Der Begriff „Barbaren“ existiert seit der Antike von den „Zivilisierten“, um sich abzugrenzen. Im antiken Hellas wurden mit diesem Begriff alle Menschen außerhalb des eigenen Kulturraums so benannt und das mit eindeutig abwertender Tendenz.
Auf die Massenmorde in Ruanda oder in Kambodscha werden Begriffe wie „Zivilisationsbruch“ oder „barbarisch“ nicht oder weitaus seltener angewendet. Manchmal hat man dabei den Eindruck, dass hängt auch mit einer kolonial geprägten Betrachtung dieser Länder zusammen. Von Massenmorden in einem Land in Afrika oder in Südostasien sind die Menschen im Westen kaum überrascht. Das scheint irgendwie „dazu zu gehören“. Aber das „kulturell hoch stehende“ Deutschland, da ist es etwas anderes. Komplett ignoriert wird dabei die Kolonialgeschichte Deutschlands, die mindestens 750.000 Opfer forderte. Im Reden vom „Fall in die Barbarei“ oder dem „Zivilisationsbruch“ schwingt etwas von dem Unglauben mit, dass so etwas in Deutschland und durch Deutsche möglich war.
Dabei sind Massenmorde und westliche Zivilisation sehr gut miteinander vereinbar, wie nicht nur die Shoah, sondern auch etwa die belgische Kolonialherrschaft im Kongo zeigt.
Eine Kritik am Barbarei-vs-Zivilisations-Dualismus muss aber so formuliert werden, dass man dabei aber nicht in die Beliebigkeit abrutscht. Die Shoah war in vielerlei Hinsicht einzigartig und ohne Beispiel, u.a. weil sie mit technisch modernsten Mitteln erfolgte und Menschen einfach nur auf Grund ihrer Existenz millionenfach ermordet worden. Dem weltweiten Auslöschungsversuch der jüdischen Minderheit gegenüber lag mit dem Antisemitismus eine Jahrhunderte alte Hass-Ideologie zu Grunde, die in ihrer Vielfältigkeit einzigartig ist. Nur der Antiziganismus ist ähnlich ‚kreativ‘, was die Zuschreibungen angeht.
Doch lag dem industriellen Massenmord an den europäischen Jüdinnen und Juden keine „Entzivilisierung“ oder „Barbarisierung“ zu Grunde. Der Dualismus „zivilisiert“ und „unzivilisiert“ bzw. „barbarisch“ ist allein schon deswegen schwierig, weil er sehr kolonial geprägt ist. Hinter Begriffen wie „NS-Barbarei“ verbirgt sich auch die Frage, wie konnte eine „zivilisierte“ Nation nur so etwas tun? Da schwingt nicht selten eine Form von Kulturüberheblichkeit mit.
Aber ein technischer Fortschritt bedeutet noch lange keinen humanistischen Fortschritt. Moderne technologische Standards sind nun mal keine humanistischen. Eine Modernisierung ist ohne Liberalisierung und Demokratisierung möglich.
Auch die Kennzeichnung der Zerstörung von Kunst als „barbarisch“, etwa der Bezeichnung der NS-Bücherverbrennung als „nazistische Barbarei“, mutet zuweilen seltsam an, weil die kolonialen Raubzüge, inklusive Leichenschändungen, in Amerika, Afrika, Asien und Ozeanien, deren Beute bis heute in den Museen, Archiven und Privat-Wohnzimmern des Westens zu finden ist, fast nie als „barbarisch“ gebrandmarkt wurden. Der Diebstahl von Kultgegenständen oder die Schändung von sterblichen Überresten wurde oft nicht als „unzivilisiert“ gebrandmarkt. Die offensichtlich angelegten doppelten Maßstäbe offenbaren doppelte Standards. Nur wenn westliche Kunst zerstört oder geraubt wird, ist das ein Zeichen von „Barbarei“.
Natürlich ist es sehr verständlich, dass Überlebende den Nationalsozialismus in ihrer Hilflosigkeit und Wut als „Barbarei“ oder „Zivilisationsbruch“ brandmarkten, für sie ein Wort zur Beschreibung der höchsten Eskalationsstufe.
Doch die Gegenüberstellung von „Zivilisation“ einerseits und „Barbarisierung“ andererseits hilft bei der Analyse des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen kaum weiter.