„Zivilisationsbruch“ Holocaust?

Als die Rote Armee im Zuge der Befreiung Europas vom Nationalsozialismus die Grenzen Deutschlands erreichte, waren viele Soldaten überrascht. Wie konnte ein ‚Volk‘ mit so hübschen Vorgärten nur solche Verbrechen begehen?
Auch anderen Zeitgenoss*innen, inklusive vieler politischer Emigrant*innen aus Deutschland, schien es schwer zu fallen, zu glauben dass gerade im „Land der Dichter und Denker“ solche Verbrechen hatten geschehen können. Es war die Rede davon, dass Deutschland durch seine Taten aus dem Kreis der „zivilisierten Völker“ ausgestoßen sei.
Die Deutschen hatten also durch ihre Verbrechen scheinbar gezeigt, dass sie „Barbaren“ sind.
Doch hübsche Vorgärten und klassische Musik und Vernichtungskrieg und Shoah sind keine Gegensätze. Das zeigt sich am krassesten am Beispiel des Auschwitz-Orchesters, in dem jüdische Musiker*innen gezwungen wurden zum Gefallen des Lager-Personals aufzuspielen, immer bedroht von der Ermordung, wenn sie das Missfallen der selbst ernannten Herrenmenschen erregen sollten.
Bei der Betrachtung und Analyse der Shoah wird häufig ein Dualismus von „zivilisiert“ und „barbarisch“ konstruiert, der kaum einen Erkenntnisgewinn verspricht und aus postkolonialer Perspektive kritisch zu betrachten ist. Der Begriff „Barbaren“ existiert seit der Antike von den „Zivilisierten“, um sich abzugrenzen. Im antiken Hellas wurden mit diesem Begriff alle Menschen außerhalb des eigenen Kulturraums so benannt und das mit eindeutig abwertender Tendenz.
Auf die Massenmorde in Ruanda oder in Kambodscha werden Begriffe wie „Zivilisationsbruch“ oder „barbarisch“ nicht oder weitaus seltener angewendet. Manchmal hat man dabei den Eindruck, dass hängt auch mit einer kolonial geprägten Betrachtung dieser Länder zusammen. Von Massenmorden in einem Land in Afrika oder in Südostasien sind die Menschen im Westen kaum überrascht. Das scheint irgendwie „dazu zu gehören“. Aber das „kulturell hoch stehende“ Deutschland, da ist es etwas anderes. Komplett ignoriert wird dabei die Kolonialgeschichte Deutschlands, die mindestens 750.000 Opfer forderte. Im Reden vom „Fall in die Barbarei“ oder dem „Zivilisationsbruch“ schwingt etwas von dem Unglauben mit, dass so etwas in Deutschland und durch Deutsche möglich war.
Dabei sind Massenmorde und westliche Zivilisation sehr gut miteinander vereinbar, wie nicht nur die Shoah, sondern auch etwa die belgische Kolonialherrschaft im Kongo zeigt.
Eine Kritik am Barbarei-vs-Zivilisations-Dualismus muss aber so formuliert werden, dass man dabei aber nicht in die Beliebigkeit abrutscht. Die Shoah war in vielerlei Hinsicht einzigartig und ohne Beispiel, u.a. weil sie mit technisch modernsten Mitteln erfolgte und Menschen einfach nur auf Grund ihrer Existenz millionenfach ermordet worden. Dem weltweiten Auslöschungsversuch der jüdischen Minderheit gegenüber lag mit dem Antisemitismus eine Jahrhunderte alte Hass-Ideologie zu Grunde, die in ihrer Vielfältigkeit einzigartig ist. Nur der Antiziganismus ist ähnlich ‚kreativ‘, was die Zuschreibungen angeht.
Doch lag dem industriellen Massenmord an den europäischen Jüdinnen und Juden keine „Entzivilisierung“ oder „Barbarisierung“ zu Grunde. Der Dualismus „zivilisiert“ und „unzivilisiert“ bzw. „barbarisch“ ist allein schon deswegen schwierig, weil er sehr kolonial geprägt ist. Hinter Begriffen wie „NS-Barbarei“ verbirgt sich auch die Frage, wie konnte eine „zivilisierte“ Nation nur so etwas tun? Da schwingt nicht selten eine Form von Kulturüberheblichkeit mit.
Aber ein technischer Fortschritt bedeutet noch lange keinen humanistischen Fortschritt. Moderne technologische Standards sind nun mal keine humanistischen. Eine Modernisierung ist ohne Liberalisierung und Demokratisierung möglich.
Auch die Kennzeichnung der Zerstörung von Kunst als „barbarisch“, etwa der Bezeichnung der NS-Bücherverbrennung als „nazistische Barbarei“, mutet zuweilen seltsam an, weil die kolonialen Raubzüge, inklusive Leichenschändungen, in Amerika, Afrika, Asien und Ozeanien, deren Beute bis heute in den Museen, Archiven und Privat-Wohnzimmern des Westens zu finden ist, fast nie als „barbarisch“ gebrandmarkt wurden. Der Diebstahl von Kultgegenständen oder die Schändung von sterblichen Überresten wurde oft nicht als „unzivilisiert“ gebrandmarkt. Die offensichtlich angelegten doppelten Maßstäbe offenbaren doppelte Standards. Nur wenn westliche Kunst zerstört oder geraubt wird, ist das ein Zeichen von „Barbarei“.
Natürlich ist es sehr verständlich, dass Überlebende den Nationalsozialismus in ihrer Hilflosigkeit und Wut als „Barbarei“ oder „Zivilisationsbruch“ brandmarkten, für sie ein Wort zur Beschreibung der höchsten Eskalationsstufe.
Doch die Gegenüberstellung von „Zivilisation“ einerseits und „Barbarisierung“ andererseits hilft bei der Analyse des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen kaum weiter.