Archiv für Juni 2015

Frei.Wild – „Südtirols konservative Antifaschisten“?

Frei.Wild-Graffiti
Zugegeben es ist schwierig über ein Buch zu urteilen, was man selber nicht gelesen hat. Aber wenn die darin zu findenden Positionen in einem Interview vom Verfasser wiedergegeben werden, dann darf vom Interview auf den Buchinhalt geschlossen und dieses indirekt auch kritisiert werden.
Die Rede ist von dem Buch „Frei.Wild. Südtirols konservative Antifaschisten“ von dem Jugendforscher Klaus Farin.
In einem Interview mit Deutschlandfunk am 8. April 2015 äußert sich Farin zu seinem neuem Buch im Gespräch mit Adalbert Siniawski (http://www.deutschlandfunk.de/corso-gespraech-wie-ticken-frei-wild-und-ihre-fans.807.de.html?dram:article_id=316466)

In diesem Interview bezeichnet Farin seinen Buchtitel zwar als provokativ aber zutreffend. „Frei.Wild“ sei für ihn antifaschistisch. Nun existiert in Südtirol eine spezielle Form von ‚Antifaschismus‘. Die deutschsprachige extreme Rechte dort bezeichnet sich auch gerne so, weil sie im Wortsinn tatsächlich anti-faschistisch eingestellt ist. Unter Faschismus wird dann nur der italienische Faschismus verstanden. Da Mussolini aus imperialistisch-nationalistischen Motiven auf der Zugehörigkeit Südtirols/Trentino Aldiges zu Italien beharrten und zeitweise eine Art Italienisierungs-Politik betrieben, ist die deutschnationale Rechte in dieser Provinz in gewisser Weise tatsächlich ‚antifaschistisch‘. Farin verweist auch darauf, dass „Frei.Wild“ auch auf Tshirts Stellung gegen Rechtsextremismus bzw. gen ‚Extremismus‘ allgemein nehmen würden. Das trifft zu, macht aber aus der Band noch keine antifaschistische Band. Immerhin haben „Frei.Wild“ auch ihre Wurzeln in der extrem rechten Szene.
Gegründet wurde die Band im norditalienischen Brixen im Jahr 2001. Eine Art Vorgänger-Gruppierung war die 1998 gegründete Naziskin-Band „Kaiserjäger“.
Schlusspunkt für diese Band setzte ein Konzert der neofaschistischen „Veneto Fronte Skinheads“ im Februar 2001, das in einer Massenschlägerei zwischen Deutsch und Italienisch sprechenden Neonazis endete.
Bei den „Kaiserjäger“ aktiv war konkret der „Frei.Wild“-Sänger Philipp Burger. Alte Bilder von Burger damals zeigen ihn als Skin mit Hitlergruß. Burger wandelte sich aber nicht vom Nazi-Skin zum „konservativen Antifaschisten“. Er gehörte nämlich bis 2007 der extrem rechten Partei „Die Freiheitlichen“ an, dem Südtiroler Ableger der FPÖ. Seine Mitgliedschaft begründete er wie folgt:

„Es kann nicht sein, dass fast jedes Wochenende gewalttätige Übergriffe ausländischer Gangs auf einheimische Jugendliche begangen werden, wie das in Brixen der Fall ist. Dieses Problem gab es vor 5 Jahren in Brixen noch nicht und somit bestand kein Handlungsbedarf.“

Diese rassistische ‚Überfremdungs‘-Angst dokumentiert sich auch in einem rassistischen Witz, den Burger am 20. September 2012 auf seinem Facebook-Profil veröffentlichte:

„Erster Schultag in Berlin. Der Direktor ruft die Schüler auf:
Mustapha El Ekhzerzi?
Anwesend!
Mohamed Endahra?
Anwesend!
Mel Ani El Sner?
Keine Antwort
Der Lehrer fragt noch einmal: “Mel Ani El Sner?”
Jetzt meldet sich ein Mädchen:
Wahrscheinlich bin ich gemeint, ich heiße Melanie Elsner“

Auch in dem 2009 erschienenen Song „Land der Vollidioten“ beklagt Burger, dass „Kreuze aus Schulen entfernt werden, aus Respekt vor den anders gläubigen Kindern“.
Seinen Austritt 2007 bei den Freiheitlichen begründete Burger nicht etwa mit einer antifaschistischen Läuterung, sondern mit taktischen Erwägungen:

„Was die Mitgliedschaft bei den Freiheitlichen betrifft: Ich bin aus der Partei wieder ausgetreten und habe auch das Amt niedergelegt, aber nicht etwa deswegen, weil ich Schuldgefühle habe oder mit dem Parteiprogramm nicht einverstanden wäre, soviel ist sicher, sondern weil ich, vor allem nach der Aussprache mit der Crew, eingesehen habe, dass es etwas zwiespältig ist, Parteimitglied zu sein und gleichzeitig Distanz vor der gesamten Politik zu nehmen, da gebe ich euch recht und habe meine Konsequenzen gezogen.”

Dazu passt, dass „Frei.Wild“ 2008 bei der „Freiheitlichen Rocknacht“ auftreten, einer Konzertveranstaltung der „Freiheitlichen Jugend“.

Farin hört sich im Interview an wie ein Provinzbürgermeister der über Neonazis als „unsere Jungs“ spricht. Er spricht davon, dass in Südtirols/Trentino Aldige eben „Heimatliebe Grundnahrungsmittel“ sei. Eine stärkere Verbreitung von einer Einstellung ist aber noch keine Entkräftung von inhaltlicher Kritik. Für Farin ist der von „Frei.Wild“ idealisierte Regionalpatriotismus nicht ausgrenzend gemeint. Die ‚Jungs‘ lieben eben nur ihre
Heimat und Familie. Damit reproduziert Farin die Selbstsicht eines jeden Nationalismus als ganz ‚normal‘, ja geradezu ‚natürlich‘. Genau das findet auch in den Texten von „Frei.Wild“ statt, eine Essentialisierung (Naturalisierung) von Nationalismus. Daran darf dann auch keine Kritik geübt werden oder mit den Worten von „Frei.Wild“:

„Kurz gesagt, ich dulde keine Kritik, an diesem heiligen Land, das unsere Heimat ist.“

Für Farin aber geht es bei „Frei.Wild“ inhaltlich nur um Liebe und Heimat. Im offiziellen Video zu „Wahre Werte” wird der Südtirol-Separatismus-Ikone Sepp Kerschbaumer und anderen Mitgliedern des „Befreiungsausschuss Südtirol“ gehuldigt.
Frei.Wild erinnert an Sepp Kerschbaumer
Die Band-Mitglieder verstehen sich nicht etwa als deutschsprachige Italiener, sondern als deutsche Tiroler.
Und das Videofilm auf der im April 2014 erschienenen Gold-Edition von „Feinde deiner Feinde“ zeigt in mehrere Bilder von dem Marsch der Tiroler Schützen in Bozen unter dem Motto „Los von Rom“.
Frei.Wild pro Los von Rom
Warum „Frei.Wild“, wenn es nur um ‚harmlose‘ Heimatliebe geht auch den terroristisch agierenden und deutschnational grundierten Südtirol-Separatismus ehren bleibt bei Farins Auslegungen unklar.
Nein, nach ihm ist die Band weder nationalistisch, noch rassistisch. Denn immerhin würden Neonazis durch die Security scharf ausgegrenzt und schließlich würden sich Neonazis vereinzelt selbst auf „Toten Hosen“-Konzerte verirren. Farin ignoriert aber, warum „Frei.Wild“, bei aller Ablehnung von ‚Extremismus‘, extreme Rechte anzieht wie das Licht die Motten. Er ignoriert auch die ganzen Diskussionen in Neonazi-Foren, bei denen immer ein Teil der Diskutierenden trotz der Distanzierung der Band von rechts, „Frei.Wild“ einiges Positives bei der Band abgewinnen können. Der Südtirol-Separatismus („Südtirol, deinen Brüdern entrissen“), der in der Heimat-Tracht auftretende Nationalismus, das Feindbild Medien, das Eigenimage als Verfolgte und harte Jungs sind Punkte, die sie mit der extremen Rechten inhaltlich teilen.
Wenn dann Burger auch für Deutsche einen ‚gesunden‘ Nationalstolz einfordert, und das mit dem rechten Ideologem des Schuldkomplex verbunden wird, dann zeigen sich noch weitere inhaltliche Gemeinsamkeiten mindestens bei Burger. O-Ton Philipp Burger:

„Leider Gottes ist Deutschland auf einem Weg, der jedem Verstand mit Bravour den Atem raubt. Ganz ehrlich, das ist die logische Konsequenz dieser ›Wir alle müssen ewig für die Taten unserer Vorfahren büßen‹-Politik!!! Aber man wollte es so, hat Kinder so erzogen und trägt nun die Konsequenz, selber schuld!!! Ich kann mich nicht erinnern, dass sich Italiener, Russen, Amerikaner oder zum Beispiel auch Chinesen ihrer Herkunft geschämt hätten, obwohl deren Diktatoren und Regime gleich viele und um viele Millionen Menschen mehr auf dem Gewissen haben, als es unter Scheiß-Hitler-Deutschland der Fall gewesen ist. […] Auch macht man Vergangenes nicht ungeschehen, indem man schon seit Jahrzehnten davon finanziell Profitierende, lechzend nach einer Daseinsberechtigung für ihr klägliches Dasein, weiter unterstützt und ihre Meinung blind unterstreicht, nur um ja nicht dagegen zu pissen.“

Frei.Wild-Fanauto
Die „Deutschrockarmee“ „Frei.Wild“ ist ganz sicher nicht antifaschistisch, jedenfalls solange nicht, wie Antifa mehr heißt als nur gegen ‚Extremismus‘ zu sein.
Bei kritischer Betrachtung bleibt „Frei.Wild“ eine rechte Rockband. Sicher macht sie keinen Rechtsrock im Stil von Nazi-Bands von „Lunikoff“ oder „Störkraft“. Farin hinterfragt das Eigen- und Selbstbild der Band und ihrer Fans als ‚unpolitisch‘ und ‚nur patriotisch‘ aber nicht kritisch. Offenbar hat er seine Distanz zum Forschungsgegenstand verloren und ist zum
„Frei.Wild“-Groupie geworden. Der Mythos von harmloser Heimatliebe und Patriotismus wird nicht in Frage gestellt. Das unausgesprochene deutschnationale Fundament dieses Patriotismus der deutschsprachigen Bevölkerung Südtirols/Trentino Aldiges wird nicht angetastet oder wenigstens thematisiert.
Schade, kritische Forschung sieht anders aus. Dass sich in dem Buch auch noch ein offenbar unkritisches Interview mit Frank Krämer von der Nazi-Rechtsrockband „Stahlgewitter” findet, vervollständigt diesen Eindruck nur noch.

„Meuten, Swings & Edelweißpiraten. Jugendkultur und Opposition im Nationalsozialismus“ von Sascha Lange

Sascha Lange hat dieses Jahr mit seinem Buch „Meuten, Swings & Edelweißpiraten“ ein Buch über renitente „Jugendkultur und Opposition im Nationalsozialismus“, wie es im Untertitel heißt, veröffentlicht.
Einigendes Element aller im Buch beschriebenen Gruppen war die Verweigerung von NS-Normen. Sie wollten sich nicht kommandieren lassen und wählten einen Weg der jugendkulturellen Abgrenzung. So entstanden informell organisierte, oppositionelle Jugendgruppen ganz unterschiedlicher Art. Einige waren von der organisierten Arbeiter*innen-Jugend vor 1933 geprägt, andere waren eher bündisch orientiert. Die Abgrenzung fand auch über das Äußere bei Verweigerung der HJ-Uniform statt. Es gab sogar Gruppen, die sich in Kosaken-Tracht kleideten.
Die Gruppen trugen Namen wie „Fahrtenstenze“, „Churchill Club“ (Hamburg), „Navajos“ (Köln), „Ultra-Bande“, „Broadway Gangster“ oder „Brüder der Weltzunft“.
Am bekanntesten sind heute die „Edelweißpiraten“ aus dem Rheinland. In Leipzig nannten sich die oppositionellen Jugendgruppen „Meuten“. Ihnen werden in Leipzig mindestens 1.500 Jugendliche zugerechnet, es waren vor allem Arbeiterjugendliche.

Es kam immer wieder zu Auseinandersetzungen z.B. von Meuten und der Hitlerjugend, es ging darum „HJ-Führer und vor allem HJ-Streifendienst anfallen und [zu] vermöbeln“, wie ein Zeitzeuge berichtet. Damals wurden sogar Lieder umgedichtet:

„Ja, wo die Fahrtenmesser blitzen und die
Hitlerjunge flitzen
und die Edelweißpiraten hinterdrein,
was kann das Leben uns denn schon geben,
wir wollen frei von Hitler sein.“

(Seite 194)
Hinter den Angriffen auf die HJ standen eher selten tiefere politische Konzepte und Analysen, aber Freiheit war das entscheidende Motiv. Lange schreibt:

„Die Gewalt richtete sich stets nur gegen die die Staatsjugend und entsprang dem Willen, Freiräume zu verteidigen.“

(Seite 38)
Trotzdem gab es auch einen gewissen linken Einfluss in vielen Gruppen:

„Jedoch prägten linke Gruppen und Einzelpersonen das Wesen und äußere Erscheinungsbild der Meuten nachhaltig. Dies zeigt, dass die linke Arbeiterbewegung, obwohl faktisch seit der »Machtergreifung« zerschlagen, weiter nachwirkte. Verbindendes Element aller Leipziger Meuten war die konsequente Ablehnung der Staatsjugend und damit auch der NS-Jugendpolitik.“

(Seite 44)
Doch nicht alle Gruppen waren tendenziell links ausgerichtet. Beispielsweise war im Raum Düsseldorf der rechtsgerichtete „Wanderbund Kittelbachpiraten“ aktiv. In diesem versammelten sich 1933 etwa 450 Mitglieder, überwiegend Arbeiterjugendliche. Die Kittelbachpiraten überfielen vor 1933 mit HJ und SA linke Gruppen, verweigerten aber nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten die Eingliederung. Fortan griffen sie HJ-Mitglieder an.

Anders als die Meuten suchten die Individualisten wie die „Tangoscheichs“ oder die „Swingjugend“ nicht die direkte Konfrontation mit der HJ, sondern „nur“ die Abgrenzung:

„Bei Jazz und Swing ging es für viele Jugendliche auch außerhalb Deutschlands nicht allein um Musik. Swing vermittelte ein neues Lebensgefühl – modern, hedonistisch und ein wenig elitär.

“ (Seite 105)

„Swing bot einen kulturellen Gegenentwurf zur Staatsjugend und zu dem, was die Nationalsozialisten unter Musik als »deutscher Kultur« verstanden.“

(Seite 112)
Die Swing-Musik funktionierte als „Suche nach kultureller Identität“ und Amerika als Sehnsuchtsort“. Lange bezeichnet Swing als die „weltweit erste moderne Jugendkultur“ (Seite 106). Anders als die Edelweißpiraten und Meuten waren die Swing-Anhänger*innen bürgerlich und war stark anglophil orientiert.

Lange beschreibt dass die HJ mit ihrem Alleinvertretungsanspruch 1942/43 scheiterte. Dazu trugen auch die alliierten Bombardierungen bei, die in den bombardierten Großstädten die NS-Machtstrukturen schwächten. Auch war es durch das Gebot der Verdunkelung leichter sich nach Einbruch der Dunkelheit unentdeckt zu bewegen.
Gerade den Meuten und den Edelweißpiraten gelang es zeitweise durch Gewalt die HJ-Streifen aus ihren Vierteln zu verdrängen. Doch der NS-Staat schlug zurück:

„Zwischen 1933 und 1945 vernahm die Gestapo im Regierungsbezirk Düsseldorf insgesamt 1441 Personen, denen sie eine »bündische Betätigung« unterstellte, die meisten davon erst nach Kriegsbeginn.“

(Seite 198)

Spannend sind auch die Interviews im Buch mit Zeitzeug*innen, etwa mit Coco Schuhmann, ein jüdischstämmiges Swingkid, was sich unentdeckt in der Öffentlichkeit bewegen konnte: „Mein Versteck war die Öffentlichkeit.“
„Meuten, Swings & Edelweißpiraten“ ist ein sehr lesenswertes Buch, in dem gut verständlich die unterschiedlichen Formen von Ablehnung der staatlich organisierten Jugend dargestellt werden.
Dabei unterschlägt der Autor auch nicht die weniger ruhmreichen Episoden in der Geschichte des NS-Jugendwiderstandes. Zum Beispiel das es in Düsseldorf zeitweise zu Konflikten zwischen Swings und Edelweißpiraten kam oder das in der Nachkriegszeit junge polnische Displaced Persons und Nachkriegsedelweißpiraten aneinander gerieten.

Sascha Lange: Meuten, Swings & Edelweißpiraten. Jugendkultur und Opposition im Nationalsozialismus, Mainz 2015.

Neuzugang bei der „Jungen Alternative“ in Sachsen mit Nazi-Band-Tshirt

Stolz berichtet die Ausgabe Nr. 20 von „AfD-Sachsen Aktuell“ über die Neuaufnahme von drei Mitgliedern in die „Junge Alternative“ am 13. Mai. Das abgebildete Bild zeigt das eines der Neumitglieder ein Fanshirt der Nazi-Black-Metall-Band „Burzum“.
AfD trägt Burzum-Shirt

Kopp-Verlag vom Spiegel-Magazin inspiriert

Mekka Deutschland
Der antimuslimische Rassist Udo Ulfkotte hat mal wieder mit der Schreibfeder zugeschlagen. Im rechten KOPP-Verlag mit Sitz in Rottenburg erschien das Buch „Mekka Deutschland. Die stille Islamisierung“. Das Titelbild des Buches ähnelt dem Titelbild des Spiegel-Magazins Nr. 13/2007. Der Titel ist sogar exakt derselbe. An dem Beispiel zeigt sich die Resonanz von Leitmedien und politischer Rechten, wenn erstere selber kulturrassistische Klischees reproduzieren.