„Meuten, Swings & Edelweißpiraten. Jugendkultur und Opposition im Nationalsozialismus“ von Sascha Lange

Sascha Lange hat dieses Jahr mit seinem Buch „Meuten, Swings & Edelweißpiraten“ ein Buch über renitente „Jugendkultur und Opposition im Nationalsozialismus“, wie es im Untertitel heißt, veröffentlicht.
Einigendes Element aller im Buch beschriebenen Gruppen war die Verweigerung von NS-Normen. Sie wollten sich nicht kommandieren lassen und wählten einen Weg der jugendkulturellen Abgrenzung. So entstanden informell organisierte, oppositionelle Jugendgruppen ganz unterschiedlicher Art. Einige waren von der organisierten Arbeiter*innen-Jugend vor 1933 geprägt, andere waren eher bündisch orientiert. Die Abgrenzung fand auch über das Äußere bei Verweigerung der HJ-Uniform statt. Es gab sogar Gruppen, die sich in Kosaken-Tracht kleideten.
Die Gruppen trugen Namen wie „Fahrtenstenze“, „Churchill Club“ (Hamburg), „Navajos“ (Köln), „Ultra-Bande“, „Broadway Gangster“ oder „Brüder der Weltzunft“.
Am bekanntesten sind heute die „Edelweißpiraten“ aus dem Rheinland. In Leipzig nannten sich die oppositionellen Jugendgruppen „Meuten“. Ihnen werden in Leipzig mindestens 1.500 Jugendliche zugerechnet, es waren vor allem Arbeiterjugendliche.

Es kam immer wieder zu Auseinandersetzungen z.B. von Meuten und der Hitlerjugend, es ging darum „HJ-Führer und vor allem HJ-Streifendienst anfallen und [zu] vermöbeln“, wie ein Zeitzeuge berichtet. Damals wurden sogar Lieder umgedichtet:

„Ja, wo die Fahrtenmesser blitzen und die
Hitlerjunge flitzen
und die Edelweißpiraten hinterdrein,
was kann das Leben uns denn schon geben,
wir wollen frei von Hitler sein.“

(Seite 194)
Hinter den Angriffen auf die HJ standen eher selten tiefere politische Konzepte und Analysen, aber Freiheit war das entscheidende Motiv. Lange schreibt:

„Die Gewalt richtete sich stets nur gegen die die Staatsjugend und entsprang dem Willen, Freiräume zu verteidigen.“

(Seite 38)
Trotzdem gab es auch einen gewissen linken Einfluss in vielen Gruppen:

„Jedoch prägten linke Gruppen und Einzelpersonen das Wesen und äußere Erscheinungsbild der Meuten nachhaltig. Dies zeigt, dass die linke Arbeiterbewegung, obwohl faktisch seit der »Machtergreifung« zerschlagen, weiter nachwirkte. Verbindendes Element aller Leipziger Meuten war die konsequente Ablehnung der Staatsjugend und damit auch der NS-Jugendpolitik.“

(Seite 44)
Doch nicht alle Gruppen waren tendenziell links ausgerichtet. Beispielsweise war im Raum Düsseldorf der rechtsgerichtete „Wanderbund Kittelbachpiraten“ aktiv. In diesem versammelten sich 1933 etwa 450 Mitglieder, überwiegend Arbeiterjugendliche. Die Kittelbachpiraten überfielen vor 1933 mit HJ und SA linke Gruppen, verweigerten aber nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten die Eingliederung. Fortan griffen sie HJ-Mitglieder an.

Anders als die Meuten suchten die Individualisten wie die „Tangoscheichs“ oder die „Swingjugend“ nicht die direkte Konfrontation mit der HJ, sondern „nur“ die Abgrenzung:

„Bei Jazz und Swing ging es für viele Jugendliche auch außerhalb Deutschlands nicht allein um Musik. Swing vermittelte ein neues Lebensgefühl – modern, hedonistisch und ein wenig elitär.

“ (Seite 105)

„Swing bot einen kulturellen Gegenentwurf zur Staatsjugend und zu dem, was die Nationalsozialisten unter Musik als »deutscher Kultur« verstanden.“

(Seite 112)
Die Swing-Musik funktionierte als „Suche nach kultureller Identität“ und Amerika als Sehnsuchtsort“. Lange bezeichnet Swing als die „weltweit erste moderne Jugendkultur“ (Seite 106). Anders als die Edelweißpiraten und Meuten waren die Swing-Anhänger*innen bürgerlich und war stark anglophil orientiert.

Lange beschreibt dass die HJ mit ihrem Alleinvertretungsanspruch 1942/43 scheiterte. Dazu trugen auch die alliierten Bombardierungen bei, die in den bombardierten Großstädten die NS-Machtstrukturen schwächten. Auch war es durch das Gebot der Verdunkelung leichter sich nach Einbruch der Dunkelheit unentdeckt zu bewegen.
Gerade den Meuten und den Edelweißpiraten gelang es zeitweise durch Gewalt die HJ-Streifen aus ihren Vierteln zu verdrängen. Doch der NS-Staat schlug zurück:

„Zwischen 1933 und 1945 vernahm die Gestapo im Regierungsbezirk Düsseldorf insgesamt 1441 Personen, denen sie eine »bündische Betätigung« unterstellte, die meisten davon erst nach Kriegsbeginn.“

(Seite 198)

Spannend sind auch die Interviews im Buch mit Zeitzeug*innen, etwa mit Coco Schuhmann, ein jüdischstämmiges Swingkid, was sich unentdeckt in der Öffentlichkeit bewegen konnte: „Mein Versteck war die Öffentlichkeit.“
„Meuten, Swings & Edelweißpiraten“ ist ein sehr lesenswertes Buch, in dem gut verständlich die unterschiedlichen Formen von Ablehnung der staatlich organisierten Jugend dargestellt werden.
Dabei unterschlägt der Autor auch nicht die weniger ruhmreichen Episoden in der Geschichte des NS-Jugendwiderstandes. Zum Beispiel das es in Düsseldorf zeitweise zu Konflikten zwischen Swings und Edelweißpiraten kam oder das in der Nachkriegszeit junge polnische Displaced Persons und Nachkriegsedelweißpiraten aneinander gerieten.

Sascha Lange: Meuten, Swings & Edelweißpiraten. Jugendkultur und Opposition im Nationalsozialismus, Mainz 2015.