Archiv für August 2015

Buchkritik „Stone Butch Blues“ von Leslie Feinberg

Im Jahr 1993 verfasste Leslie Feinberg (1949-2014) einen Roman, offenbar mit gewissen autobiografischen Zügen, der den Titel „Stone Butch Blues“ und den poetischen Untertitel „Träume in den erwachenden Morgen“ trägt.
Feinberg war führendes Mitglied der amerikanischen „Workers World Party“ und Hauptredakteurin der Zeitschrift „Workers World“ und bezeichnete sich als „anti-racist white, working-class, secular Jewish, transgender, lesbian, female, revolutionary communist“.

Die Hauptperson wächst in den 1950er und 1960ern als Jess Goldberg in Buffalo in den USA auf, bemerkt aber bald das sie anders ist als andere Mädchen. So wird sie zur Einzelgängerin:

„Ich ertrank in meiner Einsamkeit.“

(Seite 35)
Ihr irgendwie-anderssein sorgt schon früh für Konflikte mit ihrer Umwelt:

„Die Welt sprang hart mit mir um, und so wurde ich zur Einzelgängerin – oder wurde dazu gemacht.“

(Seite 22)
Erschwerend kam hinzu, dass ihre Familie die einzige jüdische Familie vor Ort war, so dass sie auch antisemitisch angefeindet wurde.
Ihre Familie versucht sie zu heteronormieren, wobei der Vater auch zuschlägt. Zeitweise wird sie in eine Korrektions-Anstalt mit Benimmkurs gesteckt.
Dem entflieht Jess, indem sie von zu Hause ausreißt und zur Baby-Butch wird. Butches sind Frauen*, die sich in Kleidung und Verhalten an das anlehnen, was als ‚typisch maskulin‘ gilt. Ihre neuen Freund*innen sind Huren, Butches und Femmes, die weiblichen Geliebten der Butches. Doch das Leben für nicht-heterosexuelle Minderheiten ist in den USA der 1960er Jahre hart.

Überall schlägt einem*einer Ablehnung entgegen und mensch wird mit Gewalt konfrontiert. Sowohl ‚normale‘ Jugendliche als auch „Bullen“, wie sie Feinberg im Roman durchgehend nennt, verüben Übergriffe. Zum Teil handelt es sich dabei auch um sexualisierte Gewalt oder sie drücken einfach ‚nur‘ Zigaretten auf den Körper der Gefangenen aus.
Die Butches dieser Zeit müssen einen harten Panzer tragen, um zu überleben. Daher kommt auch die titelgebende Bezeichnung „Stone Butch“. Nach außen demonstriert Jess Härte, aber im Inneren ist sie verletzt:

„Im Inneren war ich immer noch ich selbst, gefangen mit all meinen Verletzungen und Ängsten.“

(Seite 263)
Die LSBTTIQ-Emanzipationsbewegung verändert nicht gleich alles zum Besseren:

„Nach Stonewall und der Geburt der Gay Pride-Bewegung wurde die Schikane noch erheblich schlimmer. Die Bullen schrieben unsere Nummernschilder auf und fotografierten uns beim Betreten der Bars.“

(Seite 204)
Auch nach ihrem Umzug nach New York wird sie dort attackiert:

„Weiße Jungs, mit Drogen vollgepumpt. Ihr erstes Opfer war ein alter Mann, der schlafend auf einer Bank lag. Sie jagten ihn hoch, traten brutal auf ihn ein und schubsten ihn von einem zum anderen.“

(Seite 394)

Interessanterweise kommt die Hauptperson, wie auch die*der Verfasser*in der Geschichte nicht aus einer typischen Mittelschichtsfamilie, sondern aus der Arbeiter*innen-Schicht:

„Alle unsere Väter arbeiteten in derselben Fabrik; alle unsere Mütter blieben zu Hause.“

(Seite 20)
Jess muss immer hart für ihr Auskommen arbeiten und sie besucht keine höhere Bildungseinrichtung. Immer wieder werden in dem Roman auch Arbeitskämpfe geschildert:

„Im Schutz der Gewerkschaft, da waren sich die Butches einig, konnten wir in einer Nische überleben und uns allmählich wertvolle Jahre der Betriebszugehörigkeit erarbeiten.“

(Seite 114)
Mit dem Gewerkschafter Duffy kämpft Jess gegen Ausbeutung.
Interessanterweise hat Jess als proletarische Butch kaum Kontakt mit der mittelschichtigen „Gay Pride Bewegung“. Ihr Geliebte, Theresa, bringt sie dann doch in Berührung mit der 1968er Studierendenbewegung. Theresa arbeitet als Sekretärin an der Universität und beginnt sich für die Frauenbewegung und den Feminismus zu interessieren. Doch zwischen den proletarischen Butches und den akademischen Feministinnen liegen Welten. So werden von letzteren Butches auf Grund ihres Verhältnisses zu ihren Femmes schon auch mal als „Chauvinistenschweine“ diffamiert.

Auch in New York stößt Jess, die zeitweise männliche Hormone nimmt, auf Transphobie, weil sie von Frauen* ohne Nachfrage als Mann* kategorisiert und deswegen ausgeschlossen wird.
Ihre Uneindeutigkeit bzw. ihre nicht klar mögliche Verortung im Geschlechterdualismus ist es, was Anfeindungen hervorruft. Es stellt den eigenen Heteronormativismus in Frage:

„Früher waren die Leute wütend auf mich gewesen, weil ich als Frau eine verbotene Grenze überschritten hatte. Jetzt wußten sie nicht mehr, welches Geschlecht ich hatte, und das empfanden sie als unbegreiflich und zutiefst beängstigend. Frau oder Mann – das Fundament zerbröckelte unter ihren Füßen, wenn ich vorbeiging.“

(Seite 343-44)

„Stone Butch Blues“ ist eine Geschichte von Flucht und Hilflosigkeit, von Widerstand und Emanzipation, aber genauso ist es eine Liebesgeschichte und eine Geschichte von Armut und Prekarität. Großer Lesetipp!

Leslie Feinberg: Stone Butch Blues. Träume in den erwachenden Morgen, Berlin 1996.

„Der Aufstieg der AfD – Neokonservative Mobilmachung in Deutschland“ von Sebastian Friedrich

Neokonservative Mobilmachung
Sebastian Friedrich hat mit „Der Aufstieg der AfD – Neokonservative Mobilmachung in Deutschland“ ein zwar kleines Büchlein zur AfD vorgelegt, was aber nichtsdestotrotz eine kluge Analyse dieser Partei beinhaltet. Allerdings ist es inzwischen schon wieder etwas veraltet, da der partei-interne Machtkampf zwischen Lucke und Petry entschieden ist. Den bis zum Parteitag im Juli 2015 dominierenden Lucke-Flügel bezeichnet Friedrich als ‚national-neoliberal‘. Diese Strömung hätte sich schon vor Gründung der AfD herausgebildet und hätte anfangs noch versucht auf die etablierten Parteien einzuwirken:

„All diese Vorstöße durch National-Neoliberale adressierten aber bis zum Sommer 2012 immer noch die Regierungsparteien CDU/CSU und FDP.“

(Seite 24-25)
Friedrich konstatiert im Laufe der kurzen Parteigeschichte deutliche inhaltliche Verschiebungen innerhalb der AfD. Anfangs gab es noch ein Ringen zwischen gesellschaftspolitisch Liberalen und National-Neoliberalen innerhalb der Partei. Lucke gehörte zu den National-Neoliberalen, die aus diesem Machtkampf als Sieger hervorgingen. Lucke war immer auch bereit den Nationalismus und andere Chauvinismen zu bedienen. So beschreibt Friedrich das Lucke die Idee hatte Sarrazin einen AfD-Buchpreis zu verleihen, um unter dessen Fans nach Stimmen zu fischen. Dieser Versuch wurde damals noch von den gesellschaftspolitischen Liberalen in der Partei verhindert. Doch die anfangs an der Parteineugründung beteiligten gesellschaftspolitischen Liberalen verließen die Partei:

„Vergleicht man die AfD zur Zeit ihrer Gründung mit der AfD Ende 2014, so zeigt sich sowohl auf programmatischer als auch auf personeller Ebene, dass sie sich deutlich nach rechts bewegt hat. Aus der einst national-neoliberal-rechtskonservativen Partei mit einem liberalen Flügel wurde ein rechtes Sammlungsprojekt, in das auch ein immer mächtiger werdender Rechtsaußen-Flügel eingebunden ist. Liberale haben die Partei mittlerweile fast vollständig verlassen.“

(Seite 64)
Das wirkte sich auch auf das Programm aus, so fehlt inzwischen die Forderung nach einem Arbeitsrecht für Asylsuchende.
Stattdessen gab es mehr Zulauf von rechts. Die AfD erhielt, besonders in Ostdeutschland, Personal aus kleinen (extrem) rechten Parteien und aus der (intellektuellen) Neuen Rechten, die inzwischen einen eigen Flügel innerhalb der AfD bildet. Inzwischen haben die ‚Nationalkonservativen‘ (Eigenbezeichnung) zusammen mit den ‚Neuen Rechten‘ um Höcke Lucke aus der Partei gedrängt.

Doch was hat die AfD eigentlich groß gemacht? Es war auch die Erosion der Mittelschicht in Deutschland bzw. deren verstärkte Abstiegsängste. Hinzu kam die als ‚Postdemokratie‘ bezeichnete ständig behauptete Alternativlosigkeit:

„Und die AfD verstand es von Anfang an, das postdemokratische Unbehagen der Mittelschicht aufzunehmen. Anstatt in einer eher linken, basisdemokratischen Perspektive eignet sich die Situation eben dazu, in rechtspopulistischer Manier einen Dualismus zwischen »dem Volk« und »den Politikern« aufzubauen. Ein Dualismus, der die ökonomischen Voraussetzungen der gesellschaftlichen Machtverschiebungen freilich nicht zur Sprache bringt.“

(Seite 85)
Friedrich weist darauf hin, dass sich im Kapitalismus auf der Seite des Kapitals trotz der Konkurrenz-Situation Interessengemeinschaften herausgebildet haben:

„Grundsätzlich stehen Unternehmer in Konkurrenz zueinander, doch jahrzehntelang bildeten weite Teile des Kapitals eine politische Einheit und artikulierten ihre Interessen gemeinsam. Mittlerweile differenzieren sich die Kapitalfraktionen zunehmend aus, und es treten divergierende Interessen zutage.“

(Seite 89)
Eine Minderheitenfraktion des deutschen Kapitals, die mit Merkels Euro-Politik unzufrieden war, unterstützte die AfD und besonders den Lucke-Flügel als neue Vertreterin ihrer Interessen. Diese Kapital-Fraktion war nämlich weniger auf den Export orientiert, sondern mehr auf die Binnenwirtschaft. Eine Wiedereinführung der DM stellte für die Strömung weniger ein Problem dar, ein vor der ausländischen Konkurrenz durch eine eigene Währung besser geschützter Inlandsmarkt und wäre daher für viele aus dieser Gruppe sogar von Vorteil.
Diese Fraktion des deutschen Kapitals und Besserverdienende stellen nach Friedrichs Einschätzung die soziale Basis der AfD dar:

„Zur sozialen Basis des AfD-Erfolgs lässt sich festhalten: Zum einen gründet der Aufstieg der Partei auf der Klassenfraktion derjenigen mittelständischen Unternehmen, die sich zunehmend aus dem Interessensverbund mit dem transnationalen Kapital lösen; zum anderen auf den Teil der Mittelschicht und besserverdienenden Arbeiterklasse, der Abstiegsangst und postdemokratisches Unbehagen in reaktionärer Weise verarbeitet.“

(Seite 94)

Friedrich erinnert die Formierung der AfD an die die Neuformierung der US-Republikaner in den 1970er und die Herausbildung des Neokonservatismus. Allerdings verfolgten die ‚Neocons‘ in den USA außenpolitisch eine interventionistische Agenda. Der Untertitel seines Buches könnte daher für Verwirrung sorgen, da auch im deutschsprachigen Raum der Begriff ‚neokonservativ‘ bereits anders besetzt ist.

Insgesamt ein Büchlein mit kluger Analyse, dessen Lektüre lohnt, auch wenn die jüngsten Entwicklungen innerhalb der AfD darin noch nicht abgebildet sind.

Friedrich Sebastian: Der Aufstieg der AfD – Neokonservative Mobilmachung in Deutschland, Berlin 2015.

Buchkritik „Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude“ von Arye Sharuz Shalicars

Ein nasser Hund
Der Israeli Arye Sharuz Shalicars, Jahrgang 1977, hat mit „Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude“ (2012) seine Autobiografie veröffentlicht. Es ist die Biografie eines Jungen aus Berlin, der aus einer persisch-jüdischstämmigen Familie stammt.
Shalicars wusste lange selber nichts von seiner jüdischen Herkunft, anfangs war er nur ein Berliner Junge aus einer persischsprachiger Familie, die manchmal Verwandte in Israel besuchte. Seine Eltern sind modern-unreligiös und assimiliert und erzählten ihm erst spät vom Judentum. Seine Familie zog von Spandau in den Wedding und hier wird anfangs er von den anderen „Schwarzköpfen“ als einer von Ihnen akzeptiert. Dann bekommt er von seiner Großmutter einen Davidstern-Anhänger geschenkt und seine Umgebung erfährt dadurch von seiner jüdischen Herkunft. Er machte erste Erfahrungen mit Antisemitismus als er wegen des Anängers angefeindet wurde:

„Die drei Männer hatten mich nie zuvor gesehen, soweit ich wusste. Ging es wirklich nur um den Stern, den ich von meiner Großmutter zur Bar-Mitzwa geschenkt bekommen hatte?“

(Seite 38-39)
Nun ist er nicht mehr einer von Ihnen:

„Vorher hatte ich zur Mehrheit gehört, jetzt war ich zur Minderheit der »Christen« bzw. Nicht-Muslime verstoßen. Die meisten wurden nicht ausfallend, aber ich spürte, wie sich alles veränderte. Ich wurde komisch angeguckt. […] Ich wurde nicht mehr zum gemeinsamen Ausgehen eingeladen.“

(Seite 61)
Der Hass explodiert, für viele nur noch ein „Scheißjude“:

„Wie oft mir nachgerufen wurde »Jahudi!« und irgendwas auf Türkisch oder Arabisch, das ich nicht verstand, oder einfach nur »Vergasen sollte man euch!« Besonders humorvolle Weddinger zischten nur, um einströmendes Gas nachzuahmen, wenn ich vorbeilief. Jeden Abend vor dem Einschlafen weinte ich und malte mir aus, von wem, wo und wie ich am nächsten Tag wieder was zu hören bekommen würde.“

(Seite 75)
Es bleibt nicht nur bei Beleidigungen und Bedrohungen, er wird auch körperlich attackiert. Trotzdem
Die Träger des Antisemitismus gegen den Autoren sind zwar häufig türkisch- oder arabischstämmig, aber keine sonderlich gläubigen Muslime. Mit einem frommen Muslim hingegen ist er befreundet. Es sind eher Angehörige von Gangs wie die „PLO-Boys“, die ihm das Leben schwer machen. Diese schmieren schon einmal an die Wände Sprüche wie „Dont worry, be Arab and kill Israelis“.
Er selbst tritt, wohl auch aus Gründen des Selbstschutz, den „Kolonie Boys“ bei. Außerdem wird er ein bekannter Sprayer in Berlin und erkämpft sich darüber Anerkennung.

Shalicars ist gleichzeitig Opfer von Alltagsantisemitismus wie von Alltagsrassismus, der auch durchaus in der jüdischen Gemeinde anzutreffen ist. So wird er als iranischer Jude nicht im jüdischen Kindergarten aufgenommen und erlebt in der jüdischer Bibliothek einen Fall von racial profiling:

„Zweifelte man an meiner jüdischen Identität und sah plötzlich nur noch den dunklen Typen vor sich, der um Einlass bat, jedoch so »unjüdisch« aussah.“

(Seite 175-76)
Ausgegrenzt und auf der Suche nach einer Identität entscheidet er sich für die Auswanderung nach Israel, was er als „mein Land“ betrachtet.

„Aber sie verstand, dass ich es in Berlin nicht mehr aushielt. Unter Deutschen, die mich für einen Türken oder Araber hielten, und Muslimen, für die ich nur ein »Jude« war. Ich sah dort keine Zukunft für mich.“

(Seite 199)
Nicht nur der ‚Antisemitismus mit Migrationshintergrund‘, auch der Alltagsrassismus gegen ihn als „Schwarzkopf“ führte 2001 zur Entscheidung nach Israel auszuwandern.

„Sie stimmten mir darin zu, dass ich keine Zukunft in Berlin hatte. Für die Deutschen würde ich immer der Ausländer, der »Schwarzkopf« aus dem Wedding, bleiben. Und mit dem größten Teil der anderen »Ausländer« Berlins würde ich wegen meines Judentums auch nicht auskommen können.“

(Seite 209-210)
Nach seiner erfologreichen Allijah ist Shalicars heute Pressesprecher der israelischen Armee.

Insgesamt eine spannende Autobiografie, die zeigt dass es auch im multikulturellen Berlin Minderheiten gibt, die von anderen Minderheiten diskriminiert werden. Durch die Lebensgeschichte von Shalicars wird klar, dass Antisemitismus in deutsch-türkischen und -arabischen communitys ein ernstes Problem darstellt, dem sich die Zivilgesellschaft stellen muss.

Arye Sharuz Shalicars: „Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude“, Berlin 2012.

Buchkritik „Die Enteigneten“ von Ursula K. Le Guin

Das Buch „Die Enteigneten. Eine ambivalente Utopie“ von Ursula K. Le Guin ist auch bekannt unter dem Titel „Planet der Habenichtse“. Es geht in diesem SciFi-Klassiker um den Gegensatz von zwei Planeten, deren Gesellschaften nach unterschiedlichen Prinzipien organisiert sind: Anarres und Urras.
Denis Scheck schreibt in einem Vorwort zur deutschsprachigen Neuausgabe: „Im Grunde müßte man Die Enteigneten mit einer Banderole ausliefern, einem Warnhinweis, wie er derzeit auf Zigarettenschachteln Vorschrift ist:

»Dieser Roman wird Ihnen sehr viel nehmen von dem, woran Sie fest glauben, und er wird Sie mit nichts als einen Haufen offener Fragen zurücklassen«, könnte darauf stehen.“

(Seite 7)
Und eine Seite weiter:

„Ein Großteil des beträchtlichen Vergnügens, den Ursula K. Le Guins Roman bereitet, erwächst aus dieser respektlosen Radikalität, mit der sie ihren mann vom Mond eine gesamte Gesellschaft durchmustern und uns Leser ebenfalls diesen Blick vom Mond einnehmen lässt“

(Seite 8 ).

Während Urras als Planet bereits vor 8.000 Jahren von Terranern besiedelt wurde, wurde der Mond Anarres erst vor über 150 Jahren richtig besiedelt. In Folge einer anarchistischen Rebellion auf Urras unter der Anführerin Odo siedelten eine Million Menschen auf den Mond Anarres über, um dort gemäß ihrer Ideale eine herrschaftsfreie Gesellschaft aufzubauen. So leben auf dem kapitalistischen Planet Urras eine Milliarde Urrasti im Kapitalismus und Patriarchat, dagegen leben auf Anarres nur 20 Millionen Anarresti im Anarchismus. Eine Art großes „Experiment in nichtautoritärem Kommunismus“.
Die ursprüngliche Erde, „Terra“, wird auch erwähnt. Sie ist zerstört. Wo einstmals neun Milliarden Menschen lebten, lebt nur noch eine halbe Milliarde.
Obwohl der Mond karg und rauh ist, also schwierige Bedingungen vorherrschen, bauten die Anarchist*innen, die auch Odonier oder Libertarier genannt werden, hier über acht Generationen ihre Gesellschaft nach den Ideen von Odo auf. Selbst eine eigene Sprache kreirten sie: Pravic. Organisiert sind sie geografisch in Kommunen bzw. Blöcken (Stadtviertel), die durch Kommune- bzw. Blockkomitees verwaltet werden, und thematisch in Ausschüssen (z.B. der Hygiene-Ausschuss) Syndikaten (z.B. das Bergarbeiter-Syndikat) und Föderationen (z.B. das Druck-Syndikat). Los-Verfahren sollen das Entstehen von festen Bürokratien verhindern.
Auf Anarres herrscht nur das Gesetz des „sozialen Gewissen“. Es gibt Kommune-Dienste, ähnlich wie WG-Aufgaben, die jede*r erfüllen soll. Wer etwas braucht die/der geht ins Lager und nimmt es sich einfach, wer Sex haben will fragt einfach und wer woanders arbeiten will, die/der beantragt einfach eine Versetzung.
170 Jahre nach der Trennung der beiden Gesellschaften geht der Anarchist und Physik-Theoretiker Shevek nach Urras, weil er glaubt nur hier seine Forschungen fortsetzen zu können. Er ist seit 170 Jahren der „erste Mann vom Mond“ auf Urras, ein „Fremdweltler“. Ansonsten gibt es zwischen den beiden Planeten nur einen streng reglementierten Handelsgüter-Austausch.
Auf Urras gibt es unterschiedliche Staaten, zum Beispiel der kapitalistisch-patriarchale Staat A-Io oder das realsozialistische Thu, die miteinander im kalten Krieg liegen. Lockere globale Organisation ist der „Rat der Weltregierungen“.
Schnell stößt Shevek auf die Widersprüche in seinem Gastgeber-Land A-Io und ahnt auch, dass A-Io seine Forschungen für seine ganz eigenen Zwecke verwenden will. Als freier Mensch von Anarres kann Shevek viele Dinge anfangs gar nicht glauben, die Verwendung von Geld, der Einsatz von Bediensteten oder die Diskriminierung von Frauen. Diese Dinge sind ihm sehr fremd und unverständlich.
Wer sich auf Anarres an Gegenstände bindet gilt als „Besitztümler“ und es wird ihr/ihm zum Vorwurf gemacht („Hören sie auf zu egoisieren“). Es gibt hier auch keinen exakten Strafen-Katalog. Wer stört, der wird zum weggehen angehalten. Es gibt auch eine Gruppe von Menschen, die nicht ständig arbeiten will und von Kommune zu Kommune zieht, was das Gesellschaftssystem auf Anarres aushält.
Spannend ist dass das Prinzip der „sozialen Kooperation“ bzw. der „ethische Imperativ der Brüderlichkeit“ im Buch ganz offenkundig auf den Ideen von Kropotkin basiert, vermutlich angereicht durch die Kibbuz-Bewegung in Israel. Damit hat Le Guin eine anarchistische Utopie in Roman-Format gegossen. Durch dieses Format wird eine Utopie mit allen ihren Problemen aus dem Abstrakten herausgerissen und greifbarer. Obwohl es sich um einen SciFi-Roman handelt, legt Le Guins Schilderung eines ‚realen Anarchismus‘ den Leser*innen nahe dass es funktionieren könnte und wie eine anarchistische Gesellschaft in etwa aussehen könnte.
Großer Lesetipp!

Ursula K. Le Guin: Die Enteigneten. Eine ambivalente Utopie, Roßdorf 2006.