Buchkritik „Die Enteigneten“ von Ursula K. Le Guin

Das Buch „Die Enteigneten. Eine ambivalente Utopie“ von Ursula K. Le Guin ist auch bekannt unter dem Titel „Planet der Habenichtse“. Es geht in diesem SciFi-Klassiker um den Gegensatz von zwei Planeten, deren Gesellschaften nach unterschiedlichen Prinzipien organisiert sind: Anarres und Urras.
Denis Scheck schreibt in einem Vorwort zur deutschsprachigen Neuausgabe: „Im Grunde müßte man Die Enteigneten mit einer Banderole ausliefern, einem Warnhinweis, wie er derzeit auf Zigarettenschachteln Vorschrift ist:

»Dieser Roman wird Ihnen sehr viel nehmen von dem, woran Sie fest glauben, und er wird Sie mit nichts als einen Haufen offener Fragen zurücklassen«, könnte darauf stehen.“

(Seite 7)
Und eine Seite weiter:

„Ein Großteil des beträchtlichen Vergnügens, den Ursula K. Le Guins Roman bereitet, erwächst aus dieser respektlosen Radikalität, mit der sie ihren mann vom Mond eine gesamte Gesellschaft durchmustern und uns Leser ebenfalls diesen Blick vom Mond einnehmen lässt“

(Seite 8 ).

Während Urras als Planet bereits vor 8.000 Jahren von Terranern besiedelt wurde, wurde der Mond Anarres erst vor über 150 Jahren richtig besiedelt. In Folge einer anarchistischen Rebellion auf Urras unter der Anführerin Odo siedelten eine Million Menschen auf den Mond Anarres über, um dort gemäß ihrer Ideale eine herrschaftsfreie Gesellschaft aufzubauen. So leben auf dem kapitalistischen Planet Urras eine Milliarde Urrasti im Kapitalismus und Patriarchat, dagegen leben auf Anarres nur 20 Millionen Anarresti im Anarchismus. Eine Art großes „Experiment in nichtautoritärem Kommunismus“.
Die ursprüngliche Erde, „Terra“, wird auch erwähnt. Sie ist zerstört. Wo einstmals neun Milliarden Menschen lebten, lebt nur noch eine halbe Milliarde.
Obwohl der Mond karg und rauh ist, also schwierige Bedingungen vorherrschen, bauten die Anarchist*innen, die auch Odonier oder Libertarier genannt werden, hier über acht Generationen ihre Gesellschaft nach den Ideen von Odo auf. Selbst eine eigene Sprache kreirten sie: Pravic. Organisiert sind sie geografisch in Kommunen bzw. Blöcken (Stadtviertel), die durch Kommune- bzw. Blockkomitees verwaltet werden, und thematisch in Ausschüssen (z.B. der Hygiene-Ausschuss) Syndikaten (z.B. das Bergarbeiter-Syndikat) und Föderationen (z.B. das Druck-Syndikat). Los-Verfahren sollen das Entstehen von festen Bürokratien verhindern.
Auf Anarres herrscht nur das Gesetz des „sozialen Gewissen“. Es gibt Kommune-Dienste, ähnlich wie WG-Aufgaben, die jede*r erfüllen soll. Wer etwas braucht die/der geht ins Lager und nimmt es sich einfach, wer Sex haben will fragt einfach und wer woanders arbeiten will, die/der beantragt einfach eine Versetzung.
170 Jahre nach der Trennung der beiden Gesellschaften geht der Anarchist und Physik-Theoretiker Shevek nach Urras, weil er glaubt nur hier seine Forschungen fortsetzen zu können. Er ist seit 170 Jahren der „erste Mann vom Mond“ auf Urras, ein „Fremdweltler“. Ansonsten gibt es zwischen den beiden Planeten nur einen streng reglementierten Handelsgüter-Austausch.
Auf Urras gibt es unterschiedliche Staaten, zum Beispiel der kapitalistisch-patriarchale Staat A-Io oder das realsozialistische Thu, die miteinander im kalten Krieg liegen. Lockere globale Organisation ist der „Rat der Weltregierungen“.
Schnell stößt Shevek auf die Widersprüche in seinem Gastgeber-Land A-Io und ahnt auch, dass A-Io seine Forschungen für seine ganz eigenen Zwecke verwenden will. Als freier Mensch von Anarres kann Shevek viele Dinge anfangs gar nicht glauben, die Verwendung von Geld, der Einsatz von Bediensteten oder die Diskriminierung von Frauen. Diese Dinge sind ihm sehr fremd und unverständlich.
Wer sich auf Anarres an Gegenstände bindet gilt als „Besitztümler“ und es wird ihr/ihm zum Vorwurf gemacht („Hören sie auf zu egoisieren“). Es gibt hier auch keinen exakten Strafen-Katalog. Wer stört, der wird zum weggehen angehalten. Es gibt auch eine Gruppe von Menschen, die nicht ständig arbeiten will und von Kommune zu Kommune zieht, was das Gesellschaftssystem auf Anarres aushält.
Spannend ist dass das Prinzip der „sozialen Kooperation“ bzw. der „ethische Imperativ der Brüderlichkeit“ im Buch ganz offenkundig auf den Ideen von Kropotkin basiert, vermutlich angereicht durch die Kibbuz-Bewegung in Israel. Damit hat Le Guin eine anarchistische Utopie in Roman-Format gegossen. Durch dieses Format wird eine Utopie mit allen ihren Problemen aus dem Abstrakten herausgerissen und greifbarer. Obwohl es sich um einen SciFi-Roman handelt, legt Le Guins Schilderung eines ‚realen Anarchismus‘ den Leser*innen nahe dass es funktionieren könnte und wie eine anarchistische Gesellschaft in etwa aussehen könnte.
Großer Lesetipp!

Ursula K. Le Guin: Die Enteigneten. Eine ambivalente Utopie, Roßdorf 2006.