Buchkritik „Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude“ von Arye Sharuz Shalicars

Ein nasser Hund
Der Israeli Arye Sharuz Shalicars, Jahrgang 1977, hat mit „Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude“ (2012) seine Autobiografie veröffentlicht. Es ist die Biografie eines Jungen aus Berlin, der aus einer persisch-jüdischstämmigen Familie stammt.
Shalicars wusste lange selber nichts von seiner jüdischen Herkunft, anfangs war er nur ein Berliner Junge aus einer persischsprachiger Familie, die manchmal Verwandte in Israel besuchte. Seine Eltern sind modern-unreligiös und assimiliert und erzählten ihm erst spät vom Judentum. Seine Familie zog von Spandau in den Wedding und hier wird anfangs er von den anderen „Schwarzköpfen“ als einer von Ihnen akzeptiert. Dann bekommt er von seiner Großmutter einen Davidstern-Anhänger geschenkt und seine Umgebung erfährt dadurch von seiner jüdischen Herkunft. Er machte erste Erfahrungen mit Antisemitismus als er wegen des Anängers angefeindet wurde:

„Die drei Männer hatten mich nie zuvor gesehen, soweit ich wusste. Ging es wirklich nur um den Stern, den ich von meiner Großmutter zur Bar-Mitzwa geschenkt bekommen hatte?“

(Seite 38-39)
Nun ist er nicht mehr einer von Ihnen:

„Vorher hatte ich zur Mehrheit gehört, jetzt war ich zur Minderheit der »Christen« bzw. Nicht-Muslime verstoßen. Die meisten wurden nicht ausfallend, aber ich spürte, wie sich alles veränderte. Ich wurde komisch angeguckt. […] Ich wurde nicht mehr zum gemeinsamen Ausgehen eingeladen.“

(Seite 61)
Der Hass explodiert, für viele nur noch ein „Scheißjude“:

„Wie oft mir nachgerufen wurde »Jahudi!« und irgendwas auf Türkisch oder Arabisch, das ich nicht verstand, oder einfach nur »Vergasen sollte man euch!« Besonders humorvolle Weddinger zischten nur, um einströmendes Gas nachzuahmen, wenn ich vorbeilief. Jeden Abend vor dem Einschlafen weinte ich und malte mir aus, von wem, wo und wie ich am nächsten Tag wieder was zu hören bekommen würde.“

(Seite 75)
Es bleibt nicht nur bei Beleidigungen und Bedrohungen, er wird auch körperlich attackiert. Trotzdem
Die Träger des Antisemitismus gegen den Autoren sind zwar häufig türkisch- oder arabischstämmig, aber keine sonderlich gläubigen Muslime. Mit einem frommen Muslim hingegen ist er befreundet. Es sind eher Angehörige von Gangs wie die „PLO-Boys“, die ihm das Leben schwer machen. Diese schmieren schon einmal an die Wände Sprüche wie „Dont worry, be Arab and kill Israelis“.
Er selbst tritt, wohl auch aus Gründen des Selbstschutz, den „Kolonie Boys“ bei. Außerdem wird er ein bekannter Sprayer in Berlin und erkämpft sich darüber Anerkennung.

Shalicars ist gleichzeitig Opfer von Alltagsantisemitismus wie von Alltagsrassismus, der auch durchaus in der jüdischen Gemeinde anzutreffen ist. So wird er als iranischer Jude nicht im jüdischen Kindergarten aufgenommen und erlebt in der jüdischer Bibliothek einen Fall von racial profiling:

„Zweifelte man an meiner jüdischen Identität und sah plötzlich nur noch den dunklen Typen vor sich, der um Einlass bat, jedoch so »unjüdisch« aussah.“

(Seite 175-76)
Ausgegrenzt und auf der Suche nach einer Identität entscheidet er sich für die Auswanderung nach Israel, was er als „mein Land“ betrachtet.

„Aber sie verstand, dass ich es in Berlin nicht mehr aushielt. Unter Deutschen, die mich für einen Türken oder Araber hielten, und Muslimen, für die ich nur ein »Jude« war. Ich sah dort keine Zukunft für mich.“

(Seite 199)
Nicht nur der ‚Antisemitismus mit Migrationshintergrund‘, auch der Alltagsrassismus gegen ihn als „Schwarzkopf“ führte 2001 zur Entscheidung nach Israel auszuwandern.

„Sie stimmten mir darin zu, dass ich keine Zukunft in Berlin hatte. Für die Deutschen würde ich immer der Ausländer, der »Schwarzkopf« aus dem Wedding, bleiben. Und mit dem größten Teil der anderen »Ausländer« Berlins würde ich wegen meines Judentums auch nicht auskommen können.“

(Seite 209-210)
Nach seiner erfologreichen Allijah ist Shalicars heute Pressesprecher der israelischen Armee.

Insgesamt eine spannende Autobiografie, die zeigt dass es auch im multikulturellen Berlin Minderheiten gibt, die von anderen Minderheiten diskriminiert werden. Durch die Lebensgeschichte von Shalicars wird klar, dass Antisemitismus in deutsch-türkischen und -arabischen communitys ein ernstes Problem darstellt, dem sich die Zivilgesellschaft stellen muss.

Arye Sharuz Shalicars: „Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude“, Berlin 2012.