Buchkritik „Stone Butch Blues“ von Leslie Feinberg

Im Jahr 1993 verfasste Leslie Feinberg (1949-2014) einen Roman, offenbar mit gewissen autobiografischen Zügen, der den Titel „Stone Butch Blues“ und den poetischen Untertitel „Träume in den erwachenden Morgen“ trägt.
Feinberg war führendes Mitglied der amerikanischen „Workers World Party“ und Hauptredakteurin der Zeitschrift „Workers World“ und bezeichnete sich als „anti-racist white, working-class, secular Jewish, transgender, lesbian, female, revolutionary communist“.

Die Hauptperson wächst in den 1950er und 1960ern als Jess Goldberg in Buffalo in den USA auf, bemerkt aber bald das sie anders ist als andere Mädchen. So wird sie zur Einzelgängerin:

„Ich ertrank in meiner Einsamkeit.“

(Seite 35)
Ihr irgendwie-anderssein sorgt schon früh für Konflikte mit ihrer Umwelt:

„Die Welt sprang hart mit mir um, und so wurde ich zur Einzelgängerin – oder wurde dazu gemacht.“

(Seite 22)
Erschwerend kam hinzu, dass ihre Familie die einzige jüdische Familie vor Ort war, so dass sie auch antisemitisch angefeindet wurde.
Ihre Familie versucht sie zu heteronormieren, wobei der Vater auch zuschlägt. Zeitweise wird sie in eine Korrektions-Anstalt mit Benimmkurs gesteckt.
Dem entflieht Jess, indem sie von zu Hause ausreißt und zur Baby-Butch wird. Butches sind Frauen*, die sich in Kleidung und Verhalten an das anlehnen, was als ‚typisch maskulin‘ gilt. Ihre neuen Freund*innen sind Huren, Butches und Femmes, die weiblichen Geliebten der Butches. Doch das Leben für nicht-heterosexuelle Minderheiten ist in den USA der 1960er Jahre hart.

Überall schlägt einem*einer Ablehnung entgegen und mensch wird mit Gewalt konfrontiert. Sowohl ‚normale‘ Jugendliche als auch „Bullen“, wie sie Feinberg im Roman durchgehend nennt, verüben Übergriffe. Zum Teil handelt es sich dabei auch um sexualisierte Gewalt oder sie drücken einfach ‚nur‘ Zigaretten auf den Körper der Gefangenen aus.
Die Butches dieser Zeit müssen einen harten Panzer tragen, um zu überleben. Daher kommt auch die titelgebende Bezeichnung „Stone Butch“. Nach außen demonstriert Jess Härte, aber im Inneren ist sie verletzt:

„Im Inneren war ich immer noch ich selbst, gefangen mit all meinen Verletzungen und Ängsten.“

(Seite 263)
Die LSBTTIQ-Emanzipationsbewegung verändert nicht gleich alles zum Besseren:

„Nach Stonewall und der Geburt der Gay Pride-Bewegung wurde die Schikane noch erheblich schlimmer. Die Bullen schrieben unsere Nummernschilder auf und fotografierten uns beim Betreten der Bars.“

(Seite 204)
Auch nach ihrem Umzug nach New York wird sie dort attackiert:

„Weiße Jungs, mit Drogen vollgepumpt. Ihr erstes Opfer war ein alter Mann, der schlafend auf einer Bank lag. Sie jagten ihn hoch, traten brutal auf ihn ein und schubsten ihn von einem zum anderen.“

(Seite 394)

Interessanterweise kommt die Hauptperson, wie auch die*der Verfasser*in der Geschichte nicht aus einer typischen Mittelschichtsfamilie, sondern aus der Arbeiter*innen-Schicht:

„Alle unsere Väter arbeiteten in derselben Fabrik; alle unsere Mütter blieben zu Hause.“

(Seite 20)
Jess muss immer hart für ihr Auskommen arbeiten und sie besucht keine höhere Bildungseinrichtung. Immer wieder werden in dem Roman auch Arbeitskämpfe geschildert:

„Im Schutz der Gewerkschaft, da waren sich die Butches einig, konnten wir in einer Nische überleben und uns allmählich wertvolle Jahre der Betriebszugehörigkeit erarbeiten.“

(Seite 114)
Mit dem Gewerkschafter Duffy kämpft Jess gegen Ausbeutung.
Interessanterweise hat Jess als proletarische Butch kaum Kontakt mit der mittelschichtigen „Gay Pride Bewegung“. Ihr Geliebte, Theresa, bringt sie dann doch in Berührung mit der 1968er Studierendenbewegung. Theresa arbeitet als Sekretärin an der Universität und beginnt sich für die Frauenbewegung und den Feminismus zu interessieren. Doch zwischen den proletarischen Butches und den akademischen Feministinnen liegen Welten. So werden von letzteren Butches auf Grund ihres Verhältnisses zu ihren Femmes schon auch mal als „Chauvinistenschweine“ diffamiert.

Auch in New York stößt Jess, die zeitweise männliche Hormone nimmt, auf Transphobie, weil sie von Frauen* ohne Nachfrage als Mann* kategorisiert und deswegen ausgeschlossen wird.
Ihre Uneindeutigkeit bzw. ihre nicht klar mögliche Verortung im Geschlechterdualismus ist es, was Anfeindungen hervorruft. Es stellt den eigenen Heteronormativismus in Frage:

„Früher waren die Leute wütend auf mich gewesen, weil ich als Frau eine verbotene Grenze überschritten hatte. Jetzt wußten sie nicht mehr, welches Geschlecht ich hatte, und das empfanden sie als unbegreiflich und zutiefst beängstigend. Frau oder Mann – das Fundament zerbröckelte unter ihren Füßen, wenn ich vorbeiging.“

(Seite 343-44)

„Stone Butch Blues“ ist eine Geschichte von Flucht und Hilflosigkeit, von Widerstand und Emanzipation, aber genauso ist es eine Liebesgeschichte und eine Geschichte von Armut und Prekarität. Großer Lesetipp!

Leslie Feinberg: Stone Butch Blues. Träume in den erwachenden Morgen, Berlin 1996.