Buch über rechtsklerikale ‚LebensschützerInnen‘

Als am 19. September 2015 bis zu 7.000 AbtreibungsgegnerInnen in Berlin aufmarschierten, war das bisheriger Rekord des 1.000-Kreuze-Marschs in Berlin. Immerhin 2.000 Menschen, ein bunter Mix aus Antifaschist*innen und Feminist*innen demonstrierten dagegen.
Kurz zuvor erschien im Unrast-Verlag von dem Trio Eike Sanders, Ulli Jentsch und Felix Hans das Buch „Deutschland treibt sich ab“ über organisierter ‚Lebensschutz‘, christlichen Fundamentalismus und Antifeminismus. Hier konnten sich die Leser*innen vorher schlau machen über eine rechte Szene, die für sich selbst beansprucht sogar eine „Bewegung“ zu sein und die bisher von Antifaschist*innen kaum beachtet wurde. Dabei drängt sich die Szene der ‚LebensschützerInnen‘ einem zunehmend auf, da sie in verschiedenen Städten in den letzten Jahren eigene Demonstrationen organisierte. Neben Berlin waren bisher das sächsische Annaberg-Buchholz, Fulda, München, Münster und Freiburg betroffen.

Gleich in der Einleitung betonen die Autoren, dass sich die ‚LebensschützerInnen‘ vor allem aus dem Milieus der christlichen FundamentalistInnen rekrutieren und Anti-Abtreibung nur ein Teil ihrer gesamten Agenda ist:

„Die Abtreibungskritik dient den christlich-fundamentalistischen Gruppen – die nahezu ausschließlich den Kern der Aktiven stellen – dabei immer als Ausgangspunkt für eine umfassende, generalisierende Kulturkritik an der heutigen, postmodernen und individualisierten Gesellschaft.“

(Seite 6) Stattdessen skizzieren sie „einen pro-christlichen, anti-säkularen und anti-modernen Gesellschaftsentwurf.“ (Seite 6)
Thematisch haben sich viele ‚Lebensrechts‘-Gruppen im Laufe der Jahre verbreitert. Die Themen „Präimplantationsdiagnostik“ (PID) und „Pränataldiagnostik“ (PND), sowie Sterbehilfe sind dazu gekommen. Auch scheinen im Vergleich zu früher einige Gruppen Kreide gefressen zu haben. Angeblich geht es vielen jetzt mehr um Hilfe für schwangere Frauen*. Doch Ziel der ‚LebensschützerInnen‘ bleibt generell eine Verschärfung des Paragraf 218. Nach Paragraf 218 ist der Schwangerschaftsabbruch bis zu 12 Wochen mit Beratungsschein und drei Tagen Bedenkzeiten in der Bundesrepublik erlaubt.
Das Buch stellt auch die Strategien der organisierten ‚LebensschützerInnen‘ vor: Emotionalisierung, Moralisierung und Skandalisierung. Letzteres z.B. durch eine „moralische Dammbruch“-Rhetorik oder der Rede von einer „Kultur des Todes“ bis hin zu gezielt den Holocaust relativierenden Vokabeln wie „Babycaust“.
Ein Faktencheck im Buch widerlegt die von Abtreibungs-GegnerInnen genannten Zahlen über Abtreibungen und das von ihnen gerne ins Feld geführte „Post-Abortion-Syndrom“ (PAS), ein angebliches Trauma nach Abtreibungen.
Der Antifeminismus kommt u.a. im Geschlechterdualismus, d.h. der (zwanghaften) Einteilung aller Menschen in heterosexuelle Männer und Frauen, zum Tragen. Dabei wird Frauen* eine Mutterrolle und Männern* eine Beschützerrolle zugeordnet. Damit fest verbunden sind traditionelle Familienvorstellungen, sowie eine konservative Sexualmoral und Lustfeindlichkeit.
In der Vorstellung der christlichen ‚LebensschützerInnen‘ ist der Kampf gegen Abtreibung auch ein Kampf gegen die Gottlosigkeit und Säkularisierung in der Gesellschaft. Dabei dient ihnen die Bibel als Fundament. Ihn ihren Augen sind die Verantwortlichen vor allem Liberale und Linke, z.T. ist die Rede von den „68ern“. Diese werden in für die moderne Gesellschaft und den vorherrschenden Materialismus verantwortlich gemacht, eine Perspektive mit stark verschwörungstheoretischen Zügen.

Auch die Struktur der ‚LebensrechtlerInnen‘ wird im Buch ausgeleuchtet. So existieren in der Bundesrepublik mindestens 60 explizite „Lebensschutz“-Gruppen. Das Thema ‚Lebensschutz‘ führt zu Bündnissen und Überschneidungen mit der extremen Rechten. Eine Abgrenzung findet nicht statt:

„Es gibt weder offizielle Ausschlüsse von extrem rechten Akteuren noch verhindern die verschiedenen Konfessionen oder Parteizugehörigkeiten den positiven Bezug aufeinander, wenn es um das gemeinsame Anliegen des »Lebensschutz« geht.“

(Seite 94)
Der eigene Nationalismus und Rassismus enttarnt sich, wenn ein Teil der ‚LebensschützerInnen‘ plötzlich darüber debattiert, wessen Kinder vor allem nicht abgetrieben werden dürfen und die „demografische Krise“ für Herkunftsdeutsche ausgerufen wird.
Die ‚Lebensschutz‘-Gruppen setzen auf unterschiedliche Aktionsformen: Aufmärsche, das Verteilen und Versenden von Plastik-Embryos, die so genannte „Gehsteigberatung“ (Belästigung von Frauen vor Abtreibungskliniken), den Unterhalt von ‚Beratungsstellen‘ (richtiger: Abtreibungsabratungsstellen) für Schwangere, sowie eine politische Kampagnen- und Lobbyarbeit. Die Verbindungen reichen dabei bis in die Union, wo sich die Abtreibungs-GegnerInnen bei den „Christdemokraten für das Leben“ organisieren. Doch ist die AfD gerade dabei der Union in diesem Bereich Konkurrenz zu machen. Neben der Bundesebene, sind die Gruppen auch verstärkt auf EU-Ebene aktiv.
Interessant ist natürlich auch die Finanzierung der z.T. nicht gerade billigen Aktionen, wie dem massenhaften Brief-Versand von Plastik-Embryos. An einer Stelle wird auf Großspenden vom Babynahrungsmittel-Hersteller Hipp aufmerksam gemacht. Auch interessant wäre, ob solche Gruppen z.T. auch aus staatlichen Geldern gefördert werden.

Im Fazit des Buches wird betont:

„Es geht den »Lebensschützern« mehrheitlich nicht um ein besseres Leben für die »Schwächsten« und Ausgestoßenen, sondern um die Restauration traditioneller Geschlechterverhältnisse – mit repressiven Mitteln.“

(Seite 93)

„Die Argumentation der »Lebensschützer« beruhen auf einem zutiefst fundamentalistischen christlichen Weltbild und offenbaren in ihrem Kern irrationale, anti-aufklärerische und vor allem antidemokratische Einstellungen.“

(Seite 94)
Doch sollte die selbsternannte ‚Bewegung‘ und ihr Einfluss auch nicht überschätzt werden:

„Einzig eine Verschärfung der Abtreibungsgesetzgebung stellt für die Bewegung ein greifbares Ziel dar.“

(Seite 93)
Hier wäre der genauere Blick über die Grenze auf die Situation in anderen Staaten sicherlich spannend gewesen, hätte aber wohl den Rahmen einer Einführung gesprengt.
Bleibt noch die Frage: Was tun? Die Autoren jedenfalls wünschen sich:

„Durch die Analyse der »Lebensschutz«-Bewegungen möchten wir vor allem eine inhaltliche Auseinandersetzung voranbringen.“

(Seite 93)
Mit dem Buch wurde eine Grundlage genau für diese Auseinandersetzung geliefert. Es eine gute Einführung in die Thematik bei der vor allem mit Primärquellen gearbeitet wurde.
Wenn Antifa tatsächlich „mehr als nur gegen Nazis“ – so ein beliebter Slogan – sein soll, dann sollten Antifas auch solche Bücher lesen.

* Eike Sanders, Ulli Jentsch & Felix Hans: „Deutschland treibt sich ab“. Organisierter »Lebensschutz«, christlicher Fundamentalismus und Antifeminismus, 7,80 Euro