Archiv für Dezember 2015

Buchkritik „Unter weißen Wilden“ von Günther Mayr

Der linke Journalist Günther Mayr bereiste 1977, teilweise als Tourist getarnt, vier Wochen lang Südafrika und das damals von Südafrika besetzt gehaltene Namibia. Daran schloss sich noch ein kurzer Trip nach Zaire (heute: Kongo) an. Ergebnis seiner Reise war das 1978 erschienene Reportage-Büchlein „Unter weißen Wilden“.
Unter weißen Wilden

„Rassisten auf Kolonialreise“
Im ersten Teil seiner Reise schloss sich Mayer in bester Wallraff-Manier als Undercover-Journalist für zwei Wochen einer Reisegruppe des extrem rechten „Hilfskomitee Südliches Afrika e.V.“ (HSA) mit Sitz in Coburg an. Das HSA existiert bis heute. Es handelt sich bei ihm um eine deutschnationale Organisation, die zum einen die deutsche Minderheit in der ehemaligen Kolonie „Deutsch-Südwest“ (heute: Namibia) unterstützt und früher auch Lobby-Arbeit für die weiße Minderheiten-Diktatur in Südafrika betrieb.
Zur Erinnerung: In Südafrika herrschte damals eine Minderheit von europäischstämmigen EinwohnerInnen über den Rest der Bevölkerung, vor allem Schwarze, aber auch Inder und Coloureds („Mischlinge“). Es wurde eine getrennte Entwicklung der verschiedenen Bevölkerungsgruppen („Rassen“) unter Vorherrschaft der Weißen propagiert. Dieses System der „Rassentrennung“ wurde von seinen VerfechterInnen als ‚Apartheid‘ bezeichnet.
Das rassistische Regime Südafrikas wurde international sowohl boykottiert, als auch unterstützt. Die Unterstützung geschah aus rassistischen und antikommunistischen Motiven heraus. Im Kalten Krieg hatte der Westen im marktwirtschaftlich organisierten Südafrika einen treuen Verbündeten, zumal sich die schwarze Widerstandsbewegung in Südafrika (ANC), im südafrikanisch besetzten Namibia (SWAPO) und in den Nachbarländern als sozialistisch verstand. Aus pragmatischen oder ideologischen Gründen wurde daher die Dikatur am Kap von vielen Staaten des Westens unterstützt.
Extreme Rechte aus Deutschland organisierten sich aus rassistischen Motiven als UnterstützerInnen der Apartheid. Durch die größere deutschsprachige Bevölkerung in Namibia und Südafrika gab es gute Anknüpfungspunkte für Kontakte ins südliche Afrika. Zudem emigrierten einzelne deutsche Rechte nach Südafrika, um hier ihr Herrenmenschentum ausleben zu können.
Es ist in der heutigen Betrachtung des bundesdeutschen Rechtsextremismus kaum noch bekannt, dass es lange Zeit mannigfaltige Allianzen und Kontakte zwischen weißen RassistInnen im südlichen Afrika und (West-)Deutschland gab. Es war auch kein Zufall, dass das NSU-Kerntrio 1998 plante nach Südafrika zu fliehen. Mutmaßlicher Fluchtort war die Farm eines zu Apartheids-Zeiten eingewanderten deutschen Neonazis.
Schon allein deswegen lohnt es sich, dieses Thema mal wieder aufzugreifen. Eine weitere Perspektive wäre die Betrachtung der deutschstämmigen Minderheit in Namibia unter der Beachtung des aktuellen bundesdeutschen Diskurses über Migration. Hier sind nämlich Personen mit einem Selbstverständnis als „Deutsche“ in einem Land eine Minderheit, die sich Jahrzehnte nicht in die Mehrheitsgesellschaft integrierten und zum Teil eher als Herrenmenschen aufführten. Deutschsprachigen Minderheiten wurden und werden über Jahrzehnte durch die Bundesregierung und private, meist deutschnational motivierte, Institutionen in ihrer Abschottung und Desintegration finanziell gefördert.
Anders als deutschsprachige oder deutschstämmige Minderheiten in Polen oder Rumänien sind viele Namibia-Deutsche eher eine Art von ‚Kaiserdeutschen‘. Viele sind auf dem Stand des deutschen Kaiserreiches, aus dem ihre Vorfahren in die damalige deutsche Kolonie einwanderten. Viele kamen mit einem kolonialen Zivilisationsbringer- und Pionier-Ethos, dass sich lange in dieser Gruppe bewahrte. Aus der Bundesrepublik importierte man nur, was zur eigenen Einstellung passte, z.B. „Heino, Heino und nochmals Heino.“ (S. 44) Mayr schreibt:

„Hier vergeht kein Tag, an nicht aus allen möglichen Lautsprechern das von ihm gesungene »Südwesterlied« erklingt, die Hymne der Kolonialisten. Auch »Polenmädchen« und andere Landserlieder vergiften im kraftvollen Bariton des blonden Ariers die warme namibische Luft.“

(Seite 78)
In der Reisegruppe stießen dann die Deutschnationalen Westdeutschlands und Namibias aufeinander und bestärkten sich in ihren Vorstellungen über Schwarze, die Rechtfertigung der blutigen Niederschlagung der antikolonialen Aufstände 1905-07 oder das gewaltvolle Vorgehen südafrikanischer Truppen gegen die namibianische Befreiungsbewegung SWAPO.
In Umkehrung der historisch-traditionellen Bezeichnungen, bezeichnet Mayr die Mitglieder seiner Reisegruppe treffend als „weiße Wilden“.

Im zweiten Teil des Buches begibt sich Mayr allein auf Reise im von der weißen Minderheit beherrschten Südafrika. Die Rassentrennung zwischen Weißen und der restlichen Bevölkerung fängt bereits im Zug nach Südafrika an.
Mayr erwähnt auch die wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen dem rassistischen Regime in Südafrika und Westdeutschland: 500 BRD-Konzerne waren damals in Südafrika tätig und 6.000 Firmen unterhielten Geschäftsbeziehungen in den Staat am Kap, was die Bundesrepublik zum drittgrößten Handelspartner machte. Ein Umstand der die Diktatur stabilisierte und bis heute wenig aufgearbeitet ist.
Mayr schafft es nach eingen Anläufen auch nach Soweto, der „verbotenen Stadt“, zu gelangen. In dem schwarzen Armutsviertel war ein Jahr zuvor, 1976, Protest gegen die Diktatur im Blut von über 1.000 Menschen erstickt worden.

Am Ende wagt Mayr noch einen kurzen Ausflug in das vom Bürgerkrieg erschütterte Zaire. Dieser Abschnitt ist aber sowohl kurz, enthält auch kaum Informationen.

Seltsamerweise erwähnt der Autor an keiner Stelle Südrhodesien, den zweiten Apartheids-Staat im südlichen Afrika.

Für Interessierte an diesem heute kaum noch bekannten Kapitel südafrikanischer und bundesdeutscher Geschichte lohnt sich die Lektüre. Etwas befremdlich nehmen sich Mayrs Beschreibungen von Äußerlichkeiten, besonders von Frauen*, aus. Etwa wenn er die Reiseführerin versucht negativ darzustellen und ‚kritisiert‘, sie „hat wenig Weibliches an sich“ (Seite 18). Aus feministischer Sicht geht so etwas gar nicht. Auch die mit dem Staatssozialismus sympathisierende Meinung des Autors schimmert immer wieder durch, ist aber nicht so störend aufdringlich wie bei vielen anderen linken Büchern aus dieser Zeit.

Günther Mayer: Unter weißen Wilden, Dortmund 1978.