Buchkritik: „Cash“ von Christian Riesslegger

Die Shadowrun-Reihe ist eine nette Mischung aus Science Fiction und Fantasy. Die Story ist nur selten wirklich überraschend, sie folgt fast immer dem Stil eines üblichen Fantasy-Romans bzw. RPGs. Eine Crew von Helden und Heldinnen, manchmal auch von sympathischen Schurken, begibt sich auf eine Reise bzw. Quest und muss eine Aufgabe erledigen. Bis zum zumeist glücklichen Ende gibt es noch einige Wendungen und Erlebnisse.
Das Spannende an Shadowrun ist der alternative Weltentwurf. Er weist kontrafaktische und fantastische Elemente auf, also ist zum einen die Weltgeschichte anders abgelaufen und zum anderen besiedeln Fantasiewesen diese Welt. Insgesamt ist die Welt von Shadowrun auch eine ziemliche Dystopie. Konzerne und ihre Truppen haben unverhohlen die Macht inne, das staatliche Gewaltmonopol ging an sie und andere Gruppen (z.B. Gangs) verloren und die Reichen leben in streng abgesicherten Enklaven. Gleichzeitig ist die sechste Welt angebrochen und die Magie ist wieder erwacht. Ein Teil der Menschen wurde zu ‚Metamenschen‘, die sich aus so unterschiedlichen Spezies wie Orks, Trolle, Zwerge und Elfen zusammensetzen. Doch auch die normalen Menschen („Norms“) sind nicht immer so normal, sie sind mit Implantaten etc. versehen, die ihnen übermenschliche Fähigkeiten verleihen. Ein Teil der Menschen hat auch eine Buchse, womit sie in die Matrix, ein virtuelles Netzwerk, gelangen können. Die Matrix nimmt in den Shadowrun-Büchern eine wichtige Rolle ein. Hier werden Informationen gehandelt und Raubzüge unternommen. Die Ausführenden sind so genannte Shadowrunner, bezahlte Diebe im Auftrag eines Hintermannes.
Die meisten Shadowrun-Romane spielen in den 2060er Jahren. Ein Teil der Reihe ist in Mitteleuropa angesiedelt, woraus die Serie ihren Reiz für hiesige Leser*innen bezieht. So hat sich Deutschland ziemlich verändert. In Westfalen hat z.B. die katholische Kirche eine Art Gottesstaat errichtet, im Schwarzwald existiert ein Trollkönigreich. Auch weltweit hat sich einiges geändert. In Paraguay existiert wie vor Jahrhunderten bereits einmal wieder ein Jesuitenstaat, im Vorderen Orient herrscht die „Liga von Damaskus“ und Mexiko heißt jetzt Atzlan.
Der durch seine Konzerne ist Japan der einflussreichste Staat in der Welt, weswegen die wichtigste Währung auch der Nyuen („New Yen“) ist.
Auch sonst hat sich einiges geändert. Es gibt Wegwerfkleidung aus Papier und Lupinen haben Soja als Grundnahrungsmittel ersetzt. So gibt es Lupinen-Burger, -Cola oder -Kaffee.

„Cash“ von Christian Riesslegger spielt in Österreich, ist aber auf zwei Zeitebenen angesiedelt: 2032/33 und 2063.
Riesslegger: Cash
2032/33
Im Jahr 2032 ist Österreich das Kaiserreich Donau unter dem Neokaiser Leopold von Habsburg. Österreich steht kurz vor der Invasion der „Allianz für Allah“, einer islamistischen Armee, die vom Balkan her nach Zentraleuropa vordringt. Sicher hat sich der Autor hier vom Vormarsch des „Islamischen Staat“ inspirieren lassen.
Unter dem Druck der Invasion schließen sich Ungarn, Tschechien und die Slowakei dem Kaiserreich Donau an. Auch Polen unterstützt den Kampf gegen die Allianz.
Der Angriff der Islamisten bündelt den Rassismus der ÖsterreicherInnen zu einem Genozid an muslimischen Flüchtlingen und einer Gruppe, die in dem Buch auch für das Jahr 2032 als „türkische Gastarbeiter“ bezeichnet werden.

Dieses Szenario scheint an die Belagerung von Wien durch die Türken 1683 angelehnt zu sein. Damals wurde Wien durch ein polnisches Heer entsetzt. So heißt es an einer Stelle:

„»Lang, lang ist’s her, da sind sie schon einmal gekommen, um den Österreichern den Arsch zu retten und die Kastanien aus dem Feuer zu holen«, murmelte der Novotny, als im Trid die langen Kolonnen der polnischen Armee zu sehen sind mit ihren komisch eckigen Schirmmützen.“

(Seite 363)

In dieser Zeitebene des Romans wird ein Zauberer namens Kajatan Schiefer von einem Geheimdienstmitarbeiter namens Nowotny engagiert. Das Duo versucht immer wieder den allmächtigen Konzernen, Verrätern und dem Feind durch trickreiche Operationen etwas entgegen zu setzen.

2063
Im Jahr 2063 hat sich die Lage dagegen wieder beruhigt, trotzdem ist Mitteleuropa ein ziemlicher Flickenteppich. Es gibt dutzende neuer Staaten und Entitäten innerhalb von Staaten, etwa wie die „Vereinigten Arabischen Emirate von Kreuzberg“ in Deutschland bzw. der „Allianz Deutscher Länder“.
Auch Österreich hat sich verändert. Salzburg ist ein Kirchenstaat unter der Fuchtel des Erzbischof. Große Teile Kärntens sind im Jahr 2063 durch die Kriegsereignisse von 2033 unbewohnbar geworden. Die überlebenden BewohnerInnen wurden umgesiedelt. Die „Freiheitliche Nationale Front“ (FNF) hat ihre StammwählerInnen aus Kärnten in Neu-Siedlungen wie Neu-Villach oder Neu-Klagenfurt untergebracht. Neu-Klagenfurt ist ein Ortsteil von Leoben. Hier leben nur ‚Norms‘ und Österreicher, aber keine Metamenschen oder Ausländer. Ansonsten regiert in Neu-Klagenfurt „der Wischmob, das Viertel ist eine kleinbürgerliche Idylle in Plattenbauweise, in der Luft hängt allenthalben der Mief nach Anstand, Bohnerwachs und Spießigkeit.“ (Seite 139)

Auf Parteienebene stehen sich zwei Blöcke gegenüber.
Die „Partei für das Erbe Österreichs“ (PEÖ), in der sich die „Freiheitliche Nationale Front“ (FNF), die Christlich-Sozialen und die Grünen organisiert haben. Die FNF ist erkennbar an die FPÖ angelehnt, schon ihr Name ist eine Verschmelzung von FPÖ und dem „Front National“.
Auf der anderen Seite sind die total korrumpierten Sozialdemokraten und ihr Schlägertrupp „Radikaldemokratischer Schutzbund“. Unterstützt werden sie von der mafiösen Gewerkschaft „Union der Gewerken“.

In dieser Zeitebene wird ein Orkmädchen und Rattenschamanin namens Peperoni für ihren ersten Shadowrun engagiert.

Reaktionäre Untertöne
Eigentlich ist „Cash“ eine ganz gute Shadowrun-Kost. Doch immer wieder auftauchende reaktionäre Untertöne drohen die Suppe zu versalzen. Stellenweise lesen sich einige Abschnitte, als hätte Henryk M. Broder sie verfasst.
Der Autor lässt darin seinen Abneigungen gegen ‚Gutmenschen‘, Pazifisten und Feministinnen ganz offensichtlich freien Lauf. So heißt es an einer Stelle beispielsweise, „dass die Allianz für Allah nicht zwecks einer netten Multikulti-Party nach Österreich gekommen ist, sondern um sie umzubringen“ (Seite 243)
Oder über eine Grünen-Funktionärin, im Buch als „Grünen-Schnepfe“ bezeichnet, heißt es verächtlich:

„Aber da sie in ihrer Jugendzeit ihren BH verbrannt hat, anstatt ihn anzuziehen, kann von ’stolz geschwellt‘ keine Rede sein. Stattdessen hängt da ein waberndes, unförmiges Etwas knapp unterhalb des Mikrofon herum, als die Frau Slamik mit pathetischer Stimme als ersten Schritt zur Deeskalation Vertrauen schaffende Maßnahmen fordert […]“

(Seite 331)
Auch über Gendern wird sich lustig gemacht:

„Thomas Angerer, Hauptmensch der Reserve, sein Dienstrang ganz geschlechtsneutral und gleichberechtigt, weil in solch aufgeklärten Zeiten soll ja das empfindsame Seelenleben unserer emanzipierten Powerfrauen nicht durch irgendeine linguistische Diskriminierung grausamen Höllenqualen ausgesetzt werden.“

(Seite 436)
Die Feministinnen und Pazifisten werden als naive Gutmenschen karikiert:

„[…] da kapieren selbst die dümmsten Anhängerinnen des FrauenFrieden-Policlubs, dass es bei Faak am See schlecht steht und nehmen die Beine in die Hand. Oh, da ist es urplötzlich aus mit dem Streben nach dem integrativen Zusammenleben Kulturen, oh, da wollen sie nichts mehr wissen von den rosaroten Wolken aus Harmonie und Toleranz, von denen sie eben noch geträumt haben.“

(Seite 442)
Hier hat sich ganz offensichtlich jemand mit antifeministischer Einstellung seinen Frust von der Seele geschrieben.

Fazit: unangenehmer Beigeschmack
Ohne diese reaktionären Untertöne wäre dieser Teil der Shadowrun-Romanreihe eine nicht zu anspruchsvolle, aber unterhaltsame Lektüre. Das Orkmädchen Peperoni ist sympathisch gezeichnet und einige Ideen in der Geschichte sind kreativ. Das österreichische Lokalkolorit in den Dialogen und der indirekten Sprache macht die Geschichte authentisch.
Trotzdem, auch für Fans der Reihe: Lieber ausleihen als kaufen.