Buchkritik: „Brief an die Heuchler. Und wie sie den Rassisten in die Hände spielen“ von Charb

Buchkritik: „Brief an die Heuchler. Und wie sie den Rassisten in die Hände spielen“ von Charb

Der französische „Charlie Hebdo“-Mitarbeiter ‚Charb‘ hat kurz vor seiner Ermordung durch Islamisten im Januar 2015 ein Manuskript fertig gestellt, was nach seinem Tod unter dem Titel „Brief an die Heuchler. Und wie sie den Rassisten in die Hände spielen“ auch auf Deutsch erschien.
Bei der Lektüre der deutschen Ausgabe ist es wichtig, sich zu verdeutlichen das der Autor Bezug nimmt auf französische Diskurse und Debatten. Die in Frankreich starke Tradition des Laizismus existiert in Deutschland einfach nicht.
Der Text verwendet zwar vor allem den Begriff „Islamophobie“, problematisiert ihn aber auch. Er wurde u.a. von der iranischen Theokratie ials Kampfbegriff gegen seine Kritiker*innen verwendet.

In dem scharfen Text, der stellenweise eine Polemik ist, plädiert der Autor für eine offensive Religionskritik. Denn Religion, so Charb, ist ein anstrengendes Überwachungssytem:

„Gott ist eine Superüberwachungskamera, gegen die aber niemand ernsthaft protestiert.“

(Seite 22)
Er betont: „Glaube bedeutet sich unterwerfen“.
Dabei sind die Auslegungen religiöser Schriften und nicht diese für sich problematisch:

„Kurz gesagt, das Problem sind weder Koran noch Bibel – beide Bücher sind einschläfernde, unzusammenhängende und schlecht geschriebene Romane – sondern der Gläubige, der Koran und Bibel wie eine Montageanleitung für ein Ikea-Regal liest.“

(Seite 24)

Charb besteht auf seinem Recht blasphemisch zu sein. Dafür wurden er und sein Karikatur-Magazin „sowohl von katholischen als auch muslimischen Faschisten“ bedroht.
Besonders wurmt ihn, dass in Bezug auf Muslime die Kritik an konservativen und fundamentalistischen Glaubens-Praxen von deren VertreterInnen mit dem Vorwurf der religiösen Diskriminierung abgewehrt werden. Er aber besteht darauf, dass Religionskritik kein Rassismus ist, auch wenn einige Muslime und Antirassist*innen das gerne so darstellen. Anfeindungen gegen Muslime seien dagegen keine religiöse, sondern eine rassistische Diskriminierung.
Die starke Bezugnahme auf Religion würde andere Diskriminierungsformen verschwinden lasse, beispielsweise die nach Wohnort. Diese Diskriminierung trifft sowohl die muslimischen als auch nichtmuslimischen Bewohner*innen der Banlieus.

Er betont, dass die Mohammedkarikaturen nicht Ursache, auch nicht Anlass, sondern Mittel zum Zweck, für muslismische FundamentalistInnen waren. Endlich konnten diese sich als VertreterInnen aller Muslime aufführen. Doch wer da als VertreterIn der muslimischen Gemeinschaft auftrat, war kaum legitimiert. Charb schreibt von einem Alleinvetreterungsanspruch einer „handvoll Idioten“. Die IslamistInnen seien nicht so zahlreich, aber lautstark:

„Zahlenmäßig bilden die radikalsten Muslime eine Minderheit; diese Tatsache kompensieren sie aber durch eine verstärkte kämpferische Aktivität. Alle fallen darauf herein, muslimische Verbände wie Journalisten.“

(Seite 36)

In der Folge führten Vorwürfe und Drohungen dieser selbsternannten VertreterInnen schnell zu einer Selbstzensur. Denn um ihren Gott zu schützen, zerren die beleidigten Religiösen – er betont die Ironie hierbei – ihre Gegner*innen vor weltliche Gerichte. Das erscheint Charb zu Recht unlogisch, denn Gott könne sich ja wohl selber wehren, „dieser breitschultrige Typ“.
Bei den Prozessen gegen „Charlie Hebdo“ wurden viele Karikaturen bewusst fehlinterpretiert, es habe sich keinesfalls um Missverständnisse gehandelt. Ziel sei es gewesen ein blasphemisches Blatt mundtot zu machen.

Auch Versuche muslismischer FunktionärInnen in Konkurrenz zum Antisemitismus zu gehen, erteilt der Autor eine Absage:

„Nein, Islamophobie ist kein neuer Antisemitismus. Einen neuen Antisemitismus gibt es nicht, sondern nur diesen alten abscheulichen und unausrottbaren Rassismus. […] Im heutigen Frankreich richtet sich der gewalttätigste Rassismus gegen die verschiedenen Gruppen der Roma. Muss man deshalb von »Romaphobie« sprechen? Das ist lächerlich. Es gibt einen Rassismus, der sich gegen Roma richtet.“

(Seite 82/83)

Vorwürfe macht der Autor auch den Medien und der Politik in Frankreich. Diese würden Muslime in Frankreich in erster Linie über ihre Religion darstellen und definieren und nicht zuallererst als französische Staatsbürger*innen. Dies geschehe sogar rückwirkend. Personen muslimischen Glaubens, die im Ersten Weltkrieg für Frankreich starben, würden heute als Muslime nachträglich geehrt werden. Dabei ist unklar, ob diese sich selbst in erster Linie als solche verstanden hätten und ob die durch koloniale Strukturen in den Militärdienst gepressten Personen für Frankreich starben darf ebenfalls mit Fug und Recht bezweifelt werden.
Muslim zu sein, sei nicht durch die Herkunft bedingt, sondern eine Entscheidung.

Der Text ist wütend, scharf und schön geschrieben. Bei manchem mag man dem Autor widersprechen. So scheint er zu übersehen dass der antimuslimische Rassismus spezifische Formen entwickelt hat und nicht einfach nur der übliche Rassismus ist. Zum Beispiel ProtagonistInnen wie Anders Breivik haben in Bezug auf den Islam eine eigene Verschwörungsideologie entwickelt.
Trotzdem hat der Autor in vielen Dingen Recht. Deswegen ist diese wütende Streitschrift sehr lesenswert.

* Charb: Brief an die Heuchler. Und wie sie den Rassisten in die Hände spielen, aus dem Französischen von Werner Damson, Tropen Verlag, 2015.