Archiv für April 2016

Buchkritik „Drachenläufer“ von Khaled Hosseini

Drachenläufer

Der Roman „Drachenläufer“ von Khaled Hosseini ist die Geschichte von Amir. Dieser wird 1963 in Kabul, der Hauptstadt von Afghanistan geboren. Sein unnahbarer Vater, Aga Khan, ist ein wohlhabender Teppich-Händler, der seinen allein aufzieht. Amir wächst als Kind der Kabuler Oberschicht und verlebt eine unbeschwerte Kindheit. Sein bester Freund ist Hassan, das Kind des Dienstboten. Obwohl die beiden gut befreundet sind und sich Hassan für den schwächeren Amir immer wieder in die Bresche wirft, liegt zwischen doch ein unsichtbarer Graben. Sie trennt eine soziale Hierarchie, aber auch die Herkunft. Amir ist Paschtune und seine Mutter war sogar entfernt mit dem afghanischen Königshaus verwandt. Hassan dagegen gehört der schiitischen Hazara-Minderheit an, auf die die sunnitischen AfghanInnen meist herabblicken. In der damaligen Zeit sind sie in den begüterten Haushalten Kabuls als ‚Gesinde‘ angestellt.
Als Amir einmal auf der Suche nach Hassan ist, erklärt ihm ein Händler:

„»[…] Sein Vater sollte auf die Knien fallen und mit den Wimpern den Staub von deinen Füßen wischen.«“

(Seite 78)
Trotz der Freundschaft ist Amir neidisch auf Hassan, denn diese ist mutiger, sportlicher und aufrichtiger als er:

„Er war so verdammt ehrlich, dass man sich neben ihm immer wie ein Betrüger vorkam.“

(Seite 65)
Amirs Vater, im Buch meist als „Baba“ bezeichnet, lobt Hassan dafür und wünscht sich von seinem Sohn ähnliches. Doch, Rahim Khan, der beste Freund von Amirs Vater weist ihn darauf hin, dass er seinen Wunschsohn nicht erzwingen kann:

„»Kinder sind doch nicht wie Malbücher. Du kannst sie nicht mit deinen Lieblingsfarben.«“

(Seite 29)
Als Amir 13 ist, zerbricht die Freundschaft an einem Ereignis, in dem Amir seinem Freund nicht zur Hilfe eilt. Das schlechte Gewissen Amirs führt zum Bruch der Freundschaft. Die beiden verlieren sich aus den Augen, doch Jahre später erhält Amir die Chance seinen Fehler wieder gut zu machen.

Das Buch ist auch eine Geschichte Afghanistans. Amir erlebt den Sturz des Königs, die Invasion der Sowjets und später die 1996 einsetzende Taliban-Herrschaft. Über die auf den Rückzug der Sowjets einsetzenden Diadochen-Kämpfe der Mujahedin erfährt Amir aber nur aus den amerikanischen Medien. Denn sein Vater und er flohen 1983 über Pakistan in die USA. Für den Vater ist es der Abstieg in der sozialen Hierarchie. Er muss als Tankwart von vorne anfangen. Amir dagegen studiert Literatur, wird Schriftsteller und findet in der afghanischen Diaspora in den USA seine Frau. Bis er vom Freund seines Vaters angerufen wird und in heikler Mission in das Taliban-regierte Kabul fährt. Doch das Kabul seiner Kindheit hat sich verändert:

„Nach Kabul zurückzukehren war wie die Begegnung mit einem alten Freund, dem das Leben offenbar schwer zugesetzt hatte und der nun völlig verarmt und obdachlos war.“

(Seite 258)

Das Buch liest sich gut, vermittelt eine bisher unbekannte Perspektive auf das kriegszerrüttelte Afghanistan und bleibt spannend bis zum Schluss. Leseempfehlung!

Buchkritik „Der Circle“ von Dave Eggers

Der Circle
Auch wenn es bei der Lektüre nicht gleich klar wird, so ist „Der Circle“ von Dave Eggers ein dystopischer Roman. Mit der Hauptprotagonistin Mae rutscht der*die Leser*in nach und nach, fast schon unmerklich in einen totalitären Albtraum.
Mae fängt an bei einem Unternehmen namens „Circle“ zu arbeiten, einem IT-Unternehmen, was führend ist im Bereich social media. Die meisten Mitarbeitenden arbeiten auf einem luxuriösen Campus-Gelände. Da das ganze als Community funktionieren soll, verbringen die Mitarbeiter*innen hier auch ihre meiste Freizeit. Es gibt rund um die Uhr Unterhaltung und Versorgung für jegliche individuellen Bedürfnissen. Von der Hundetagesstätte bis zum standartisierten vierzehntäglichen Gesundheits-Checkup.
Doch die Community hat eigene Regeln, die weit über normale Arbeitsplatz-Regeln hinausgehen. Einerseits ist der ‚Circle‘ sehr fürsorglich, andererseits sehr bevormundend und sektenartig.
Durch seine Fürsorglichkeit kann der ‚Circle‘ besser motivieren als das einem normalen Unternehmen gelingt oder der Realsozialismus es konnte. Denn hier ist alles scheinbar perfekt. Jede*r kümmert sich um jede*n. Eine schöne neue Yuppie-Welt, bevölkert von jungen, kreativen und enthusiastischen Menschen. Doch es ist auch eine schöne neue Welt im Sinne von Aldous Huxley. Neben Huxley nimmt der Roman offenbar auch Anleihen bei Orwell. Etwa wenn über Maes Schreibtisch folgende Slogans angebracht werden:

„GEHEIMNISSE SIND LÜGEN
TEILEN IST HEILEN
ALLES PRIVATE IST DIEBSTAHL“

(Seite 346)
Das erinnert sehr an die drei Sätze des Orwellschen Wahrheitsministeriums („Krieg ist Frieden!“ etc.).

Es gibt im ‚Circle‘ einen Zwang zu ständiger Verfügbarkeit, Selbstoptimierung und Unterwerfung gegenüber dem Unternehmen. Das unausgesprochene Motto lautet „Du bist nichts, Dein Unternehmen ist alles!“. Der Gemeinschaftszwang herrscht nicht nur offline, sondern auch online. Ständig soll bewertet und kommuniziert werden.
Im Verlauf des Buches radikalisiert sich das und wird durch die Macht des ‚Circles‘ auch im Rest der Gesellschaft umgesetzt. Die Leitlinie heißt „Leidenschaft, Partizipation und Transparenz“. Es wird nichts gelöscht und alles gespeichert.

Propagiert wird letztendlich die totale Transparenz und Selbstüberwachung. Menschen hängen sich freiwillig Kameras um, damit sie life ihr Leben dokumentieren. Anfangs sind es nur einzelne Politiker*innen, die „gläsern werden“, wie es im Buch heißt. Doch schnell entsteht Druck auf die Amtsträger*innen das sie alle eine Kamera tragen:

„Nach einigen Wochen wurden die nicht transparenten Amtsträger wie Ausgestoßene behandelt. Die Gläsernen wollten sich nicht nicht mit ihnen treffen, solange sie sich weigerten, eine Kamera zu tragen, und somit blieben sie außen vor.“

(Seite 275)

Auch Mae legt nach einiger Zeit die Kamera an und wird zur Reporterin, die ständig live berichtet. Das führt zu einer Selbstdisziplinierung:

„Sie verzichtete inzwischen auf Limo, Energydrinks, Fertignahrung. Auf Circle-Festen hielt sie sich an einem einzigen Drink fest und versuchte jedes Mal, das Glas nicht ganz auszutrinken. Alles Unmäßige provozierte postwendend eine aufgeregte Welle von besorgten Zings, deshalb hielt sie sich in den Grenzen der Mäßigung. Und sie fand es befreiend. Sie war erlöst von schlechten Gewohnheiten. Sie war erlöst davon, Dinge zu tun, die sie nicht tun wollte, Dinge zu essen und zu trinken, die ihr nicht guttaten.“

(Seite 374)

Der Druck sich diesem System der Totalüberwachung anzuschließen ist enorm. Sich ihm zu entziehen wird immer schwieriger. Überall werden Kameras angebracht und können online eingesehen werden. Die Reservate der Ruhe schrumpfen ständig.
Bei der Einführung und Ausweitung der Überwachung wird perfide mit Demokratie, Sicherheit und Extremfällen argumentiert. So soll es etwa Kindern ein Chip implantiert werden, um ihre Sicherheit zu gewährleisten
Geheimnisse sind Verbrechen und Menschen sollen durch absolute Transparenz gezwungen werden bessere Menschen zu sein, wie einer der drei ‚Circle‘-Weisen Mae erklärt:

„In einer Welt, in der schlechte Entscheidungen keine Option mehr sind, haben wir keine andere Wahl, als gut zu sein.“

(Seite 331)

Smart Phones Dumb People

Zögerte Mae anfangs noch, so unterwirft sie sich schlussendlich diesen Prinzipien. Doch in ihrem Ex-Freund Mercer erwächst ihr im Buch ein Gegenspieler. Er erkennt, dass die neuen Kommunikationsformen nur die Simulation von Beziehungen und Interaktion darstellen.
Darauf weist er Mae hin:

„Ich meine, dieses ganze Zeug, mit dem du zu tun hast, das ist alles Klatsch und Tratsch. Da reden Leute hinterrücks übereinander. Das gilt für die überwiegende Mehrheit von diesen Social Media, all diesen Bewertungen, all diesen Kommentaren. Deine Tools haben Klatsch und Tratsch, Hörensagen und Behauptungen auf die Ebene gültiger, regulärer Kommunikation erhoben. […] Hör mal, vor zwanzig Jahren war es alles andere als cool, eine Taschenrechneruhr zu haben, richtig? Und wer den ganzen Tag lang zu Hause hockte und mit seiner Taschenrechneruhr spielte, gehörte eindeutig zu denen, die sozial nicht gut klarkamen. Und Beurteilungen wie »Gefällt mir« und »Gefällt mir nicht« und »Smile« und »Frown« waren was für Pubertierende. Irgendwer schrieb einen Zettel mit der Frage: »Magst Du Einhörner und Sticker«, und du antwortetest: »Ja, ich mag Einhörner und Sticker! Smile!« So was eben. Aber jetzt machen das nicht mehr nur Teenager, sondern alle, und es kommt mir manchmal so vor, als wäre ich in eine Zone geraten, in der alles seitenverkehrt ist, eine Spiegelwelt, wo der dämlichste Mist der Welt alles beherrscht. Die Welt hat sich verdämlicht.“

(Seite 155)
„Du sitzt zwölf Stunden pro Tag an einem Schreibtisch, und dabei kommt nichts anderes rum als ein paar Zahlen, die in einer Woche nicht mehr existieren oder in Vergessenheit geraten sind. Du hinterlässt keine Spuren.“ (Seite 298)
Ebenso weist er sie auf die Total-Überwachung hin:

„Ich meine, wie alles, was ihr so pusht, klingt es perfekt, progressiv, aber es bringt auch mehr Kontrolle mit sich, mehr zentrale Überwachung von allem, was wir machen.“

(Seite 296)

„Ich denke, du redest dir ein, wenn du an deinem Schreibtisch sitzt und Frowns und Smiles vergibst, führst du tatsächlich ein faszinierendes Leben. Du kommentierst Sachen, und das ist der Ersatz dafür, sie selbst zu tun. Du siehst dir Fotos von Nepal an, klickst auf einen Smile-Button und glaubst, das ist das Gleiche wie nach Nepal zu fahren.“

(Seite 299)

Die von Dave Eggers beschriebene Auflösung des Menschen in Algorithmen ist beängstigend und leider nur teilweise Fiktion. Der fiktive ‚Circle‘ ist die vereinigte Macht der realen Weltmächte von Google, Facebook und Co.
Das Buch ist gut geschrieben, häufig folgt man anfangs der Überwachungs-Logik. An anderen Stellen wiederum möchte man Mae zurufen: Wach endlich auf!
Manchmal scheint der Roman wenig zu sehr pessimistisch, aber das ist das Vorrecht einer Dystopie. Dave Eggers weist mit seinem Buch jedenfalls gut auf die Gefahren des digitalen Zeitalters hin.

Buchkritik „ Die Menschen des Abgrundes“ von Jack London

Menschen des Abgrundes
Bereits lange vor Wallraff hat der Schriftsteller Jack London (1876-1916) sich unter die Ärmsten und Verzweifelten, er nennt sie „die Menschen des Abgrundes“, „Straßenpflastervolk“ oder „Gossenvolk“, begeben, um über deren bitteres Los zu berichten. In „Menschen am Abgrund“ lebte er 1902 für sechs Wochen im Londoner Viertel East End, also in den damaligen Slums Ostlondons. Zu dieser Zeit herrschen in Londons Armutsvierteln Zustände wie heute in einem Slum in Kalkutta. Jack London schreibt:

„Auf einem Marktplatz wühlten taprige alte Männer und Frauen in den Kot geworfenen Abfall nach verfaulten Kartoffeln, Bohnen und anderem Gemüse, während kleine Kinder wie Fliegen um einen vergammelten Haufen Obst schwirrten, die Arme bis zu den Schultern in die feuchtklebrige Fäulnis stießen und noch nicht ganz verdorbene Stückchen herausholten, die sie auf der Stelle verschlangen.“

(Seite 13)
Nach Jack Londons Angaben lebten im damaligen London 1.800.000 Einkommensarme. Zum Vergleich: In ganz London lebten damals 6 Millionen Menschen.

Der Autor kleidete sich als Armer ein, um nicht aufzufallen und besser recherchieren zu können:

„Zum erstenmal begegnete ich den niederen Schichten der Engländer von Angesicht zu Angesicht und lernte sie so kennen, wie sie waren. Wenn Müßiggänger oder Arbeiter an Straßenecken oder in Kneipen mit mir sprachen, redeten sie mit mir wie ein Mensch zum andern und so natürlich, wie Menschen reden sollten, ohne den mindesten Gedanken daran, für das, was sie sprachen etwas aus mir herauszuholen.“

(Seite 19)
Jack London stellt in seiner Reportage einzelne Schicksale vor und schreibt über die Vergessenen und Überflüssigen. Über Blinde, Gefängniskinder, Obdachlose, Ghettobewohner, Prostituierte, Wander- und Gelegenheitsarbeiter und Armenhäusler.
So ist er auch als Obdachloser auf den Straßen Londons unterwegs. Die Obdachlosen-Asyle beschreibt er als eine Form von Hölle:

„Es roch abscheulich, und die trübe Düsternis und das Stimmengemurmel aus dem Dunkel ließen ihn mehr wie ein Vorzimmer zur Hölle erscheinen. Die meisten Männer waren pflastermüde und leiteten die Mahlzeit ein, indem sie ihre Schuhe auszogen und die schmutzigen Lumpen abbanden, in die sie ihre Füße gewickelt hatten. Das trug zu dem allgemeinen Gestank bei und nahm mir den Appetit.“

(Seite 86)

Jack London kritisiert scharf die reicheren Bewohner*innen Londons, die sich die Armut ein paar Straßen weiter kaum vorstellen können. So beschreibt er, wie er als Obdachloser von den Bobbys ständig weiterverjagt wird und so keinerlei Schlaf findet:

„Doch oh, ihr lieben, empfindsamen Leute voll Saft und Kraft mit weißen Betten und luftigen Zimmern, die euch jede Nacht erwarten, wie kann ich euch klarmachen, was es heißt zu leiden, wie ihr leiden würdet, müßtet ihr eine beschwerliche Nacht auf den Straßen von London verbringen? Glaubt mir, ihr würdet meinen, tausend Jahrhunderte wären gekommen und gegangen, ehe der Osten zur Morgendämmerung verblaßt, ihr würdet vor Kälte zittern, bis ihr drauf und dran wärt, vor Pein in jedem schmerzenden Muskel laut zu schreien, und ihr würdet euch wundern, daß ihr so viel erdulden und trotzdem leben könnt. Solltet ihr auf einer Bank ausruhen und die müden Augen schließen, dann verlaßt euch darauf, daß euch der Polizist weckt und euch barsch befiehlt »weiterzugehn«.“

(Seite 63)

Er kritisiert auch, wie Arme pathologisiert werden, um sie bevormunden zu können:

„Zeitweilige Geistesstörung! Oh, diese verfluchten Phrasen, diese Lügen der Sprache, hinter die sich Leute mit Fleisch im Bauch und heilen Hemden flüchten und der Verantwortung für ihre Brüder und Schwestern entziehen, deren Bauch leer ist und die kein heiles Hemd auf dem Rücken haben.“

(Seite 217-18)

Der Autor beschreibt nicht nur das elende Leben der Armen, er analysiert auch die Gründe dafür und prangert an:

„Und jetzt möchte ich die bestehenden Machthaber kritisieren. Sie haben die Macht und können daher verfügen, was ihnen beliebt, deshalb nehme ich mir nur die Freiheit, die lächerliche Unsinnigkeit ihrer Verfügungen zu kritisieren. Sie zwingen die Obdachlosen, die ganze Nacht lang hin und her zu wandern. Von Türen und Torwegen vertreiben sie sie und schließen sie von den Parks aus. Die augenscheinliche Absicht all dessen ist, sie ihres Schlafes zu berauben oder auch alles anderen anderen, aber warum in aller Welt öffnen sie um fünf Uhr früh die Parktore und lassen die Obdachlosen ein und schlafen.“

(Seite 100-101)

Zu seinen Kritikpunkten führt auch das Rechtssystem, was Obdachlose für mehrere Tage wegsperrt:

„Seine Frau zu Mus zu schlagen und ihr ein paar Rippen zu zerbrechen ist ein geringfügiges Vergehen im Vergleich dazu, im Freien unter den unverhüllten Sternen zu schlafen, weil man nicht das Geld für ein Bett hat.“

(Seite 152)

Der Sozialist London thematisiert auch die Eigentumsverhältnisse, wenn er dabei allerdings nicht von seiner Arbeitsethik abrückt:

„Das Einkommen ist in Ordnung, aber daran, wie es verwaltet wird, ist etwas verbrecherisch Unrechtes. Und wer wagt zu behaupten, daß dieser große Haushalt nicht verbrecherisch geführt wird, wenn fünf Menschen Brot für tausend produzieren können und doch Millionen nicht genug zu essen haben?“

(Seite 242)

Im Gegensatz zu den bekannteren Büchern von Jack London ist „Die Menschen des Abgrundes“ nicht nur beschreibend, sondern auch analytisch. London analysiert die Dynamiken von Armut und ihre Ursachen. Das geht von der wohnlichen Verdrängung der Armen Londons aus ihren Vierteln bis zur Todesursache Armut. London greift in seiner Reportage zu geharnischten Worten. Er spricht von einem „Schlachthaus“. Im Gegensatz zu Londons „Abenteuer eines Tramps“ finden sich auch keine Ansätze zur Romantisierung des Lebens der Armen. Trotz mancher problematischer Sätze über die Armen und ihre körperliche Gesundheit, sowie eine protestantische Arbeitsethik, begegnet der Autor den Armen im allgemeinen doch mit Respekt.
Auch die Armutsfürsorge bekommt bei London ihre Kritik ab. So schimpft er auf die „Seelenfänger der Heilsarmee“. Ebenso kritisiert er nutzlose ‚Hilfen‘ wie etwa Sparsamkeitspredigten. Die Mildtätigkeit der Reichen entlarvt er als system-immanent:

„Sie tun, wie jemand gesagt hat, alles für die Armen, außer daß sie aufhören, in ihrem Nacken zu sitzen. Sogar das Geld, das sie bei ihren kindischen Plänen tropfenweise spenden, ist den Armen erpreßt.“

(Seite 247)

Immer wieder kommen auch verborgene Aspekte bei London aus Tablett. Etwa die Altersarmut durch ein weggefallenes Familiennetzwerk, Selbstmorde, Alkoholismus, die hohe Kindersterblichkeit, die Armutskriminalität oder die Stellung der Frauen als „Sklaven ihres Mannes“.
Etwas verwirrend ist der Währungs-Wirrwar im Buch: Pfund, Pence, Farthing, Dollar, Guinea, Schilling, Sovereign.
In einem Teil des Buches nimmt London sogar eine Auswertung von statistischen Material vor.
So erfährt man, dass damals im East End eine Kindersterblichkeit von 25% vor dem 5. Lebensjahr herrschte.
Das bei einer Reportage über die Empire-Hauptstadt London der ansonsten so kritische Autor nie kritisch den britischen Kolonialismus anspricht, ist ein etwas irritierender blinder Fleck im Leben.

Auch wenn die Armut im heutigen London nicht mehr derartige Ausmaße hat, so lohnt sich die Lektüre dieses alten Buches doch, schon allein um festzustellen dass auch in Europa einstmals eine Armut herrschte, wie sie heute auf dem Trikont zu finden ist.

Kurzes Manifest der Technik-Minimalist*innen

Dieses kurzes Manifest enthält keine Belehrungen oder Lösungsideen für alle Menschen. Es enthält nur die Erklärung einer Position und Haltung von einzelnen Menschen.
Wir lehnen Technik nicht grundsätzlich ab. Wir sind keine Primitivist*innen und Technik-Feind*innen.
Wir fordern aber das Recht für uns ein in bestimmten Bereichen ‚unmodern‘ zu sein.
Wir begreifen dieses Vorgehen nicht als Allheilmittel, aber als eine individuelle Überlebensstrategie für Einzelpersonen.
Das ist somit KEIN Aufruf zu einem Boykott, es ist die Erklärung und Begründung für einen bestimmten Lebensstil.
Wir schätzen und mögen viele Aspekte des technischen Fortschritts. Krankenwägen, Röntgenmaschinen oder Notruftelefone sind wichtige Fortschritte in der Menschheitsgeschichte gewesen.
Wir nehmen uns aber für uns selbst heraus, uns bestimmte technischen Aspekten der Gegenwart zu verweigern und bestehen vehement auf diesem Recht. Wir bitten allen Anderen das anzuerkennen und Rücksicht darauf zu nehmen, beispielsweise was die eingeschränkte Erreichbarkeit betrifft.
Es kann nicht selbstverständlich davon ausgegangen werden dass jede*r bei Facebook ist, jede*r Internet oder ein Handy hat. Die bewusst getroffenenen technischen Voraussetzungen von Menschen im Westen sind unterschiedlich und müssen daher einzeln erfragt werden. Es kann von nicht automatisch ausgegangen werden. Weder von einem Telefon-Anschluss, noch von einem Internet-Zugang.
Wir sind eine Minderheit, in manchen Bereichen sogar eine winzigkleine.
Wir haben für unsere Teil-Verweigerung rationale Gründe und lehnen esoterische Begründungen ab.
Manche von uns sehen für sich eine Suchtgefahr in der Benutzung moderner Technik.
Andere haben Bedenken in Bezug auf Repressionsanfälligkeit durch einen gut gerüsteten Überwachungsstaat.
Wieder andere sehen sich versuchen, solange sie im real existierenden Kapitalismus leben, eine bewusste Entschleunigung in ihrem Leben vorzunehmen, indem wir auf bestimmte Aspekte von Technik verzichten. Eine Entgrenzung des Arbeitsplatzes und eine ständig eingeforderte Erreich- und Verfügbarkeit durch den Lohnherren ist eine Verschlechterung, die auch eine Folge der kapitalistischen Moderne ist.
Wer was genau für sich was verweigert ist unterschiedlich. Manche von uns bloggen leidenschaftlich, haben aber kein Handy. Andere haben kein Internet, aber ein Handy. Manche haben nur ein Handy, aber kein Smartphone.
Vielleicht haben es einige ausprobiert und sich dann dagegen entschieden, vielleicht haben es einige von Anfang an verweigert.
Es mag selten sein und seltsam erscheinen, aber wir glauben dass wir in bestimmten Bereichen ‚ohne‘ besser leben.

Buchkritik „Der Zensor“ von Marcus Hammerschmitt

Der Zensor
„Der Zensor“ von Marcus Hammerschmitt ist eine Mischung aus Science Fiction und Dystopie. Der Roman spielt im Jahr 2136 auf der iberischen Halbinsel. Spanien wurde im Zuge der „Landnahme“ vor hundert Jahren von den Neo-Maya aus Südamerika erobert und kolonisiert. Deren Siedlungen reichen bis nach Frankreich hinein. Portugal wurde dagegen von den Azteken besetzt. Die neue Weltmacht der Neo-Maya basiert auf einem Technologie-Vorsprung in der Nanotechnologie. In die neue Technologie wurden alte Maya-Mythen integriert und die Maya-Schrift aus Glyphen ist die wichtigste Schrift in der neuen alten Welt. Auch das alte Maya-Gesellschaftssystem wurde re-etabliert. In einer strengen Hierarchie bis hinab zu den Sklaven herrschen Könige wie Götter zusammen mit Adelsgeschlechtern, die beständig gegeneinander intrigieren. In den Küstenstädten existiert als weiterer Machtfaktor eine Maya-Hanse.
So kommt es das die Landkarte Spaniens von indianischen Königreiche bedeckt ist. Doch die Mayanisierung Spaniens war nicht vollständig. Es gibt Maya-Land und selbstverwaltetes Gebiet, in dem Spanier*innen, zumeist in ärmlichen Verhältnissen, leben. Im Maya-Land gibt es Tempel, Pyramiden und durch die Nano-Technologie herangezüchteten und stabilisierten Urwald als hätte man Yucatan nach Spanien verpflanzt. Yucatan gilt im Buch als das „Mutterland“. Allerdings erlebte ganz Meso-Amerika eine „indianische Renaissance“. Die spanischen ‚Ureinwohner*innen‘ kollaborieren mit den neuen Herrschern, fügen sich oder sie leisten Widerstand. Dieser sammelt sich in der „Frente patriótico para la Liberación de Espana“ (FPLE), die sehr unterschiedliche Fraktionen vereint. Von Klerikalfaschisten und Royalisten über Kommunisten bis hin zu Anarchisten.
Gegen die FPLE wird die Maya-Eliteeinheit der „Raben“ eingesetzt. Der Kampf ist auf beiden Seiten grausam und erbittert, so löscht die Guerilla in ihrem Kampf auch ganze Maya-Siedlungen aus und ein Teil will gegen die Besatzung sogar die „N-Waffe“ (Nano-Waffe) einsetzen.
Trotz des technologischen Fortschritts ist die Maya-Gesellschaft in Spanien sehr traditionell mit mit strengen Verhaltensregeln der verschiedenen Kasten untereinander ausgerichtet und deswegen auch agrarisch geprägt.
Der Konflikt zwischen „Maisfressern“ (Maya) und „Kartoffelfressern“ (Spanier*innen) findet auch auf religiöser Ebene statt. Die Maya und Konvertiten huldigen ihren alten Göttern, mitsamt ritueller Menschenopfer. Die meisten Spaniern bekennen sich dagegen weiter zum Katholizismus. Zwischen allen Stühlen stehen die Synkretisten, die Aspekte beider Religionen zu vereinen suchen. Auch der Vatikan und der Maya-Klerus ringen miteinander.
Die Maya sind keine einheitliche Macht, die unterschiedlichen Stadtstaaten konkurrieren miteinander. Der mächtigste ist im Buch Nano-Tikal oder kurz Tikal. In diesem kommen gleich nach dem König die Ahaus, ein Adelstitel der Maya. Einer dieser Ahaus in Tikal ist der Ahau Yaqui, der seit zwanzig Jahren der oberste Zensor in Tikal ist. Yaqui kommt einer Verschwörung auf die Spur, in die der Maya-Geheimdienst „Jaguarjungen“, die Nano-Technik-Priester-Kaste der „Blattschneiderameisen“, der Vatikan und auch der König von Tikal verwickelt sind. Auch der mit Tikal konkurrierende Stadtstadt Nadz Caan, das ehemalige Madrid, spielt in dem Geschehen eine Rolle.
Die Maya-Perspektive wird im Buch aus den Augen von Ahau Yaqui geschildert, während der FPLE-Kommandeur Enrique im Buch die andere spanische Perspektive einnimmt. Beide erleben Verschwörungen und Intrigen bis sie am Buchende in einer Gefängniszelle aufeinander treffen.

Marcus Hammerschmitt hat eine gut recherchierte in die Zukunft gelegte Spiegelgeschichte geschrieben. Nicht die Spanier kolonisieren und unterwerfen die Maya, sondern es geschieht genau anders herum. Die Kolonisierten schlagen zurück. Durch die Kolonisierung Spaniens durch die Neo-Maya, die von diesen auch als Racheakt verstanden wird, zeigt der Autor wie eine Kolonisierung abläuft. Dabei werden die Neo-Maya aber nicht übermäßig positiv dargestellt, es ist nicht nur eine historische Rache-Mission, sondern es geht auch schlicht um Macht und Einfluss.
In gewisser Weise ist die Geschichte im Buch auch eine historische Parodie, allerdings ohne dabei zu offensichtlich witzig sein zu sollen. Es ist das setting an sich, was den Witz darstellt.
Das Buch ist 2001 erschienen und leider eher unbekannt geblieben. Das ist schade, da es neben der einfallsreichen Story auch spannend geschrieben ist. Ihm ist deswegen eine Neu-Entdeckung sehr zu wünschen.