Buchkritik „Der Zensor“ von Marcus Hammerschmitt

Der Zensor
„Der Zensor“ von Marcus Hammerschmitt ist eine Mischung aus Science Fiction und Dystopie. Der Roman spielt im Jahr 2136 auf der iberischen Halbinsel. Spanien wurde im Zuge der „Landnahme“ vor hundert Jahren von den Neo-Maya aus Südamerika erobert und kolonisiert. Deren Siedlungen reichen bis nach Frankreich hinein. Portugal wurde dagegen von den Azteken besetzt. Die neue Weltmacht der Neo-Maya basiert auf einem Technologie-Vorsprung in der Nanotechnologie. In die neue Technologie wurden alte Maya-Mythen integriert und die Maya-Schrift aus Glyphen ist die wichtigste Schrift in der neuen alten Welt. Auch das alte Maya-Gesellschaftssystem wurde re-etabliert. In einer strengen Hierarchie bis hinab zu den Sklaven herrschen Könige wie Götter zusammen mit Adelsgeschlechtern, die beständig gegeneinander intrigieren. In den Küstenstädten existiert als weiterer Machtfaktor eine Maya-Hanse.
So kommt es das die Landkarte Spaniens von indianischen Königreiche bedeckt ist. Doch die Mayanisierung Spaniens war nicht vollständig. Es gibt Maya-Land und selbstverwaltetes Gebiet, in dem Spanier*innen, zumeist in ärmlichen Verhältnissen, leben. Im Maya-Land gibt es Tempel, Pyramiden und durch die Nano-Technologie herangezüchteten und stabilisierten Urwald als hätte man Yucatan nach Spanien verpflanzt. Yucatan gilt im Buch als das „Mutterland“. Allerdings erlebte ganz Meso-Amerika eine „indianische Renaissance“. Die spanischen ‚Ureinwohner*innen‘ kollaborieren mit den neuen Herrschern, fügen sich oder sie leisten Widerstand. Dieser sammelt sich in der „Frente patriótico para la Liberación de Espana“ (FPLE), die sehr unterschiedliche Fraktionen vereint. Von Klerikalfaschisten und Royalisten über Kommunisten bis hin zu Anarchisten.
Gegen die FPLE wird die Maya-Eliteeinheit der „Raben“ eingesetzt. Der Kampf ist auf beiden Seiten grausam und erbittert, so löscht die Guerilla in ihrem Kampf auch ganze Maya-Siedlungen aus und ein Teil will gegen die Besatzung sogar die „N-Waffe“ (Nano-Waffe) einsetzen.
Trotz des technologischen Fortschritts ist die Maya-Gesellschaft in Spanien sehr traditionell mit mit strengen Verhaltensregeln der verschiedenen Kasten untereinander ausgerichtet und deswegen auch agrarisch geprägt.
Der Konflikt zwischen „Maisfressern“ (Maya) und „Kartoffelfressern“ (Spanier*innen) findet auch auf religiöser Ebene statt. Die Maya und Konvertiten huldigen ihren alten Göttern, mitsamt ritueller Menschenopfer. Die meisten Spaniern bekennen sich dagegen weiter zum Katholizismus. Zwischen allen Stühlen stehen die Synkretisten, die Aspekte beider Religionen zu vereinen suchen. Auch der Vatikan und der Maya-Klerus ringen miteinander.
Die Maya sind keine einheitliche Macht, die unterschiedlichen Stadtstaaten konkurrieren miteinander. Der mächtigste ist im Buch Nano-Tikal oder kurz Tikal. In diesem kommen gleich nach dem König die Ahaus, ein Adelstitel der Maya. Einer dieser Ahaus in Tikal ist der Ahau Yaqui, der seit zwanzig Jahren der oberste Zensor in Tikal ist. Yaqui kommt einer Verschwörung auf die Spur, in die der Maya-Geheimdienst „Jaguarjungen“, die Nano-Technik-Priester-Kaste der „Blattschneiderameisen“, der Vatikan und auch der König von Tikal verwickelt sind. Auch der mit Tikal konkurrierende Stadtstadt Nadz Caan, das ehemalige Madrid, spielt in dem Geschehen eine Rolle.
Die Maya-Perspektive wird im Buch aus den Augen von Ahau Yaqui geschildert, während der FPLE-Kommandeur Enrique im Buch die andere spanische Perspektive einnimmt. Beide erleben Verschwörungen und Intrigen bis sie am Buchende in einer Gefängniszelle aufeinander treffen.

Marcus Hammerschmitt hat eine gut recherchierte in die Zukunft gelegte Spiegelgeschichte geschrieben. Nicht die Spanier kolonisieren und unterwerfen die Maya, sondern es geschieht genau anders herum. Die Kolonisierten schlagen zurück. Durch die Kolonisierung Spaniens durch die Neo-Maya, die von diesen auch als Racheakt verstanden wird, zeigt der Autor wie eine Kolonisierung abläuft. Dabei werden die Neo-Maya aber nicht übermäßig positiv dargestellt, es ist nicht nur eine historische Rache-Mission, sondern es geht auch schlicht um Macht und Einfluss.
In gewisser Weise ist die Geschichte im Buch auch eine historische Parodie, allerdings ohne dabei zu offensichtlich witzig sein zu sollen. Es ist das setting an sich, was den Witz darstellt.
Das Buch ist 2001 erschienen und leider eher unbekannt geblieben. Das ist schade, da es neben der einfallsreichen Story auch spannend geschrieben ist. Ihm ist deswegen eine Neu-Entdeckung sehr zu wünschen.