Buchkritik „ Die Menschen des Abgrundes“ von Jack London

Menschen des Abgrundes
Bereits lange vor Wallraff hat der Schriftsteller Jack London (1876-1916) sich unter die Ärmsten und Verzweifelten, er nennt sie „die Menschen des Abgrundes“, „Straßenpflastervolk“ oder „Gossenvolk“, begeben, um über deren bitteres Los zu berichten. In „Menschen am Abgrund“ lebte er 1902 für sechs Wochen im Londoner Viertel East End, also in den damaligen Slums Ostlondons. Zu dieser Zeit herrschen in Londons Armutsvierteln Zustände wie heute in einem Slum in Kalkutta. Jack London schreibt:

„Auf einem Marktplatz wühlten taprige alte Männer und Frauen in den Kot geworfenen Abfall nach verfaulten Kartoffeln, Bohnen und anderem Gemüse, während kleine Kinder wie Fliegen um einen vergammelten Haufen Obst schwirrten, die Arme bis zu den Schultern in die feuchtklebrige Fäulnis stießen und noch nicht ganz verdorbene Stückchen herausholten, die sie auf der Stelle verschlangen.“

(Seite 13)
Nach Jack Londons Angaben lebten im damaligen London 1.800.000 Einkommensarme. Zum Vergleich: In ganz London lebten damals 6 Millionen Menschen.

Der Autor kleidete sich als Armer ein, um nicht aufzufallen und besser recherchieren zu können:

„Zum erstenmal begegnete ich den niederen Schichten der Engländer von Angesicht zu Angesicht und lernte sie so kennen, wie sie waren. Wenn Müßiggänger oder Arbeiter an Straßenecken oder in Kneipen mit mir sprachen, redeten sie mit mir wie ein Mensch zum andern und so natürlich, wie Menschen reden sollten, ohne den mindesten Gedanken daran, für das, was sie sprachen etwas aus mir herauszuholen.“

(Seite 19)
Jack London stellt in seiner Reportage einzelne Schicksale vor und schreibt über die Vergessenen und Überflüssigen. Über Blinde, Gefängniskinder, Obdachlose, Ghettobewohner, Prostituierte, Wander- und Gelegenheitsarbeiter und Armenhäusler.
So ist er auch als Obdachloser auf den Straßen Londons unterwegs. Die Obdachlosen-Asyle beschreibt er als eine Form von Hölle:

„Es roch abscheulich, und die trübe Düsternis und das Stimmengemurmel aus dem Dunkel ließen ihn mehr wie ein Vorzimmer zur Hölle erscheinen. Die meisten Männer waren pflastermüde und leiteten die Mahlzeit ein, indem sie ihre Schuhe auszogen und die schmutzigen Lumpen abbanden, in die sie ihre Füße gewickelt hatten. Das trug zu dem allgemeinen Gestank bei und nahm mir den Appetit.“

(Seite 86)

Jack London kritisiert scharf die reicheren Bewohner*innen Londons, die sich die Armut ein paar Straßen weiter kaum vorstellen können. So beschreibt er, wie er als Obdachloser von den Bobbys ständig weiterverjagt wird und so keinerlei Schlaf findet:

„Doch oh, ihr lieben, empfindsamen Leute voll Saft und Kraft mit weißen Betten und luftigen Zimmern, die euch jede Nacht erwarten, wie kann ich euch klarmachen, was es heißt zu leiden, wie ihr leiden würdet, müßtet ihr eine beschwerliche Nacht auf den Straßen von London verbringen? Glaubt mir, ihr würdet meinen, tausend Jahrhunderte wären gekommen und gegangen, ehe der Osten zur Morgendämmerung verblaßt, ihr würdet vor Kälte zittern, bis ihr drauf und dran wärt, vor Pein in jedem schmerzenden Muskel laut zu schreien, und ihr würdet euch wundern, daß ihr so viel erdulden und trotzdem leben könnt. Solltet ihr auf einer Bank ausruhen und die müden Augen schließen, dann verlaßt euch darauf, daß euch der Polizist weckt und euch barsch befiehlt »weiterzugehn«.“

(Seite 63)

Er kritisiert auch, wie Arme pathologisiert werden, um sie bevormunden zu können:

„Zeitweilige Geistesstörung! Oh, diese verfluchten Phrasen, diese Lügen der Sprache, hinter die sich Leute mit Fleisch im Bauch und heilen Hemden flüchten und der Verantwortung für ihre Brüder und Schwestern entziehen, deren Bauch leer ist und die kein heiles Hemd auf dem Rücken haben.“

(Seite 217-18)

Der Autor beschreibt nicht nur das elende Leben der Armen, er analysiert auch die Gründe dafür und prangert an:

„Und jetzt möchte ich die bestehenden Machthaber kritisieren. Sie haben die Macht und können daher verfügen, was ihnen beliebt, deshalb nehme ich mir nur die Freiheit, die lächerliche Unsinnigkeit ihrer Verfügungen zu kritisieren. Sie zwingen die Obdachlosen, die ganze Nacht lang hin und her zu wandern. Von Türen und Torwegen vertreiben sie sie und schließen sie von den Parks aus. Die augenscheinliche Absicht all dessen ist, sie ihres Schlafes zu berauben oder auch alles anderen anderen, aber warum in aller Welt öffnen sie um fünf Uhr früh die Parktore und lassen die Obdachlosen ein und schlafen.“

(Seite 100-101)

Zu seinen Kritikpunkten führt auch das Rechtssystem, was Obdachlose für mehrere Tage wegsperrt:

„Seine Frau zu Mus zu schlagen und ihr ein paar Rippen zu zerbrechen ist ein geringfügiges Vergehen im Vergleich dazu, im Freien unter den unverhüllten Sternen zu schlafen, weil man nicht das Geld für ein Bett hat.“

(Seite 152)

Der Sozialist London thematisiert auch die Eigentumsverhältnisse, wenn er dabei allerdings nicht von seiner Arbeitsethik abrückt:

„Das Einkommen ist in Ordnung, aber daran, wie es verwaltet wird, ist etwas verbrecherisch Unrechtes. Und wer wagt zu behaupten, daß dieser große Haushalt nicht verbrecherisch geführt wird, wenn fünf Menschen Brot für tausend produzieren können und doch Millionen nicht genug zu essen haben?“

(Seite 242)

Im Gegensatz zu den bekannteren Büchern von Jack London ist „Die Menschen des Abgrundes“ nicht nur beschreibend, sondern auch analytisch. London analysiert die Dynamiken von Armut und ihre Ursachen. Das geht von der wohnlichen Verdrängung der Armen Londons aus ihren Vierteln bis zur Todesursache Armut. London greift in seiner Reportage zu geharnischten Worten. Er spricht von einem „Schlachthaus“. Im Gegensatz zu Londons „Abenteuer eines Tramps“ finden sich auch keine Ansätze zur Romantisierung des Lebens der Armen. Trotz mancher problematischer Sätze über die Armen und ihre körperliche Gesundheit, sowie eine protestantische Arbeitsethik, begegnet der Autor den Armen im allgemeinen doch mit Respekt.
Auch die Armutsfürsorge bekommt bei London ihre Kritik ab. So schimpft er auf die „Seelenfänger der Heilsarmee“. Ebenso kritisiert er nutzlose ‚Hilfen‘ wie etwa Sparsamkeitspredigten. Die Mildtätigkeit der Reichen entlarvt er als system-immanent:

„Sie tun, wie jemand gesagt hat, alles für die Armen, außer daß sie aufhören, in ihrem Nacken zu sitzen. Sogar das Geld, das sie bei ihren kindischen Plänen tropfenweise spenden, ist den Armen erpreßt.“

(Seite 247)

Immer wieder kommen auch verborgene Aspekte bei London aus Tablett. Etwa die Altersarmut durch ein weggefallenes Familiennetzwerk, Selbstmorde, Alkoholismus, die hohe Kindersterblichkeit, die Armutskriminalität oder die Stellung der Frauen als „Sklaven ihres Mannes“.
Etwas verwirrend ist der Währungs-Wirrwar im Buch: Pfund, Pence, Farthing, Dollar, Guinea, Schilling, Sovereign.
In einem Teil des Buches nimmt London sogar eine Auswertung von statistischen Material vor.
So erfährt man, dass damals im East End eine Kindersterblichkeit von 25% vor dem 5. Lebensjahr herrschte.
Das bei einer Reportage über die Empire-Hauptstadt London der ansonsten so kritische Autor nie kritisch den britischen Kolonialismus anspricht, ist ein etwas irritierender blinder Fleck im Leben.

Auch wenn die Armut im heutigen London nicht mehr derartige Ausmaße hat, so lohnt sich die Lektüre dieses alten Buches doch, schon allein um festzustellen dass auch in Europa einstmals eine Armut herrschte, wie sie heute auf dem Trikont zu finden ist.