Buchkritik „Der Circle“ von Dave Eggers

Der Circle
Auch wenn es bei der Lektüre nicht gleich klar wird, so ist „Der Circle“ von Dave Eggers ein dystopischer Roman. Mit der Hauptprotagonistin Mae rutscht der*die Leser*in nach und nach, fast schon unmerklich in einen totalitären Albtraum.
Mae fängt an bei einem Unternehmen namens „Circle“ zu arbeiten, einem IT-Unternehmen, was führend ist im Bereich social media. Die meisten Mitarbeitenden arbeiten auf einem luxuriösen Campus-Gelände. Da das ganze als Community funktionieren soll, verbringen die Mitarbeiter*innen hier auch ihre meiste Freizeit. Es gibt rund um die Uhr Unterhaltung und Versorgung für jegliche individuellen Bedürfnissen. Von der Hundetagesstätte bis zum standartisierten vierzehntäglichen Gesundheits-Checkup.
Doch die Community hat eigene Regeln, die weit über normale Arbeitsplatz-Regeln hinausgehen. Einerseits ist der ‚Circle‘ sehr fürsorglich, andererseits sehr bevormundend und sektenartig.
Durch seine Fürsorglichkeit kann der ‚Circle‘ besser motivieren als das einem normalen Unternehmen gelingt oder der Realsozialismus es konnte. Denn hier ist alles scheinbar perfekt. Jede*r kümmert sich um jede*n. Eine schöne neue Yuppie-Welt, bevölkert von jungen, kreativen und enthusiastischen Menschen. Doch es ist auch eine schöne neue Welt im Sinne von Aldous Huxley. Neben Huxley nimmt der Roman offenbar auch Anleihen bei Orwell. Etwa wenn über Maes Schreibtisch folgende Slogans angebracht werden:

„GEHEIMNISSE SIND LÜGEN
TEILEN IST HEILEN
ALLES PRIVATE IST DIEBSTAHL“

(Seite 346)
Das erinnert sehr an die drei Sätze des Orwellschen Wahrheitsministeriums („Krieg ist Frieden!“ etc.).

Es gibt im ‚Circle‘ einen Zwang zu ständiger Verfügbarkeit, Selbstoptimierung und Unterwerfung gegenüber dem Unternehmen. Das unausgesprochene Motto lautet „Du bist nichts, Dein Unternehmen ist alles!“. Der Gemeinschaftszwang herrscht nicht nur offline, sondern auch online. Ständig soll bewertet und kommuniziert werden.
Im Verlauf des Buches radikalisiert sich das und wird durch die Macht des ‚Circles‘ auch im Rest der Gesellschaft umgesetzt. Die Leitlinie heißt „Leidenschaft, Partizipation und Transparenz“. Es wird nichts gelöscht und alles gespeichert.

Propagiert wird letztendlich die totale Transparenz und Selbstüberwachung. Menschen hängen sich freiwillig Kameras um, damit sie life ihr Leben dokumentieren. Anfangs sind es nur einzelne Politiker*innen, die „gläsern werden“, wie es im Buch heißt. Doch schnell entsteht Druck auf die Amtsträger*innen das sie alle eine Kamera tragen:

„Nach einigen Wochen wurden die nicht transparenten Amtsträger wie Ausgestoßene behandelt. Die Gläsernen wollten sich nicht nicht mit ihnen treffen, solange sie sich weigerten, eine Kamera zu tragen, und somit blieben sie außen vor.“

(Seite 275)

Auch Mae legt nach einiger Zeit die Kamera an und wird zur Reporterin, die ständig live berichtet. Das führt zu einer Selbstdisziplinierung:

„Sie verzichtete inzwischen auf Limo, Energydrinks, Fertignahrung. Auf Circle-Festen hielt sie sich an einem einzigen Drink fest und versuchte jedes Mal, das Glas nicht ganz auszutrinken. Alles Unmäßige provozierte postwendend eine aufgeregte Welle von besorgten Zings, deshalb hielt sie sich in den Grenzen der Mäßigung. Und sie fand es befreiend. Sie war erlöst von schlechten Gewohnheiten. Sie war erlöst davon, Dinge zu tun, die sie nicht tun wollte, Dinge zu essen und zu trinken, die ihr nicht guttaten.“

(Seite 374)

Der Druck sich diesem System der Totalüberwachung anzuschließen ist enorm. Sich ihm zu entziehen wird immer schwieriger. Überall werden Kameras angebracht und können online eingesehen werden. Die Reservate der Ruhe schrumpfen ständig.
Bei der Einführung und Ausweitung der Überwachung wird perfide mit Demokratie, Sicherheit und Extremfällen argumentiert. So soll es etwa Kindern ein Chip implantiert werden, um ihre Sicherheit zu gewährleisten
Geheimnisse sind Verbrechen und Menschen sollen durch absolute Transparenz gezwungen werden bessere Menschen zu sein, wie einer der drei ‚Circle‘-Weisen Mae erklärt:

„In einer Welt, in der schlechte Entscheidungen keine Option mehr sind, haben wir keine andere Wahl, als gut zu sein.“

(Seite 331)

Smart Phones Dumb People

Zögerte Mae anfangs noch, so unterwirft sie sich schlussendlich diesen Prinzipien. Doch in ihrem Ex-Freund Mercer erwächst ihr im Buch ein Gegenspieler. Er erkennt, dass die neuen Kommunikationsformen nur die Simulation von Beziehungen und Interaktion darstellen.
Darauf weist er Mae hin:

„Ich meine, dieses ganze Zeug, mit dem du zu tun hast, das ist alles Klatsch und Tratsch. Da reden Leute hinterrücks übereinander. Das gilt für die überwiegende Mehrheit von diesen Social Media, all diesen Bewertungen, all diesen Kommentaren. Deine Tools haben Klatsch und Tratsch, Hörensagen und Behauptungen auf die Ebene gültiger, regulärer Kommunikation erhoben. […] Hör mal, vor zwanzig Jahren war es alles andere als cool, eine Taschenrechneruhr zu haben, richtig? Und wer den ganzen Tag lang zu Hause hockte und mit seiner Taschenrechneruhr spielte, gehörte eindeutig zu denen, die sozial nicht gut klarkamen. Und Beurteilungen wie »Gefällt mir« und »Gefällt mir nicht« und »Smile« und »Frown« waren was für Pubertierende. Irgendwer schrieb einen Zettel mit der Frage: »Magst Du Einhörner und Sticker«, und du antwortetest: »Ja, ich mag Einhörner und Sticker! Smile!« So was eben. Aber jetzt machen das nicht mehr nur Teenager, sondern alle, und es kommt mir manchmal so vor, als wäre ich in eine Zone geraten, in der alles seitenverkehrt ist, eine Spiegelwelt, wo der dämlichste Mist der Welt alles beherrscht. Die Welt hat sich verdämlicht.“

(Seite 155)
„Du sitzt zwölf Stunden pro Tag an einem Schreibtisch, und dabei kommt nichts anderes rum als ein paar Zahlen, die in einer Woche nicht mehr existieren oder in Vergessenheit geraten sind. Du hinterlässt keine Spuren.“ (Seite 298)
Ebenso weist er sie auf die Total-Überwachung hin:

„Ich meine, wie alles, was ihr so pusht, klingt es perfekt, progressiv, aber es bringt auch mehr Kontrolle mit sich, mehr zentrale Überwachung von allem, was wir machen.“

(Seite 296)

„Ich denke, du redest dir ein, wenn du an deinem Schreibtisch sitzt und Frowns und Smiles vergibst, führst du tatsächlich ein faszinierendes Leben. Du kommentierst Sachen, und das ist der Ersatz dafür, sie selbst zu tun. Du siehst dir Fotos von Nepal an, klickst auf einen Smile-Button und glaubst, das ist das Gleiche wie nach Nepal zu fahren.“

(Seite 299)

Die von Dave Eggers beschriebene Auflösung des Menschen in Algorithmen ist beängstigend und leider nur teilweise Fiktion. Der fiktive ‚Circle‘ ist die vereinigte Macht der realen Weltmächte von Google, Facebook und Co.
Das Buch ist gut geschrieben, häufig folgt man anfangs der Überwachungs-Logik. An anderen Stellen wiederum möchte man Mae zurufen: Wach endlich auf!
Manchmal scheint der Roman wenig zu sehr pessimistisch, aber das ist das Vorrecht einer Dystopie. Dave Eggers weist mit seinem Buch jedenfalls gut auf die Gefahren des digitalen Zeitalters hin.