Buchkritik „Drachenläufer“ von Khaled Hosseini

Drachenläufer

Der Roman „Drachenläufer“ von Khaled Hosseini ist die Geschichte von Amir. Dieser wird 1963 in Kabul, der Hauptstadt von Afghanistan geboren. Sein unnahbarer Vater, Aga Khan, ist ein wohlhabender Teppich-Händler, der seinen allein aufzieht. Amir wächst als Kind der Kabuler Oberschicht und verlebt eine unbeschwerte Kindheit. Sein bester Freund ist Hassan, das Kind des Dienstboten. Obwohl die beiden gut befreundet sind und sich Hassan für den schwächeren Amir immer wieder in die Bresche wirft, liegt zwischen doch ein unsichtbarer Graben. Sie trennt eine soziale Hierarchie, aber auch die Herkunft. Amir ist Paschtune und seine Mutter war sogar entfernt mit dem afghanischen Königshaus verwandt. Hassan dagegen gehört der schiitischen Hazara-Minderheit an, auf die die sunnitischen AfghanInnen meist herabblicken. In der damaligen Zeit sind sie in den begüterten Haushalten Kabuls als ‚Gesinde‘ angestellt.
Als Amir einmal auf der Suche nach Hassan ist, erklärt ihm ein Händler:

„»[…] Sein Vater sollte auf die Knien fallen und mit den Wimpern den Staub von deinen Füßen wischen.«“

(Seite 78)
Trotz der Freundschaft ist Amir neidisch auf Hassan, denn diese ist mutiger, sportlicher und aufrichtiger als er:

„Er war so verdammt ehrlich, dass man sich neben ihm immer wie ein Betrüger vorkam.“

(Seite 65)
Amirs Vater, im Buch meist als „Baba“ bezeichnet, lobt Hassan dafür und wünscht sich von seinem Sohn ähnliches. Doch, Rahim Khan, der beste Freund von Amirs Vater weist ihn darauf hin, dass er seinen Wunschsohn nicht erzwingen kann:

„»Kinder sind doch nicht wie Malbücher. Du kannst sie nicht mit deinen Lieblingsfarben.«“

(Seite 29)
Als Amir 13 ist, zerbricht die Freundschaft an einem Ereignis, in dem Amir seinem Freund nicht zur Hilfe eilt. Das schlechte Gewissen Amirs führt zum Bruch der Freundschaft. Die beiden verlieren sich aus den Augen, doch Jahre später erhält Amir die Chance seinen Fehler wieder gut zu machen.

Das Buch ist auch eine Geschichte Afghanistans. Amir erlebt den Sturz des Königs, die Invasion der Sowjets und später die 1996 einsetzende Taliban-Herrschaft. Über die auf den Rückzug der Sowjets einsetzenden Diadochen-Kämpfe der Mujahedin erfährt Amir aber nur aus den amerikanischen Medien. Denn sein Vater und er flohen 1983 über Pakistan in die USA. Für den Vater ist es der Abstieg in der sozialen Hierarchie. Er muss als Tankwart von vorne anfangen. Amir dagegen studiert Literatur, wird Schriftsteller und findet in der afghanischen Diaspora in den USA seine Frau. Bis er vom Freund seines Vaters angerufen wird und in heikler Mission in das Taliban-regierte Kabul fährt. Doch das Kabul seiner Kindheit hat sich verändert:

„Nach Kabul zurückzukehren war wie die Begegnung mit einem alten Freund, dem das Leben offenbar schwer zugesetzt hatte und der nun völlig verarmt und obdachlos war.“

(Seite 258)

Das Buch liest sich gut, vermittelt eine bisher unbekannte Perspektive auf das kriegszerrüttelte Afghanistan und bleibt spannend bis zum Schluss. Leseempfehlung!