Archiv für Juni 2016

Die Geschlechterordnung bei „Games of Thrones“

Sowohl die Fantasy-Buch-Serie „Das Lied von Eis und Feuer“ von George R.R. Martin als auch ihre Serien-Verfilmung unter dem Titel „Games of Thrones“ (GoT) sind derzeit ungeheuer populär. Im Buch liegt das daran, dass die Kapitel aus der Perspektive je unterschiedlicher ProtagonistInnen geschrieben wurden; bisher gab es 50 unterschiedliche davon. Außerdem schraubt der Autor ziemlich an der Spannungskurve, indem er sympathische Personen sterben und unsympathische Gestalten weiterleben lässt.
Ansonsten ist „Das Lied von Eis und Feuer“ aber auch gute alte Fantasy-Kost. Trotz der Fantasyelemente ist der Hauptspielort, der Kontinent Westeros mit seinen sieben Königreichen, stark an das europäische Mittelalter angelehnt ist. Andere Bereiche der Welt erinnern eher an das alte Mesopotamien oder den Orient.
Generell ist es jedenfalls eine sehr traditionelle Gesellschaft voller Zeremonien, Erbfolgen und dynastischen Denken, die in dem Fantasy-Epos vom Autor entworfen wurde. Dabei ist GoT auch spannend, weil die TV- und Buchserie auch patriarchale Geschlechterverhältnisse deutlich abbildet und dadurch die Nachteile für die Frauenfiguren thematisiert.

Gewalt gegen Frauen, besonders sexualisierte, wird bei GoT immer wieder dargestellt und geschildert. Auch wie die Erfahrung oder Bedrohung durch diese Handeln und Entscheidungen von Frauen beeinflusst, wird gut nachvollziehbar. Königin Cersei aus dem Haus Lennister ist beispielsweise durch ihr brutales und intrigantes Vorgehen gegen echte und vermeintliche FeindInnen ihrer Familie sicherlich keine Sympathieträgerin in der Geschichte, aber nach der Schilderung ihrer Zwangsverheiratung und der regelmäßigen Vergewaltigungen durch ihren betrunkenen Gatten, Robert Baratheon kommt man nicht umhin ein gewisses Mitleid und sogar Verständnis für sie zu entwickeln.

Ein Träger des Patriarchats ist bei GoT auch die Religion. Jedoch sind die unterschiedliche Religionen und Kulte in GoT auch unterschiedlich patriarchal. Während die Religion des roten Gottes bzw. des „Herrn des Lichts“ auch Priesterinnen zulässt, hat die auf Westeros dominierende Religion des siebenzackigen Stern offenbar nur Priester. Sie fordert zudem die strikte Monogamie in der Ehe ein und vertritt einen Jungfrau-Kult, d.h. Frauen sollen jungfräulich in die Ehe gehen.
In der Religion des siebenzackigen Sterns kommt es im Verlauf der Geschichte zu einer Machtverschiebung. Religiöse FundamentalistInnen setzen ihre Machtansprüche gegenüber der bisher dominierenden korrupten Kaste von Oberpriestern durch. Die „Spatzen“, eine Form von religiöser Erweckungsbewegung unter den verarmten und kriegszermürbten Massen, sind dabei die fanatisierten AnhängerInnen einer Erneuerung des Glaubens.

Bei GoT sind Frauen aber nicht nur Opfer, sondern auch aktiv Handelnde. Cersei ist durch ihrer minderjährigen Söhne Joffrey und Tommen Königinmutter und zumindest in der Westeros-Hauptstadt Königsmund zeitweise de facto die mächtigste Person.
Cersei will ihren angesehenen und mächtigen Vater, Tyvin Lennister, stolz machen und Anerkennung bei ihm finden. Mehr als einmal hadert sie deswegen mit ihrer Postion als Frau. Auch nach dem Tod Tyvins sieht sie sich als dessen wahren Erben, eine Aufgabe, die eigentlich ihrem Bruder zukäme. An einer Stelle denkt sie stolz: „Könnte mich Lord Tyvin jetzt sehen, wüsste er das er einen Erben hätte.“
Cerseis Machtanspruch leitet sich aber nur aus den Ämtern ihrer Kinder ab, sie selbst darf durch die männliche Erbfolge nicht offiziell regieren. An einer Stelle schiltert der Autor ihre Gedanken dazu:

„Wenn ich ein Mann wäre könnte ich dieses Reich in meinem eigenen Namen reagieren und nicht in Tommens“, dachte sie.

Schließlich ist da noch Daenerys Tagaryen, deren Haus Jahrhunderte über Westeros herrschte bevor es durch Robert Baratheon gestürzt wurde. Sie ist eine junge, eigenständig handelnde Königin, die durchaus mit den erwachsenen, nmännlichen Herrschern mithalten kann. Sie versucht jenseits von Westeros Truppen zur Rückeroberung des Erbes ihrer Familie zu sammeln. Allerdings verstrickt sie sich dadurch in lokale Konflkikte, die sie andernorts vorerst festhalten. Sie hat aber bei der sich anbahnenden Eroberung von Westeros einen strategischen Vorteil, sie verfügt über die einzigen drei Drachen, die an sie als „Mutter der Drachen“, durch geheimnisvolle Bande gebunden sind.

Einige Frauen rebellieren auch offen gegen die ihnen zugeschriebenen Rollen. Ein Beispiel wäre Brienne von Tard, die als fähige Ritterin und Leibwächterin auftritt. Freilich half ihr dabei ihre soziale Stellung als Hochadelige und das Einverständnis ihres Vaters. Eine arme Bäuerin könnte sich Ausbildung, Rüstung und Schlachtross niemals leisten.

Weitere adelige Kriegerinnen sind die Mormont-Frauen von der Bäreninsel im Norden von Westeros. Lady Alisana Mormont wird zum Beispiel im Buch als „grimmige Kriegerin“ beschrieben. Ihr Kriegerin-Tätigkeit fußt eventuell auch auf der Abwesenheit der Männer ihres Hauses.

Auch die junge Arya Stark, Adelige aus einem der Herrscherhäuser, wird als handelnde Person beschrieben, wobei sie auf Grund ihres Äußeren auch häufig als Junge gelesen und gar nicht als Mädchen wahrgenommen wird.

Geschlechterordnungen und soziale Hierarchien sind eng miteinander verwoben. Tendenziell wiegt die Geschlechterordnung schwerer als der soziale Rang. Denn von der niedrigsten Magd bis zur Königin, sind alle Frauen der rigiden Geschlechterordnung unterworfen. Männer, besonders die Väter, bestimmen wen die Frauen heiraten. Auch im Adel gibt es keine Liebesheiraten, sondern nur strategisch arrangierte Ehen oder Zwangsheiraten. Das gilt allerdings für Frauen wie Männer gleichermaßen. Auch die jüngeren oder niedrigrangigeren Männer haben sich dem Willen des männlichen Familienoberhauptes zu beugen.

Die Geschlechterordnungen sind auf Westeros aber nicht überall gleich. Beispiele wäre das südliche Königreich Dorne und das Gebiet nördlich der Mauer, was von Menschen bewohnt wird, die sich selbst als „das freie Volk“ bezeichnen. Hier sind die strengen Hierarchien, die im Rest von Westeros herrschen, mit Ausnahmen (den Tens) nicht gültig. Während im Rest von Westeros kämpfende Frauen Einzelfälle sind, so kämpfen im Norden Frauen regulär an der Seite von Männern. Die im Buch beschriebenen „Speerfrauen“ werden als gefährliche Kriegerinnen geschildert. Eine davon ist John Snows zeitweilige Geliebte Igritte. Im Gegensatz zum schüchternen und unerfahrenen Snow wird sie in der Beziehung der Beiden als die weitaus aktivere Person beschrieben, die immer wieder die Initiative ergreift.

In Dorne herrscht im Gegensatz zu den anderen sechs Königreichen eine gleichberechtigte Erbfolge vor, d.h. Frauen sind ebenfalls erbberechtigt, zumindest wenn sie früher geboren sind. In den anderen Königreichen gehen Titel und Land dagegen immer an den erstgeborenen Sohn. Deswegen wird im Intrigenspiel um die Macht, dem „Games of Thrones“, in Dorne versucht Cerseis Tochter Mircella als die Ältere gegenüber dem Kindkönig Tommen, ihrem Bruder, zu positionieren.
Auch in Dorne gibt es kämpfende Frauen, was sich aber auf den Adel zu beschränken scheint. Hier sind es die „Sandschlangen“, die als Verführerinnen, aber auch als starke Kämpferinnen dargestellt werden.

Doch auch anderswo wackelt auf Westeros das männliche Erbfolge-Gesetz. Auf den Eiseninseln versucht sich Usher Graufreud als Nachfolgerin ihres Vaters durchzusetzen, scheitert aber nach anfänglichen Erfolgen im Kampf um den Thron der Eiseninseln. Schon vor diesem Machtkampf ging sie mit ihren Männern auf Beutefahrt. Die als „Eisenmänner“ bezeichneten Bewohner der Eiseninseln werden als eine Form von Wikingern dargestellt. Später gerät Usher in Gefangenschaft von König Stannis Baratheon und mit diesem verbündeten Nordmännern. Im Buch wird beschrieben, wie hier ihr Selbstverständnis als Kriegerin sich mit dem allgemeinen Frauenbild reibt:

„Männer aus den grünen Landen, soviel wußte sie, mochten süße, sanfte Frauen, die Seide trugen anstatt Kettenhem und Leder und eine Wurfaxt in jeder Hand.“

So haben es Frauen nicht leicht in GoT. Das ausführlich beschrieben zu haben und dadurch vielleicht auch einen kritischeren Blick auf Frauen im europäischen Mittelalter inspieriert zu haben, darf durchaus als Verdienst von George R.R. Martin gesehen werden.

Buchkritik „Kruso“ von Lutz Seiler


„Kruso“ ist der Roman-Erstling von Lutz Seiler, der von Haus aus eigentlich Lyriker ist. Das Buch erhielt im Herbst 2014 gleich den renommierten „Deutschen Buchpreis“. Es ist locker der Gattung der ‚Wenderomane‘ zuzurechnen und erzählt die Geschichte von Edgar Bendler, genannt „Ed“, einem Aussteiger in der DDR. Der Germanistik-Student aus Halle bricht 1989 alle Brücken hinter sich ab und begibt sich nach Hiddensee, ein Sammelpunkt von „Sonderlingen aus dem Bodensatz des Sozialismus“ (Seite 260).
Die zweite Hauptperson des Romans ist Alexander Krusowitsch, genannt „Kruso“ oder manchmal auch zärtlich „Aloscha“ oder „Losch“. Dieser ist so etwas wie der heimliche Statthalter der Insel. Er hat ein informelles Netzwerk über die Insel gespannt, was dazu dient Mitglieder einer Gruppe zu verstecken, die im Buch als „Schiffbrüchige“ bezeichnet werden. Es sind Republikflüchtlinge in spe, die Hiddensee als Sprungbrett in den Westen verwenden wollen und als unautorisierte Schwarzschläfer auch des Nachts auf der Insel übernachten. So bekommt das ‚hidden‘ in Hiddensee im Roman auch die englische Bedeutung („versteckt“) des Wortes zugewiesen. Krusos Netzwerk dient der Unterbringung, nicht aber der Fluchthilfe. Denn Kruso hält die lockenden Lichter vom anderen Ufer der Ostsee für Sirenen. Er führt auch gegenüber Ed aus, dass er den Westen und sein Materialismus nicht für das Paradies hält:

„Aber viele, die dort [im Westen] geboren wurden und nie etwas anderes hatten, empfinden ihr Unglück nicht mehr. Die Unterhaltungsbranche, die Autos, Eigenheime, Einbauküchen, warum nicht? Aber für für sie ist es ihr Körper, seine natürliche Verlängerung, der Ort ihres Fühlens und Denkens. Ihre Seele steckt fest in einem Armaturenbrett, sie ist Hi-Fi-ertaubt oder cerdampft in einem Herd von Bosch. Sie können ihr Unglück nicht mehr empfinden. Sie hören nicht, welcher Zynismus in dem Wort Verbraucher steckt – allein das Wort! Sein animalischer Klang, voller Kuhglocken und Herden, über den Hügel des Wohlstandes getrieben, grasend, käuend, Verbrauch, Verdauung und neuer Verbrauch – fressen und scheißen, das ist das Leben des Verbrauchers. Und alles ist dafür eingerichtet, von der Geburt bis zum Tod des Verbrauchers. Der Verbraucherschutz funktioniert wie ein Zaun, er ist die Koppel auf dem Weideland. Die Verbraucherzentrale registriert jede Regung innerhalb der Herde und ermittelt den durchschnittlichen Verbrauch, nicht nach Kilometern, wie bei Motoren, sondern nach Jahren, Jahrzehnten. Wie hoch ist der Verbrauch, zum Beispiel, aufs Leben gesehen? Und wie lange braucht es, bis ein Verbraucher verbraucht ist?“

(Seite 359)
Ed und Kruso arbeiten in der Betriebsferienstätte „Zum Klausner“. Die Beschaftigten des Klausners bilden eine eingeschworene Gemeinschaft, ähnlich wie eine Schiffs-Besatzung.
Ed wird Abwäscher in der Klausner-Küche. Hier finden sich bei der Beschreibung der Küche im Buch eindrucksvolle Sprachgemälde:

„Wie Klippen standen aus der von einer blass-grauen Membran überzogenen Suppe ein paar ölige Wurst- und Gurkenbrocken hervor, die sich in der unablässig nachströmenden Hitze ein wenig auf und ab bewegten und an die Arbeit innerer Organe erinnerten – oder den Pulsschlag des Lebens, dachte Ed, kurz bevor es zu Ende geht.“

(Seite 11)
In einem Interview sagte Seiler sein Buch handle auch von einer „Männerfreundschaft“. Tatsächlich nimmt die tiefe Freundschaft zwischen Ed und Kruso manchmal sogar eine homoerotische Färbung an. Wobei die Freundschaft auch hierarchisch ist, denn Ed ist eher der Schüler von Kruso.
Frauen kommen in diesem Buch als aktiv handelnde Personen kaum vor. Ed und Kruso eint das Gefühl des Verlustes. Kruso hat mit 17 Jahren seine Schwester Sonja verloren und Ed seine Freundin G. Seltsamerweise werden Frauen in der emotionalen Nähe von Ed nur mit Buchstaben bezeichnet. So gesellt sich irgendwann einmal zur Ex-Freundin G. die neue Insel-Freundin C.
Im Verlauf des Buches dezimiert sich die Belegschaft des Klausners durch Abwanderung (u.a. zur offenen Grenze in Ungarn) immer mehr, bis zum Schluss nur noch Ed und Kruso übrig sind. Krusos Insel-Netzwerk wurde durch staatliche Repression zerschlagen. Dieses letzte Drittel im Buch zeichnet einen Niedergang nach und wird merklich surrealer und verrückter. Erst im Epilog kommt es zu einer Normalisierung. In diesem beschreibt der Autor bzw. Ed, wie versucht mehr über das Schicksal Sonjas heruszubekommen und dabei in Dänemark über die unbekannten Fluchttoten aus der DDR in der Ostsee stolpert.

Der Roman schildert wohl recht authentisch die Insel Hiddensee zu DDR-Zeiten und die Zeit im Jahr 1989 kurz vor der Wende. Manchmal weist die Geschichte aber auch stark surreale Züge auf, etwa wenn Ed mit einem toten Fuchs spricht.
Tatsächlich war die Insel eine Art Sehnsuchtsort für Aussteiger*innen im Osten. Ab den 1970er Jahren sammelten sich hier die Ausgespuckten und Nonkonformen (Blueser, Punks) aus der DDR-Gesellschaft und jene, die hier eine mögliche Flucht über die Ostsee auskundschafteten. Die Insel war eine, der in der DDR existierenden Nischen, in denen man sich vor den Anforderungen des Realsozialismus ein wenig verbergen konnte. Die hierher Geflüchteten verdingten sich auf der Insel als Saisonkräfte (SKs), im Buch „Esskars“ genannt. Sie riefen auf ihren Strandfeiern regelmäßig die „Freie Republik Hiddensee“ aus. In einem Online-Kommentar zu dem Buch wird behauptet die Gestalt des Kruso hätte seine reale Entsprechung in der Person von Aljoscha Rompe (1947-2000) von der Ost-Punk-Band „Feeling“.

Dass das Buch aus der Feder eines Dichters stammt, ist ihm anzumerken. Es finden sich viele überaus schöne, ja lyrische Sätze:

„Lieber hörte man ihm zu, eingeschüchtert und fasziniert zugleich, als wäre Ed ein exotisches Wesen aus dem Zoo des menschlichen Unglücks, umgeben von einem Wassergarben furchtsamer Achtung.“

(Seite 17)

„Später war er den Strand entlanggegangen und hatte den Satz aufs Meer hinaus gesprochen, wie eine Bitte, aber die Wellen waren zu hoch, das Meer zu laut und der Wind schob ihm die Worte in den Mund zurück.“

(Seite 109)

„Angefangen mit diesem vermaledeiten, hoffnungsfrohen Hellblau in den Schulatlanten, dieses verdammte, trügerische Hellblau, jeder Kinderschädel wird weich davon. Warum druckt man die Meere nicht schwarz, wie die Augen der Toten, oder rot wie Blut?“

(Seite 162-63)

„Die Tanne hinter dem Schuppen harkte das 6-Uhr-Morgenlicht zu breiten Streifen.“

(Seite 250)

„Als wäre etwas sehr Schlimmes geschehen, legte er augeblicklich beide Hände an seine Wangen. Es war die Geste goldzöpfiger Mädchen in sowjetischen Märchenfilmen, wenn sie erfuhren, dass der Drache ihren Liebsten getötet oder in ein Tier verwandelt hatte.“

(Seite 380)

Wer mit dem wirren zweiten Buchteil zurecht kommt, wird viel Lesevergnügen haben.

Islamistisch motivierte Homophobie

Orlando-Solidarity
In der Nacht zum 12. Juni 2016 fand in Orlando im „Pulse Club” ein offenbar islamistisch motivierter Massenmord an schwulen Männern* statt. Es wurden 49 Menschen ermordet und weitere 50 verletzt. Der homophobe Massenmörder hatte sich laut Medienberichten vor der Tat per Telefon bei der Polizei zum „Islamischen Staat“ (IS) bekannt. Bei der Tat handelte es sich wohl um ein so genannte „Lone Wolf“-Attentat, d.h. der Täter hatte keinen direkten Kontakt zu terroristischen Organisationen, in diesem Fall zum IS.
Die Diskussion, ob der Täter vor seiner Tat auch tatsächlich gläubig war oder nicht, nimmt sich reichlich seltsam aus. Wenn er tatsächlich vorher die Polizei angerufen und sich zum IS bekannt hat, dann war der Täter im Augenblick seiner Tat ein homophober Islamist. Die Tatbegründung ist hier entscheidend. Ein Neonazi, der vor seinem rassistischen Übergriff noch einen Döner isst, bleibt trotzdem ein Neonazi und der Übergriff entspringt seinem rassistischen Weltbild, auch wenn er das selber nicht immer an allen Stellen konsequent befolgt.

Nicht minder seltsam ist die Diskussion, ob der der Täter Islamist ‚oder‘ homophob sei. Woher kommt dieses ‚oder‘? Homophobie ist wie Antisemitismus ein integraler Bestandteil von Islamismus und ähnlich wie im Christentum auch in größeren Teilen des konservativen Mainstream-Islam verbreitet.
Erinnert sei an die staatliche Verfolgung Homosexueller in Staaten mit islamistischer Gesetzgebung, wie dem Iran. Hier wird nicht selten versucht Homophobie in eine antiwestliche Argumentation einzubinden. Mohammad-Jawad Larijani, der Leiter der Menschenrechtskommission in der iranischen Judikative, meinte beispielsweise 2012:

„Der Westen sagt, dass die Ehe von Homosexuellen laut Menschenrechtscharta frei und erlaubt sein soll, aber wir sehen darin Sittenlosigkeit und sexuelle Krankheit. […] Wieso sollen wir eine Krankheit als neues Lebensmodell anerkennen, statt unsere Kriterien bezüglich Homosexualität beizubehalten und dementsprechend zu handeln?“

Auch anderswo findet sich unter den Vertretern des islamischen Klerus eine aggressive Homophobie bis hin zum Mordaufruf. Mufti Talgat Tadshuddin, höchster islamischer Würdentrager Russlands, verlautbarte in einem Interview gegenüber der Agentur Interfax:

„Wenn sie [die Homosexuellen ] dennoch auf die Straßen gehen, muss man sie züchtigen. Eine nichttraditionelle Orientierung ist ein Verbrechen gegen Gott. Der Prophet Mohammed befahl, Homosexuelle zu töten, da ihre Handlungen zur Verminderung des Menschengeschlechts führen.“

Hier unterscheidet sich Tadschuhin kaum von homophoben Vertretern der christlichen Orthodoxie in Russland.

Islamisierte Homophobie findet sich leider auch unter Muslimen in Deutschland. Vor einigen Jahren sorgte folgende Stelle im Jugendmagazin der Jamaat der Bildungsabteilung von Ahmadiyya, Ausgabe 26 – 2007, in Deutschland für einen Skandal:

„Der Mensch ist, was er isst. Auch lässt sich dieser Aphorismus beziehen auf die Auswirkungen von Schweinefleischverzehr auf das menschliche Moralverhalten, denn ein schamloses Tier wie das Schwein prägt oder unterstützt die Ausprägung gewisser Verhaltensweisen des Konsumenten […] Unser geliebter vierter Khalifa, Hazrat Mirza Tahir Ahmad […] äußerte in dem Zusammenhang, dass er den zunehmenden Hang zur Homosexualität mit dem Schweinefleischverzehr in unserer Gesellschaft in Verbindung setzt.“

Auch Ahmet Yazici, stellvertretender Vorsitzender der islamischen Gemeinden in Norddeutschland, distanzierte sich zwar 2007 von homophober Gewalt, nannte Homosexualität aber explizit eine Sünde:

„Homosexualität ist eine Sünde im Islam, aber das wäre niemals ein legitimer Grund, Gewalt anzuwenden“

Und der gern als Interviewpartner bemühte „Zentralrat der Muslime in Deutschland“ erläuterte 2006 im Internet zum Thema „Analverkehr“:

„Dies heißt, dass die sexuelle Beziehung innerhalb der Ehe in jeder Art erlaubt ist, es sei denn, sie wurde ausdrücklich verboten. Ausdrücklich verboten wurde der Geschlechtsverkehr während der Menstruation (hier ohne Beleg) und Analverkehr:
Nach Ahmad, Tirmidhi, Nasai, Ibn Madscha hat der Prophet (Friede sei auf ihm) gesagt: „Nähert euch den Frauen nicht anal.“. Er bezeichnete den Analverkehr als „kleine Homosexualität“.“

Damit soll nicht gesagt werden, dass die Morde von Orlando direkt etwas mit der Homophobie im konservativen Mainstream-Islam zu tun haben. Trotzdem ist Homophobie im Islam bereits weit verbreitet, so dass der Islamismus sie nicht neu erfinden muss, sondern nur noch radikalisiert.
Bevor aber die nichtmuslismische Mehrheitsbevölkerung in Deutschland versucht Homophobie auf Muslime auszulagern, sei daran erinnert das sie natürlich auch außerhalb von konservativen Islam und Islamismus vorkommen, beispielsweise im konservativen Christentum und christlichen Fundamentalismus. Aber auch im säkularen Teil der Gesellschaft ist sie weiterhin stark verbreitet.

PEGIDA und Co.: Warum in Sachsen? Warum in Dresden?

(überarbeitet und ergänzt am 30. Juni 2016, Danke für die Hinweise)

Facebook-PEGIDA mit Sachsen-Bezug
Facebook-PEGIDA mit Sachsen-Bezug

Dresden war bereits nach dem ersten Landtagswahleinzug der NPD nach einer jahrzehntelangen Landtagsabstinenz Vorbild für die extreme Rechte. Damals hieß es „Aus Sachsen lernen, heißt siegen lernen!“, heute heißt es bei PEGIDA „Dresden zeigt wie’s geht!”.
Deutschlandweit hat die PEGIDA-Hauptstadt für Rechte aller Coleur eine Vorbildfunktion.
Die Frage, warum sich ausgerechnet in Dresden seit über einem Jahr jeden Montag tausende Menschen unter dem Banner der „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ versammeln und warum gerade Sachsen ein so gutes Revier für die wilden PEGIDAs ist, hat unterschiedliche Erklärungsansätze hervorgebracht.
Im Folgenden sollen diese vorgestellt werden. Eines sei dem Fazit vorweg genommen, es gibt keine einzige, zufriedenstellende Erklärung. Jeder der nachfolgend genannten Erklärungsansätze besitzt eine gewisse Relevanz. Es geht eher um die Gewichtung der verschiedenen Ansätze und Faktoren.
Besonders wichtig wird hierbei auch der Blick auf historische Pfadabhängigkeiten sein.

Bei der Frage „Warum Dresden?“ in Bezug auf PEGIDA handelt sich eigentlich um zwei Fragen, die miteinander in Beziehung stehen, aber durchaus getrennt voneinander beantwortet werden müssen:
1. Warum nehmen in Dresden so viele Menschen an den PEGIDA-Demonstrationen teil?
2. Warum nehmen in Dresden im Vergleich dazu so wenige Menschen an den NOPEGIDA-Demonstrationen teil?

Dieselben beiden Fragen lassen sich nicht nur in Bezug auf Dresden, sondern auch auf Sachsen bezogen stellen.

Konservatives Dresden

„Den allertrübsten Fleck in Deutschland hab ich im Augenblick inne: Dresden, das Land der Kuchenfresser, die verwaschenste, farbloseste breiweichste Generation, die es in Deutschland gibt: Volk wie nasser Schwamm, nicht Welf, nicht Ghibellin, bloße träge Maulaufsperrer, die immer noch glauben, das alles geschehe bloß „draußen“ und bloß, damit sie zu ihrem schlechten dünnen Kaffee alle Morgen eine interessante Zeitung zu lesen haben.“

Aus dem Brief des Vormärzdichters Robert Prutz an seinen Kollegen Georg Herwegh vom 12. März 1848

Sicherlich kann Dresden heute mit seiner Infineon-Chipfabrik und der gläsernen VW-Manufaktur als moderne Großstadt gelten. Gleichzeitig hat Dresden eine stark konservativ-bürgerliche Prägung. Es gilt als die konservativste Großstadt Deutschlands. Wolfgang Berghofer, der von 1986 bis 1990 SED-Oberbürgermeister in der Stadt war, merkte in einem Interview zu Dresden an:

„Es gibt hier ein selbstbewusstes, wertkonservatives und kleinbürgerliches Milieu. Viele Menschen reagieren ängstlich auf die sich schnell verändernde, komplexe und unsichere Welt. Sie leiden unter Orientierungslosigkeit.“

Nicht zu unrecht schreibt die „Stuttgarter Zeitung“ vom „selbstgerecht-rückwärtsgewandte[n] Kleinbürgertum der sächsischen Kapitale“. Johannes Lichdi, Stadtrat der Grünen in Dresden, bezeichnet Dresden sogar als „borniertes und engherziges Provinznest“ und der Historiker Götz Aly schreibt von Dresdens „selbstherrliche[n] Lokaldünkel“.
Der harte Kern bei PEGIDA und der komplette Orgakreis bestehen aus rassistischen und neiderfüllten KleinbürgerInnen. Auch Durs Grünbein beschreibt im Februar 2015 in „Die Zeit“ die PEGIDA-MarschiererInnen als Kleinbürger mit Besitzstandsängsten:

„Von den neuen Kleinbürgern, Sklaven der Konsumwirtschaft, die um nichts so sehr Angst haben wie um ihr bißchen Besitz (das Auto, den Fernseher, die Couchgarnitur, das Abo im Fußballstadion).“

Doch nicht nur das Kleinbürgertum ist in Dresden (rechts-)konservativ, sondern auch ein größerer Teil des Dresdner Bildungsbürgertums. Anderorts dominiert in dieser Schicht eher eine linksliberale, kosmopolitische Haltung. Diese Haltung – das muss hier auch kritische angemerkt werden – zerplatzt allerdings an einigen Stellen schnell, etwa wenn es darum geht, das die eigenen Kinder in eine Schule sollen, in der es viele postmigrantische Kinder gibt.
Der konservative Teil des Dresdner Bildungsbürgertums stellt heute zusammen mit den zugewanderten westdeutschen FunktionärInnen die bestimmenden Eliten in Dresden und ganz Sachsen.
Die BildungsbürgerInnen, die vor 1961 nicht in den Westen gingen, überwinterten in der DDR quasi samt ihrer Geisteshaltungen. In Dresden lebten sie weiterhin in ihren Villenvierteln wie dem Weißen Hirsch. Die Villen verfielen, während ihre BewohnerInnen nostalgisch weiter von ihrem alten Dresden träumten, wie es vor der Bombardierung im Februar 1945 existierte. Uwe Tellkamp beschreibt dieses Milieu treffsicher in seinem Roman „Der Turm“ und nannte das „die süße Krankheit Gestern“.
Diese „das alte Dresden“-Nostalgie wurde nach 1990 ein bestimmender Faktor in Dresden.
Auch der Dresdner Dichter Durs Grünbein schreibt:

„Es war die Chimäre des Alten Dresdens, die überall umging, wie das Heimweh nach einer besseren Zeit.“

Karl-Siegbert Rehberg, Dresdner Soziologe:

„Dresden ist Ausdruck einer sozusagen nach rückwärtsgewandten Utopie.“

Auch der neurechte PEGIDA-Redner Götz Kubitschek attestierte Dresden im Dezember 2014 einen „höfischen Kern“:

„Dresden nun ist innerhalb Sachsens der “höfische” Kern: stolz, höflich, selbstbewußt und zutiefst bürgerlich. Man mag dort keine Experimente – und PEGIDA ist alles, nur kein Experiment. Es ist klassisch abgelaufen: kleiner Anfang, bürgerliche Form (“Spaziergang”), erste Gegenreaktionen, hartnäckiges Festhalten an der Idee und völlige Ignoranz den Schulmeistern aus dem Westen und von weit Oben gegenüber.“

Bei Kubitschek ist das natürlich lobenswert, was andere als reaktionär bezeichnen würden.

Bei dem rechtskonservativen Bildungsbürgertum in Dresden handelt es sich im Grunde um (klein-)geistige KleinbürgerInnen, die sich für gebildet halten, weil die Bücherwand ihres Wohnzimmers breiter ist als anderswo. Es ist ein humanistisch ungebildetes Bildungsbürgertum, in dem die seit der Schulzeit ungelesene Ausgabe von „Nathan der Weise“ nur als Bücherstütze für die Sarrazin-Ausgaben fungiert.
Christian Bangel schrieb 2016 in „Die Zeit“ dazu passend:

„Es gibt eine Bürgerlichkeit ohne Bürgersinn und eine Mitte, die der Bundesrepublik skeptischer gegenüber steht als im Westen.“

Alle Schichten in Dresden sind allgemein stolz auf ihre Stadt und halten sie für etwas ganz besonderes. Das Autoren-Trio Lars Geiges/Stine Marg/Franz Walter schreibt in „Pegida. Die schmutzige Seite der Zivilgesellschaft?“ auf Seite 92:

„Noch auffälliger in Dresden als in Leipzig vertraten die Befragten die Auffassung, in einer ganz außergewöhnlichen Stadt zu leben, die ein charakteristisches, ja unvergleichliches Miteinander aufweise, deren Einwohner große Übereinstimmungen in ihren Wesensarten, Lebensstilen und Überzeugungshaushalten zeigten und die im Vergleich zu anderen Orten ihre regionalen Eigenarten – insbesondere dank ihrer Bürger – trotz aller geschichtlicher und politischer Volten in ihrem Kern konservieren konnten.“

Wiederum das Autoren-Trio Lars Geiges/Stine Marg/Franz Walter, Pegida in „Die schmutzige Seite der Zivilgesellschaft?“ auf Seite 91:

„Aus dieser regionalen Verwurzelung heraus hat sich anscheinend ein spezifischer Heimatstolz entwickelt, der prägend für die Pegida-Demonstrationen ist.“

Susanne Beyer schrieb Anfang 2016 in „Der Spiegel“:

„Eine Studie des Instituts für Sächsische Geschichte und Volkskunde besagt, dass keine andere deutsche Stadt in Reiseführern derartig mit Superlativen überzogen wird. Sie lebt von der Übertreibung ins Positive, davon, dass sie für die Künste steht, also für das Gute, Wahre, Schöne.“

Nach 1990 begannen verschiedene Bau-Projekte, die die architektonische Rekonstruktion des ‚alten Dresden‘ zum Ziel hatten. Stück für Stück erstand das ‚alte Dresden‘ wieder auf. Damit wurden die Spuren und Veränderungen durch die Bombardierung 1945 zumindest in der Innenstadt getilgt und diese Zäsur unsichtbar gemacht. Das barocke Dresden war wieder da und in den alten imperialen Prachtbauten residierten wieder die Landesministerien. Das Regierungsviertel ist im Grunde dasselbe wie unter den Kurfürsten.
Statt neuer Versuche und Experimente in der Stadtgestaltung, wurden nur die baulichen Traditionen der Stadt bewahrt und gepflegt. So nimmt sich Dresden aus wie ein „barockes Museumsdorf“ (Frankfurter Rundschau).
Diese Rekonstruktion kann auch als architektonischer (Geschichts-)Revisionismus verstanden werden. Auf Kritik und Anfeindung traf, wer sich nicht diesem architektonischen Revisionismus unterwarf. Als die jüdische Gemeinde nicht die alte Semper-Synagoge wieder auferstehen lassen wollte, sondern ein kubisches Gebäude, was mit der Barock-Silhouette der Stadt bricht, war die Empörung im Bürgertum groß. Ebenso hagelte es Kritik als dem neuen Bundeswehrmuseum nach dem Entwurf von Libeskind ein modernes Element in Form eines Keils hinzugefügt wurde.

Ein Teil des konservativen Dresdner Bürgertums sympathisiert offen mit PEGIDA, andere üben sich als BeschwichtigerInnen und VersteherInnen der rassistischen Bewegung. Hier einmal drei Beispiele für konservative Bürger aus Dresden und ihren Umgang mit PEGIDA:
* Werner J. Patzelt
Prof. Dr. Werner J. Patzelt ist Professor und geschäftsführender Direktor des Instituts für Politikwissenschaft der TU Dresden. Obwohl er wie Tatjana Festerling ein Westzuzug ist, passt er sich doch gut in das Dresdner Bürgertum ein. Er ist der oberste PEGIDA-Versteher. Verstehen nicht im Sinne von ‚nachvollziehen und erklären‘, sondern im Sinne von ‚Verständnis haben‘. Leider wird das in Bezug auf Patzelt auch von vielen Medien verwechselt. Patzelt bastelt an empirisch scheinwissenschaftlich unterlegten Apologien von PEGIDA und nimmt PEGIDA als Argument zur Präsentation der eigenen rechtskonservativen Agenda nach mehr Nationalstolz und strikteren Asyl-Gesetzen. Mit seiner wissenschaftlich ausgekleideten Parteinahme für PEGIDA und die dort vertreten Positionen rationalisiert und essentialisiert der Universitätsprofessor Ressentiments.
Patzelt beansprucht die Interpretationshoheit über PEGIDA, die ihm leider auch von vielen Medien gegeben wird.
Das CDU-Mitglied Patzelt tritt nicht nur für stramm rechte Burschenschaften als Referent auf, sondern auch für die AfD.
* Frank Richter
Der Theologe Frank Richter ist im Gegensatz zu Patzelt ein einheimisches Gewächs. Er war 1989 Kaplan der Dresdner Hofkirche und zählte zu den Gründern der oppositionellen „Gruppe 20“. Derzeit ist er Direktor der „Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung“.
Ebenso wie Patzelt gibt sich Richter neutral, ohne es zu sein.
So hielt er für die AfD am 16. November 2015 in Bockau einen Vortrag und ließ sich zu seinem Geburtstag von der AfD-Fraktion besuchen.
Richter und AfD
Bundesweit für Aufsehen sorgte Richter als er PEGIDA am 19. Januar 2015 die Räume seiner Landeszentrale für eine Pressekonferenz zur Verfügung stellte.
* Christian Thielemann
Thielemann ist seit 2012 Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Auch er reiht sich ein bei den PEGIDA-VersteherInnen. In einem Debattenbeitrag in „Die Zeit“ im Februar 2015 schreibt er:

„Es wird viel geredet in Deutschland, aber es wird nicht offen geredet, sodass wir für bestimmte Dinge nur die Wahl zwischen Parolen und politischer Korrektheit haben und keine differenzierte Sprache mehr.“

Er sieht in PEGIDA eine legitime Protestbewegung und forderte:

„Den Unzufriedenen zuzuhören scheint das Gebot der Stunde zu sein“

rechtes Graffiti
Graffiti beim dresdner Hauptbahnhof

Die bürgerlich-konservative Prägung Dresdens führt trotz der Selbstvermarktung als weltoffenes Tourismus-Ziel zur verstärkten Ablehnung alles als ‚fremd‘ markierten, seien es Menschen oder Gebäude.
Der Politologe Michael Lührmann sieht Dresden dabei in seinem Artikel „Pegida passt nach Sachsen“ von 2014 sogar deutschlandweit an der Spitze:

„Nirgendwo in Deutschland ist die Ablehnung des Anderen tiefer in Politik und Kultur verankert als in diesem Bundesland. Sei es fremd, sei es links, sei es irgendwie modern. […] Mit ultrakonservativen, ins extrem Rechte reichenden Parolen wird in Sachsen schon seit den neunziger Jahren Politik gemacht. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, also die feindselige Einstellung gegenüber Menschen, die religiös, sozial, ethnisch, lebensstilistisch von dem abweichen, was man selbst für sich zur Norm erklärt, ist in Sachsen eine normale und relevante Position in der politischen Auseinandersetzung. Im Parlament steht dafür bisweilen die CDU, vor allem aber die NPD und inzwischen die AfD.“

Wie Lührmann richtig feststellt, erschwert die konservative Prägung Dresdens und Sachsens eine Abgrenzung zur extremen Rechten. Es fehlt eine Brandmauer nach rechts. Entweder man sieht inhaltliche Gemeinsamkeiten und paktiert miteinander oder man ignoriert und verharmlost massiv.
Selbst bei Neonazis ist das Verständnis oder die Ignoranz im Dresdner Bürgertum groß. In Dresden können extreme Rechte daher zwar nicht gänzlich ungestört agieren, aber sicherlich ungestörter als anderswo. Dass am Rande der Dresdner Innenstadt-Shopping-Meile „Prager Straße“ ein „Thor Steinar“-Laden logiert, ist wohl für die meisten DresdnerInnen ebenso wenig ein Skandal, wie das ein Laden für Nazi-Bedarf (Musik, Tattoos, Klamotten) im Dresdner Kaufhaus „Mälzerei“ zu finden ist, samt Postanschrift des zugehörigen Nazi-Musiklabels.
Auch der Teil des Bürgertums, der nicht mit PEGIDA sympathisiert, scheint sehr reaktionsträge zu sein. Das war bereits bei den Neonazi-Aufmärschen im Februar so, zu denen ein Großteil des Gegenprotests von außen exportiert werden musste. Die Ur-DresdnerInnen beteiligten sich damals eher an symbolischen Aktionen wie eine Menschenkette „gegen Extremismus“ um das Rathaus.

Dresden, Du Opfer!
Gedenkschleife
Gedenkschleife auf Dresdner Heidefriedhof 2014 mit dem rechten Mythos von 250.000 Toten

In den PEGIDA-Reden und -Schildern wird immer mal wieder an etwas erinnert, was für viele StadtbewohnerInnen fest zu ihrer Dresdner Identität gehört, ‚Opfer‘ der Bombardierungen im Februar 1945 gewesen zu sein. Dieses Bewusstsein ist fester Bestandteil des Dresdner Sonderbewusstseins.
Der Dresdner Soziologe Karl-Siegbert Rehberg fasst es gut zusammen:

„Nach der als Niederlage empfundenen Befreiung durch die Alliierten wurde diese Nacht des Grauens jedoch gerade für Dresden zu einer Quelle der Identitätsstiftung, welche seither nicht nur aus Barockem gespeist ist, sondern eben auch aus seiner Vernichtung“

Das Selbstempfinden der Stadt als ‚unschuldiges Opfer‘ steht im engen Zusammenhang mit dem Dresdner Lokalpatriotismus. Der Dresdner Politikwissenschaftler Hans Vorländer bestätigt:

„Dresden hat über viele Jahrzehnte, ja Jahrhunderte eine Kultur der Selbstbezüglichkeit und der Selbstverliebtheit gepflegt. Und das trifft zusammen mit einem Verständnis, Opfer unverschuldeter Umstände zu sein – ich erinnere nur an die Bombardierung vom 13./14. Februar 1945. Zu DDR-Zeiten war das eine nützliche Abgrenzung zum SED-Staat: Der Dresdner fand seinen Stolz in der Kultur, in der Schönheit der alten Stadt, in Wissenschaft, im Barock, letztlich in der glanzvollen Geschichte Sachsens. Man lebte in einer selbst geschaffenen Nische, die von der Eigenerzählung ausgeschmückt wurde.“

Rechte finden diese deutsche Opfer-Identität natürlich gut. So schreibt der Paul Leonhard in der ultrarechten Wochenzeitung „Jungen Freiheit“:

„Erinnerungskultur: Keine andere deutsche Stadt hat das Gedenken an ihre Zerstörung und die Zeit davor so kultiviert wie Dresden.“

Ein Beispiel für den Dresdner Opfer-Diskurs auch bei PEGIDA ist ein mitgeführtes Schild, dass die Alliteration „Bomben, Bautzen, Burkas – Dresden reichts“ trug. ‚Bautzen‘ dürfte sich in diesem Zusammenhang auf eine größere, damals noch geplante Flüchtlingsunterkunft in diesem Ort beziehen. Nach einer anderen Interpretation ist mit „Bautzen“ der berüchtigte DDR-Knast gemeint, der auch als „grünes Elend“ bekannt war.
Dieses Opfer-Selbstbild ist zwar etwas aus dem öffentlichen Diskurs verschwunden, wird aber im Privaten weiter beständig gepflegt und gestreichelt. Die Hinterfragung der Dresdner Geschichtsmythen stößt zumindest dort immer noch auf eine starke Abwehr. Im Selbstbild ist und war Dresden eine Kunst- und Kulturstadt, die im Februar 1945 überraschend und ungerechtfertigt das Opfer des Bombenkrieges wurde.
George Packer, ein amerikanischer Dramatiker, schrieb im Magazin „New Yorker“ zusammenfassend

: „Dresden hat den unsteten Charakter eines Ortes mit romantischen Selbstbild und einer Vergangenheit, die sie lieber nicht diskutiert.“

Dynamo-Land Dresden
Dynamo gegen St.Pauli
Hass gegen den linken Fußballverein St. Pauli

Dresden hat nicht nur generell eine konservative Prägung und es existiert hier auch ein ausgeprägter Regionalpatriotismus. Ein wichtiges Element im Dresdner Regionalpatriotismus ist die Anhängerschaft zum Dresdner Fußballverein Dynamo.
Trotz der fehlenden spielerischen Erfolge ist das Dynamo-Stammstadion, das Rudolf-Harbig-Stadion, regelmäßig voll. Dynamo Dresden hat eine große Fan-Szene. Der Dresdner Dynamo-Patriotismus ist in seiner Breite und Stärke sehr wirkmächtig. Die in Dresden – außerhalb der linksalternativ geprägten Viertel Äußere Neustadt und Hechtviertel – am häufigsten zu findenden Graffiti haben einen Bezug zu „Dynamo Dresden“. Dazu kommen noch Aufkleber mit dutzenden, verschiedenen Motiven.
Interessanterweise ist in der Dynamo-Fan-Symbolik häufig auch ein gewisser DDR-Bezug festzustellen. In dem Fall wird die Dresdner Regionalidentität auch mit DDR-Symbolik aufgebaut.
Dynamo Dresden mit DDR-Bezug
Der Dynamo-Fananhang dürfte im Kern nach Beobachtung des Autors eher aus Angehörigen der Arbeiterschicht und der unteren Mittelschicht bestehen. Die meisten Dynamo-Fans sind im Selbstverständnis vermutlich eher unpolitisch und nur ein sehr kleiner Teil dürfte sich als ‚links‘ verstehen. Linke und explizit antirassistische Dynamo-Fans sind sicherlich sehr vorbildlich, aber erscheint ein solches Vorhaben so aussichtsreich wie ein feministischer Lesekreis bei den „Hells Angels“.
Ein größerer Teil der Fans ist hingegen sehr rechtslastig und gewaltbereit. Es bestehen Kontakte und Überschneidungen zur Neonazi-Szene. Diese Dynamo-Hooligans bildeten lange das Rückgrat und eine militante Speerspitze der PEGIDA-Bewegung. Sie stellten zusammen mit ein paar Rockern längere Zeit auch den Hauptteil der Ordner bei PEGIDA.

Konservatives Sachsen
Sachsenstolz-Tshirt
Tshirt-Motiv „Sachse ist das Höchste, was ein Mensch auf Erden werden kann!“, Screenshot: 24.08.2015

Der neurechte Aktivist Götz Kubitschek schrieb im Dezember 2014:

„Sachsen ist ein stolzes Bundesland. Es hat nach der Wende den Status eines Freistaats gewählt, ist kein Bindestrich-Land, sondern ein landsmannschaftlich klar umrissenes Gebilde mit einer starken Identifikationskraft.“

Zwar sind kollektive Identitäten immer auch konstruiert, sie benötigen zu Legitimation aber einen gewissen historischen Unterbau. Dieser muss nicht real sein, ein langlebiger Mythos ist generell ausreichend.
Deswegen sind Bundesland-Neugründungen wie Mecklenburg-Vorpommern kaum identitätsstiftend. Weil sie zu offensichtlich ein Konstrukt sind. In Sachsen kann man sich stattdessen auf längere Traditionen berufen.
Der Sachsenstolz dürfte bis auf Bayern seinesgleichen unter den deutschen Bundesländern suchen. Tatsächlich dürfte Kubitschek nicht ganz unrecht haben, denn in Sachsen lässt sich ein starker „regionaler Nationalismus“ (David Bergerich) feststellen, der dem Nationalismus sehr ähnlich ist und mit diesem nicht konkurriert, ihn vielmehr ergänzt.
Ähnlich wie in (Alt-)Preußen waren die Sachsen in ihrer Geschichte nach 1849 meist eher staatshörig und königstreu.
Eine auf das alte Königreich Sachsen bezogene „Heile-Welt“-Nostalgie existiert in Sachsen bis heute, besonders in der ehemaligen Residenzstadt Dresden. Bis heute ist das Bundeslandwappen das Wappen des sächsischen Königshauses Wettin und der langjährige CDU-Ministerpräsident Kurt Biedenkopf wurde von vielen „König Kurt“ gerufen. Das war nur halb spöttisch gemeint, zur anderen Hälfte klang da wohl auch Sehnsucht mit.
Diese Sachsen-Identität wird durch Ereignisse wie dem „Tag der Sachsen“ noch einmal besonders gepflegt.
mach dei Sach
Ähnlich wie bei Dresden ist auch Sachsen als Bundesland konservativ geprägt. Der Freistaat-Stolz und die allgemeine konservativere Prägung haben zur Folge, dass in Sachsen alles ein wenig rechter als in Restdeutschland. Die sächsische CDU ist im bundesweiten Vergleich rechter, die Sachsen-FDP ist rechter und die AfD war es bis zum Sturz Luckes auch. Deswegen ist in Sachsen die AfD die „NPD light“ und die sächsische CDU ist quasi die AfD light.

aus deutschen Wäldern
Im Süden von Sachsen liegen drei Regionen, die wie Dresden ebenfalls eine besonders starke konservative Prägung aufweisen: Die Sächsische Schweiz, das Erzgebirge und das Vogtland an der Grenze zu Bayern. Besonders das Erzgebirge kann quasi als das ‚Sachsen‘ Sachsens gelten. Am Erzgebirgskamm zieht sich der sächsische Bibelgürtel entlang. In den Dörfern und Kleinstädten hier sind im Gegensatz zur Gesamtbevölkerung Sachsens die meisten Menschen christlich, protestantischer Konfession. Der Protestantismus hat hier noch einmal eine besonders scharfe Ausprägung, er ist pietistisch und evangelikal ausgerichtet, verbleibt aber bis jetzt innerhalb der Lutherischen Landeskirche. Auf Grund genau dieser Sondertradition hielt die christlich-fundamentalistische „Partei Bibeltreuer Christen“ früher in der vogtländischen Stadt Klingethal lange Zeit ihr deutschlandweit einziges Mandat. Trotz der überproportionalen Wahlererfolge der AfD regiert in dieser Region aber (noch) die CDU. Auch der Landrat und CDU-Vorsitzende des Kreisverbands Erzgebirge, Frank Vogel, bestätigte die Sonderrolle seiner Region:

„Das Erzgebirge ist schon ein Versuch, ein konservatives Alternativmodell zum Mainstream in Deutschland zu erhalten und zu schaffen.“

Sachsen und Dresden in der DDR – die autoritären Jahre vor 1990
Zu DDR-Zeiten wurde die (’sozialistische‘) Elite eher von KleinbürgerInnen und proletarisierten KleinbürgerInnen gestellt. Diese war durchaus auch konservativ eingestellt. Der Umgang mit moderner Kleidung, Jugendsubkulturen oder Musik und Kultur war zumindest struktur- und kulturkonservativ.
So gab es in der DDR eine staatliche Kampagne gegen Rock’n Roll und Beat. Walter Ulbricht verkündete:

„Ist es denn wirklich so, dass wir jeden Dreck, der vom Westen kommt, kopieren müssen? Ich denke Genossen, mit der Monotonie des Yeah, Yeah, Yeah und wie das alles heißt, ja, sollte man doch Schluss machen.“

Aussagen, die eigentlich auch jedem CDU-Konservativen die Freudentränen in die Augen getrieben haben müssten. Der deutlich antiwestliche und antiamerikanische Unterton ist dabei nicht zu übersehen.
Die als „negativ-dekadent“ diffamierten Jugendsubkulturen wie Punks, Skinheads, Heavy-Metaller und Gruftis waren in der Folge solcher Haltungen der obersten Kader einer verstärkten Überwachung und Repression ausgesetzt. Die Opas aus dem Politbüro wollten es sich nicht nehmen lassen der Jugend ihr Pionier-und FDJ-Blauhemd vorzuschreiben.
Trotz des Machtverlustes nach 1945 war das traditionelle Bürgertum aber auch im Arbeiter- und Bauernstaat nie verschwunden. Es war in vielen Bereichen zu wichtig, um auf es zu verzichten. Auch deswegen gab es auch in der ‚antifaschistischen‘ DDR einige personelle Kontinuitäten zum Nationalsozialismus, wenn auch wesentlich weniger als in der Bundesrepublik.

In der DDR fanden durch ihre Abschottung und den Dirigismus der Zentralverwaltung bestimmte Umbrüche nicht statt, die durch die 1968er-Bewegung und den Privatkapitalismus – im Gegensatz zum Staatskapitalismus in der DDR – in der Bundesrepublik stattfanden. Gemeint ist die Modernisierung und Pluralisierung der Gesellschaft durch das Ergebnis erfolgreicher Kämpfe (z.B. der Schwulen- und Lesben-Bewegung, der Frauenbewegung), aber auch durch kapitalistische Entwicklungen (z.B. Anwerbung der so genannten „Gastarbeiter“) und politisch Entscheidungen (z.B. Aufnahme vietnamesischer boatpeople). Trotz der zeitweiligen Aufnahme von politischen Flüchtlingen in der DDR (aus Griechenland, aus Chile, aus dem besetzten Namibia) und der Beschäftigung von ausländischen ArbeiterInnen (aus Mosambik, aus Angola, aus Kuba und aus Vietnam) blieb die DDR eine sehr weiße und deutsche Gesellschaft. Die wenigen ethnischen oder religiösen Minderheiten wie SorbInnen oder Juden und Jüdinnen standen unter strikter staatlicher Kontrolle. Flüchtlinge und ArbeiterInnen aus dem Ausland wurden zum Teil kaserniert untergebracht und ihre dauerhafte Ansiedlung war nicht vorgesehen, d.h. sie wurden nach Ablauf ihres Vertrages wieder zurückgeschickt.
Die westdeutschen Umbrüche fanden auch nach 1990 in Ostdeutschland nur sehr abgeschwächt statt. Das gilt besonders auch für Sachsen. Trotzdem ist die Frage, ob die Vorstellung von Homogenität nicht auch in Dresden zum Teil auch eine Konstruktion ist. Denn auch in Dresden gibt es inzwischen größere postmigrantische communitys. Die größte dürfte die der russischsprachigen Spätaussiedler*innen sein, die sich im Selbstverständnis aber häufig als Deutsche verstehen.
Trotzdem wird Sachsen und auch Dresden von vielen seiner BewohnerInnen als ’sehr deutsch‘ (= weiß) gesehen. Dem werden Berlin-Kreuzberg oder Berlin-Neukölln als Negativschablonen entgegen gesetzt.
Die im völkischen Verständnis ‚Nicht-Deutschen‘ werden als ‚Fremde‘ und als Bedrohung wahrgenommen und in Fällen wie dem Multikulti-Viertel Kreuzberg mit Niedergang und dem Verlust weißdeutscher Hegemonie gleich gesetzt. Hinter dem Slogan „gegen die Islamisierung des Abendlandes“ verbirgt sich vor allem die Angst vor den Umbrüchen in einer modernen Einwanderungsgesellschaft.
Auch Durs Grünbein schrieb treffend im Februar in „Die Zeit“:

„Auch woanders schneiden Wirtschaftskrise, Europolitik, Glaubenskriege und Flüchtlingsströme in die Existenz. Aber nur in Dresden schlagen sie auch aufs Gemüt. Nur dort konnte Islamisierung zur Chiffre werden für alles, was den Kleinbürger heute bedroht, alles Fremde und Ungewohnte.“

In Bezug auf diese starke Abwehr-Einstellung gleicht das postsowjetische Ostdeutschland eher seinen osteuropäischen Nachbarstaaten als Westdeutschland.

Nicht nur die DDR auch die ‚Wende‘, wie die Transformation ab 1990 von der Bevölkerung in Ostdeutschland meist bezeichnet wird, ist zum Verständnis von PEGIDA wichtig. PEGIDA knüpft nämlich an eine spezifische ostdeutsche Wende-Traditionen an. So heißen die montäglichen Demonstrationen „Montagsspaziergänge“ und es wird „Wir sind das Volk“ gerufen. Das soll natürlich an die Tradition von 1989 anknüpfen. Damit verbunden ist auch der Glaube im Kampf gegen ein Unrechtsregime zu sein und die angebliche Mehrheit des ‚Volkes‘ hinter sich zu wissen.

„Sächsischen Demokratie“ – die autoritären Jahre nach 1990
aus Liebe zu Sachsen
Die „Fach-Fleischerei Max Kessler“ wirbt übriges mit exakt demselben Slogan wie die Sachsen-CDU: „Aus Liebe zu Sachsen“.

Nach der Wende 1990 kam das nostalgisch-konservative Bildungsbürgertum in Sachsen wieder zu Amt und Würden. Es teilte sich die Macht mit zugezogenen ‚Wessis‘, die nach der Auswechslung der Eliten die entstandenen Löcher mit zu stopfen halfen. Dabei konnten Westdeutsche in Ostdeutschland schnell Karriere machen und bekamen sogar anfangs noch eine Art ‚Buschprämie‘.
Jedes der neuen Bundesländer erhielt damals ein westdeutsches Patenland, was bei der Integration in die Bundesrepublik helfen sollte. Brandenburg erhielt z.B. seine sozialdemokratische Prägung auch durch das damals sozialdemokratisch regierte Nordrhein-Westfalen.
Sachsens Paten-Bundesland war Bayern, beide fühlten sich sicher auch in ihrem Sonderbewusstsein als „Freistaat“ verbunden.
Die CDU wurde nach 1990 zwanzig Jahre lang als Dauerregierungspartei, die ein Einparteiensystem etablierte.
Bei der Kriminalisierung politischer GegnerInnen und dem Ausbau der eigenen, z.T. auch ganz privaten (siehe „Sachsenfilz“), Macht wurden selbst die Grenzen des bürgerlichen Rechtsstaates immer wieder überschritten. Unter den „Deutschen Zuständen“ sind die „Sächsischen Zustände“ noch einmal besonders verschärfte.
Diese sind auch nicht einfach gleichzusetzen mit anderen Bundesländern wie Bayern, wenngleich Sachsen durch die bayrische Aufbauhilfe nach der Wende einst eine gewisse bayrische Einfärbung erhalten hat.

Die Gesundheit einer (parlamentarischen) Demokratie eines Landes oder einer Region bemisst sich nicht allein an regelmäßig stattfindenden Wahlen. Es geht auch um den Umgang mit ethnischen, politischen oder sexuellen Minderheiten oder um das Angebot an anderweitiger politischer Teilhabe.
Autoritär handelnde Regierungen können sich auch bei Wahlen legitimieren und trotzdem antidemokratisch handeln. Dafür ist Ungarn ein anschauliches Beispiel. Die per demokratische Wahl legitimierte rechtspopulistische Orban-Regierung baute hier in den vergangenen Jahren sukzessive Freiheitsrechte wie die Pressefreiheit zurück.
Das war kein Putsch oder eine Machtergreifung. Es ist die autoritäre Aushöhlung einer parlamentarischen Demokratie und ihre Transformation zu einer Ethnokratie.
Mit starken Abstrichen findet bzw. fand in Sachsen eine ähnliche Entwicklung statt.
Sachsen ist so etwas wie das Ungarn Deutschlands. Ähnlich wie in Ungarn ist eine linksliberale Zivilgesellschaft marginalisiert, wenn auch in Sachsen bei weitem nicht in denselben Maß wie in Ungarn.
Es herrschte jahrelang eine rechtskonservative Regierung, die die Stimmung nachhaltig beeinflusste und linke Proteste mit polizeilichen Maßnahmen autoritär unterdrückte. In ihrem Windschatten schaffte es zuerst die neofaschistische NPD zweimal in den Landtag einzuziehen, die dann 2014 von der rechtspopulistischen AfD abgelöst wurde.
Eine Opposition von rechts im Parlament (früher: NPD, aktuell: AfD) und auf der Straße (PEGIDA, AfD-Demos, „Nein zum Heim“-Demos) hält die rechtskonservative Sachsen-Union beständig dazu an Zugeständnisse an den rechten Mainstream zu machen. Das geschieht dann auch, etwa wenn eine Extra-Polizeieinheit für straffällige gewordene AsylbewerberInnen eingerichtet wird.
Da Sachsen nur ein Bundesland und kein eigener Staat ist, wie Ungarn, sind den autoritären Verschärfungen aber Grenzen gesetzt. Zumal die Sachsen-CDU sich derzeit in einer Koalition mit der SPD befindet, die möglicherweise zu autoritäre Maßnahmen nicht mittragen würde.

Unterschiede innerhalb von Sachsen: Leipzig als antifaschistischer Leuchtturm
Sachsen ist offenbar nicht gleich Sachsen, zumindest wenn man Dresden und Leipzig in Vergleich setzt. Traditionell gelten Dresden und Ostsachsen als konservativer als Westsachsen und Leipzig.
Leipzig scheint hier sogar eine Art antifaschistischer Leuchtturm zu sein. Wie ein gallisches Dorf leistet Leipzig bzw. der Süden Leipzigs (Connewitz/Südvorstadt) Widerstand im schwarzen Sachsen. Hier errang auch die bekennende und praktizierende Antifaschistin Juliane Nagel ihr Direktmandat für die Linkspartei.
Leipzig gilt insgesamt als weltoffener und weitaus weniger konservativ als Dresden. Das hat vermutlich unterschiedliche Gründe. Einer dürfte in der Prägung der Stadt als Messestadt liegen, die ein liberaleres Bürgertum hervorbrachte als Dresden. Die Messe ließ auch zu DDR-Zeiten immer eine gewisse Verbindung zum Rest der Welt zu. Zum anderen existiert in Leipzig eine große, von Geisteswissenschaften geprägte Universität, im Gegensatz zur „Technischen Universität Dresden“. Allgemein hat die Universität in Leipzig eine ältere Tradition als in Dresden und damit ist die geisteswissenschaftliche Universität besser in der Stadt verankert. Leipzig war seit 1409 Universitätsstadt, Dresden erst seit 1828.
Aus dem Umfeld der Leipziger Universität rekrutiert sich auch der antifaschistische Gegenprotest. In der Wochenzeitung „Die Zeit“ hieß es dazu:

„Die ungleich schlagkräftigere linke Szene im studentisch geprägten Leipzig trieb die Pegidisten zur Verzweiflung.“

Weiterhin ist Leipzig sozialdemokratisch dominiert und der Stadtteil Connewitz sogar linkalternativ geprägt.
Die Zahlen von LEGIDA und Anti-LEGIDA bestätigen es. In Leipzig war die Anzahl der Gegendemonstrierenden am Anfang sehr hoch, d.h. es wurde bis weit ins liberale Bürgertum hinein erfolgreich mobilisiert. Das Bündnis gegen LEGIDA war breit aufgestellt, so haben in Leipzig beispielsweise von Anfang an auch die Kirchen gegen LEGIDA mobilisiert.
Zudem gab es in Leipzig von offizieller Seite weitaus weniger Ablehnung oder Ignoranz der Gegendemonstrationen als in Dresden. Der Oberbürgermeister bezog klar Stellung gegen LEGIDA, möglicherweise auch, weil er als Sozialdemokrat bei LEGIDA weniger seine ehemaligen WählerInnen mitmarschieren sah, als seine christdemokratische Kollegin in Dresden.

Fazit: Dresden und Sachsen – das ideale Biotop für PEGIDA
Ein wichtiger Erklärungsansatz zum Verständnis von PEGIDA und seinen guten Wachstumsbedingungen liegt unzweifelhaft in den regionalen Prägungen sowohl in Sachsen allgemein, als auch in Dresden im Besonderen.
PEGIDA in Dresden konnte nur in dem besonderem politischen Mikroklima Dresdens gedeihen, was weitgehend auch dem im restlichen Sachsen entspricht, gedeihen und wachsen. In dem Artikel „PEGIDA in Dresden“ im „Antifa-Infoblatt“ Nr. 106 – 1.2015 heißt es auf Seite 10:

„Sachsen mit seiner Landeshauptstadt Dresden bietet ein spezielles Gefilde, welches dem Gedeihen nationalistischer und rassistischer Strömungen nach wie vor einen guten Nährboden bietet. […] Dass gerade die Landeshauptstadt zur Hochburg von PEGIDA werden konnte, liegt jedoch nicht nur am politischen Klima des Freistaats sondern auch an der Stadt selbst. Dresden bietet mit seiner restaurativ-konservativ-barocken Stimmungslage erneut jenes gesellschaftspolitische Gefilde, welches bereits die Neonazigroßaufmärsche zum 13. Februar ermöglichte. Als eine der letzten Großstädte noch von einer CDU-Oberbürgermeisterin regiert und seit der Wende Sitz der sächsischen CDU-Regierung, die meist allein oder mit deutlich kleineren Koalitionspartnern (SPD, FDP) auskam, verkörpert die Stadt seit jeher das Image der »heilen Welt«. Ein Kleinod, das aus Sicht einer Vielzahl der Bewohner_innen immer nur dann gestört wurde, wenn es Interventionen von außen gab.“

So wurde aus Dresden das Mutterschiff der PEGIDA-Bewegung.
Bei der Betrachtung von PEGIDA darf das Sachsen-Spezifikum nicht unterschätzt werden, denn es ist auffällig das die PEGIDA-Ableger in Ostdeutschland zwar stärker waren als in Westdeutschland, aber nirgendwo so stark wie in Dresden und Leipzig.
Lars Geiges/Stine Marg/Franz Walter fassen auf Seite 167 ihres Buches „Pegida. Die schmutzige Seite der Zivilgesellschaft?“ zusammen:

„Sachsen als Hochburg des Rechtsextremismus und Dresden als Zentrum des bürgerlichen Konservatismus.“

Im Gegensatz zur Arbeiterstadt Chemnitz oder der Messestadt Leipzig war Dresden immer eher bürgerlich und monarchisch kulturell geprägt. Deswegen konnte sich PEGIDA hier besonders gut gesellschaftlich verankern. Der Widerstand gegen PEGIDA war im Verhältnis immer recht schwach, auch wenn zeitweilig tausende gegen PEGIDA auf die Straße gingen.
Im Gegensatz dazu erschwerte der Gegenprotest in Leipzig das ungestörte Aufmarschieren von LEGIDA.
Auch das Dresdner Opfer-Selbstbild, die jahrelange CDU-Herrschaft oder die tendenziell rechts dominierten Fans von Dynamo Dresden spielten beim Erfolg von PEGIDA eine Rolle.-Doch es bleiben weitere offene Faktoren, die das politische Klima in Sachsen und Dresden mitbestimmt haben könnten. Etwa der Ton der lokalen Medien, die PEGIDA oder die „Nein zum Heim“-Proteste lange als „islamkritisch“ oder „asylkritische“ verniedlicht haben.
Möglicherweise ist trotz der Säkularisierung und Entchristianisierung in Sachsen als Mutterland der Reformation auch eine spezifisch protestantische Prägung zurückgeblieben. Die Sachsen quasi als säkulare ProtestantInnen?

Lucius Teidelbaum, vom Autor des Textes wird im Herbst voraussichtlich beim Unrast-Verlag ein dünner Band über PEGIDA erscheinen