Buchkritik „Kruso“ von Lutz Seiler


„Kruso“ ist der Roman-Erstling von Lutz Seiler, der von Haus aus eigentlich Lyriker ist. Das Buch erhielt im Herbst 2014 gleich den renommierten „Deutschen Buchpreis“. Es ist locker der Gattung der ‚Wenderomane‘ zuzurechnen und erzählt die Geschichte von Edgar Bendler, genannt „Ed“, einem Aussteiger in der DDR. Der Germanistik-Student aus Halle bricht 1989 alle Brücken hinter sich ab und begibt sich nach Hiddensee, ein Sammelpunkt von „Sonderlingen aus dem Bodensatz des Sozialismus“ (Seite 260).
Die zweite Hauptperson des Romans ist Alexander Krusowitsch, genannt „Kruso“ oder manchmal auch zärtlich „Aloscha“ oder „Losch“. Dieser ist so etwas wie der heimliche Statthalter der Insel. Er hat ein informelles Netzwerk über die Insel gespannt, was dazu dient Mitglieder einer Gruppe zu verstecken, die im Buch als „Schiffbrüchige“ bezeichnet werden. Es sind Republikflüchtlinge in spe, die Hiddensee als Sprungbrett in den Westen verwenden wollen und als unautorisierte Schwarzschläfer auch des Nachts auf der Insel übernachten. So bekommt das ‚hidden‘ in Hiddensee im Roman auch die englische Bedeutung („versteckt“) des Wortes zugewiesen. Krusos Netzwerk dient der Unterbringung, nicht aber der Fluchthilfe. Denn Kruso hält die lockenden Lichter vom anderen Ufer der Ostsee für Sirenen. Er führt auch gegenüber Ed aus, dass er den Westen und sein Materialismus nicht für das Paradies hält:

„Aber viele, die dort [im Westen] geboren wurden und nie etwas anderes hatten, empfinden ihr Unglück nicht mehr. Die Unterhaltungsbranche, die Autos, Eigenheime, Einbauküchen, warum nicht? Aber für für sie ist es ihr Körper, seine natürliche Verlängerung, der Ort ihres Fühlens und Denkens. Ihre Seele steckt fest in einem Armaturenbrett, sie ist Hi-Fi-ertaubt oder cerdampft in einem Herd von Bosch. Sie können ihr Unglück nicht mehr empfinden. Sie hören nicht, welcher Zynismus in dem Wort Verbraucher steckt – allein das Wort! Sein animalischer Klang, voller Kuhglocken und Herden, über den Hügel des Wohlstandes getrieben, grasend, käuend, Verbrauch, Verdauung und neuer Verbrauch – fressen und scheißen, das ist das Leben des Verbrauchers. Und alles ist dafür eingerichtet, von der Geburt bis zum Tod des Verbrauchers. Der Verbraucherschutz funktioniert wie ein Zaun, er ist die Koppel auf dem Weideland. Die Verbraucherzentrale registriert jede Regung innerhalb der Herde und ermittelt den durchschnittlichen Verbrauch, nicht nach Kilometern, wie bei Motoren, sondern nach Jahren, Jahrzehnten. Wie hoch ist der Verbrauch, zum Beispiel, aufs Leben gesehen? Und wie lange braucht es, bis ein Verbraucher verbraucht ist?“

(Seite 359)
Ed und Kruso arbeiten in der Betriebsferienstätte „Zum Klausner“. Die Beschaftigten des Klausners bilden eine eingeschworene Gemeinschaft, ähnlich wie eine Schiffs-Besatzung.
Ed wird Abwäscher in der Klausner-Küche. Hier finden sich bei der Beschreibung der Küche im Buch eindrucksvolle Sprachgemälde:

„Wie Klippen standen aus der von einer blass-grauen Membran überzogenen Suppe ein paar ölige Wurst- und Gurkenbrocken hervor, die sich in der unablässig nachströmenden Hitze ein wenig auf und ab bewegten und an die Arbeit innerer Organe erinnerten – oder den Pulsschlag des Lebens, dachte Ed, kurz bevor es zu Ende geht.“

(Seite 11)
In einem Interview sagte Seiler sein Buch handle auch von einer „Männerfreundschaft“. Tatsächlich nimmt die tiefe Freundschaft zwischen Ed und Kruso manchmal sogar eine homoerotische Färbung an. Wobei die Freundschaft auch hierarchisch ist, denn Ed ist eher der Schüler von Kruso.
Frauen kommen in diesem Buch als aktiv handelnde Personen kaum vor. Ed und Kruso eint das Gefühl des Verlustes. Kruso hat mit 17 Jahren seine Schwester Sonja verloren und Ed seine Freundin G. Seltsamerweise werden Frauen in der emotionalen Nähe von Ed nur mit Buchstaben bezeichnet. So gesellt sich irgendwann einmal zur Ex-Freundin G. die neue Insel-Freundin C.
Im Verlauf des Buches dezimiert sich die Belegschaft des Klausners durch Abwanderung (u.a. zur offenen Grenze in Ungarn) immer mehr, bis zum Schluss nur noch Ed und Kruso übrig sind. Krusos Insel-Netzwerk wurde durch staatliche Repression zerschlagen. Dieses letzte Drittel im Buch zeichnet einen Niedergang nach und wird merklich surrealer und verrückter. Erst im Epilog kommt es zu einer Normalisierung. In diesem beschreibt der Autor bzw. Ed, wie versucht mehr über das Schicksal Sonjas heruszubekommen und dabei in Dänemark über die unbekannten Fluchttoten aus der DDR in der Ostsee stolpert.

Der Roman schildert wohl recht authentisch die Insel Hiddensee zu DDR-Zeiten und die Zeit im Jahr 1989 kurz vor der Wende. Manchmal weist die Geschichte aber auch stark surreale Züge auf, etwa wenn Ed mit einem toten Fuchs spricht.
Tatsächlich war die Insel eine Art Sehnsuchtsort für Aussteiger*innen im Osten. Ab den 1970er Jahren sammelten sich hier die Ausgespuckten und Nonkonformen (Blueser, Punks) aus der DDR-Gesellschaft und jene, die hier eine mögliche Flucht über die Ostsee auskundschafteten. Die Insel war eine, der in der DDR existierenden Nischen, in denen man sich vor den Anforderungen des Realsozialismus ein wenig verbergen konnte. Die hierher Geflüchteten verdingten sich auf der Insel als Saisonkräfte (SKs), im Buch „Esskars“ genannt. Sie riefen auf ihren Strandfeiern regelmäßig die „Freie Republik Hiddensee“ aus. In einem Online-Kommentar zu dem Buch wird behauptet die Gestalt des Kruso hätte seine reale Entsprechung in der Person von Aljoscha Rompe (1947-2000) von der Ost-Punk-Band „Feeling“.

Dass das Buch aus der Feder eines Dichters stammt, ist ihm anzumerken. Es finden sich viele überaus schöne, ja lyrische Sätze:

„Lieber hörte man ihm zu, eingeschüchtert und fasziniert zugleich, als wäre Ed ein exotisches Wesen aus dem Zoo des menschlichen Unglücks, umgeben von einem Wassergarben furchtsamer Achtung.“

(Seite 17)

„Später war er den Strand entlanggegangen und hatte den Satz aufs Meer hinaus gesprochen, wie eine Bitte, aber die Wellen waren zu hoch, das Meer zu laut und der Wind schob ihm die Worte in den Mund zurück.“

(Seite 109)

„Angefangen mit diesem vermaledeiten, hoffnungsfrohen Hellblau in den Schulatlanten, dieses verdammte, trügerische Hellblau, jeder Kinderschädel wird weich davon. Warum druckt man die Meere nicht schwarz, wie die Augen der Toten, oder rot wie Blut?“

(Seite 162-63)

„Die Tanne hinter dem Schuppen harkte das 6-Uhr-Morgenlicht zu breiten Streifen.“

(Seite 250)

„Als wäre etwas sehr Schlimmes geschehen, legte er augeblicklich beide Hände an seine Wangen. Es war die Geste goldzöpfiger Mädchen in sowjetischen Märchenfilmen, wenn sie erfuhren, dass der Drache ihren Liebsten getötet oder in ein Tier verwandelt hatte.“

(Seite 380)

Wer mit dem wirren zweiten Buchteil zurecht kommt, wird viel Lesevergnügen haben.