Islamistisch motivierte Homophobie

Orlando-Solidarity
In der Nacht zum 12. Juni 2016 fand in Orlando im „Pulse Club” ein offenbar islamistisch motivierter Massenmord an schwulen Männern* statt. Es wurden 49 Menschen ermordet und weitere 50 verletzt. Der homophobe Massenmörder hatte sich laut Medienberichten vor der Tat per Telefon bei der Polizei zum „Islamischen Staat“ (IS) bekannt. Bei der Tat handelte es sich wohl um ein so genannte „Lone Wolf“-Attentat, d.h. der Täter hatte keinen direkten Kontakt zu terroristischen Organisationen, in diesem Fall zum IS.
Die Diskussion, ob der Täter vor seiner Tat auch tatsächlich gläubig war oder nicht, nimmt sich reichlich seltsam aus. Wenn er tatsächlich vorher die Polizei angerufen und sich zum IS bekannt hat, dann war der Täter im Augenblick seiner Tat ein homophober Islamist. Die Tatbegründung ist hier entscheidend. Ein Neonazi, der vor seinem rassistischen Übergriff noch einen Döner isst, bleibt trotzdem ein Neonazi und der Übergriff entspringt seinem rassistischen Weltbild, auch wenn er das selber nicht immer an allen Stellen konsequent befolgt.

Nicht minder seltsam ist die Diskussion, ob der der Täter Islamist ‚oder‘ homophob sei. Woher kommt dieses ‚oder‘? Homophobie ist wie Antisemitismus ein integraler Bestandteil von Islamismus und ähnlich wie im Christentum auch in größeren Teilen des konservativen Mainstream-Islam verbreitet.
Erinnert sei an die staatliche Verfolgung Homosexueller in Staaten mit islamistischer Gesetzgebung, wie dem Iran. Hier wird nicht selten versucht Homophobie in eine antiwestliche Argumentation einzubinden. Mohammad-Jawad Larijani, der Leiter der Menschenrechtskommission in der iranischen Judikative, meinte beispielsweise 2012:

„Der Westen sagt, dass die Ehe von Homosexuellen laut Menschenrechtscharta frei und erlaubt sein soll, aber wir sehen darin Sittenlosigkeit und sexuelle Krankheit. […] Wieso sollen wir eine Krankheit als neues Lebensmodell anerkennen, statt unsere Kriterien bezüglich Homosexualität beizubehalten und dementsprechend zu handeln?“

Auch anderswo findet sich unter den Vertretern des islamischen Klerus eine aggressive Homophobie bis hin zum Mordaufruf. Mufti Talgat Tadshuddin, höchster islamischer Würdentrager Russlands, verlautbarte in einem Interview gegenüber der Agentur Interfax:

„Wenn sie [die Homosexuellen ] dennoch auf die Straßen gehen, muss man sie züchtigen. Eine nichttraditionelle Orientierung ist ein Verbrechen gegen Gott. Der Prophet Mohammed befahl, Homosexuelle zu töten, da ihre Handlungen zur Verminderung des Menschengeschlechts führen.“

Hier unterscheidet sich Tadschuhin kaum von homophoben Vertretern der christlichen Orthodoxie in Russland.

Islamisierte Homophobie findet sich leider auch unter Muslimen in Deutschland. Vor einigen Jahren sorgte folgende Stelle im Jugendmagazin der Jamaat der Bildungsabteilung von Ahmadiyya, Ausgabe 26 – 2007, in Deutschland für einen Skandal:

„Der Mensch ist, was er isst. Auch lässt sich dieser Aphorismus beziehen auf die Auswirkungen von Schweinefleischverzehr auf das menschliche Moralverhalten, denn ein schamloses Tier wie das Schwein prägt oder unterstützt die Ausprägung gewisser Verhaltensweisen des Konsumenten […] Unser geliebter vierter Khalifa, Hazrat Mirza Tahir Ahmad […] äußerte in dem Zusammenhang, dass er den zunehmenden Hang zur Homosexualität mit dem Schweinefleischverzehr in unserer Gesellschaft in Verbindung setzt.“

Auch Ahmet Yazici, stellvertretender Vorsitzender der islamischen Gemeinden in Norddeutschland, distanzierte sich zwar 2007 von homophober Gewalt, nannte Homosexualität aber explizit eine Sünde:

„Homosexualität ist eine Sünde im Islam, aber das wäre niemals ein legitimer Grund, Gewalt anzuwenden“

Und der gern als Interviewpartner bemühte „Zentralrat der Muslime in Deutschland“ erläuterte 2006 im Internet zum Thema „Analverkehr“:

„Dies heißt, dass die sexuelle Beziehung innerhalb der Ehe in jeder Art erlaubt ist, es sei denn, sie wurde ausdrücklich verboten. Ausdrücklich verboten wurde der Geschlechtsverkehr während der Menstruation (hier ohne Beleg) und Analverkehr:
Nach Ahmad, Tirmidhi, Nasai, Ibn Madscha hat der Prophet (Friede sei auf ihm) gesagt: „Nähert euch den Frauen nicht anal.“. Er bezeichnete den Analverkehr als „kleine Homosexualität“.“

Damit soll nicht gesagt werden, dass die Morde von Orlando direkt etwas mit der Homophobie im konservativen Mainstream-Islam zu tun haben. Trotzdem ist Homophobie im Islam bereits weit verbreitet, so dass der Islamismus sie nicht neu erfinden muss, sondern nur noch radikalisiert.
Bevor aber die nichtmuslismische Mehrheitsbevölkerung in Deutschland versucht Homophobie auf Muslime auszulagern, sei daran erinnert das sie natürlich auch außerhalb von konservativen Islam und Islamismus vorkommen, beispielsweise im konservativen Christentum und christlichen Fundamentalismus. Aber auch im säkularen Teil der Gesellschaft ist sie weiterhin stark verbreitet.