Archiv für Juli 2016

Buchkritik „Unterwerfung“ von Michael Houellebecq

Unterwerfung
Nach seinem Erscheinen wurde der Roman „Unterwerfung“ von Michael Houellebecq in den bürgerlichen Feuilletons kontrovers diskutiert.
Der Roman spielt in einem krisenzerrütteten Frankreich im Jahr 2022. Beschrieben wird diese nahe Zukunft aus der Sicht eines Literatur-Professors, einem Experte für den französischen Romancier Joris-Karl Huysman (1848-1907). Dieser Professor soll wohl einen bestimmten Menschentypus in der Postmoderne abbilden. Der Hauptprotagonist ist „mutlos und apathisch“ und im Grunde bindungsunfähig. Länger als ein Jahr halten seine Beziehungen und Affären nie. Man könnte auch von einer Form der Wohlstandsverwahrlosung sprechen. Der Professor hat kein echtes soziales Umfeld und stark misantrophische Züge.
Zudem ist der Ich-Erzähler unpolitisch und spürt gegenüber der repräsentativen Demokratie keinerlei Loyalität. So weiß er gar nicht, wie er reagieren soll, als sich durch eine Wirtschaftskrise angetrieben, die sozialdemokratisch und säkular bzw. laizistisch geprägte Epoche in Westeuropa sich dem Ende zuneigt.
Materiell abgesichert befindet sich auch der Hauptprotagonist in einer ausgewachsenen Sinnkrise und somit auf einer Sinnsuche. Er liebäugelt mit dem katholischen Mystizismus, kann aber mit diesem schlussendlich nich warm werden und trifft am Ende des Buches eine andere Entscheidung.

In Reaktion auf den kalten Materialismus der Postmoderne mit ihrem „Ich konsumiere, also bin ich“-Credo und ihren atomisierten Individuen gibt es allgemein neben der ökonomischen, auch eine Identitäts-Krise, die Frankreich polarisiert und spaltet.
Bei den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2022 wird der „Front National“ unter Marine LePen stärkste Partei. Überraschenderweise wird die gemäßigt-islamistische Partei „Bruderschaft der Muslime“ unter Mohammed Ben Abbas zweitstärkste Partei. Damit konkurrieren beide Parteien bei der nächsten Wahl miteinander.
Durch ein karikatives Netzwerk hat die „Partei der Muslime“ auch den Charakter einer Bewegung, die viele AnhängerInnen bindet.
Zu beiden Seiten, den konservativen Muslimen wie den Rechten, gehören auch radikalere Gruppen. Im Umfeld des „Front National“ sind das die Identitären, die sich als die „Ureinwohner Europas“ inszenieren, und bei der „Bruderschaft der Muslime“ sind es die Salafisten wie der „Bund der salafistischen Studenten“. Zeitweise droht von den Hardlinern angefacht Frankreich ein Bürgerkrieg, der dann aber auf Grund der allgemeinen Apathie in der Bevölkerung nach einer Zeit der Unruhen ausbleibt.
Die (sozialdemokratischen) Sozialisten schließen sich der „Bruderschaft der Muslime“ an, um einen Sieg des „Front National“ zu verhindern. Nach einer gescheiterten weiteren Wahl, bei der Radikale beider Seiten Wahlurnen stehlen, schließt sich auch die konservative UMP der „Bruderschaft der Muslime“ und den Sozialisten an und zusammen bilden sie eine „Regierung der nationalen Einheit“. Ben Abbas wird Präsident. Ein wenig erinnert dieses Szenario an die Reichspräsidentenwahl 1932 in Deutschland, bei der sich SPD und Zentrum zähneknirschend für die Wahl des deutschnationalen Hindenburg aussprachen, um Hitler zu verhindern.
In der Folge des Wahlsiegs von Abbas wird der in Frankreich traditionell beheimatete Laizismus abgeschafft. Das laizistische Frankreich wird säkularisiert und in Teilen konfessionalisiert. Ein Teil des Bildungssystems wird islamisiert, die Polygamie wird legalisiert und allgemein wird die Geschlechtertrennung (re-)etabliert und die traditionellen Geschlechterrollen werden verstärkt.
Durch Familienzulagen werden Frauen an Heim und Herd zurück befördert, Frauenarbeitsplätze freigesetzt und die Arbeitslosigkeit sinkt wieder.
Aus der Universität Sorbonne wird die von den Saudis finanzierte Islamische Universität Paris-Sorbonne.
Die Tendenz zur Traditionalisierung und Islamisierung war bereits vor dem Wahlsieg vorhanden. Sittenwächter kontrollieren auf dem Campus und muslimische Studentinnen tragen Burkas.
Eine Konvertierung zum Islam wird nicht erzwungen, ist aber karriere-förderlich bis -notwendig. Mindestens sollte man sich propalästinensisch positionieren. Juden und Jüdinnen drohen zwischen Rechten und konservativen Muslimen zerrieben zu werden und viele verlassen Frankreich mit dem Ziel Israel, darunter auch die junge Geliebte des Professors.
Als Mann kann man im neuen Frankreich durchaus von dem verschärften Geschlechterregime profitieren. Bietet es doch die Legitimation eine 15-Jährige zu heiraten oder insgesamt bis zu vier Frauen zu haben. Ehen werden wieder arrangiert und die Liebesheirat gilt dagegen als Relikt von Gestern.
Gesellschaftspolitisch ist Abbas extrem konservativ bzw. gemäßigt islamistisch, doch ökonomisch folgt er im Buch der Idee des Distributismus, wonach der Besitz von Produktionsmitteln so weit wie möglich in der Bevölkerung verteilt sein solle und nicht im zentralen Besitz des Staates oder einer begrenzten Zahl von Individuen.

Dem Autor vorzuwerfen er sei ein Rechter und er hätte ein rassistisches Schreckensszenario von der Islamisierung Westeuropas verfasst, griffe zu kurz und wäre zu einfach. Houellebecq ist zu sehr Nihilist, um wirklich ein Rechter zu sein. An den rechten Protagonisten in „Unterwerfung“ lässt er kaum ein gutes Blatt.
Mit den Rechten teilt Houellebecq aber einen starken Hang zum Kulturpessismismus. Es geht in seinem Buch aber weniger um das Szenario einer Islamisierung, sondern um Anpassung, Mitläufertum und die titelgebende „Unterwerfung“ gegenüber einem neuen Regime, in diesem Fall einem traditionalistisch-konservativen, was Atheismus und Humanismus ablehnt.
Problematisch ist eine gewisse Essentialisierung. Im Roman sind alle Muslime generell mindestens konservativ-traditionalistisch eingestellt. Aber nicht nur liberale Muslime, auch laizistische Linke oder Feministinnen fehlen als handelnde Gruppen. Es gibt nur Rechte und ihre AnhängerInnen und traditionalistische Muslime und ihre Verbündeten.
Auch bedauerlich ist es, dass Frauen im Buch nur als Randgestalten vorkommen. Frauen sind für den Ich-Erzähler lediglich Lustobjekte, aber kaum gleichberechtigte Gefährtinnen
Hinzu kommt eine gehörige Portion Altmännergeilheit des Autors. Der Professor schläft wechselnd mit seinen Studentinnen oder später auch mit Prostituierten, was ausgiebig beschrieben wird.

Insgesamt ein flott zu lesendes, kurzweiliges Buch. Gute Lektüre für lange Bahn- oder Bus-Fahrten.

Buchkritik „Tausend strahlende Sonnen“ von Khaled Hosseini

Tausend strahlende Sonnen
Das Buch „Tausend strahlende Sonnen“ von Khaled Hosseini beschreibt in einfühlsamer Weise zwei Frauenschicksale in Afghanistan.
Zum einen ist es das Schicksal von Mariam, Jahrgang 1959. Sie ist eine „harami“, ein uneheliches Kind, was im muslimisch-konservativen Afghanistan als schlimmer Makel gilt. Ihr Vater, der vermögende Kinobesitzer Jalil, hatte eine Affäre mit ihrer Mutter, die als seine Hausangestellte arbeitete. Um sein Gesicht zu wahren muss Mariam in einer abgelegenen Hütte aufwachsen, wo der Vater sie einmal in der Woche besucht.
Als Mariam mehr von ihrem Vater will stößt dieser sie weg. Doch ihre Mutter begeht Selbstmord und nun ist Jalil plötzlich für seine leibliche Tochter verantwortlich. Er zwangsverheiratet die 15-Jährige kurzerhand an Raschid, einen über 40-jährigen Schuhmacher aus Kabul. Dieser missbraucht und misshandelt seine Kindsfrau physisch und psychisch.

„Er warf Mariam einen flüchtigen Blick zu, der so hart war wie ein Tritt mit eisenbeschlagener Schuhspitze.“

(Seite 206)
Raschid tritt aber gleichsam auch als äußerst sittenstreng auf und zwingt Mariam – lange vor den Taliban – in der Öffentlichkeit die Burka zu tragen.
Nach mehreren Fehlgeburten ist die Hoffnung Raschids durch Mariam einen Sohn zu bekommen zunichte gemacht.

Die zweite weibliche Hauptprotagonistin des Buches ist Laila, Jahrgang 1978. Ihr Vater, Babi, behandelt seine Tochter sehr gleichberechtigt. Seine Söhne, Ahmad und Norr, sind in die Berge gegangen, um als Mudschahedin gegen die Sowjets und ihre einheimischen Verbündeten zu kämpfen. Dort fallen sie im Kampf, was die Depressionen von Lailas Mutter unterstützt. Laila zur Seite steht ihr guter Freund Tarik, ein Junge, dem ein Bein fehlt. Tarik und Laila verlieben sich ineinenader. Doch Tariks Familie flieht vor den Bürgerkriegs-Wirren nach Pakistan. Lailas Familie will folgen, doch kurz vor ihrem Aufbruch kommt die Familie durch eine Granate von einer der Kriegsparteien um und Laila wird schwer verletzt. Sie wird von Raschid gefunden und gesund gepflegt. Dieser macht das aber nicht uneigennützig, er will sie zu seiner Zweitfrau nehmen. Mit 14 heiratet Laila den nunmehr über 60-jährigen Raschid, dessen Zweitfrau sie wird. Sie tut das, um zu kaschieren dass sie von ihrer Jugendliebe Tarik schwanger ist. So wird ihre Tochter Aziza geboren. Erst steht Laila im Konflikt mit Raschids Erstfrau Mariam, doch schließt diese besonders Aziza ins Herz und Laila und Mariam verbünden sich gegen Raschid. Eine erste Flucht misslingt und Raschids Rache an den beiden ist furchtbar.
Schließlich gebiert Laila Raschid einen Sohn, Zalmai. Während Raschid die Tochter ignoriert, ist der Sohn sein ganzer Stolz. Doch Raschid verliert seine Werkstatt und die Familie ist vom Hungertod bedroht.

Das Buch schildert nicht nur zwei Einzelschicksale, sondern auch die Geschichte von Afghanistan seit den 1970-er Jahren. Obwohl von den meisten Menschen in Afghanistan als Fremdherrschaft empfunden, herrschte von 1978 bis 1992 unter den ParteikommunistInnen und den Sowjets doch eine bis dato unbekannte Freiheit für Frauen. Besonders in Kabul herrschte damals ein große Liberalität. Mit dem Abzug der Sowjets wurden diese Freiheiten wieder zurückgeschnitten und beispielsweise der Schleierzwang eingeführt. Im Anschluss an den Abzug der Sowjettruppen bekriegten sich die gegen die Sowjets siegreichen Mudschaheddin in wechselnden Allianzen untereinander. Ab 1996 rollen dann die Taliban, islamistische Fanatiker aus den Flüchtlingslagern in Pakistan, das Land auf. Die Radikalislamisten werden von Teilen der kriegsmüden Bevölkerung anfangs noch Willkommen geheißen. Doch der Siegeszug der Taliban nach den Kämpfen der Mudschahedin ist wie eine Pestwelle, die auf eine Cholera-Epidemie folgt. Frauen dürfen nicht mehr ohne männliche Begleitung und Burka in der Öffentlichkeit auftreten.
Es ist ihnen verboten zu arbeiten. Afghanistan unter den Taliban, das ist das ungehemmte und sich selbst legitimierende Patriarchat. Allgemein werden Singen, Tanzen und Drachensteigen verboten. Wer ein Fingernagel lackiert und erwischt wird, bekommt diesen abgetrennt.
Zu der Tugenddiktatur der Taliban kommt eine Dürre 1998 bis 2000 hinzu.
Das Buch endet hoffnungsfroh im Posttaliban-Afghanistan, nachdem die Taliban durch die Nordallianz und die US-Intervention ab 2001 vertrieben wurden. Doch wird kritisch vermerkt dass die USA die alten Bürgerkriegs-Anführer in ihre Machtstruktur einbinden.

Das Buch ist die authentische Darstellung des Schicksals vieler afghanischen Frauen im Privaten (die Ehe mit einem brutalen Mann) wie im Politischen (das Taliban-Regime). Zugleich ist es auch ein poetisches Buch mit schönen Zeilen wie der Folgenden:

„Wie ein Kunstliebhaber, der einem brennenden Museum entfliehen muss, versuchte sie, alles, was ihr wertvoll erschien festzuhalten und vor dem Vergessen zu bewahren – möglichst jeden Blick, jede Empfindung, jedes geflüsterte Wort.“

(Seite 168)
Absolut lesenswert!