Buchkritik „Tausend strahlende Sonnen“ von Khaled Hosseini

Tausend strahlende Sonnen
Das Buch „Tausend strahlende Sonnen“ von Khaled Hosseini beschreibt in einfühlsamer Weise zwei Frauenschicksale in Afghanistan.
Zum einen ist es das Schicksal von Mariam, Jahrgang 1959. Sie ist eine „harami“, ein uneheliches Kind, was im muslimisch-konservativen Afghanistan als schlimmer Makel gilt. Ihr Vater, der vermögende Kinobesitzer Jalil, hatte eine Affäre mit ihrer Mutter, die als seine Hausangestellte arbeitete. Um sein Gesicht zu wahren muss Mariam in einer abgelegenen Hütte aufwachsen, wo der Vater sie einmal in der Woche besucht.
Als Mariam mehr von ihrem Vater will stößt dieser sie weg. Doch ihre Mutter begeht Selbstmord und nun ist Jalil plötzlich für seine leibliche Tochter verantwortlich. Er zwangsverheiratet die 15-Jährige kurzerhand an Raschid, einen über 40-jährigen Schuhmacher aus Kabul. Dieser missbraucht und misshandelt seine Kindsfrau physisch und psychisch.

„Er warf Mariam einen flüchtigen Blick zu, der so hart war wie ein Tritt mit eisenbeschlagener Schuhspitze.“

(Seite 206)
Raschid tritt aber gleichsam auch als äußerst sittenstreng auf und zwingt Mariam – lange vor den Taliban – in der Öffentlichkeit die Burka zu tragen.
Nach mehreren Fehlgeburten ist die Hoffnung Raschids durch Mariam einen Sohn zu bekommen zunichte gemacht.

Die zweite weibliche Hauptprotagonistin des Buches ist Laila, Jahrgang 1978. Ihr Vater, Babi, behandelt seine Tochter sehr gleichberechtigt. Seine Söhne, Ahmad und Norr, sind in die Berge gegangen, um als Mudschahedin gegen die Sowjets und ihre einheimischen Verbündeten zu kämpfen. Dort fallen sie im Kampf, was die Depressionen von Lailas Mutter unterstützt. Laila zur Seite steht ihr guter Freund Tarik, ein Junge, dem ein Bein fehlt. Tarik und Laila verlieben sich ineinenader. Doch Tariks Familie flieht vor den Bürgerkriegs-Wirren nach Pakistan. Lailas Familie will folgen, doch kurz vor ihrem Aufbruch kommt die Familie durch eine Granate von einer der Kriegsparteien um und Laila wird schwer verletzt. Sie wird von Raschid gefunden und gesund gepflegt. Dieser macht das aber nicht uneigennützig, er will sie zu seiner Zweitfrau nehmen. Mit 14 heiratet Laila den nunmehr über 60-jährigen Raschid, dessen Zweitfrau sie wird. Sie tut das, um zu kaschieren dass sie von ihrer Jugendliebe Tarik schwanger ist. So wird ihre Tochter Aziza geboren. Erst steht Laila im Konflikt mit Raschids Erstfrau Mariam, doch schließt diese besonders Aziza ins Herz und Laila und Mariam verbünden sich gegen Raschid. Eine erste Flucht misslingt und Raschids Rache an den beiden ist furchtbar.
Schließlich gebiert Laila Raschid einen Sohn, Zalmai. Während Raschid die Tochter ignoriert, ist der Sohn sein ganzer Stolz. Doch Raschid verliert seine Werkstatt und die Familie ist vom Hungertod bedroht.

Das Buch schildert nicht nur zwei Einzelschicksale, sondern auch die Geschichte von Afghanistan seit den 1970-er Jahren. Obwohl von den meisten Menschen in Afghanistan als Fremdherrschaft empfunden, herrschte von 1978 bis 1992 unter den ParteikommunistInnen und den Sowjets doch eine bis dato unbekannte Freiheit für Frauen. Besonders in Kabul herrschte damals ein große Liberalität. Mit dem Abzug der Sowjets wurden diese Freiheiten wieder zurückgeschnitten und beispielsweise der Schleierzwang eingeführt. Im Anschluss an den Abzug der Sowjettruppen bekriegten sich die gegen die Sowjets siegreichen Mudschaheddin in wechselnden Allianzen untereinander. Ab 1996 rollen dann die Taliban, islamistische Fanatiker aus den Flüchtlingslagern in Pakistan, das Land auf. Die Radikalislamisten werden von Teilen der kriegsmüden Bevölkerung anfangs noch Willkommen geheißen. Doch der Siegeszug der Taliban nach den Kämpfen der Mudschahedin ist wie eine Pestwelle, die auf eine Cholera-Epidemie folgt. Frauen dürfen nicht mehr ohne männliche Begleitung und Burka in der Öffentlichkeit auftreten.
Es ist ihnen verboten zu arbeiten. Afghanistan unter den Taliban, das ist das ungehemmte und sich selbst legitimierende Patriarchat. Allgemein werden Singen, Tanzen und Drachensteigen verboten. Wer ein Fingernagel lackiert und erwischt wird, bekommt diesen abgetrennt.
Zu der Tugenddiktatur der Taliban kommt eine Dürre 1998 bis 2000 hinzu.
Das Buch endet hoffnungsfroh im Posttaliban-Afghanistan, nachdem die Taliban durch die Nordallianz und die US-Intervention ab 2001 vertrieben wurden. Doch wird kritisch vermerkt dass die USA die alten Bürgerkriegs-Anführer in ihre Machtstruktur einbinden.

Das Buch ist die authentische Darstellung des Schicksals vieler afghanischen Frauen im Privaten (die Ehe mit einem brutalen Mann) wie im Politischen (das Taliban-Regime). Zugleich ist es auch ein poetisches Buch mit schönen Zeilen wie der Folgenden:

„Wie ein Kunstliebhaber, der einem brennenden Museum entfliehen muss, versuchte sie, alles, was ihr wertvoll erschien festzuhalten und vor dem Vergessen zu bewahren – möglichst jeden Blick, jede Empfindung, jedes geflüsterte Wort.“

(Seite 168)
Absolut lesenswert!