Buchkritik „Unterwerfung“ von Michael Houellebecq

Unterwerfung
Nach seinem Erscheinen wurde der Roman „Unterwerfung“ von Michael Houellebecq in den bürgerlichen Feuilletons kontrovers diskutiert.
Der Roman spielt in einem krisenzerrütteten Frankreich im Jahr 2022. Beschrieben wird diese nahe Zukunft aus der Sicht eines Literatur-Professors, einem Experte für den französischen Romancier Joris-Karl Huysman (1848-1907). Dieser Professor soll wohl einen bestimmten Menschentypus in der Postmoderne abbilden. Der Hauptprotagonist ist „mutlos und apathisch“ und im Grunde bindungsunfähig. Länger als ein Jahr halten seine Beziehungen und Affären nie. Man könnte auch von einer Form der Wohlstandsverwahrlosung sprechen. Der Professor hat kein echtes soziales Umfeld und stark misantrophische Züge.
Zudem ist der Ich-Erzähler unpolitisch und spürt gegenüber der repräsentativen Demokratie keinerlei Loyalität. So weiß er gar nicht, wie er reagieren soll, als sich durch eine Wirtschaftskrise angetrieben, die sozialdemokratisch und säkular bzw. laizistisch geprägte Epoche in Westeuropa sich dem Ende zuneigt.
Materiell abgesichert befindet sich auch der Hauptprotagonist in einer ausgewachsenen Sinnkrise und somit auf einer Sinnsuche. Er liebäugelt mit dem katholischen Mystizismus, kann aber mit diesem schlussendlich nich warm werden und trifft am Ende des Buches eine andere Entscheidung.

In Reaktion auf den kalten Materialismus der Postmoderne mit ihrem „Ich konsumiere, also bin ich“-Credo und ihren atomisierten Individuen gibt es allgemein neben der ökonomischen, auch eine Identitäts-Krise, die Frankreich polarisiert und spaltet.
Bei den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2022 wird der „Front National“ unter Marine LePen stärkste Partei. Überraschenderweise wird die gemäßigt-islamistische Partei „Bruderschaft der Muslime“ unter Mohammed Ben Abbas zweitstärkste Partei. Damit konkurrieren beide Parteien bei der nächsten Wahl miteinander.
Durch ein karikatives Netzwerk hat die „Partei der Muslime“ auch den Charakter einer Bewegung, die viele AnhängerInnen bindet.
Zu beiden Seiten, den konservativen Muslimen wie den Rechten, gehören auch radikalere Gruppen. Im Umfeld des „Front National“ sind das die Identitären, die sich als die „Ureinwohner Europas“ inszenieren, und bei der „Bruderschaft der Muslime“ sind es die Salafisten wie der „Bund der salafistischen Studenten“. Zeitweise droht von den Hardlinern angefacht Frankreich ein Bürgerkrieg, der dann aber auf Grund der allgemeinen Apathie in der Bevölkerung nach einer Zeit der Unruhen ausbleibt.
Die (sozialdemokratischen) Sozialisten schließen sich der „Bruderschaft der Muslime“ an, um einen Sieg des „Front National“ zu verhindern. Nach einer gescheiterten weiteren Wahl, bei der Radikale beider Seiten Wahlurnen stehlen, schließt sich auch die konservative UMP der „Bruderschaft der Muslime“ und den Sozialisten an und zusammen bilden sie eine „Regierung der nationalen Einheit“. Ben Abbas wird Präsident. Ein wenig erinnert dieses Szenario an die Reichspräsidentenwahl 1932 in Deutschland, bei der sich SPD und Zentrum zähneknirschend für die Wahl des deutschnationalen Hindenburg aussprachen, um Hitler zu verhindern.
In der Folge des Wahlsiegs von Abbas wird der in Frankreich traditionell beheimatete Laizismus abgeschafft. Das laizistische Frankreich wird säkularisiert und in Teilen konfessionalisiert. Ein Teil des Bildungssystems wird islamisiert, die Polygamie wird legalisiert und allgemein wird die Geschlechtertrennung (re-)etabliert und die traditionellen Geschlechterrollen werden verstärkt.
Durch Familienzulagen werden Frauen an Heim und Herd zurück befördert, Frauenarbeitsplätze freigesetzt und die Arbeitslosigkeit sinkt wieder.
Aus der Universität Sorbonne wird die von den Saudis finanzierte Islamische Universität Paris-Sorbonne.
Die Tendenz zur Traditionalisierung und Islamisierung war bereits vor dem Wahlsieg vorhanden. Sittenwächter kontrollieren auf dem Campus und muslimische Studentinnen tragen Burkas.
Eine Konvertierung zum Islam wird nicht erzwungen, ist aber karriere-förderlich bis -notwendig. Mindestens sollte man sich propalästinensisch positionieren. Juden und Jüdinnen drohen zwischen Rechten und konservativen Muslimen zerrieben zu werden und viele verlassen Frankreich mit dem Ziel Israel, darunter auch die junge Geliebte des Professors.
Als Mann kann man im neuen Frankreich durchaus von dem verschärften Geschlechterregime profitieren. Bietet es doch die Legitimation eine 15-Jährige zu heiraten oder insgesamt bis zu vier Frauen zu haben. Ehen werden wieder arrangiert und die Liebesheirat gilt dagegen als Relikt von Gestern.
Gesellschaftspolitisch ist Abbas extrem konservativ bzw. gemäßigt islamistisch, doch ökonomisch folgt er im Buch der Idee des Distributismus, wonach der Besitz von Produktionsmitteln so weit wie möglich in der Bevölkerung verteilt sein solle und nicht im zentralen Besitz des Staates oder einer begrenzten Zahl von Individuen.

Dem Autor vorzuwerfen er sei ein Rechter und er hätte ein rassistisches Schreckensszenario von der Islamisierung Westeuropas verfasst, griffe zu kurz und wäre zu einfach. Houellebecq ist zu sehr Nihilist, um wirklich ein Rechter zu sein. An den rechten Protagonisten in „Unterwerfung“ lässt er kaum ein gutes Blatt.
Mit den Rechten teilt Houellebecq aber einen starken Hang zum Kulturpessismismus. Es geht in seinem Buch aber weniger um das Szenario einer Islamisierung, sondern um Anpassung, Mitläufertum und die titelgebende „Unterwerfung“ gegenüber einem neuen Regime, in diesem Fall einem traditionalistisch-konservativen, was Atheismus und Humanismus ablehnt.
Problematisch ist eine gewisse Essentialisierung. Im Roman sind alle Muslime generell mindestens konservativ-traditionalistisch eingestellt. Aber nicht nur liberale Muslime, auch laizistische Linke oder Feministinnen fehlen als handelnde Gruppen. Es gibt nur Rechte und ihre AnhängerInnen und traditionalistische Muslime und ihre Verbündeten.
Auch bedauerlich ist es, dass Frauen im Buch nur als Randgestalten vorkommen. Frauen sind für den Ich-Erzähler lediglich Lustobjekte, aber kaum gleichberechtigte Gefährtinnen
Hinzu kommt eine gehörige Portion Altmännergeilheit des Autors. Der Professor schläft wechselnd mit seinen Studentinnen oder später auch mit Prostituierten, was ausgiebig beschrieben wird.

Insgesamt ein flott zu lesendes, kurzweiliges Buch. Gute Lektüre für lange Bahn- oder Bus-Fahrten.