Buchkritik „Die Welt von Gestern“ von Stefan Zweig

Im Jahr 1940 verfasste der österreichische Autor Stefan Zweig seine Autobiografie. Darin beschreibt er sein Leben von der Schulzeit bis zur Emigration aus Europa. Diese Autobiografie erschien postum mit dem Titel „Die Welt von Gestern“, nachdem er sich in der Nacht vom 22. zum 23. Februar 1942 in Petrópolis in Brasilien mit einer Überdosis Veronal das Leben genommen hatte. Vor den Nazis geflüchtet und „durch die langen Jahre heimatlosen Wanderns erschöpft“ setzte er seinem Leben ein Ende.
Stefan Zweig: Die Welt von Gestern
Zweig stammt aus dem jüdischen Großbürgertum Wiens. Diese Gruppe war zu Zeiten Zweigs weitgehend assimiliert. Trotzdem beschreibt Zweig, wie der Antisemit Dr. Karl Lüger in Wien Politik macht. Lügers Parole „Dem kleinen Manne muss geholfen werden“ erinnert dabei sehr an heutige RechtspopulistInnen, die versuchen den deutschnationalen Kleinbürger für sich einzunehmen.
Wichtige Stationen von Zweigs Leben sind Wien, Berlin und Paris. Hier lernt er Künstler kennen, deren Namen heute noch bekannt sind: Die Schriftsteller Rainer Maria Rilke, Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler oder den Komponisten Richard Strauss.
Über Hofmannsthal berichtet Zweig: […] er warf sich gleichsam mit einem einzigen Ruck in die Rede hinein wie ein Schwimmer in die vertraute Flut […] (Seite 68)
In Frankreich trifft er Romain Rolland, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verbindet. Zweig beschreibt ihn als „der menschlichste unter den Dichtern“.
Im Ausland kommt später die Bekanntschaft mit den Schriftstellern H.G. Wells, James Joyce
und Marxim Gorkij, nach Zweig „der genialste Erzähler der Weltliteratur“, hinzu.
Über Joyce schreibt Zweig:

„Und ich war später keineswegs erstaunt, daß gerade er das einsamste, mit allem unverbundenste, dies gleichsam meteorisch in unserer Zeit niedergestürtzte Werk geschrieben.“

(Seite 314) Gemeint ist der Roma „Ulysses“.
Er traf er bekannte PolitikerInnen wie in Wien Theodor Herzl, damals noch Feuilleton-Redakteur der „Neuen Freien Presse“. Oder er trifft in Berlin Walther Rathenau, den er zuerst nicht als Politiker, sondern als Aphoristiker kennen lernt. Von Rathenau berichtet Zweig, dieser hätte versucht, […] durch den Einsatz seines Lebens an eine einzige Idee: Europa zu retten.“ (Seite 212)
Ebenso traf er so unterschiedliche Wissenschaftler wie Karl Haushofer und Sigmund Freud oder den Esoteriker Rudolf Steiner.
In der Beschreibung seiner berühmten Bekanntschaften neigt Zweig zur Superlative , etliche werden überschwänglich gelobt bis hin zur schwärmerischen Verehrung.

Obwohl der Zweite Weltkrieg Zweig aus Europa vertrieb findet der Erste Weltkrieg im Buch eine stärkere Erwähnung. Der Weltbürger und Proto-EuropäerZweig litt an dem Völkerschlachten 1914 bis 1918. Mit einigen seiner Freunden wie Rolland versuchte er gegen den Wahnsinn anzukämpfen. Doch sie waren, wie sich Zweig eingesteht, zu wenige und zu schwach. In der militaristischen und bellizistischen (kriegsbegeisterten) Hegemonie (Dominanz) waren sie isoliert und deswegen um so verzweifelter.
Der Krieg wird von vielen begrüßt als Chance zur Statusverbesserung:

„Jeder einzelne erlebte eine Steigerung seines Ichs, er war eingetan in eine Masse, er war Volk, und seine Person, seine sonst unbeachtete Person hatte einen Sinn bekommen. Der kleine Postbeamte, der sonst von früh bis nachts Briefe sortierte, der Schreiber, der Schuster hatte plötzlich eine andere, eine romantische Möglichkeit in seinem Leben: er konnte Held werden, und jeden, der eine Uniform trug, feierten schon die Frauen, grüßten ehrfürchtig die Zurückbleibenden im voraus mit diesen romantischen Namen.“

(Seite 256-57)
Die Zeiten sind verrückt:

„Immer absurder wurde die Geistesverwirrung. Die Köchin am Herd, die nie über ihre Stadt hinausgekommen und seit der Schulzeit keinen Atlas aufgeschlagen, glaubte, daß Österreich nicht leben könne ohne den »Sandschak« (ein kleines Grenzbezirkchen irgendwo in Bosnien). Die Kutscher stritten auf der Straße, welche Kriegsentschädigung man Frankreich auferlegen solle, fünfzig Milliarden oder hundert, ohne zu wissen wieviel eine Milliarde ist. Keine Stadt, keine Gruppe, die nicht dieser grauenhaften Hysterie des Hasses verfiel.“

(Seite 269)

Zweig verbringt ein Jahr 1917 bis 1918 in der neutralen Schweiz. Hier trifft er auf von ihm so genannte „Kaffeehauskomploteure“, über die er sich im Buch lustig macht:

„[…]; zum erstenmal lernte ich richtig den ewigen Typus des professionellen Revolutionärs beobachten, der sich durch das bloß Oppositionelle seiner Stellung in seiner Unbedeutendheit gesteigert fühlt und an das Dogmatische sich klammert, weil er selber keinen Halt besitzt.“

(Seite 318)
Schließlich kehrte er 1918 in das aus dem Kaiserreich Österreich-Ungarn hervorgegangene kleine Österreich zurück und bezieht ein Haus in Salzburg. Nach einer anfänglichen Not erklimmt Zweig den Gipfel der Bekanntheit und wird einer der erfolgreichsten Schriftsteller seiner Zeit. Sein Erfolg wundert nicht zuletzt auch ihn.
Doch das seit 1933 zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland und dem faschistischen Italien eingeklemmte Österreich ist in seiner Existenz bedroht. Vor dieser Bedrohung retten auch keine Verträge, auch wenn die Menschen das glauben, wie Zweig beobachtet:

„Sie glaubten an den Völkerbund, an Friedensverträge wie Kranke an Medizin mit schönen Etiketten.“

(Seite 454)

Wer sich ein Bild des kaiserlichen Wiens oder über die Hysterie im Ersten Weltkrieg machen will, die/der sei Zweigs Autobiografie sehr empfohlen. Auch über die Einschnürung der Frau in Sitte und Anstand schreibt Zweig sehr anschaulich. Schade nur, dass er Frauen kaum als AkteurInnen in seinem Leben erwähnt. Das er verheiratet ist, erfährt man irgendwo zufällig in einem Halbsatz. Ansonsten bleibt seine Frau fast gänzlich unerwähnt.
Im Buch finden sich schöne Sätze, ebenso wie einzelne seltene und schöne Worte, etwa wie Rarissima, kiebitzen oder verlebendigen. Oder Ausdrücke wie „Der Tag war lind“ oder „weltkennerisch und weltseitig“.
Allein für die schönen Sätze lohnt sich die Lektüre.

Stefan Zweig: Die Welt von Gestern, Frankfurt/Main 2003.