Die Stickigkeit des ‚christlichen Abendlandes‘ für Frauen* und Mädchen

Viele VerteidigerInnen des ‚christlichen Abendlandes‘ und seiner angeblichen und tatsächlichen Freiheiten gegen eine angebliche ‚Islamisierung‘ und die damit einhergehende Unfreiheit ignorieren die tatsächliche Geschichte.
Die im Westen existierenden Freiheiten, beispielsweise für Frauen* oder LSBTTIQ* sind das Ergebnis von harten Kämpfen dieser Gruppen. Diese harten Kämpfe gegen die Mehrheitsgesellschaft bzw. den Hegemon haben zu einer Teil-Emanzipation geführt, die von einem Rückfall bedroht ist und kapitalistisch überformt wurde.
Mit der Aufklärung haben Menschenrechte und Frauenemanzipation erst einmal gar nicht soviel zu tun. Die Aufklärung stellte nur die Basis dar, nämlich eine gedankliche Freiheit, auf der dann später eine Teil-Emanzipation erkämpft wurde. Mit dem Einsetzen der Epoche der Aufklärung wurde keineswegs zugleich auch die Sklaverei abgeschafft und das Frauenwahlrecht eingeführt.
Obwohl die Aufklärung auch starke christliche Wurzeln hat, rüttelte sie doch an den Festen der Kirche und wurde deswegen von ihr bekämpft. Ebenso trat die Kirche später emanzipatorischen Kämpfen entgegen.
Dass heißt all die – ungenügenden – bürgerlichen Freiheiten des ‚christlichen Abendlandes‘, wurden im Grunde gegen das ‚christliche Abendland‘ errungen.
So ist es gar nicht so lange her, dass auch im ‚christlichen Abendland‘ eine rigide Geschlechterordnung und eine prüde Sexualmoral vorherrschte. Genau diese Dinge werden pauschalisierend allen Muslimen vorgeworfen. Sie sind aber in den konservativen bis fundamentalistischen Ausprägungen des Islams tatsächlich vorherrschend. Ebenso wie in ähnlichen Ausprägungen des Christentums, etwa bei Evangelikalen. Im Christentum sind sie aber im Laufe der Zeit im säkularisierten Europa in die Minderheit geraten.
Sich einer rigiden Geschlechterordnung und einer repressiven Sexualmoral zu verweigern, ist die Aufgabe der emanzipatorischen Linken. Dabei gilt es aber zu reflektieren, dass diese Verhältnisse vor wenigen Generationen auch in Europa hegemonial waren.
Diese früheren Zustände für Frauen* und Mädchen beschreibt der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig auch an mehreren Stellen in seiner Autobiografie „Die Welt von Gestern“ (Frankfurt/Main, 2003):

„Daß junge Mädchen auch im heißesten Sommer Tennis in fußfreien Kleidern oder gar mit nackten Armen spielten, hätte als skandalös gegolten, und wenn eine wohlgesittete Frau in Gesellschaft die Füße überschlug, empfand die »Sitte« dies als grauenhaft anstößig, weil dadurch ihre Knöchel unter dem Kleidersaum hätten entblößt werden können. Selbst den Elementen der Natur, selbst Sonne, Wasser und Luft, war es nicht gegönnt, die nackte Haut einer Frau zu berühren. Im freien Meer quälten sie sich mühsam vorwärts in schweren Kostümen, bekleidet vom Hals bis zur Ferse, in den Pensionaten und Klöstern mußten die jungen Mädchen, um zu vergessen, daß sie einen Körper besaßen, sogar ihr häusliches Bad in langen, weißen Hemden nehmen. Es ist durchaus keine Legende oder Übertreibung, daß Frauen als alte Damen starben, von deren Körper außer dem Geburtshelfer, dem Gatten und Leichenwäscher niemand auch nur Schulterlinie oder das Knie gesehen.“

(Seite 94)

„Es wurde also in der vorfreudianischen Zeit die Vereinbarung als Axiom durchgesetzt, daß ein weibliches Wesen keinerlei körperliches Verlangen habe, solange es nicht vom Manne geweckt werde, was aber selbstverständlich offiziell nur in der Ehe erlaubt war. Da aber die Luft – besonders in Wien – auch in jenen moralischen Zeiten voll gefährlicher erotischer Infektionsstoffe war, mußte ein Mädchen aus gutem Hause von der Geburt bis zu dem Tage, da es mit seinem Gatten den Traualtar verließ, in einer völlig sterilisierten Atmosphäre leben. Um die jungen Mädchen zu schützen, ließ man sie nicht einen Augenblick allein.“

(Seite 97)

„[…]; es war für die Jugend eine schlimme Zeit, die jungen Mädchen luftdicht vom Leben abgeschlossen unter die Kontrolle der Familie gestellt, in ihrer freien körperlichen wie geistigen Entwicklung gehemmt, die jungen Männer wiederum zu Heimlichkeiten und Hinterhältigkeiten gedrängt von einer Moral, die im Grunde niemand glaubte oder befolgte.“

(Seite 108-109)

„In den Schwimmbädern wurde immer häufiger die hölzerne Planke, die bisher unerbittlich das Herrenbad vom Damenbad getrennt, niedergerissen, Frauen und Männer schämten sich nicht mehr, zu zeigen, wie sie gewachsen waren […].“

(Seite 226)