Buchkritik „Respektverweigerung“ von Sama Maani

Sama Maani hat mit dem schmalen Band „Respektverweigerung. Warum wir fremde Kulturen nicht respektieren sollten. Und die eigene auch nicht.“ (Klagenfurt, 2015) ein Sammlung provokanter Aufsätze vorgelegt, die vor allem das weitgehende Schweigen der Linken zum konservativen und fundamentalistischen Islam ins Fadenkreuz der Kritik nehmen.

Maani stellt dabei fest:

„In einem tendenziell religionslosen Europa wird Religion immer heiliger“

. (Seite 13)
Auch die üblichen Reaktionen auf eine grundsätzliche Islam-Kritik schildert er treffend:

„Demselben Tabu-Verhalten begegnen wir beim (Nicht-)Reden über den Islam. In Diskussionen über den Islam wird bekanntlich über alles Mögliche geredet (Migration, Terrorismus, »Integration«) außer über den Islam. In den seltenen Fällen, wo jemand das Sprechverbot durchbricht und tatsächlich etwas über den Islam sagt – indem er zum Beispiel aus dem Koran zitiert – entsteht häufig eine seltsam peinliche Atmosphäre, als hätte jemand ein obzönes Geheimnis verraten, In weiterer Folge wird dem Tabubrecher mitgeteilt, daß es »den Islam« gar nicht gebe, mit der niemals ausgesprochenen Konsequenz, daß man über dies nicht Existente auch nicht sprechen kann.“

(Seite 15)
Auf die Dekonstruierungs-Versuche im Sinne von „den Islam gibt es nicht“, erwidert er, genauso gut könne man sagen „das Christentum“ gibt es nicht, ebenso wie „die Frau“. Allerdings meint er, dass es beides ja gäbe, wohingegen zumindest die Existenz von „der Frau“ nach Jahren der Gender-Forschung tatsächlich so nicht mehr behauptet werden kann.
Er weist auf den seltsamen Widerspruch hin, dass es einerseits nicht „den Islam“ gäbe, aber anderseits seine Verteidiger*innen immer wüssten, was „der Islam“ sei und nicht sei. Während nämlich alle negativen Zuschreibungen exkludiert werden, werden alle positive Eigenschaften inkludiert.

Er weist auch darauf hin dass Religionsfreiheit zunehmend mit Religionskritikfreiheit gleich gesetzt wird:

„Die Religionsfreiheit, die hier gemeint ist, ist die Freiheit des Einzelnen in religiösen Dingen, die selbstverständlich die Freiheit von Religion mit einschließt. Aber im Begriff »Religionsfreiheit« scheint von Anfang an eine andere, dieser Vorstellung entgegengesetzte Bedeutung mitzuschwingen: Religionsfreiheit nicht als Freiheit des Einzelnen gegenüber der Religion, sondern als die Freiheit der Religion gegenüber dem Einzelnen.“

(Seite 18)
Zudem weist er auf die Essentialisierung von Kritik hin, die auch auf linker und liberaler Seite stattfindet:

„Über »Kultur« reden wir heute so, als redeten wir über Natur.“

(Seite 37)

„Die Vorstellung, daß Menschen in allererster Linie »ihre Kultur« repräsentieren – und dann lange nichts –, sitzt mittlerweile offenbar so tief, daß es dem Philosophen nicht einfällt, zu sagen, daß die Erneuerung von Religionen und Ritualen selbstverständlich nicht zu den Aufgaben demokratisch gewählter Parlamentsabgeordneter eines säkularen Staates gehört. Sondern, daß sie angehalten sind, dort, wo religiöse Rituale in Widerspruch zu einem Rechtsprinzip der Gesellschaft (zu) geraten (scheinen), eine Grenze zu ziehen: »Bis hierher und nicht weiter.«“

(Seite 55)
Diese Fremdzuordnung zu einer Religion oder Kultur findet auch durch die Behörden statt. So werden beispielsweise Personen aus muslimischen Familien in statistischen Erfassungen mehrheitlich als muslimisch gezählt, ohne das Individuen nach ihren tatsächlichen religiösen Überzeugungen befragt werden. Es findet also eine Art von statistischer ‚Islamisierung‘ durch die Behörden statt.
Die Schubladisierung von Menschen nach ihrer (vermeintlichen) Religion und Kultur sieht Maanis zu Recht als Verrat am Universalismus.

Das Plädoyer Maanis, dass Religionsfreiheit auch die Freiheit von Religion beinhalten muss, lässt sich aus aufgeklärter Sicht problemlos unterschreiben.
Auch dass das Reden in der Gesellschaft über den Islam einen „Ersatz-Diskurs für Rassismus“ darstellt, hat Maani erkannt.
Seine Kritik des Dogmas der Religionsgleichheit ist dagegen schon schwieriger. Dem Islam einen besonders problematischen Charakter zu unterstellen ist schon allein deswegen schwierig, weil es die anderen Religionen aus der Kritik entlässt.

Da Maani Psycho-Analytiker ist, versucht er u.a. dem Islamismus aber auch dem Reden über den Islam mit Freud zu Leibe zu rücken. Für Menschen, die Freud nicht kennen oder seine Ansätze ablehnen, sind diese Erklärungen und Deutungen aber schwierig bzw. überzeugen nicht. Etwa der Vergleich der Revolutionen im Iran 1979 und 2009.

Insgesamt ein Buch mit erfrischenden Ansätzen, was sich aber nur für Personen mit Freud-Kenntnissen zur Lektüre lohnt

* Sama Maani: Respektverweigerung. Warum wir fremde Kulturen nicht respektieren sollten. Und die eigene auch nicht. Drava-Verlag, Klagenfurt 2015.