Buchkritik „Die 33. Hochzeit der Donia Nour“ von Hazem Ilmi

Die 33. Hochzeit

Der dystopische Roman „Die 33. Hochzeit der Donia Nour“ wurde von einem Autor mit dem Pseudonym ‚Hazem Ilmi‘ verfasst. In ihm präsentiert Ilmi eine islamistische Version von George Orwells „1984“. Bereits das Jahr der Geschehens, 2048, darf als Hommage an Owell verstanden werden.
Handlungsort ist „Großägypten“ bzw. vor allem Kairo. Das zukünftige Ägypten wurde von der islamistischen Staatspartei Nizam dreigeteilt:

„In den frühen Zweitausendzwanzigern hatte der Nizam das Gesetz zur Klassenteilung verabschiedet, das Ägypten in drei Bundesländer aufteilte, die fast lückenlos separiert waren. Die wachsende Mittelklasse der kaufmännisch und religiös Arbeitenden, die den größten Teil der Bevölkerung ausmachten, lebte nach diesem Gesetz in Mittelägypten. Die Oberklasse ließ sich an der Küste Nordägyptens nieder. Die moralisch und sozial Auffälligen wurden nach Südägypten umgesiedelt.“

(Seite 21)
Jenseits von diesen drei Teilen existiert als verschärfte Strafkolonie noch eine „Quarantäne für verlorene Seelen“. Während diese Zone die Hölle auf Erden darstellt, ist Nordägypten der Himmel auf Erden und „der Warteraum des Himmels“.

Die Nizam-Partei etablierte mit der „Gerechten Revolution“ ihre Herrschaft, die in Wahrgheit ein Herrschaft der nordägyptischen Oligarchen ist. Nach der Revoltion flohen die Liberalen und Kopt*innen (christliche Minderheit) oder konvertierten. Trotzdem werden von der Regierung für Probleme immer koptische Rebellen verantwortlich gemacht.
In Ägypten herrscht seitdem die so genannte Neo-Scharia, eine eigene Version des Islamismus. Auf dieser fußt die „transcorporeale Gesellschaft“. Ansonsten ist die islamistische Gesellschaft sehr stark auf Konsum ausgerichtet, verbunden mit einem calvinistisch anmutenden Arbeitsethos. Musik und Tanz sind verboten und es existieren seltsame Institutionen. Es gibt beispielsweise ein „Ministerium zum Kampf gegen fremdländische Einmischung“ oder ein „Ministerium für Götzenzerstörung“, was im Stil von IS und Taliban die nicht scharia-konformen Altertümer beseitigt. Selbst die Pyramiden wurden entfernt. Auch sonst hat sich viel verändert. Etwa der Nil ist ausgetrocknet
Ein „Ministerium der Guten-Taten“ sammelt die Punkte, die etwa bei Gebeten durch den „Rosenkranz Plus“ oder Gebetskabine registriert werden. In einem Seelenzustand-Report kann sich dann jede*r über den zurückgelegten Weg zum Paradies informieren.
Per „sleepvertizing“ wird selbst in den Träumen der Bewohner*innen „Schariatainment“ betrieben.
Ein „Amt für Schicklichkeit“ verzeichnet die Jungfräulichkeit von Frauen oder deren Verlust.
Die Geschlechtertrennung ist rigoros. Frauen tragen einen E-Hidschab und Roboter fungieren als Sittenwächter. Selbst die Sklaverei ist wieder erlaubt und Frauen werden aus dem Süden in den Norden verkauft.

In diesem Hightech-Islamismus bewegt sich die Hauptheldin des Buches: Donia Nour. Nichts liegt manchmal so nahe beisammen wie Frömmelei und Heuchlertum. So wird es auch im Buch dargestellt. Donia Nour umgeht das Verbot von Sexarbeit, indem sie offiziell eine Ehe eingeht und auch nach der Scheidung dann den Brautpreis behalten kann. Da im islamistischen Ägypten der Jungfrauen-Kult wichtig ist, täuscht sie ihren Kurzzeit-Ehepartnern vor noch Jungfrau zu sein und lässt ihr verlorenes Jungfernhäutchen immer wieder durch ein künstliches ersetzen.

„Die entkräftete Kopfbewegung war wie eine Unterschrift gewesen, die Unterschrift unter einen ungeschriebenen Vertrag, der ihr Leben als endlosen Kreislauf von Heirat, Penetration, Scheidung und neuer Jungfernschaft besiegelte.“

(Seite 61)
Sie hat etwa jeden Monat einen Freier aus Oberägypten. Bisher konnte Donia Nour mit ihrem künstlichen Jungfernhäutchen ihre ‚Ehemänner‘ und auch den Jungfrauenscanner täuschen, doch ihr 33. Mann kommt ihr auf die Schliche und rächt sich für den Betrug und verbannt sie nach Südägypten.
Hier muss sie mit Anderen Götzenbilder ausgraben. Sie lernt Waleeda und Ostaz kennen, einen ägyptischen Atheisten aus den 1950er Jahren. Dieser wurde von den außerirdischen Ilmani, im Buch als „die Extraterrestologen der Milchstraße“ bezeichnet werden, entführt und knapp 100 Jahre später zurückgebracht. Durch den Kontakt mit Ostaz kommt Nour auch in Kontakt mit Religionskritik und Atheismus. Er lehrt sie auch den Koran zu kritisieren:

„Vor 1400, nein 1500 Jahren mag es [das Buch, gemeint ist der Koran] fortschrittlich gewesen sein, aber um es heutzutage ernst zu nehmen, ist sein Begriff von Moralität viel zu retro.“

(Seite 205)

Ein witziges Buch, ein unterhaltsames Buch und ein ideenreiches Buch!

Hazem Ilmi: Die 33. Hochzeit der Donia Nour, Berlin 2016.


0 Antworten auf “Buchkritik „Die 33. Hochzeit der Donia Nour“ von Hazem Ilmi”


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


neun − = sechs