Buchkritik „Platzverweis“ von Thomas Krebs

Platzverweis von Thomas Krebs

Das Buch „Platzverweis. Städte im Kampf gegen Außenseiter“ (Tübingen, 2001) basiert auf einer Feldforschung in Stuttgart aus dem Jahr 1998. Das Buch ist damit zwar relativ alt, aber trotzdem durchaus aktuell, denn die Verdrängung und Vertreibung von Randgruppen hält weiter an.
Krebs definiert Randgruppen dabei wie folgt:

„Widersprechen deren Habitus und kulturelle Praxen den vorgegebenen Regeln und Normen der (bürgerlichen) Mehrheitsgesellschaft, lehnt diese sie unter Umständen als minderwertig und nicht konform ab und etikettiert sie als „abweichendes“ oder „unanständiges“ Verhalten. Sie zieht eine Grenzlinie und schafft Distanz zwischen dem erlaubten Eigenen (Zentrum, Oben) und dem unerwünschten Abweichlerischem (Rand, Unten […]). Das heißt, die frage nach „Rand-“ oder „Dominanzkultur“ ist nicht die nach den besseren oder schlechteren kulturellen Praxen, sondern sie verweist letztlich auf die Verfügung der Definitionsmacht […].“

(Seite 44)

Krebs untersucht Vertreibungs- und Ausschließungstendenzen gegen Randgruppen für Stuttgart. Er zeichnet dabei diverse Praxen nach. Etwa das auf Privatgelände das Hausrecht eingesetzt wird, begünstigt durch eine Privatisierung der Eingangsbereiche von Geschäften, oder das bestimmte Gruppen kurzerhand als „Sicherheitsrisiko“ definiert werden. Oder die Einrichtung von Sperrbezirken für die Drogenszene. Dabei wurde die Sperrbezirksverordnung derart willkürlich ausgelegt, dass auch Personen ohne Drogenbesitz davon betroffen waren, wenn sie auch früher schon mal in diesem Zusammenhang aufgefallen waren.
Die konkreten Maßnahmen gegen Randgruppen sind ungewöhnlich kreativ: Sitzschalen statt Bänke hindern am Hinlegen. Poller werden angespitzt, um ein Draufsitzen zu verunmöglichen. Manche Sitzbänke werden komplett ersatzlos demontiert. Haltestellen werden mit Einzelsitzen versehen. Halogenscheinwerfer sollen das Verweilen unangenehm machen. Sträucher werden gelichtet, um den Sichtschutz zu vermindern. Öffentliche und öffentlich zugängliche, private Toiletten werden kostenpflichtig. Alarmanlagen und Videokameras werden angebracht. Betteleinnahmen werden beschlagnahmt. Wobei das Gesetz das nur bei „aggressiven Betteln“ erlaubt. Nach Krebs unterliegt diese Einstufung aber der Willkür:

„Die Unterscheidung zwischen „passivem“ und „aggressivem“ Betteln ist in der (Verfolgungs-)Praxis allerdings zweitrangig. Wenn das Bild des bedrohlichen Bettlers (in den Medien) nur oft genug wiederholt wird, verschwimmen die Grenzen zwischen zulässigem und unzulässigem Bettelverhalten, ethische Bedenken werden überflüssig.“

(Seite 73)
In Stuttgart agierte damals bei solchen Maßnahmen neben der Polizei und Security auch ein „Feldschutz“.

Der Autor sieht einen Wandel der (Innen-)Stadt zum Konsum-Ort für die kaufkräftige Mittel- und Oberschicht. Er spricht daher von einer gespaltenen Stadt.
Die Schaffung von großen Einkaufsmeilen in der Innenstadt bezeichnet er als „Kathedralen-Politik“.
Gerade bei Stuttgart macht er zusätzlich auch noch eine neue Imagepolitik aus. Aus der verschlafenen Schwabenstadt sollte eine Weltmetropole werden. Erreicht werden sollte das auch durch eine Aufwertung und Ästhetisierung der Innenstadt. Dabei fungierte der „Bahnhof als Visitenkarte“, wie es 1994 hieß.
Der Verfolgungsdruck von z.B. Drogensüchtigen wurde aber ebenfalls durch Forderungen der Einzelhändler*innen forciert, die über den Verein „Sauberes und Sicheres Stuttgart“ Druck ausübten.

Randgruppen sollen verdrängt werden. Doch gelingt das auch? Krebs kritisiert auch die „Verdrängungsthese“ an drei Punkten:
1. Er fragt nach der Effektivität.
Nach Krebs funktionieren viele Verdrängungen gar nicht oder nur zeitweise.
2. Daran anknüpfend betrachtet er den Widerstand und die Reaktionen der Betroffenen.
Auf die anziehende Repression wurde von den Betroffenen unterschiedlich reagiert, beispielsweise mit der Taktik der Vereinzelung.
3. Zudem fragt er, ob diese Verdrängungsbemühungen tatsächlich so neu sind, wie viele es darstellen?
Tatsächlich sind sie es nicht. So gab es bis 1991 in Stuttgart sogar den Verbringungsgewahrsam an den Stadtrand und bis 1996 den Platzverweis.

Eine lesenswerte, leider noch immer sehr aktuelle Studie!

Thomas Krebs: Platzverweis. Städte im Kampf gegen Außenseiter, Tübingen 2001.


0 Antworten auf “Buchkritik „Platzverweis“ von Thomas Krebs”


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


− zwei = vier