Buchkritik „Die autoritäre Revolte“ von Volker Weiß

Leider hat Volker Weiß mit seinem Buch „Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes“ dann doch nicht den Sachbuchpreis des Deutschen Buchhandels zur Leipziger Buchmesse gewonnen. Das ändert aber nichts daran, dass er ein äußerst kenntnisreiches Buch über die so genannte Neue Rechte vorgelegt hat.
Autoritäre Revolte von Volker Weiß
Weiß zeichnet die Geschichte der Neuen Rechten bis in die Gegenwart nach. Aktuell hat diese Strömung der extremen Rechten enorm an Einfluss gewonnen. Sie ist fest in der AfD verankert. Für diesen Erfolg hat die Neue Rechte die Gelegenheitsstruktur von AfD, PEGIDA etc. und den Diskurs um Flüchtlinge genutzt. Wobei die elitäre und akademisch geprägte Neue Rechte sich dafür zum PEGIDA-Pöbel begeben musste:

„In der Dynamik der Ereignisse traten nun Kader der Neuen Rechten wie der Verleger Götz Kubitschek vor einem großen Publikum auf. Waren die Massen ihnen bisher nicht gefolgt, so folgten sie nun eben den Massen […]“

(Seite 25)
Bis dahin war die Neue Rechte eher unbedeutend. Sie waren quasi Heerführer ohne Fußvolk.
Mit AfD, PEGIDA und Co. „fand [sie] eine wütende Basis“. Geschickt bediente sie eine Aufmerksamkeitsökonomie und verband sich mit dem neu entstandnen rechten Block und verließ damit ihr bisheriges Nischen-Dasein:

„Die Neue Rechte hatte schon längst eine ausgearbeitete Weltanschauung und musste diese nur noch an die erregten Massen weiterreichen. In dieser nächsten Phase wurde der reine Theoriezirkel verlassen und die Rednertribünen und vor allem das Internet betreten.“

(Seite 57)
Natürlich erwähnt Weiß auch das jüngste Kind in der neurechten Familie: Die „Identitäre Bewegung“. Für Weiß eine „Rechte Anti-68er mit 68er-Methoden“. Wobei die Identitären sich noch einmal durch die Trias von Regionalismus – Nationalismus – Europa auszeichnen.

Ihrem neu gewonnenen Unterbau liefert die Neue Rechte neben Stichworten auch Strategien, etwa die des taktischen Tabubruch zur Erlangung von Aufmerksamkeit in einer „Skandalokratie“, wie es der Nachwuchsneurechte Felix Menzel nennt.
Trotz aller Überholungen und Modernisierungen sind die Kernelemente der Neuen Rechten unverändert geblieben, auch bei dem tendenziell realpolitisch orientierten Flügel um die „Junge Freiheit“ und ihre „Bibliothek des Konservatismus“.
Der radikale Flügel der Neuen Rechten um das „Institut für Staatspolitik“ (IfS), der Antaios-Verlag und das Blatt „Sezession“ bedient sich einer „Rhetorik des Volksaufstandes“ und steht unverhohlen dem italienischen Neofaschismus um „Casa Pound“ nahe. Sie ist daher (national-)revolutionär orientiert und nicht wie der realpolitisch ausgerichtete Flügel parlamentarisch. Ziel der radikalen Neuen Rechten ist das Reich statt der Republik. Bei manchen heißt das Ziel auch „Eurasien“, ein Modell aus Russland, was sich gegen eine Westbindung ausspricht.
Vor ihre Annäherungen an Partei und Straßenbewegungen hatte die Neue Rechte vor allem auf die geistigen Einflussnahme gesetzt:

„In diesem Konzept zählt weniger Masse als vielmehr Macht. Auf diese, Weg versuchte das IfS, die jungkonservative Idee einer »Revolution von oben« umzusetzen.“

(Seite 74)
Trotzdem wurde diese als ‚Metapolitik‘ beschriebene Strategie nicht zur Gänze aufgegeben. Anhaltende Taktik der Neuen Rechten ist es bis heute „unter der Fahne des Konservativen die Grenzen bis weit in faschistisches Gelände hinein zu verschieben“ (Seite 39).
Dabei dürfen bürgerliche Konservative mit Neuen Rechten nicht verwechselt werden, auch wenn sich letztere gerne des Begriffs ‚konservativ‘ bedient.
Obwohl sich die Neue Rechte gern als ‚konservativ‘ labelt, weist Weiß eminente Unterschiede zum klassischen Konservatismus auf. Etwa wenn der Antaios-Verlag den „apokalyptischen Frauenfeind“ Donovan herausbringt und dessen „antizivilisatorischen Hypermaskulinismus“ propagiere. Dann hat das mit dem Staatsbezug von Konservativen nichts zu tun, denn Donovan predige den Staatszerfall und das Leben in Stämmen.
Ähnliches gilt für den Antaios-Bestseller-Autor Akif Pirinçci. Die sexistischen, antifeministischen und rassistischen Tiraden der Krawallschachtel Pirinçci würden im konservativen Milieu als zu vulgär abgelehnt werden.

Weiß geht auch auf die Geschichte des Abendlandbegriffs und zeigt die Verwendung von „Abendland“ als Kampf- und Ausgrenzungsbegriff.
Ähnliches gilt für ihren Europa-Begriff, es sei ein „Europa für Anti-Europäer“.
Als weiteren wichtigen Begriff führt Volker Weiß die „Konservative Revolution“ an, den er als Mythos enttarnt und problematisiert, weil er aus der Feder eines Rechten stammt. Schöpfer dieses Begriffes war Armin Mohler, ein Schüler von Carl Schmitt. Über Mohler schreibt Weiß:

„Sein Hauptfeind war, wie er immer wieder betonte, der Liberalismus, dem er den Marxismus kurzerhand zuschlug.“

(Seite 40)
Oder mit den Worten von Björn Höcke:

„Der Islam ist nicht mein Feind, unser größter Feind ist die Dekadenz.“

Hier verweist der Autor auf einen wichtigen inhaltlichen Unterschied zwischen den neurechten Vordenkern und großen Teilen ihrer neuen Basis. In der Neuen Rechten wird in Form einer Dekadenz-Klage dem gesellschaftspolitischen Liberalismus und Universalismus die Schuld am vermeintlichen Niedergang des Vaterlandes gegeben. Das wird meist noch antiamerikanisch aufgeladen und einem „Amerikanismus“ die Schuld gegeben.

Zwar ist der Antisemitismus in der Neuen Rechten nicht derart massiv wie in der alten Rechten, doch Weiß erkennt immer noch ein großes antisemitisches Potenzial:

„Vergangenheitsbewältigung wird in allen Medien der Neuen Rechten als fremdinduziertes Mittel zur Unterdrückung der deutschen Identität gesehen. Von einem Abschied vom Antisemitismus kann vor diesem Hintergrund keine Rede sein.“

(Seite 226)
So beschränkt sich die neue Rechte eher darauf den Holocaust zu relativieren statt zu leugnen.
Weiß spricht sich an dieser Stelle auch gegen eine Gleichsetzung von antimuslimischen Rassismus und Antisemitismus aus. Er erkennt im Antisemitismus wesentliche Unterschiede und benennt diese wie folgt:

„Der Antisemitismus bietet jedoch ein viel dichteres Weltbild zu einer Abwehr der Aufklärung. Niemand käme auf die Idee, dem Islam die Schuld an Fortschritt, Säkularisierung, Frauenemanzipation, Kulturindustrie, Marxismus und Liberalismus zu geben, also allen von der Rechten als schädlich reklamierten Begleiterscheinungen der universalistisch ausgerichteten Moderne. Mit den Negativmerkmalen des »ortlos« und »destruktiv« zirkulierenden Kapitals werden ausschließlich Juden von Antisemiten gleichgesetzt. Der Aufstieg des Islam zur Bedrohung gilt als Folgeerscheinung des Universalismus, während im Judentum vom Antisemiten seine unmittelbare Gestalt gesehen wird. Im ersten Fall hat der Gegner eine »wirkliche« fremde Identität, die aber auch zu schlagen ist. Im zweiten Fall wird die Auflösung des »Eigenen« ins absolute Nichts befürchtet. Diese Unterscheidung muss in der Kritik der Ressentiments beachtet werden.“

(Seite 227)

Mit dem politischen und orthodoxen Islam verbindet die Neue Rechte eine Art Hassliebe. Denn sie teilen sich einige Positionen, andererseits ist der antimuslimische Rassismus derzeit der wichtigste Treibstoff zur Erregung der rassistischen Massen. Weiß ordnet den Islamismus einer globalen antiemanzipatorischen „Konservative Revolution“ zu. In Anbetracht der ähnlichen Positionen durchaus nachvollziehbar und möglicherweise fruchtbarer als die Diskussionen über Islamismus-Faschismus-Analogien. Politischer Islam und Neue Rechte seien vereint in ihrem autoritären Ultrakonservatismus. Beide teilen auch dasselbe Feindbild:

„Offensichtlich ist die Feindschaft gegen den humanistischen Universalismus mittlerweile zum Dreh- und Angelpunkt der globalen »Konservativen Revolution« auf ihrer Suche nach der Identität des »Eigenen« geworden.“

(Seite 265)
Hier liest er auch einer kulturrelativistischen Linken die Leviten, die sich in manchen Punkten der ethnopluralistischen Rechten angenähert hat. Menschen werden häufig auch in linken Identitätsdiskursen auf ihre ethnische, kulturelle oder religiöse Herkunft reduziert. In der Folge wird dadurch oft ein universaler Geltungsanspruch von Frauen- und Menschenrechten aufgegeben. Im schlimmsten Fall werde derart eine Separation statt Akkulturation gefördert.
Die Rechte sieht in diesen linken Identitätsdiskursen eine Projektionsfläche für den unterdrückten eigenen Nationalismus. Möglicherweise nicht immer ganz zu Unrecht. Die Rechte dehnt dann den Diskurs um positiven Bezug um Herkunft und Kultur einfach auf die autochthone Bevölkerung aus und verlangt einen Schutz von deren Traditionen. Das ignoriert zwar die Machtverhältnisse und macht aus den Autochthonen eine bedrohte Minderheit, arbeitet aber auch mit ähnlichen Reduktionen.
Weiß tadelt auch die „Islamophobie“-Vorwürfe an Islamkritiker*innen. Nicht jede Kritik am Islam ist ein verstecktes Ressentiment.

Etwas bedauerlich nimmt sich die fehlende Analyse ökonomischer Ansätze der Neuen Rechten bei Weiß aus. Ein Teil der Neuen Rechten ergeht sich im Zusammenhang mit ihrer völkischen Globalisierungsfeindschaft in einer Art verbaler Antikapitalismus von rechts, freilich fast ohne jeden theoretischen Unterbau. Ein anderer Teil der Neuen Rechten ist ein seltsames Bündnis mit Marktradikalen und proamerikanischen Rechtslibertären eingegangen, was in Anbetracht der Staatsbezogenheit der Neuen Rechten verblüfft. Dieses seltsame Bündnis erwähnt Weiß leider ebenso wenig wie deren wichtigste Publikation: Das Monatsmagazin „eigentümlich frei“, was in Teilen der Neuen Rechten durchaus neben „Junger Freiheit“ und „Sezession“ goutiert wird.
Genauso wenig wird die christliche Rechte erwähnt, die neben dem Islamismus auch eine globale „Konservative Revolution“, also eine Konterrevolution, vorantreibt.
Schade auch dass Weiß zwar nur die Organisationsversuche im rechtskonservativen Flügel der Union erwähnt, die von den Neuen Rechten mit allerhand Sympathien begleitet wurden. In diesem Zusammenhang wäre es aber auch wichtig gewesen, den Versuch einer Nationalliberalisierung der FDP zu erwähnen, der Mitte der 1990er Jahre unternommen wurde.

Das sind alles aber nur Schönheitsfehler. Das Buch ist das kompetenteste und kritischste zum Thema, was in den letzten Jahren erschienen ist. Im Gegensatz zu den Kapiteln über die Neue Rechte in den neuen Büchern über die AfD von Tagesmedium-Journalist*innen ist Weiß seit Jahren in der Thematik drin und hat intensive Quellenarbeit betrieben. Konsequent reißt er das Legendengebäude der Neuen Rechte ab und entblößt die dahinter liegende Struktur.
Ein Muss für alle Interessierte an dem Thema!

Volker Weiß: Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes, Stuttgart 2017.


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