Archiv für Juni 2017

Buchkritik „Was will die AfD?“ von Justus Bender


Der FAZ-Journalist Justus Bender publizierte dieses Jahr das Buch „Was will die AfD? Eine Partei verändert Deutschland“. Darin beschreibt er den Erfolg der AfD und die Gründe dafür. Diese sieht er u.a. in der Aufmerksamkeit der Medien für die Partei:

„Es ist eine große Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet die Medien, denen aus der AfD stets der Vorwurf gemacht wurde, ihr zu schaden, vielleicht größeren Anteil an ihrem Erfolg hatten als die Programmarbeit ihrer Parteimitglieder.“

(Seite 14)
Besonders reflektiert ist das Buch, wenn der Autor seine Rolle als Journalist selbstkritisch hinterfragt. Denn die Partei braucht und nutzt die Aufmerksamkeit. Sie ist eine Partei des Spektakels:

„Die AfD ist die Erfindung eines politisch-medialen Perpetuum mobiles.“

(Seite 19)
Skandale bei der AfD waren häufig eher kalkulierte Tabudurchbrüche von rechts als echte Skandale.

Im Buch versucht der Autor der AfD mit Platon zu Leibe zu rücken. Ob er so wirklich etwas erklärt, bleibt fraglich. Vielleicht würde ja Machiavelli mehr erklären als Platon, denn das Hauen und Stechen in der AfD ist eher ein machiavellistischer Konflikt. Hier kämpft jeder gegen jede. In Konflikten finden sich auf beiden Seiten Glücksritter und Ideologen. Bender identifiziert unter den Letztgenannten Nationalkonservative wie Nationalrevolutionäre. Zu den Nationalrevolutionären zählt er das „Institut für Staatspolitik“ und Kubitschek. Trotzdem sind die Konflikte in der Partei kaum noch inhaltliche Auseinandersetzungen. Bender sieht in ihnen Lagerkämpfe und keine Flügelkämpfe.

Bender macht auf den Nationalismus als Grundelement der AfD aufmerksam. Zu Recht weist er darauf hin, dass dieser häufig der Selbstaufwertung dient:

„Wollte man die Motivation mancher AfD-Anhänger ökonomisch erklären, man müsste eher sagen, dass ein Mensch, der für sich wenig Perspektiven sieht, seinen Wert anders definiert. Als Mitglied eines großen, starken Volkes zum Beispiel. Oder als Vertreter eines überlegenen Kulturkreises. Er mag arbeitslos sein oder seine Träume im Leben nicht verwirklicht haben, aber immerhin ist er noch Deutscher. […] Mangelndes Vaterlandspathos in der Gesellschaft, der immer wiederkehrende Hinweis auf den Nationalsozialismus oder ein befürchtetes Nebeneinander verschiedener Kulturen in Deutschland würden einem solchen Menschen subjektiv einen Teil seines imaginierten Selbstwertgefühls nehmen.“

(Seite 25-26)

Für Bender ist die AfD in drei Punkten eine Internetpartei:
* Sie nutzt das Internet zur Vernetzung von Gleichgesinnten, die früher nur schwer zueinander gefunden hätten.
* Die schnellere und hemmungslosere Internet-Kommunikation prägt den Stil der Partei insgesamt.
* Das Internet ist für die Partei ein Ort der Enthemmung und Radikalisierung.

Häufig funktioniert das Internet auch als Rache-Instrument in parteiinternen Konflikten.
Über den Charakter der AfD als Internetpartei versucht er die Radikalisierung der AfD zu erklären: „Die AfD ist eine Internetpartei. Und sie ist eine Partei der unbegrenzten Redefreiheit, das heißt, niemanden darf der Mund verboten werden, egal, was er sagt. Mehr Zutaten sind nicht nötig, um die Radikalisierung der Partei zu verstehen.“ (Seite 55)
Das erscheint aber ein wenig zu einfach und monokausal. Dennoch hat Bender nicht unrecht, wenn er meint die AfD erliege dem eigenen Vulgär-Libertarismus. Denn die Forderung nach einer Redefreiheit für alle, würden auch die offenen AntisemitInnen und vulgären RassistInnen in den eigenen Reihen für sich beanspruchen. So hat die Partei ihr eigenes Immunsystem verloren und ist ein Opfer der eigenen Redefreiheit geworden.

Witzig ist es als Bender eine Dystopie mit Poggenburg als Bundeskanzler entwirft, der über Volksentscheide durchregiert.

Als Gegenkonzept empfiehlt der Autor AfD-Positionen auf ihre Konsequenzen abzuklopfen:

„Üblicherweise sind es AfD-Politiker, die Behauptungen aufstellen, und Politiker anderer Parteien, die Behauptungen, die Statistiken und Appelle bemühen, um das Hingeworfene wieder einzusammeln. Entfällt das, müssen AfD-Politiker selbst sagen, wie weit sie gehen wollen.“

(Seite 197)
Er fordert dazu auf, die Frage nach dem Wie zu stellen und allgemein mehr nachzufragen und nachzuhaken. Etwa wenn die Partei sich als Verteidiger des Judentums inszeniert, aber ihre Forderung nach einem Schächt-Verbot auch Juden und Jüdinnen treffen würde.

Das Buch hat auch seine Schwächen. So erkennt Bender in der AfD keine extrem rechte Formation. Das begründet er damit, dass Rechtsextreme Diktatur-AnhängerInnen sein, AfDler aber nicht. Dabei lässt er aber unerwähnt, dass die autoritären ‚Lösungen‘ der AfD geradewegs in einer Diktatur enden würde.
Der ständige Bezug der AfD auf Freiheit und Demokratie darf nicht täuschen, sondern muss zu der Frage führen, was genau unter diesen Begriffen verstanden wird.

Noch ein Buch über die AfD. Kann man lesen, durchaus auch mit Wissensgewinn. Muss man aber nicht.

Justus Bender: Was will die AfD? Eine Partei verändert Deutschland. Pantheon München 2017.