Archiv für Juli 2017

BuchKRITIK „Revolte gegen den großen Austausch“ von Renaud Camus


Wer sich mit den Identitären auseinandersetzt, kann das auch durch die Lektüre der Texte tun, auf die sie sich gerne beziehen. Einer ihrer Stichwortgeber ist der französische Schriftsteller Renaud Camus. Mehrere Texte von ihm erschienen in der Übersetzung von Martin Lichtmesz und Ludwig Paul in dem neurechten Kleinverlag Antaios. Auf etwas mehr als 200 Seiten gibt es als Kernstück den Essay „Der Große Austausch oder: Die Auflösung der Völker“ von Camus. Hinzu gesellen sich eine vermeintliche Kindergeschichte, ein Vorwort von Martin Lichtmesz, ein Interview mit Renaud Camus, das Manifest „Revoltiert!“ von Camus und ein Nachwort des Identitären-Aktivisten Martin Sellner.

Camus inszeniert sich in seinem Essay als Fürsprecher der „Autochthonen“, „Altfranzosen“, „Eingeborene“, „Einheimische“ oder „Stammfranzosen“. Die „Fremden“ und „Neofranzosen“, die er diesen als Feinde gegenüberstellt, sind vor allem Nichtweiße. Es geht nicht allein um Migrant*innen, sondern um alle nichtweißen Franzosen. Das wird klar, wenn er seine Analyse auf die USA überträgt und dort die weiße Bevölkerung den ethnischen Minderheiten gegenüberstellt. Die meisten schwarzen US-Amerikaner*innen sind ebenso lange in den Vereinigten Staaten wie weiße. Konsequent verwechselt er Demos (Volk im Sinne von Bevölkerung bzw. Staatsbürgerschaft) und Ethnos (Volk im ethnischen Sinne).
Camus striktes Freund-Feind-Denken entlang von ethnischen Linien ignoriert natürlich Freund- und Liebschaften und die Kinder aus solchen Beziehungen. Das passt nicht in sein Konzept der homogenen Gebilde.
Camus warnt vor einer „Vervorstädterung“ des Westens und will in der Änderung der demografischen Zusammensetzung der Bevölkerung eine gezielte „Kolonisation“ erkennen. In dem ehemaligen Kolonial-Land Frankreich ist es natürlich besonders perfide diesen festgesetzten Begriff einfach auf andere Erscheinungen anzuwenden.
Camus analogisiert die Situation heute auch mit der NS-Besatzung. In nicht-migrationsfeindlichen Politiker*innen sieht er zum Beispiel die neuen Kollaborateure. In der Konsequenz verharmlost und banalisiert er sowohl den französischen Kolonialismus als auch die NS-Besatzung Frankreichs.
Camus interpretiert nicht nur jede Form von Kriminalität ethnisch, er will auch dahinter eine ganze Strategie entdeckt haben:

„Und schließlich kommt hinzu, daß ein enormer, überproportional großer Teil dieser Schikanen, Belästigungen und Verbrechen den Eroberern eindeutig als objektives Mittel ihrer Eroberungsstrategie dient.“

Seite 90
Ansonsten ist Camus nicht nur ein Rassist, sondern auch zutiefst elitär. Zwar macht er sich an einigen Stellen verbal für die weißen französischen ArbeiterInnen stark, an anderer Stelle fordert er aber mehr Auslese an den Schulen.
Camus stemmt sich gegen ein „postfranzösisches Frankreich“, wie er es nennt. Als Verantwortliche macht er unterschiedliche Akteure aus, will aber keinem einzelnen, also z.B. der EU oder dem „Amerikanismus“, die Alleinschuld geben. Auch einer jüdischen Weltverschwörung erteilt er die Absage, nicht ohne danach die aus seiner Sicht schädliche Rolle vieler Juden zu betonen.

Bei der Lektüre von Camus Sätzen entsteht eine Ahnung warum der ehemalige Linke und Homosexuelle-Aktivist einen rechten turn vollzogen hat. Es offenbart sich nämlich bei ihm ein Kulturpessimismus, dem ein konservatives Kunstverständnis zugrunde liegt. Kunst wird nur als schöne Kunst akzeptiert. An einer Stelle beklagt sich Camus:

„Wer das Vaterland nicht mehr braucht, hat in der Regel auch mit der Schönheit nichts am Hut […].“

(Seite 56-57)

Doch was genau will Camus? Außer abstrakten Phrasen wie der Forderung nach einer „Gegen-Kolonisation“ und der „kulturelle[n] und spirituelle[n] Wiedergeburt“ nennt Camus noch die Einführung des „ius sanguis“, also des an Herkunft gebundenen Staatsbürgerrechts. Außerdem redet er großen Bündnissen das Wort und begründet so auch seine Unterstützung für den „Front National“.
Auffällig ist seine militärische Sprache, etwa wenn er von einem „koloniale[n] Eroberungs- und Territorialkrieg“ schreibt, der im Gange sei. Wer glaubt er befinde sich im ethnischen Bürgerkrieg, der ist auch bereit . So fordert Camus zwar den Befreiungsschlag, nennt aber kaum die Konsequenzen. Wie genau soll der Anteil der nichtweißen Bevölkerung verkleinert werden? An einer Stelle verrät er sich in einem Halbsatz, als er warnt, es gebe inzwischen Gruppen, „[…], die man nicht mehr vertreiben kann […]“ (Seite 86). Hier schimmert der Wille durch Nichtweiße aus Frankreich zu vertreiben.

Die auch in dem Buch zu findende Kurzgeschichte aus der Feder von Camus, die sich als unvollendetes Manuskript von Hans Christian Andersen ausgibt, ist eine banale Metapher für die Gegenwart aus rassistischer Perspektive. Derart simple Metaphern in Verpackung einer Kindergeschichte sind es eigentlich nicht wert zwischen zwei Buchdeckel gepresst zu werden.

An dem ganzen Buch ist höchstens die Verpackung originell. Im Haupttext, dem Essay, finden sich einige historische, mythische oder literarische Anspielungen. Aber wenn man dieses Zitate-Schutzschild ein wenig abkratzt, findet sich darunter der blanke Rassismus. Die Analyse und die Positionen von Camus sind äußerst banal und ihr Studium trägt nicht zum weiteren Verständnis der Neuen Rechten bei. Außer vielleicht der Erkenntnis das sich die Neue Rechte eher intellektuell gibt, als es zu sein.

Renaud Camus: Revolte gegen den großen Austausch, Schnellroda 2016.

Buchkritik „Ist die AfD zu stoppen?“ von Charlotte Theile

Buch
Die Journalistin Charlotte Theile schreibt in ihrem unlängst erschienen Buch „Ist die AfD zu stoppen?“ über „Die Schweiz als Vorbild der neuen Rechten“, wie es im Untertitel heißt. Mit „neuer Rechten“ meint sie den rechtspopulistisch modernisierten Rechtsextremismus und nicht die auch derart bezeichnete ideologische Strömung. Der Rechtspopulismus nahm in der Schweiz einen anderen Weg als anderswo. Hier wurde mit der „Schweizerischen Volkspartei“ (SVP) eine bereits existierende konservative Partei nach rechts verschoben. Urheber dieser Bewegung war vor allem der langjährige SVP-Häuptling Christoph Blocher.
Die Jahrzehnte des politischen Wirkens der SVP hinterließen Spuren in der politischen Kultur der Schweiz, wie Theile feststellt:

„Heute gibt es eine neue Normalität – und in dieser sind die Positionen der SVP Teil des Mainstreams.“

(Seite 89)
Die SVP ist nach Theile rechtspopulistisch und ihr Umgang mit der Abgrenzung nach rechts ist vor allem strategisch motiviert:

„Die Grenzen der SVP nach rechts sind fließend – und sie werden weniger von politischen Inhalten als vom Erfolg definiert.“

(Seite 98)

Vorbild für die AfD
Theile schreibt:

„Die Ziele der AfD lesen sich eher so, als hätte die Partei sie mit Blick auf das fast schon zum Klischee gewordene Schweizer Vorbild entworfen.“

(Seite 139)
Nun mag die Autorin den Vorbildcharakter der Schweiz bzw. der SVP für die AfD manchmal auch übertreiben. Dasselbe ließe sich auch von der FPÖ oder dem Front National sagen. Immerhin ist aber die Behauptung des starken Vorbildcharakters der SVP für die AfD die Grundthese ihres Buches und das soll ja auch verkauft werden.
Tatsächlich gilt die SVP seit Parteigründung in der AfD als Vorbild bzw. Bezugspunkt. Alice Weidel nennt sie „Schwesterpartei“ und Marc Jongen macht sich für eine „Verschweizerung Deutschlands“ stark.
Doch auch Theile ist sich unsicher, wieviel Schweiz sich wirklich hinter solchen Worthülsen verbirgt. Schließlich birgt das politische System der Schweiz einige Besonderheiten. Da ist zum einen der parlamentarisch-repräsentative Bereich. Der hat in der Schweiz den Charakter eines Konkordanz-Systems. Sprich: Die vier größten, gewählten Parteien im Schweizer Parlament bilden eine Regierungskoalition. Und das seit 80 Jahren. Hier regiert der Kompromiss.
Auf der anderen Seite gibt es eine Direkte Demokratie, in der die Bevölkerung über Entscheidungen abstimmt. Hier gibt es vor den Abstimmungen einen Wettstreit der Ideen und Argumente.
In den Volksabstimmungen ist die SVP nicht immer direkt der Initiator. Manchmal sind es auch ihr nahe stehende Initiativen, die dann aber im Meinungskampf den Werbeapparat der SVP im Rücken haben.

SVP und AfD haben durch ihren rechtspopulistischen Charakter allerhand gemeinsam. Etwa die Berufung auf den „wahren Volkswillen“, den sie angeblich vertreten würden.
Die Haltung zu Migration, aber auch ihre Ablehnung der EU eint sie. Wobei der „Europafrage“ in der Schweiz sogar noch eine stärkere Wirkung zugesprochen werden kann.
Trotzdem setzt sich die SVP tendenziell eher von der AfD und anderen Rechtsparteien ab. Nach Blocher ist der „Sonderfall Schweiz“ nicht mit anderen Ländern vergleichbar. Bündnisse nützen der SVP auch kaum, da sie kaum etwas zu gewinnen, aber einen Ruf zu verlieren hat. Da die Schweiz kein EU-Mitglied ist, gibt es auch keine gemeinsame Bühne wie das Europaparlament. Der Schweizer Nationalist Blocher lehnt auch einen allzu positiven Bezug auf Europa oder das Abendland ab.
So bleiben die Liebesbekundungen der AfD recht einseitig.

Lehren aus der Schweiz
Theile skizziert einige der Lehren für sie aus dem Umgang mit der SVP in der Schweiz. Besonders Fehler benennt sie. Etwa, dass der SVP die Deutungshoheit überlassen wurde:

„Man könnte sagen, das Land hat der SVP die Deutungshoheit darüber überlassen, was rechtsextrem und was nur »stramm konservativ« ist.“

(Seite 180)
Die Autorin ist erschrocken über die „Schweizer Normalität“, in der AfD-ähnliche Positionen sich über die SVP in der Gesellschaft verankert haben und als Teil des legitimen Diskurses akzeptiert werden. Die SVP hat über Jahre den allgemeinen Ton verschärft. Tabus sind hier früher als in anderen Ländern gefallen. SVP-Positionen sind selbst in liberalen Blätter wie der „Neuen Züricher Zeitung“ eingesickert. Andere Blätter wurden gezielt aufgekauft und inhaltlich verschoben. Das Magazin „Weltwoche“ und die „Basler Zeitung“ sind hier zuallererst zu nennen
Theile kritisiert dass die RechtspopulistInnen in der Schweiz zu wenig und in Deutschland zuviel isoliert würden.
Obwohl aus einem ganz anderen politischen System geboren, plädiert die Autorin für eine Übernahme der Plebiszite aus der Schweiz, trotz der damit einher gehenden Gefahr.
Ob das Buch einem so sehr dabei hilft das Phänomen AfD zu verstehen, ist fraglich. Aber es erzählt einem eine ganze Menge über das Phänomen SVP und dafür lohnt sich die Lektüre.

Charlotte Theile: Ist die AfD zu stoppen? Die Schweiz als Vorbild der neuen Rechten, Zürich 2017.

„Der Komet“ von Hannes Stein


Wir schreiben das Jahr 2000, Ort der Handlung ist Wien, aber ein anderes Wien, denn es ist noch immer die Hauptstadt der Donaumonarchie. Keine Ausnahme. In fast allen europäischen Staaten herrschen Fürsten oder Könige. Der Roman „Der Komet“ von Hannes Stein ist ein kontrafaktischer Roman. Schwieriger schon ist die Frage, ob es sich um eine Utopie oder eine Dystopie handelt. Die Realität hat die alternative Roman-Gegenwart dystopisch überholt, in der der Holocaust nie stattfand. In Osteuropa existiert in dieser alternativen Realität eine lebendige chassidische Kultur.
Es kam auch zu keinem Armenier-Genozid im Osmanischen Reich. Der osmanische Gesandte im Handlungsspielort Wien ist beispielsweise ein Armenier. Außerdem ist Europa friedlich, der letzte Krieg in Europa fand 1871 statt.
Andererseits bestehen die Kolonialimperien fort. Die Entkolonialisierung der Welt hat im Buch nie stattgefunden. Großbritannien herrscht über Indien, Japan über die Mandschurei und das Deutsche Kaiserreich hat sogar die Antarktis besetzt. Zum Mond haben es die Deutschen auch geschafft. Das ist natürlich eine ironische Anspielung des Autors auf diverse Verschwörungstheorien, in denen ‚Reichsdeutsche‘ genau hier verortet werden.
Der Mond ist sogar ohne Raumanzug begehbar, da er mit Algen bepflanzt wurde. Es gibt eine Mondstadt und sogar Mondtourismus. In 38 Stunden ist man von Wien per Rakete auf dem Mond.
Die USA wurden nie Weltmacht, auch wenn Cuba als 52. US-Bundesstaat in die Vereinigten Staaten aufgenommen wurde. Der Autor deutet auch an, dass es den USA am Kulturtransfer durch die Emigration u.a. von Flüchtlingen aus Nazi-Deutschland fehlen würde. So sind die Rosenhügelstudios bei Wien und nicht Hollywood die Produktionsstätten populärer Filme, in denen Arnold Schwarzenegger die Hauptrolle spielt und Szczepan Szpilberg Regie führt. Star Wars wird als die Oper „Lukas und Lea“ aufgeführt.
Während Franz Kafka unentdeckt bleibt, ist Anne Frank eine bekannte Literaturnobelpreisträgerin. Stalin ist wurde nie Diktator gewesen, sondern wurde in Grusinien ein georgischer Nationaldichter, der aber auch 1953 verstarb.
Das Frauenwahlrecht wurde in Österreich-Ungarn erst 1968 eingeführt.
Es war übrigens kein Schmetterlingsflügel, der den Orkan am anderen Ende der Welt auslöst hat, sondern die Entscheidung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers nicht durch Sarajevo zu fahren.

Im Buch konkurriert der Kunst-Student Alexej von Repin mit dem Hofastronomen Dudo Gottlieb um die Zuneigung von Gottliebs Frau Barbara. Die fängt eine Affäre mit Alexej an, während ihr Mann auf dem Mond weilt. Doch ein Komet droht die Erde zu treffen und alle Menschen zu töten.
Ein Psychoanalytiker versucht währenddessen herauszufinden, warum sein Patient, der Diplomingenieur Biehlowek beständig von Krieg und Genozid in Europa träumt.
In der Tradition von Philipp K. Dicks „Das Orakel vom Berge“ finden sich die echte Realität und weitere alternative Realitätsentwürfe als Skizzen im Buch.
In weiteren, nur angedeuteten Fiktionen stirbt Jesus an Altersschwäche oder Karthago siegt über Rom.

Der Roman hat einen gewissen wahren Kern. Denn der Jurist und Politiker Aurel Popovici erarbeitete das Konzept für eine alternative Staatsordnung Österreich-Ungarns, die „Vereinigten Staaten von Groß-Österreich“, und veröffentlicht das Konzept 1906. Es wurde nie umgesetzt, kam in der alternativen Realität von Hannes Stein aber zum Einsatz und beruhigte die Nationalitäten-Konflikte.

Der Roman ist keine Dystopie, aber auch keine Utopie, jedenfalls wenn man kein Monarchist ist. Er liest sich vergnüglich, aber er könnte gerne doppelt soviel Umfang haben. Das Ende ist abrupt und eher unbefriedigend. Da wäre mehr drin gewesen! Trotzdem ist es ein großer Spaß ihn zu lesen.

Hannes Stein: Der Komet, Berlin 2. Auflage 2016.

Der Bild-Betrug im Kapitalismus und bei den Rechten

Bildbetrug im Kapitalismus
Werbung und Kapitalismus an sich funktioniert stark über einen Bild-Betrug. Da werden Bilder gezeigt, um irgendwelche Produkte zu verkaufen, die die Wünsche und Sehnsüchte der Menschen ansprechen.
Etwa Bilder von scheinbaren Naturlandschaften (in Nebel gehüllte Wälder, Sonnenauf- und untergänge, grüne Wiesen, Weizenfelder in voller Blüte). Oder das scheinbar einfache Landleben. Oder junge, gutaussehende Menschen beim Extremsport bzw. im Abenteuermodus.
Doch die beworbenen Produkte haben gar nichts mit den Bildern oder den damit verbundenen Versprechen (z.B. auf Freiheit, Erfolg oder Attraktivität) zu tun. Becks trinken, Audi fahren oder eine Zigarette rauchen, sind an sich kein Zugewinn an Freiheit. Aber irgendwie verfängt die Botschaft offenbar doch. Die Werbeindustrie spielt mit den Sehnsüchten der Menschen und verkauft Ersatzprodukte anstelle von echter Freiheit. Die gibt es ja auch gar nicht zu kaufen, sondern nur zu erringen.
Da den meisten Menschen durchaus klar sein dürfte, dass Zigarettenrauch nicht der Duft der Freiheit ist, handelt es sich nicht nur um einen Bildbetrug, sondern durch seine Offenkundigkeit auch um einen Selbstbetrug.

Untrennbar mit dieser Werbung verbunden ist das kapitalistische Glücksversprechen, was für die meisten nur ein Versprechen bleibt. Es besagt, dass jede*r es schaffen kann, wenn sie/er sich nur genügend anstrengen würde.
Da z.B. die in der Werbung angepriesenen Produkte und die dargestellten Abenteuerreisen und Extremsportarten teuer sind, müssen sie sich erst einmal erarbeitet werden. Dieses scheinbare Glück gibt es nur gegen Bares.

Generell funktioniert auch die Nahrungsmittel-Werbung größtenteils mittels Bildbetrug, der aber noch einmal Sonderformen annimmt. Dabei wird die Produkt-Herkunft bzw. -Entstehung bewusst verschleiert. Man schaue sich nur einmal die Werbung für Nahrungsmittel an. Bei pflanzlichen Nahrungsmitteln wird in der Werbung die scheinbar unverfälschte Natur gezeigt. Natürlich werden keine Großplantagen mit industrialisierten Betrieb gezeigt, sondern kleine, familiäre Betriebe, wo der Bauer lächelnd das Heu mit einer Heugabel von Hand umschichtet. Pflanzliche Nahrungsmittel werden dabei vor allem in ihrer unverarbeiteten Form beworben. Fleischliche Produkte dagegen werden fast nur als fertiges Produkt beworben. Als dampfendes Steak auf dem Teller beispielsweise. Das ergibt ja auch Sinn, denn es würden viel weniger Menschen Fleisch kaufen bzw. essen, wenn es mit lebendigen Tieren beworben werden würde.

Die Wiederkehr der Natur- und Agrarromantik
In Europa ist die Natur größtenteils gezähmt. Was die meisten Menschen immer als ‚Natur‘ wahrnehmen, also Wälder und Felder, ist in Wahrheit eine Kultur- und eben keine urwüchsige Naturlandschaft. So etwas wie echte urwüchsige Natur gibt es in Mittel- und Westeuropa gar nicht mehr. Jeder Baum, der umfällt wird weggebracht. Wälder sind nicht wild, sondern verwaltete Forste. Die Gewässer sind schon lange eingefangen und gezähmt, d.h. begradigt und bei den großen Flüssen wurden die für den Schifffahrtsbetrieb Inseln und Sandbänke entfernt. Die romantisierende Sicht z.B. auf ein Weizenfeld in voller Blüte ignoriert, dass es sich dabei zumeist um eine biologische Wüste („grüne Wüste“) handelt. Eine kleine, wildwüchsige Grasfläche mitten in Berlin hat teilweise mehr Vielfalt zu bieten als so eine mit Pesti-, Fungi-, Insekti- und Herbiziden hergestellte Monokultur.

Der Sehnsuchts-Blick der Städterin/des Städters richtet sich wieder verstärkt auf „das Land“. Davon zeugen etwa auflagenstarke Magazine wie „Landlust“. Doch diese Romantisierung von Natur und dem angeblich ‚einfachem‘ Landleben folgt einem Phantom, was es so gar nicht gibt.
Weder wird die mit dem „Landleben“ verbundene Plackerei beachtet, noch das inzwischen auch „das Landleben“ stark industrialisiert ist. Eine Bäuerin muss heute auch ein Bürokratin sein und sitzt viel im Büro und füllt Tabellen aus, sofern die Landwirtschaft nicht lediglich ein Nebenerwerb ist. Die Industrialisierung des ruralen Raumes hat zu riesigen Monokulturen in der Landwirtschaft geführt. Auf die Weite der dadurch zustande gekommenen und vereinsamten Felder – wo früher hundert Menschen arbeiteten, zieht heute nur noch ein Traktor einsam seine Kreise. Auf diese menschenleere Landschaft blickt der Mensch mit Sehnsucht nach dem vermeintlich Natürlichen. So ein landwirtschaftlich genutztes Feld ist aber keine Naturlandschaft, sondern eine Kulturlandschaft und noch dazu eine durch Pesti-, Herbi- und Insektozide sehr von Vielfalt entvölkerte Landschaft.

Der Waldgang der Rechten ist ein Holzweg
Rechte, wie die „Identitäre Bewegung“ (IB) übernehmen nun diese Trugbilder von Natur und Landleben. Die Rechte läd sie zusätzlich noch dazu mit ihrer völkischen Blut-&Boden-Vorstellungen auf. Da wird dann nicht nur ein Weizenfeld gezeigt, sondern zusätzlich noch eine junge Frau vom Typus „Blonde Maid“ mit zu Zöpfen geflochtenen langem Haar und in Tracht, die sanft mit der Hand über die Ähren streicht.
Mit ihrer völkischen Natur- und Land-Romantik befindet sich die IB in einer langen rechten Tradition. Abgestoßen von den engen, industrialisierten und verschmutzen Städten, gab es in der deutschen Rechten bereits seit dem 19. Jahrhundert eine Verherrlichung des Ruralen. Es waren vor allem StadtbewohnerInnen, die diesem Anti-Urbanismus anhingen. Das Land wurde in der Rechten zur Sehnsuchtslandschaft und die Großstadt zum Feindbild. Dieses wurde nicht selten noch antisemitisch aufgeladen, denn die Großstadt galt als Ort unter jüdischer Kontrolle.

Besonders die IB reproduziert in vielen ihrer Bilder eine bündisch anmutende Naturromantik. Sie huldigen einer Naturromantik und unechter Natürlichkeit, die der in der kapitalistischen Werbung frappierend ähneln. Nur bei ihr wird diese noch zusätzlich völkisch aufgeladen. Zumeist ist die völkisch interpretierte ‚urdeutsche‘ Landschaft auch das, was Identitäre mit dem Heimatbegriff assoziieren. Dabei weiß niemand – um bei dem Beispiel zu bleiben – wo das Feld ist, was die hübsche Blondine durchschreitet. Es könnte ebenso in der Uckermark sein, wie in Weißrussland.
Hinzu kommt ein weiterer Bildbetrug: Die Trachten. Auch die Identitären tragen im Alltag kaum Trachten. Sie stellen Trachten aber gerne als kulturelle Eigenheiten dar, um den Unterschied zu anderen Kulturen zu betonen. Im Grunde folgen aber auch die meisten Identitären demselben westlich-globalen lifestyle wie die anderen Jugendlichen ihrer Generation. Auch auf Bildern, die unter Parolen wie „Lederhosenrevolte“ oder „Lagerfeuer statt Disco“ von ihnen bei Facebook verbreitet werden, tragen die meisten Tshirt, Jeans und Sneakers. Martin Sellner, die Grinsekatze der Identitären, trägt dazu noch eine modische Sonnenbrille.
Außerdem sind die meisten der heute getragenen Trachten relativ jung und eigentlich Neuerfindungen der Frühmoderne, aber kaum jahrhundertealte Kleidungsstücke.

Die Identitären inszenieren sich mit Bildern, ähnlich wie die kapitalistische Werbung, mittels Bildbetrug. Ihre völkisch aufgeladenen Bilder von Natur und Landleben sind Bildbetrügereien. Ebenso ihre Bilder von deutscher Ursprünglichkeit, also z.B. vom Trachtentragen. Vermutlich haben die meisten von ihnen außerhalb der IB-Gruppenwanderungen kaum mit Wald und Wiesen zu tun, sondern hocken eher vor dem Rechner und konsumieren Youtube-Videos. Sie sind, auch wenn sie sich als das Gegenteil inszenieren, Kinder ihrer Zeit. Verwestlichte Jugendliche in Sneakern, die eher im Internet sind als an der frischen Luft. Diese Widersprüchlichkeit macht sie aber nicht ungefährlich, sondern eigentlich gefährlicher, weil sie so besser Anschluss finden.