Der Bild-Betrug im Kapitalismus und bei den Rechten

Bildbetrug im Kapitalismus
Werbung und Kapitalismus an sich funktioniert stark über einen Bild-Betrug. Da werden Bilder gezeigt, um irgendwelche Produkte zu verkaufen, die die Wünsche und Sehnsüchte der Menschen ansprechen.
Etwa Bilder von scheinbaren Naturlandschaften (in Nebel gehüllte Wälder, Sonnenauf- und untergänge, grüne Wiesen, Weizenfelder in voller Blüte). Oder das scheinbar einfache Landleben. Oder junge, gutaussehende Menschen beim Extremsport bzw. im Abenteuermodus.
Doch die beworbenen Produkte haben gar nichts mit den Bildern oder den damit verbundenen Versprechen (z.B. auf Freiheit, Erfolg oder Attraktivität) zu tun. Becks trinken, Audi fahren oder eine Zigarette rauchen, sind an sich kein Zugewinn an Freiheit. Aber irgendwie verfängt die Botschaft offenbar doch. Die Werbeindustrie spielt mit den Sehnsüchten der Menschen und verkauft Ersatzprodukte anstelle von echter Freiheit. Die gibt es ja auch gar nicht zu kaufen, sondern nur zu erringen.
Da den meisten Menschen durchaus klar sein dürfte, dass Zigarettenrauch nicht der Duft der Freiheit ist, handelt es sich nicht nur um einen Bildbetrug, sondern durch seine Offenkundigkeit auch um einen Selbstbetrug.

Untrennbar mit dieser Werbung verbunden ist das kapitalistische Glücksversprechen, was für die meisten nur ein Versprechen bleibt. Es besagt, dass jede*r es schaffen kann, wenn sie/er sich nur genügend anstrengen würde.
Da z.B. die in der Werbung angepriesenen Produkte und die dargestellten Abenteuerreisen und Extremsportarten teuer sind, müssen sie sich erst einmal erarbeitet werden. Dieses scheinbare Glück gibt es nur gegen Bares.

Generell funktioniert auch die Nahrungsmittel-Werbung größtenteils mittels Bildbetrug, der aber noch einmal Sonderformen annimmt. Dabei wird die Produkt-Herkunft bzw. -Entstehung bewusst verschleiert. Man schaue sich nur einmal die Werbung für Nahrungsmittel an. Bei pflanzlichen Nahrungsmitteln wird in der Werbung die scheinbar unverfälschte Natur gezeigt. Natürlich werden keine Großplantagen mit industrialisierten Betrieb gezeigt, sondern kleine, familiäre Betriebe, wo der Bauer lächelnd das Heu mit einer Heugabel von Hand umschichtet. Pflanzliche Nahrungsmittel werden dabei vor allem in ihrer unverarbeiteten Form beworben. Fleischliche Produkte dagegen werden fast nur als fertiges Produkt beworben. Als dampfendes Steak auf dem Teller beispielsweise. Das ergibt ja auch Sinn, denn es würden viel weniger Menschen Fleisch kaufen bzw. essen, wenn es mit lebendigen Tieren beworben werden würde.

Die Wiederkehr der Natur- und Agrarromantik
In Europa ist die Natur größtenteils gezähmt. Was die meisten Menschen immer als ‚Natur‘ wahrnehmen, also Wälder und Felder, ist in Wahrheit eine Kultur- und eben keine urwüchsige Naturlandschaft. So etwas wie echte urwüchsige Natur gibt es in Mittel- und Westeuropa gar nicht mehr. Jeder Baum, der umfällt wird weggebracht. Wälder sind nicht wild, sondern verwaltete Forste. Die Gewässer sind schon lange eingefangen und gezähmt, d.h. begradigt und bei den großen Flüssen wurden die für den Schifffahrtsbetrieb Inseln und Sandbänke entfernt. Die romantisierende Sicht z.B. auf ein Weizenfeld in voller Blüte ignoriert, dass es sich dabei zumeist um eine biologische Wüste („grüne Wüste“) handelt. Eine kleine, wildwüchsige Grasfläche mitten in Berlin hat teilweise mehr Vielfalt zu bieten als so eine mit Pesti-, Fungi-, Insekti- und Herbiziden hergestellte Monokultur.

Der Sehnsuchts-Blick der Städterin/des Städters richtet sich wieder verstärkt auf „das Land“. Davon zeugen etwa auflagenstarke Magazine wie „Landlust“. Doch diese Romantisierung von Natur und dem angeblich ‚einfachem‘ Landleben folgt einem Phantom, was es so gar nicht gibt.
Weder wird die mit dem „Landleben“ verbundene Plackerei beachtet, noch das inzwischen auch „das Landleben“ stark industrialisiert ist. Eine Bäuerin muss heute auch ein Bürokratin sein und sitzt viel im Büro und füllt Tabellen aus, sofern die Landwirtschaft nicht lediglich ein Nebenerwerb ist. Die Industrialisierung des ruralen Raumes hat zu riesigen Monokulturen in der Landwirtschaft geführt. Auf die Weite der dadurch zustande gekommenen und vereinsamten Felder – wo früher hundert Menschen arbeiteten, zieht heute nur noch ein Traktor einsam seine Kreise. Auf diese menschenleere Landschaft blickt der Mensch mit Sehnsucht nach dem vermeintlich Natürlichen. So ein landwirtschaftlich genutztes Feld ist aber keine Naturlandschaft, sondern eine Kulturlandschaft und noch dazu eine durch Pesti-, Herbi- und Insektozide sehr von Vielfalt entvölkerte Landschaft.

Der Waldgang der Rechten ist ein Holzweg
Rechte, wie die „Identitäre Bewegung“ (IB) übernehmen nun diese Trugbilder von Natur und Landleben. Die Rechte läd sie zusätzlich noch dazu mit ihrer völkischen Blut-&Boden-Vorstellungen auf. Da wird dann nicht nur ein Weizenfeld gezeigt, sondern zusätzlich noch eine junge Frau vom Typus „Blonde Maid“ mit zu Zöpfen geflochtenen langem Haar und in Tracht, die sanft mit der Hand über die Ähren streicht.
Mit ihrer völkischen Natur- und Land-Romantik befindet sich die IB in einer langen rechten Tradition. Abgestoßen von den engen, industrialisierten und verschmutzen Städten, gab es in der deutschen Rechten bereits seit dem 19. Jahrhundert eine Verherrlichung des Ruralen. Es waren vor allem StadtbewohnerInnen, die diesem Anti-Urbanismus anhingen. Das Land wurde in der Rechten zur Sehnsuchtslandschaft und die Großstadt zum Feindbild. Dieses wurde nicht selten noch antisemitisch aufgeladen, denn die Großstadt galt als Ort unter jüdischer Kontrolle.

Besonders die IB reproduziert in vielen ihrer Bilder eine bündisch anmutende Naturromantik. Sie huldigen einer Naturromantik und unechter Natürlichkeit, die der in der kapitalistischen Werbung frappierend ähneln. Nur bei ihr wird diese noch zusätzlich völkisch aufgeladen. Zumeist ist die völkisch interpretierte ‚urdeutsche‘ Landschaft auch das, was Identitäre mit dem Heimatbegriff assoziieren. Dabei weiß niemand – um bei dem Beispiel zu bleiben – wo das Feld ist, was die hübsche Blondine durchschreitet. Es könnte ebenso in der Uckermark sein, wie in Weißrussland.
Hinzu kommt ein weiterer Bildbetrug: Die Trachten. Auch die Identitären tragen im Alltag kaum Trachten. Sie stellen Trachten aber gerne als kulturelle Eigenheiten dar, um den Unterschied zu anderen Kulturen zu betonen. Im Grunde folgen aber auch die meisten Identitären demselben westlich-globalen lifestyle wie die anderen Jugendlichen ihrer Generation. Auch auf Bildern, die unter Parolen wie „Lederhosenrevolte“ oder „Lagerfeuer statt Disco“ von ihnen bei Facebook verbreitet werden, tragen die meisten Tshirt, Jeans und Sneakers. Martin Sellner, die Grinsekatze der Identitären, trägt dazu noch eine modische Sonnenbrille.
Außerdem sind die meisten der heute getragenen Trachten relativ jung und eigentlich Neuerfindungen der Frühmoderne, aber kaum jahrhundertealte Kleidungsstücke.

Die Identitären inszenieren sich mit Bildern, ähnlich wie die kapitalistische Werbung, mittels Bildbetrug. Ihre völkisch aufgeladenen Bilder von Natur und Landleben sind Bildbetrügereien. Ebenso ihre Bilder von deutscher Ursprünglichkeit, also z.B. vom Trachtentragen. Vermutlich haben die meisten von ihnen außerhalb der IB-Gruppenwanderungen kaum mit Wald und Wiesen zu tun, sondern hocken eher vor dem Rechner und konsumieren Youtube-Videos. Sie sind, auch wenn sie sich als das Gegenteil inszenieren, Kinder ihrer Zeit. Verwestlichte Jugendliche in Sneakern, die eher im Internet sind als an der frischen Luft. Diese Widersprüchlichkeit macht sie aber nicht ungefährlich, sondern eigentlich gefährlicher, weil sie so besser Anschluss finden.


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