„Der Komet“ von Hannes Stein


Wir schreiben das Jahr 2000, Ort der Handlung ist Wien, aber ein anderes Wien, denn es ist noch immer die Hauptstadt der Donaumonarchie. Keine Ausnahme. In fast allen europäischen Staaten herrschen Fürsten oder Könige. Der Roman „Der Komet“ von Hannes Stein ist ein kontrafaktischer Roman. Schwieriger schon ist die Frage, ob es sich um eine Utopie oder eine Dystopie handelt. Die Realität hat die alternative Roman-Gegenwart dystopisch überholt, in der der Holocaust nie stattfand. In Osteuropa existiert in dieser alternativen Realität eine lebendige chassidische Kultur.
Es kam auch zu keinem Armenier-Genozid im Osmanischen Reich. Der osmanische Gesandte im Handlungsspielort Wien ist beispielsweise ein Armenier. Außerdem ist Europa friedlich, der letzte Krieg in Europa fand 1871 statt.
Andererseits bestehen die Kolonialimperien fort. Die Entkolonialisierung der Welt hat im Buch nie stattgefunden. Großbritannien herrscht über Indien, Japan über die Mandschurei und das Deutsche Kaiserreich hat sogar die Antarktis besetzt. Zum Mond haben es die Deutschen auch geschafft. Das ist natürlich eine ironische Anspielung des Autors auf diverse Verschwörungstheorien, in denen ‚Reichsdeutsche‘ genau hier verortet werden.
Der Mond ist sogar ohne Raumanzug begehbar, da er mit Algen bepflanzt wurde. Es gibt eine Mondstadt und sogar Mondtourismus. In 38 Stunden ist man von Wien per Rakete auf dem Mond.
Die USA wurden nie Weltmacht, auch wenn Cuba als 52. US-Bundesstaat in die Vereinigten Staaten aufgenommen wurde. Der Autor deutet auch an, dass es den USA am Kulturtransfer durch die Emigration u.a. von Flüchtlingen aus Nazi-Deutschland fehlen würde. So sind die Rosenhügelstudios bei Wien und nicht Hollywood die Produktionsstätten populärer Filme, in denen Arnold Schwarzenegger die Hauptrolle spielt und Szczepan Szpilberg Regie führt. Star Wars wird als die Oper „Lukas und Lea“ aufgeführt.
Während Franz Kafka unentdeckt bleibt, ist Anne Frank eine bekannte Literaturnobelpreisträgerin. Stalin ist wurde nie Diktator gewesen, sondern wurde in Grusinien ein georgischer Nationaldichter, der aber auch 1953 verstarb.
Das Frauenwahlrecht wurde in Österreich-Ungarn erst 1968 eingeführt.
Es war übrigens kein Schmetterlingsflügel, der den Orkan am anderen Ende der Welt auslöst hat, sondern die Entscheidung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers nicht durch Sarajevo zu fahren.

Im Buch konkurriert der Kunst-Student Alexej von Repin mit dem Hofastronomen Dudo Gottlieb um die Zuneigung von Gottliebs Frau Barbara. Die fängt eine Affäre mit Alexej an, während ihr Mann auf dem Mond weilt. Doch ein Komet droht die Erde zu treffen und alle Menschen zu töten.
Ein Psychoanalytiker versucht währenddessen herauszufinden, warum sein Patient, der Diplomingenieur Biehlowek beständig von Krieg und Genozid in Europa träumt.
In der Tradition von Philipp K. Dicks „Das Orakel vom Berge“ finden sich die echte Realität und weitere alternative Realitätsentwürfe als Skizzen im Buch.
In weiteren, nur angedeuteten Fiktionen stirbt Jesus an Altersschwäche oder Karthago siegt über Rom.

Der Roman hat einen gewissen wahren Kern. Denn der Jurist und Politiker Aurel Popovici erarbeitete das Konzept für eine alternative Staatsordnung Österreich-Ungarns, die „Vereinigten Staaten von Groß-Österreich“, und veröffentlicht das Konzept 1906. Es wurde nie umgesetzt, kam in der alternativen Realität von Hannes Stein aber zum Einsatz und beruhigte die Nationalitäten-Konflikte.

Der Roman ist keine Dystopie, aber auch keine Utopie, jedenfalls wenn man kein Monarchist ist. Er liest sich vergnüglich, aber er könnte gerne doppelt soviel Umfang haben. Das Ende ist abrupt und eher unbefriedigend. Da wäre mehr drin gewesen! Trotzdem ist es ein großer Spaß ihn zu lesen.

Hannes Stein: Der Komet, Berlin 2. Auflage 2016.


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