BuchKRITIK „Revolte gegen den großen Austausch“ von Renaud Camus


Wer sich mit den Identitären auseinandersetzt, kann das auch durch die Lektüre der Texte tun, auf die sie sich gerne beziehen. Einer ihrer Stichwortgeber ist der französische Schriftsteller Renaud Camus. Mehrere Texte von ihm erschienen in der Übersetzung von Martin Lichtmesz und Ludwig Paul in dem neurechten Kleinverlag Antaios. Auf etwas mehr als 200 Seiten gibt es als Kernstück den Essay „Der Große Austausch oder: Die Auflösung der Völker“ von Camus. Hinzu gesellen sich eine vermeintliche Kindergeschichte, ein Vorwort von Martin Lichtmesz, ein Interview mit Renaud Camus, das Manifest „Revoltiert!“ von Camus und ein Nachwort des Identitären-Aktivisten Martin Sellner.

Camus inszeniert sich in seinem Essay als Fürsprecher der „Autochthonen“, „Altfranzosen“, „Eingeborene“, „Einheimische“ oder „Stammfranzosen“. Die „Fremden“ und „Neofranzosen“, die er diesen als Feinde gegenüberstellt, sind vor allem Nichtweiße. Es geht nicht allein um Migrant*innen, sondern um alle nichtweißen Franzosen. Das wird klar, wenn er seine Analyse auf die USA überträgt und dort die weiße Bevölkerung den ethnischen Minderheiten gegenüberstellt. Die meisten schwarzen US-Amerikaner*innen sind ebenso lange in den Vereinigten Staaten wie weiße. Konsequent verwechselt er Demos (Volk im Sinne von Bevölkerung bzw. Staatsbürgerschaft) und Ethnos (Volk im ethnischen Sinne).
Camus striktes Freund-Feind-Denken entlang von ethnischen Linien ignoriert natürlich Freund- und Liebschaften und die Kinder aus solchen Beziehungen. Das passt nicht in sein Konzept der homogenen Gebilde.
Camus warnt vor einer „Vervorstädterung“ des Westens und will in der Änderung der demografischen Zusammensetzung der Bevölkerung eine gezielte „Kolonisation“ erkennen. In dem ehemaligen Kolonial-Land Frankreich ist es natürlich besonders perfide diesen festgesetzten Begriff einfach auf andere Erscheinungen anzuwenden.
Camus analogisiert die Situation heute auch mit der NS-Besatzung. In nicht-migrationsfeindlichen Politiker*innen sieht er zum Beispiel die neuen Kollaborateure. In der Konsequenz verharmlost und banalisiert er sowohl den französischen Kolonialismus als auch die NS-Besatzung Frankreichs.
Camus interpretiert nicht nur jede Form von Kriminalität ethnisch, er will auch dahinter eine ganze Strategie entdeckt haben:

„Und schließlich kommt hinzu, daß ein enormer, überproportional großer Teil dieser Schikanen, Belästigungen und Verbrechen den Eroberern eindeutig als objektives Mittel ihrer Eroberungsstrategie dient.“

Seite 90
Ansonsten ist Camus nicht nur ein Rassist, sondern auch zutiefst elitär. Zwar macht er sich an einigen Stellen verbal für die weißen französischen ArbeiterInnen stark, an anderer Stelle fordert er aber mehr Auslese an den Schulen.
Camus stemmt sich gegen ein „postfranzösisches Frankreich“, wie er es nennt. Als Verantwortliche macht er unterschiedliche Akteure aus, will aber keinem einzelnen, also z.B. der EU oder dem „Amerikanismus“, die Alleinschuld geben. Auch einer jüdischen Weltverschwörung erteilt er die Absage, nicht ohne danach die aus seiner Sicht schädliche Rolle vieler Juden zu betonen.

Bei der Lektüre von Camus Sätzen entsteht eine Ahnung warum der ehemalige Linke und Homosexuelle-Aktivist einen rechten turn vollzogen hat. Es offenbart sich nämlich bei ihm ein Kulturpessimismus, dem ein konservatives Kunstverständnis zugrunde liegt. Kunst wird nur als schöne Kunst akzeptiert. An einer Stelle beklagt sich Camus:

„Wer das Vaterland nicht mehr braucht, hat in der Regel auch mit der Schönheit nichts am Hut […].“

(Seite 56-57)

Doch was genau will Camus? Außer abstrakten Phrasen wie der Forderung nach einer „Gegen-Kolonisation“ und der „kulturelle[n] und spirituelle[n] Wiedergeburt“ nennt Camus noch die Einführung des „ius sanguis“, also des an Herkunft gebundenen Staatsbürgerrechts. Außerdem redet er großen Bündnissen das Wort und begründet so auch seine Unterstützung für den „Front National“.
Auffällig ist seine militärische Sprache, etwa wenn er von einem „koloniale[n] Eroberungs- und Territorialkrieg“ schreibt, der im Gange sei. Wer glaubt er befinde sich im ethnischen Bürgerkrieg, der ist auch bereit . So fordert Camus zwar den Befreiungsschlag, nennt aber kaum die Konsequenzen. Wie genau soll der Anteil der nichtweißen Bevölkerung verkleinert werden? An einer Stelle verrät er sich in einem Halbsatz, als er warnt, es gebe inzwischen Gruppen, „[…], die man nicht mehr vertreiben kann […]“ (Seite 86). Hier schimmert der Wille durch Nichtweiße aus Frankreich zu vertreiben.

Die auch in dem Buch zu findende Kurzgeschichte aus der Feder von Camus, die sich als unvollendetes Manuskript von Hans Christian Andersen ausgibt, ist eine banale Metapher für die Gegenwart aus rassistischer Perspektive. Derart simple Metaphern in Verpackung einer Kindergeschichte sind es eigentlich nicht wert zwischen zwei Buchdeckel gepresst zu werden.

An dem ganzen Buch ist höchstens die Verpackung originell. Im Haupttext, dem Essay, finden sich einige historische, mythische oder literarische Anspielungen. Aber wenn man dieses Zitate-Schutzschild ein wenig abkratzt, findet sich darunter der blanke Rassismus. Die Analyse und die Positionen von Camus sind äußerst banal und ihr Studium trägt nicht zum weiteren Verständnis der Neuen Rechten bei. Außer vielleicht der Erkenntnis das sich die Neue Rechte eher intellektuell gibt, als es zu sein.

Renaud Camus: Revolte gegen den großen Austausch, Schnellroda 2016.


0 Antworten auf “BuchKRITIK „Revolte gegen den großen Austausch“ von Renaud Camus”


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


fünf − = vier