Die Film-Doku „Natasha“ – Porträt einer Bettlerin

„Natasha“ ist eine Art Berufsbettlerin aus Osteuropa. Über osteuropäische Bettlerinnen und Bettler gibt es viele Gewissheiten, aber nur wenig Wissen. Selbst in Straßenzeitungen wird der Mythos von der „osteuropäischen Bettel-Mafia“ wiedergekäut.
Solche Mythen sind auch die Konsequenz daraus, dass viel über, aber nur wenig mit Bettler*innen selbst gesprochen wird. Das liegt sicherlich neben Ignoranz auch an einer gewissen Sprachbarriere.
In ihrer Dokumentation „Natasha“ hat die österreichische Regisseurin Ulli Gladnik diese Barriere mit Hilfe ihrer Bulgarisch-Kenntnisse durchbrochen.
Die von Gladnik porträtierte Bettlerin kommt aus Bresnik nahe Sofia, der Hauptstadt Bulgariens.
Ohnehin ist Bulgarien ein armes Land, aber Natashas Heimatort scheint die Deindustrialisierung noch einmal besonders schwer getroffen zu haben. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs haben die meisten Fabriken, in denen ihre Verwandten und Freund*innen im Ort Arbeit fanden, zugemacht. Auch ihre Familie in Bulgarien zeigt die Doku. Ihre Schwester und ihre Mutter verdienen wenige Leva (bulgarische Währung) durch das Sammeln von Altmetall, was sie mit Händen und Hacken aus dem Schutt graben. Ein Wunder das noch niemand von ihnen an Blutvergiftung erkrankt ist.
Natasha geht Betteln, um ihrer Familie zu helfen, ihren Eltern und besonders ihrem Sohn Vasko: „Wenn die Mama nicht arbeiten fährt, haben wir nichts“.
Sie selbst ist alleinerziehend und körperbehindert, im Alter von 18 Jahren wurden ihr das Unterbein und ein Fuß amputiert. Deswegen trägt sie Prothesen.
Also fing sie an zu betteln. Dafür fuhr sie bis nach Wien und Graz. Im Schnitt verdient eine Bettlerin in Österreich 15 bis 30 Euro pro Tag. Übernachten tut Natasha mit drei anderen Bettler*innen in einem winzigen Zimmer, was ihnen zu einem Wucherpreis vermietet wurde.
Anfangs musste sie noch ihren Stolz überwinden, doch schnell erkennt sie: „Betteln ist keine Schande!“
Was auch durch die Dokumentation klar wird: Betteln ist harte Arbeit. Im Fall von Natasha eine 6-Stunden-Woche fern von daheim. Mehr noch, es ist ein hartes und ungesundes Leben führt sie als Bettlerin. Die Bettler*innen in der Doku betteln auch im Winter, ziehen sich deswegen mehrere Schichten Pullover, Hosen und Socken an und frieren dann nach einer gewissen Zeit draußen trotzdem. Besonders hart für sie, ist die lange Trennung von ihrem Sohn. Einmal bleibt sie auch über Weihnachten in Österreich.
Natürlich bettelt Natasha nicht aus Spaß oder Faulheit, sondern aus reiner Notwendigkeit. Ihre Träume sehen anders aus. Im Film äußert sie irgendwann, sie wolle „ein normales Leben“ und „Ich will leben wie die weißen Leute.“
Damit ist ein weiteres Thema angesprochen, welches im Film untergründig mitschwingt: Der Antiziganismus, also die Vorurteile gegen Sinti und Roma. Auch ihre dunkle Hautfarbe, die sie als Romnia ausweist, hat sie und ihre Familie an den Rand der bulgarischen Gesellschaft gedrängt.

Der Film verlangt von der/dem Zuschauer/in einen Perspektivenwechsel. Durch die Begleitung einer Bettlerin nimmt man auch deren Perspektive ein. Natasha ist dabei nicht nur einfach ein Opfer von Armut. Die Doku zeigt sie auch als starke Frau, Mutter und Romnia,

Die Dokumentation ist 1:23 Stunden lang und wurde in den Jahren 2006 und 2007 gedreht. Im Jahr 2008 wurde der Film veröffentlicht. Der Film ist ein einfühlsames Porträt, unaufdringlich und kommt ohne wertende Kommentare aus.

Mehr Infos unter http://natasha-der-film.at


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