Buchkritik „Der Report der Magd“ von Margaret Atwood

Der Report der Magd
Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood hat dieses Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. Eines ihrer bekanntesten Bücher ist ihr im Original 1985 erschienenes Buch „Report der Magd“, ein dystopischer Roma. Dieser spielt in den 1980er Jahren in der ‚Republik Gilead‘, die sich auf dem Gebiet der ehemaligen USA befindet. Während der Lektüre des Buches erfährt die/der Leser*in auch was zur Errichtung dieser christlichen Theokratie führte. Ein Attentat auf die US-Regierung, bei der diese ermordet wurde, ist der Anlass, um Bürger- und Menschenrechte sukzessive einzuschränken und am Ende gänzlich abzuschaffen. Besonders Frauen werden immer weiter entmündigt. Sie verlieren den Zugriff auf ihr Barvermögen und werden entlassen. Es wird eine alttestamentarisch begründete Geschlechterapartheid und eine Art Kastensystem eingeführt. Es gibt nur noch arrangierte Ehen. Männer haben die gesellschaftliche Macht. Aber ist gibt auch Sphären die den Frauen vorbehalten sind. Auf der weibliche Seite der Gesellschaft stehen ganz oben die Ehefrauen der Oberschicht. Diese verfügen über Dienerinnen, genannt „Marthas“. Darunter in der Hierarchie befinden sich dann die Frauen der Unterschicht, die „Ökonofrauen“ genannt werde.
Da Unfruchtbarkeit weit verbreitet ist, haben die Oberschichtsmänner ganz offiziell Zweitfrauen, die „Mägde“, die vor allem als eine Art Leihmütter fungieren. Der Geschlechtsakt ist hoch ritualisiert und findet im Beisein der Ehefrauen statt. Für die Disziplinierung dieser „Mägde“, sind die „Tanten“ zuständig. Dabei handelt es sich vor allem um ältere, glaubensstrenge Frauen.
Im Inneren von ‚Gilead‘ sorgen ansonsten die „Wächter des Glaubens“ und Geheimdienst-Mitarbeiter, genannt „Augen“, für die Aufrechterhaltung des Regimes. An der Front kämpfen die Soldaten, genannt „Engel“, beispielsweise gegen baptistische Guerilleros. Die Verfolgung von Andersgläubigen wird auch als „Sektenkriege“ oder „Sektenverfolgung“ bezeichnet. Denn das Regime hat eine Staatskirche und verfolgt alle Abweichungen davon: Baptisten und Quäker müssen konvertieren oder sie werden gehenkt. Schwule Männer werden als „Geschlechtsverräter“ gehenkt. Juden können konvertieren oder müssen nach Israel auswandern. Abtreibung und Ehebruch stehen unter Todesstrafe. Selbst Zweitverheiratete werden verfolgt. Nicht alle werden gleich ermordet. So werden viele Frauen zu „Unfrauen“ erklärt und in Strafkolonien zur Giftmüllbeseitigung geschickt. Hier sterben die Arbeiter*innen einen langsamen Tod.

Hauptprotagonistin des Buches ist eine ‚Magd‘. In Rückblicken berichtet sie aus der Vergangenheit vor der Etablierung der Theokratie. In „der Zeit davor“ war sie die Tochter einer feministischen Aktivistin, hatte ein Kind und einen Lebensgefährten, Luke. Als die Verhältnisse sich verschärften, versuchten die drei zu fliehen, wurden aber geschnappt. Sie wurde von ihrem Kind und ihrem Partner getrennt und in einem „Roten Zentrum“ zur ‚Magd‘ gemacht.
Schließlich wird sie als ‚Magd‘ in das Haus eines Kommandanten geschickt, dem sie ein Kind gebären soll. Sie kommt in den Kontakt mit dem Widerstand und entdeckt das der Kommandant im Privaten selber gegen Regeln verstößt. Wie alle Herrschenden behalten sich auch diese Regelverstöße für sich selbst vor. Die Elite der Theokratie frönt weiter der Prostitution.
Mit einem ihrer Bewacher geht sie ein Verhältnis ein, worauf die Todesstrafe steht. Doch selbst die Frau des Kommandanten fördert diese Affäre, da sie annimmt das ihr Mann unfruchtbar ist. Ein Umstand der in dieser strikt patriarchalen Gesellschaft aber nicht thematisiert werden darf. Unfruchtbar sind nur die Frauen.
Die Hauptprotagonistin selbst ist keine Widerstandskämpferin wie etwa ihre Mutter, aber sie sucht für sich nach Auswegen.

Das Buch stammt erkennbar aus der Feder einer feministischen Autorin, die einmal ausformuliert hat, wie eine christliche Theokratie aussehen könnte. Das Regime ist zudem auch extrem pro-natalistisch. Die Verwendung von Frauen als Zwangsleihmütter und der Kult um das Kind erinnern ein wenig an das „Lebensborn“-Projekt der Nazis. Zudem muss jedes Kind auch makellos sein. Kinder, die es nicht sind, werden zu „Unbabys“ erklärt und „entsorgt“.
Neben dem „Lebensborn“, George Orwell und Aldous Huxley mag auch die damals ‚frisch‘ im Iran eingerichtete Theokratie eine Inspiration für die Autorin gewesen sein.

Das Buch liest sich spannend und ist anschaulich aus der Perspektive der ‚Magd‘ geschrieben. Etwas seltsam mutet der geringe Technik-Fortschritt an, was natürlich in der Entstehungszeit des Werkes begründet liegt. Ein wenig unglaubwürdig ist, dass die Transformation einer liberalen Gesellschaft in eine Theokratie derart schnell und ohne Widerstände möglich sein soll.
Trotzdem sehr lesenswert!

Margaret Atwood: Der Report der Magd, München, 5. Auflage 2017.


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