Archiv für Dezember 2017

Buchkritik „Hillbilly-Elegie“ von J.D. Vance

Im Jahr 2016 veröffentlichte in den USA der Autor J.D. Vance, Jahrgang 1984, sein Buch „Hillbilly-Elegie“, welches 2017 auch auf Deutsch mit dem Untertitel „Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise“ erschienen ist.
Hillbilly-Elegie
Der Untertitel verweist darauf, dass es sich bei dem Buch um eine Mischung aus Autobiografie und Gesellschaftsanalyse handelt. Nicht ganz zu unrecht wird das Buch auch als amerikanisches Pendant zu „Rückkehr nach Reims“ von Didier Eribon gehandelt.

J.D. Vance wächst im so genannten „Rustbelt“ („Rostgürtel“) auf, dem früheren industriellen Herz der USA. Genauer gesagt in Middletown in Ohio. Sein Wurzeln liegen aber an anderer Stelle. Er selbst bezeichnet sich als „ulster-schottischer Hillbilly“ aus den Appalachen.
Die BewohnerInnen des Gebirgszugs der Appalachen („Appalachians“) umfassen laut dem Online-Lexikon Wikipedia etwa 25 Millionen Menschen und verteilen sich über mehrere US-Bundesstaaten. Die Region Appalachia bildet in gewisser Weise einen eigenen Kulturraum. Viele der ersten europäischen SiedlerInnen in dieser Region kamen aus Nord-England, Schottland und Ulster (Irland). Letztere sind als „Ulsterschotten“ bekannt. Von anderen AmerikanerInnen werden sie oft verächtlich als ‚Hillbillys‘ bezeichnet und gelten als rückständig. Sie selbst nennen sich zum Teil auch „Hill People“.
Anfang des 20. Jahrhunderts sorgte der Kohle-Bergbau für eine gewisse Erschließung und Industrialisierung von Teilen dieser Region. Trotzdem handelte es sich immer um um eine ärmere Region in den Vereinigten Staaten. Im Zuge der De-Industrialisierung und Schließung der Minen, verarmte die Region nach einer gewissen Phase der Prosperität wieder. Millionen Menschen zogen auf der Suche nach Arbeit weg. Viele bewahrten sich aber die Bindung zu den Appalachen und ihre eigenen Traditionen. Die Weggezogenen siedelten in ihrer neuen Heimat teilweise in eigenen Straßen und Vierteln. Sie stellen vielerorts einen Teil der weißen Arbeiter*innenschicht und werden auch als „Urban Appalachians“ bezeichnet.
Vance’s Großeltern gehören zu genau diesen ArbeitsmigrantInnen. Sie kamen aus Ost-Kentucky und zogen auf der Suche nach Arbeit nach Südwest-Ohio.
Die verpflanzten Hillbillys brachten in ihre neue Heimat ihre eigenen Traditionen mit. Etwa ihre mündlichen Familientraditionen, eine Art von Clan-System. Sie waren meist auch geburtenstärker als die einheimischen Weißen. Bei ihnen dominierte die Großfamilie, statt der Kleinfamilien. Teile der Hillbilly-Kultur ähnelten eher der Kultur der Schwarzen im Süden. Sie war jedenfalls nur wenig bürgerlich. Die Zugezogenen stießen auch deswegen auf die Abwehr der einheimischen Weißen.
An einer Stelle schreibt Vance auch dass seine Großmutter sehr viel weniger damenhafter war als die Bürger-Frauen. Seine Großmutter fluchte, war direkt und hantierte selbstverständlich mit Waffen. So standen die Neuzugezogenen auch für einen Art Aufeinanderprallen unterschiedlicher Kulturen. Mit sich brachten sie auch einen eigenen Ehrenkodex, der die Ehre der Familie hoch ansiedelte und in den Appalachen in Vergangenheit zu ausgeprägten Familienfehden geführt hatte. Hoch im Kurs stehen bei den Hillbillys auch die Bibel und Waffen. Wobei Vance sie als gläubig, aber ohne Gemeindeanbindung beschreibt. Es scheint sich um eine Art Volksgläubigkeit zu handeln. Außerdem glaubten sie mit „nahezu religiöser Intensität an harte Arbeit“.

Die „Urban Appalachians“ waren anfangs durchaus ökonomisch erfolgreich. Viele von ihnen kauften in dieser Zeit des wirtschaftlichen Erfolgs Häuser. Doch später machte sie genau dieses Wohneigentum immobil. Spätestens mit der Immobilienkrise wurden diese – häufig auch mit Krediten belasteten – Häuser in den ärmeren Stadtteilen unverkäuflich und quasi zur Falle. Die Besitzer*innen und ihre Familien blieben bei ihren Häusern. Die örtlichen Fabriken schlossen und zurück blieben Erwerbslose, die an ihre Immobilie gebunden sind. Währenddessen ziehen andere, besser Ausgebildete der Arbeit hinterher und aus den armen Vierteln und Städten weg.

Eindrücklich, besonders am Beispiel seiner Familie, beschreibt Vance die zerrütteten und dysfunktionalen Familien seines Viertels:

„In unseren Häusern herrscht Chaos. Wir brüllen und schreien uns an, als seien wir Zuschauer bei einem Football-Spiel. Mindestens ein Familienmitglied ist drogenabhängig – manchmal der Vater, manchmal die Mutter, manchmal beide. Wenn es gerade besonders stressig ist, schlagen wir uns gegenseitig, immer vor versammelter Familie, einschließlich der kleinen Kinder. Oft hören die Nachbarn, was los ist. Wenn sie die Polizei rufen, um das Drama zu beenden, ist es ein schlechter Tag. Unsere Kinder sind in Pflegefamilien, bleiben aber meistens nicht lange. Wir entschuldigen uns bei unseren Kindern. Die Kinder glauben, dass es uns wirklich leidtut, und so ist es auch. Aber ein paar Tage später sind wir wieder genauso gemein wie zuvor.“

(Seite 169)
Erstaunt stellt er später fest, dass es auch Familien gibt, die anders sind. Wo es nicht ständig Gewalt und Gezänk gibt und Konflikte anders gelöst werden. Seine später drogenabhängige Mutter zieht Vance und seine Schwester Lindsay auf bzw. versucht es und scheitert dabei. Da die Mutter immer wieder versagt, springen sein ältere Schwester und seine Großmutter ein. Besonders die Großmutter, eine unglaublich starke Frau, unterstützt ihren Enkel. Auch sie ist vom Leben gezeichnet. Eigentlich wollte sie eine Großfamilie, hatte aber neun Fehlgeburten. Ihrer Hilfe verdankt Vance seinen Ausbruch aus der Unterschicht. Er geht für vier Jahre zur Marine und beginnt danach ein Jura-Studium, was er in Yale beendet. Hier ist er als Arbeiterkind eine echte Ausnahme, schafft es aber mit der Unterstützung seiner Professorin und anderer sich durchzukämpfen.

Der Autor ist anders als Eribon kein linker Soziologe, sondern bezeichnet sich selbst im Buch als „Patriot“ und „moderne[n] Konservativer“. Diese Einstellung wirkt sich auch immer wieder auf die gesellschaftliche Problemanalyse aus.
So schimpft er auf Sozialbetrug und faule Sozialhilfeempfänger*innen und macht eine Unterscheidung zwischen arbeitenden Armen und arbeitslose Armen. Vielen Armen gibt er zumindest einen Teil der Schuld an ihrer Situation. Er propagiert eine Selbstverantwortung für das eigene Leben und fordert einen Mentalitätswechsel der Armen hin zu mehr Fleiß und (Selbst-)Disziplin. Diese eingeforderte Leistungsethik ist problematisch, weil sie die systemischen Gegebenheiten weitgehend ignoriert. Tatsächlich könnten einige Arme mit mehr Fleiß ihre Erfolgschancen wohl verbessern. Aber eine Erfolgschance ist nun einmal keine Erfolgsgarantie und viele würden trotzdem scheitern. Auch die sich zu einer Form von Armutskultur entwickelten dysfunktionalen Familien, Suchterkrankungen und eine ungesunde Ernährung und Lebensführung thematisiert der Autor. Allerdings ist sein Lösungsansatz ein individualistischer. Damit ist er klassisch amerikanisch, weil er auf das amerikanische Glücksversprechen gegenüber dem Individuum abhebt: Jede*r kann es schaffen. Sein eigener Weg scheint ihm das zu bestätigen. An anderer Stelle im Buch ist er klüger und benennt neben dem eigenen Anteil die Faktoren, die ihm geholfen haben. Und er weiß, dass nicht jede*r so eine taffe Hillbilly-Großmutter hat, wie er.
Analysekategorien wie Gender finden sich überhaupt nicht in dem Buch. Dafür wird aber immer wieder Klasse bzw. Schicht erwähnt.
Vance beschreibt in seinem Buch auch, wie ihm an der Elite-Universität kulturelles und soziales Kapital fehlt und er versucht sich dieses nachträglich anzueignen. An einer früheren Stelle im Buch schreibt Vance eindrücklich einen Klassenunterschied vor Gericht:

„Ich erinnere mich, dass ich mit einem halben Dutzend anderer Familien in diesem Gerichtssaal saß und dachte, dass die genauso aussahen wie wir. Die Mütter und Väter und Großeltern trugen, anders als die Anwälte und der Richter, keine Anzüge. Sie trugen Jogginghosen und Strechhosen und T-Shirts. Ihre Haare waren splissig. Und es war das erste Mal, dass ich »Fernsehakzente« bemerkte, den neutralen Akzent vieler Nachrichtensprecher. Die Sozialarbeiter und der Richter und der Anwalt – sie alle hatten den Fernsehakzent. Und wir nicht. Die Menschen, die dieses Gericht betrieben, waren anders als wir. Die Menschen, die vor diesem Gericht erscheinen mussten, waren es nicht.“

(Seite 94)

Trotz gewisser Mängel in der Analyse ist das Buch sehr lesenswert.

J.D. Vance: Hillbilly-Elegie, Berlin, 8. Auflage 2017.