Buchkritik „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ von Manja Präkels

Als ich mit Hitler Schnapskirschen ass
Mit Wenderomanen lassen sich inzwischen lange Bücherregale füllen. Viele sind stark autobiografisch geprägte Zeugnisse der damaligen Umbruchzeit. Die meisten dürften die Vereinigung von BRD und DDR vor allem positiv schildern. Nur eine Minderheit beschreibt die Wendezeit und den aufflammenden Wiedervereinigungs-Nationalismus kritisch. Häufig sind es Bücher von Autor*innen, die die Auswirkungen handfest zu spüren bekommen haben. So auch die 1974 in der DDR geborene Manja Präkels in ihrem Roman „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“, der letztes Jahr erschien. Mutmaßlich sind ihr einige der Erlebnisse ihrer Protagonistin „Mimi“ selber widerfahren.
Mimi wächst im Havelland in der DDR auf. Anfangs wohnt sie in einem von der „Havelstadt“ verschluckten Dorf in der „Havelstraße“. Brandenburg also. Im Laufe der Lektüre erfährt man auch das die Grenze zu Polen nicht so weit entfernt sein dürfte.
Geschildert wird ein DDR-Leben, in dem nicht alles Gold ist, was glänzt. Die Partei gibt den Ton vor. Trotz der Gleichheits-Doktrin gibt es soziale Hierarchien und verdeckte Armut. Alkoholiker-Kinder und viele kinderreiche Familien gelten z.B. als „Assis“. Mimis Mutter ist Lehrerin und glaubt als Idealistin an das System. Die Wende trifft sie besonders schwer. Ihre Eltern passen sie unterschiedlich an die neuen Verhältnisse an. Mimis schwer diabetischer Vater wählt bei der ersten Wahl mit seinen zwei Stimmen Republikaner und DSU, ihre Mutter die PDS.
Zwar kündigen sich vorher schon einige Veränderungen an, doch die Härte und Tiefe der Transformation überrascht Mimi und ihre Familie dann doch:

„Schon in wenigen Wochen würden wir in einem anderen Land aufwachen, in der kapitalistischen Welt. Einfach so. Wann war das losgegangen? Ich erinnerte mich an den Morgen, als unser Geschichtslehrer den Zeitstrahl der bis dato über unser aller Köpfen gehangen und auf das unausweichliche Ziel, den Kommunismus, verwiesen hatte, aus dem Klassenzimmer entfernte.“

(Seite 109)
Plötzlich heißt es Konsumismus statt (Partei-)Kommunismus:

„Westgeld. Die Schaufenster waren zu klein geworden. Dabei waren sie eben noch ganz leer gewesen. Berauscht standen die Menschen vor den Läden. Es schien, als hätten sich alle Verheißungen der Werbung direkt in die Regale ergossen. Die aktuellen Modelle der Ost-Stereorekorder waren, ebenso wie ihre Besitzer, dem Gelächter der Leute vor dem Rundfunkgeschäft hilflos ausgeliefert.“

(Seite 101)
Auch hier ist nicht alles Gold, was glänzt. Schnell machen sich die Schattenseiten des real existierenden Kapitalismus bemerkbar. Aus dem Arbeiter- und Bauern-Staat wird ein Arbeitslosen- und Bedürftigen-Staat:

„Die Menschen auf den Fluren standen wieder Schlange. Wir begegneten ihnen jeden Tag, den Leuten aus stillgelegten Großbetrieben und sterbenden LPG‘s [Anmerkung: Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften]. […] Es waren vor allem Frauen, die überall zuerst entlassen worden waren, und junge Leute, deren Lehrberufe aufgehört hatten zu existieren, ganze Brigaden aus Landwirtschaft, Ziegelindustrie und Mikroelektronik. Sie saßen mit gesenkten Köpfen beieinander. Geschichten von Selbstmorden verbreiteten sich. Namen fielen wie abgestorbene Blätter von Ästen.“

(Seite 115)
Die Wende hat also auch einige Verlierer. Allgemein wird eine strikte soziale Hierarchie wieder offen etabliert:

„Auf unserem Abiturienten-Schulhof begannen sie, sich über die alten Mitschüler lustig zu machen, die gegenüber auf den Fluren gelandet waren. Die Freundlicheren schauten weg und ließen sich nichts anmerken. Ich verabscheute ihren Pragmatismus. Die Regeln, nach denen wir Kinder von Putzfrauen, Ingenieuren, Lehrerinnen und Verkäufern uns einst am schönen Ostseestrand als Gleiche unter Gleichen begegnet waren, galten nicht mehr.“

(Seite 120)
Gleichzeitig sorgt der nationalistische Rausch der „Wiedervereinigung“ für eine zunehmende „Neonazifizierung“ der Jugend. Diese gruppieren sich als Banden und machen Jagd auf „Unangepasste, Verweigerer oder Ängstliche“ (Seite 127). Der Graben zwischen den Rechten und dem Rest verläuft quer über den Pausenhof. Opfer und Täter kennen sich von Kindesbein an. Es herrscht ein beständiger und sehr einseitiger Kleinkrieg zwischen Rechten und Nicht-Rechten. Mimi und ihre Freund*innen sind als Nicht-Rechte beständiger Gefahr ausgeliefert:

„Inzwischen jagten die großen Brüder uns wie Hasen durch die Havelstadt. Es gab keine Straßen, keinen Platz, der nicht von ihnen beherrscht wurde. Manchmal hefteten sie sich an die Fersen eines Spaziergängers, der ihnen verdächtig erschien oder fremd oder einfach als leichte Beute. Es machte ihnen Spaß, das Saufen und das Jagen. Angst zu verbreiten.“

(Seite 136-37)
Der Druck sich einzureihen ist enorm. Selbst Mimis kleiner Bruder schließt sich zeitweilig den Neonazis an. Diese werden von einem alten Freund von Mimi angeführt, den alle nur noch ‚Hitler‘ nennen. Sie selbst nennt die Stiefelfaschisten, vor denen sie auf der Flucht ist „Gorillas“. Sie und Gleichgesinnte treffen sich und versuchen der rechten Hegemonie unter Jugendlichen etwas entgegen zu setzen. Das scheitert aber; auch an den Behörden:

„Jenseits der Gorillafront, im Abseits entlegener Dörfer, entstanden vereinzelte Initiativen für neue Jugendtreffs. Meist jedoch verloren sie sich rasch zwischen den Fluren der Ämter, den Sprechzimmern der Ortsvorsteher, den Kreistagssitzungen und Ratsversammlungen. Gute Anfänge scheiterten auch am Fortgehen derer, die sie gemacht hatten.“

(Seite 183)
Neonazi-Schlägerbanden überfallen immer wieder Treffpunkte von Nicht-Rechten. Bei einem solchen Überfall stirbt ein enger Freund von Mimi. Tief traumatisiert flüchtet sie sich nach Berlin, wo sie ihren Eltern vortäuscht zu studieren. Außerdem flüchtet sie sich in die Magersucht. Doch in Berlin wohnt sie im Plattenbau-Viertel Marzahn, wo die Verhältnisse kaum besser sind, als in ihrem Herkunftsort. Auch hier lauern die rechten Schläger auf „Zecken“. Schließlich kehrt sie wieder in ihre Geburtsstadt zurück und heuert als Journalistin bei der Lokalzeitung an.

Der 230-Seiten-kurze Roman von Manja Präkels liest sich gut und packend. Er sei auch allen ans Herz gelegt, die die so genannte „Wiedervereinigung“ und ihre Folgen nur positiv sehen. Jenseits von DDR-Nostalgie und Vereinigungs-Euphorie eröffnet Präkel dem Leser und der Leserin eine weitere Perspektive auf die Wende- und Nachwendezeit.

Manja Präkels: Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß, 2017.


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