Kurzrezension des Sammelbands „Unter Sachsen. Zwischen Wut und Willkommen“

Heike Kleffner und Matthias Meisner sind Herausgeber*innen des Sammelbandes „Unter Sachsen. Zwischen Wut und Willkommen“, der im Jahr 2017 erschien.
In diesem werden die Gründe für die besonders rechte Schieflage dieses ostdeutschen Bundeslandes in mehreren Beiträgen betrachtet.
Die Gründe für Sachsens Anfälligkeit werden bereits in der Wendezeit verortet. So schreibt etwa Andreas Wassermann in seinem klugen Text „Ein bisschen Singapur – nur ohne Stockhiebe“:

„Wie die Mehrheit der Sachsen wollte auch Biedenkopf niemals reformieren, sondern restaurieren. Gemeinsames Ziel war die Wiederherstellung einer präsozialistischen Bürgerlichkeit. Vor allem die ehemalige Residenzstadt Dresden sollte – möglichst von der Moderne unangetastet – 18. Jahrhundert renoviert werden und der Rest des Landes zur bürgerlichen Puppenstube oder Modelleisenbahnlandschaft mit Hightech-Leuchttürmen mutieren – mit Biedenkopf, dem passionierten Spielzeugeisenbahner, an den Schaltköpfen.“

(Seite 30)
Wassermann kommt zu dem Fazit:

„Und so entwickelte sich in der Biedenkopf-pur-Ära Sachsen zu einem recht eigenartigen Land. So ein bisschen Singapur – nur ohne Stockhiebe. Wie in den Tigerstaaten des Fernen Ostens war auch in Biedenkopfs Sachsen Kritik eher unerwünscht.“

(Seite 32)
Auch die anderen Beiträge über die sächsische Provinz, die Geschichte des MDRs, den Aufbau Ost oder Uwe Steimle als Ausdruck der ostdeutschen Volksseele sind erhellend und kenntnisreich. Sie wurden von Insider und Kennerinnen verfasst. Der Bericht über von Neonazis Angegriffenen, z.B. in Colditz, die von der Polizei allein gelassen wurden, st besonders erschütternd.
Zwischendurch gibt es in dem Sammelband immer wieder einen Kommentare von Bewohner*innen mit der Überschrift „Mein Sachsen“. Die zeigen noch einmal andere Perspektiven, z.B. die von Rassismus-Betroffenen, auf.
Negativ aus dem Rahmen des Sammelbands fällt der Beitrag von Stefan Locke, dem FAZ-Korrespondent für Sachsen und Thüringen. Patzelt sei nicht PEGIDA-nah und die Fotos von Bachmann mit Hitlerbärtchen seien ein Fake. Woher Locke dieses Geheimwissen hat – zumal Bachmann selbst die Existenz der Fotos eingeräumt hatte, sie aber als Scherz darstellte- verrät Locke aber nicht.
Egal, ein schlechter Beitrag, macht den Sammleband insgesamt noch nicht schlecht. Allen an den „Sächsischen Verhältnissen“ Interessierten sei die Lektüre ans Herz gelegt.

Heike Kleffner, Matthias Meisner (Hg.): Unter Sachsen. Zwischen Wut und Willkommen, Berlin 2017.


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