Archiv für Juni 2018

Buchkritik: „Die Angstmacher“ von Liane Bednarz


Dieses Jahr erschien das Buch „Die Angstmacher. Wie rechte Christen Gesellschaft und Staat unterwandern“ von Liane Bednarz. Darin beschreibt die konservative Autorin, wie ein Teil der konservativen ChristInnen in den letzten Jahren politisch nach rechts gewandert ist und Bündnisse mit der sogenannten „Neuen Rechten“ eingeht.
Als Ausgangspunkt für diese Entwicklung sieht sie auf katholischer Seite die Debatte um den konservativen Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van-Elst. Die Kritik an dessen Ausgaben für seine Residenz sei von traditionalistischen KatholikInnen als Angriff auf die Rechtgläubigen interpretiert worden. Dazu wären noch der Pontifikatswechsel vom traditionalistischen Papst Benedikt zu seinem liberaleren Nachfolger Franziskus und eine allgemeine Heimatlosigkeit gekommen. Letzteres findet sich auch bei vielen rechten ProtestantInnen.
Als Scharfmacher unter den rechten ChristInnen erwähnt Bednarz die Publizisten Matthias Matussek, Alexander Kissler und Jürgen Liminski.
Klar benennt die Autorin auch die Widersprüche und die Verlogenheit bei den rechten ChristInnen. So wird einerseits die Kritik von Kirchen-Oberen an der AfD als unzulässige Einmischung in die Politik gegeißelt und andererseits werden die Grünen ständig heruntergeputzt. Einerseits wird Erdogan als Autokrat kritisiert, aber andererseits wird der Autokrat Putin gelobt:

„Dieselben Leute, die den autoritären Kurs des türkischen Präsidenten Recep Erdogan kritisieren, verteidigen Putin oder die PiS-Regierung. Warum? Solch ein Werterelativismus ist Ausdruck eines konsequenten Denkens in Feindbildern.“

(Seite 56-57)
Gleichzeitig wird die parlamentarische Demokratie in Deutschland als diktatur-ähnlich diffamiert.
Bednarz nennt den Stil unter rechten ChristInnen „politreligiös“. Die Bündnisse mit den ‚Neuen Rechten‘ sieht sie in den gemeinsamen Feindbilder begründet, etwa in der Feindschaft gegen die EU. Bei beiden fände sich zudem Untergangsrhetorik und das „Geraune von der Neuen Weltordnung“.
Alle ihre Beobachtungen belegt Bednarz mit Quellen und Zitaten. Das ganze Buch ist eine Art Appell an konservative ChristInnen sich dem Rechtsruck zu verweigern. Ihr Ziel skizziert die Autorin auch noch einmal ganz am Ende des Buches:

„Wenn solche Gläubigen erkennen können, dass Christentum und ein neurechter Blick auf auf die Welt letztlich inkompatibel sind, dann lohnt es sich, bei nach rechts gedrifteten Christen und AfD-Anhängern für diese Erkenntnis zu werben.
In diesem Sinne ist auch das vorliegende Buch zu verstehen. In der Auseinandersetzung mit rechten Positionen sind die Kirchen und Gesellschaft gefordert, auch dezidiert konservative und streng fromme Positionen auszuhalten, was namentlich vielen im linksliberalen und linken Milieu mitunter schwerfällt.“

(Seite 241)

Dass das Buchs sehr mit der Perspektive potenzieller Allianzen mit der Neuen Rechten geschrieben wurde, strengt manchmal etwas an.
Da sich die Autorin selber als Konservative versteht, geht sie für eher linke Leser*innen manchmal seltsame Wege der Argumentation. Etwa, wenn sie für die „Ehe für alle“ plädiert, weil diese ja im Grunde durch ihre verpflichtende Monogamie christlich und konservativ sei.
Allgemein ist Bednarz sehr verständnisvoll gegenüber ihrem konservativen Klientel. Diesem tut sie den Gefallen den Nachkriegs-Konservatismus idealtypisch von der politischen und ‚Neuen Rechten‘ zu trennen:

„Es geht um die Anhänger des bereits erwähnten Konservatismus bundesrepublikanischer Prägung auf der einen Seite und um die sich als konservativ ausgebende Rechte, die in der Tradition der Rechtsintellektuellen der Weimarer Republik steht.“

(Seite 25-26)
Der CDU bescheinigt sie von Anfang an eine katholisch-universalistische Ausrichtung. Damit verklärt Bednarz den autoritären Adenauer-Konservatismus und ignoriert vieles. Sie lobt den Pragmatismus des Adenauer-Konservatismus, vergisst aber die daraus resultierende Integration alter Nazis zu erwähnen. Die Adenauer-Regierung rehabilitierte aus pragmatischen Gründen hunderttausende alter Nazis, darunter auch direkte NS-Kriegsverbrecher, und hielt die Hände schützend über sie.
Bednarz machten den Fehler das sie den Nachkriegs-Konservatismus nur mit politikwissenschaftlichen Bücher zu erfassen versucht, die vor allem versuchen ihn ideengeschichtlich zu bestimmen. Die Realität und Praxis sahen dagegen anders aus. Armin Mohler, geradezu der Erschaffer der ‚Neuen Rechten‘, schrieb Reden für Strauß. Es gab Zwangsheime für so genannte „gefallene Mädchen“, in denen zehntausende junger Frauen Arbeit verrichten mussten. Es gab Bücherverbrennungen gegen unchristliche und unsittliche Literatur. Usw. usf.
Außerdem tut Bednarz so, als wären die rechten ChristInnen erst seit dem allgemeinen Rechtsruck so richtig entstanden. Dabei haben rechte ChristInnen eigene Traditionslinien, etwa den Kampf gegen das Zweite Vatikanische Konzil auf katholischer Seite. Auch das sie von „unterwandern“ führt schnell auf eine falsche Fährte. Hier kommt niemand von außen und „unterwandert“ irgend etwas. In Wahrheit geht es um innerkirchliche Machtkämpfe.
Dazu kommen noch kleinere Detail-Fehler. So sind die Gildenschaften keine schlagende Studentenverbindung (S. 34), der Name von Markus Frohnmaier (S. 104) wurde falsch geschrieben, mit „Ismael Tipi“ (S. 142) dürfte Bassam Tibi gemeint sein und Andreas Unterberger betreibt nicht den Blog unzensuriert.at (S. 214).
Das Buch lässt sich trotzdem mit Gewinn lesen, es ist aber nur ein Puzzlestück zum Verständnis der rechten ChristInnen.

Liane Bednarz: Die Angstmacher. Wie rechte Christen Gesellschaft und Staat unterwandern, München 2018.

Kurzrezension „Waffenwetter“ von Dietmar Dath


Dietmar Dath hat 2007 den Roman „Waffenwetter“ veröffentlicht. In ihm schreibt er konsequent aus der Sicht von Claudia, einer 18-Jährigen kurz vor dem Abitur. Der Blick in den Kopf eines weiblichen Teenagers scheint durchaus authentisch.
Claudia Opa Konstantin ist ein alter Parteikommunist und Stalin- und Lenin-Anhänger, der in seiner ausgestorbenen Parallelwelt lebt:

„»ich bin ja korrespondierendes mitglied der nichtexistenten internationale.« […] wir treiben in verschiedenen kleinstarchen auf dem meer der unwissenheit, des verrats, ach, warum nicht klassisch: des irrtums, und schicken einander brieftauben.“

(Seite 79)
Ironischerweise ist Konstantin gleichzeitig Millionär. Dass der Kommunisten-Opa Millionär ist, mutet wie Satire an. Wer aber weiß dass die stalinistische MLPD zweimal die höchste Einzelparteispende erhalten hat, weiß dass es auch reiche SympathisantInnen von K-Parteien gibt.
Konstantin plant mit seiner Enkelin eine Reise nach Alaska, wo eine angebliche Wetterwaffe namens HARP ihren Standort hat. Diese will der Opa mit seiner Enkelin untersuchen.
Die hat aber auch noch andere Probleme, u.a. hat sie einen älteren „heimlichen geliebten“.

Die Buchstaben sind konsequent klein geschrieben und Sätze brechen oft unvermittelt ab. Das soll den authentischen Teenager-Gedankengang untermalen.
Dath hat immer wieder ein paar schöne Sätze wie die folgenden:

„die zwei wachmänner vor dem lebensmittelladen gucken osterinselkopfmäßig steinern zu uns her, […]“

(Seite 106)

„warum schauen wir der welt noch zu? weil wir die fernbedienung verloren haben.“

(Seite 205)
Auch einzelne Worte wie „französischerfilmschmollmund“ oder „karojackenvater“ sind richtige Perlen.
Trotzdem kann der Roman nicht so richtig zur Lektüre empfohlen werden. Er wird in der zweiten Hälfte immer wirrer und die Fight-Club-mäßige Auflösung des Ganzen überzeugt nicht wirklich.

* Dietmar Dath: Waffenwetter, 2007

Kurzrezension „Happy birthday, Türke!“ von Jakob Arjouni

Mit seinem Krimi „Happy birthday, Türke!“ hat Jakob Arjouni eine solide Krimikost vorgelegt.
Hauptermittler ist Kemal Kayankaya, ein in Deutschland sozialisierter aus der Türkei stammender Mann, der ein ziemliches Alkoholproblem hat. Er ist ‚Privatschnüffler‘. Damit ermittelt mal nicht der typische eigenbrötlerische (Ex-)Kommissar, wie in so vielen anderen Krimis.
Der Krimi stammt aus dem Jahr 1985 spielt auch in den 1980er Jahren. In der Türkei herrscht noch die Militärdiktatur und die DDR liegt noch irgendwo im Ausland. Handlungsort ist Frankfurt/Main. Kayankaya ermittelt hier auch im Rotlichtbezirk:

„Helles, saftiges Neon, Zentnerbusen, orgiastisch grunzende Frauen in Öl, rosa kolorierte Arschberge zogen sich links und rechts die Häuserwände entlang.“

(Seite 44)
Da Kayankaya von allen ständig als „Türke“ oder „Ausländer“ wahr genommen wird, wird er ständig mit Alltagsrassismus konfrontiert
Er ist auf der Suche nach den Mördern von Ahmed Hamul, einem Türken, der erstochen wurde. Beauftragt hat ihn dessen Ex-Frau.
Insgesamt ein guter und authentischer Krimi. Die Authentizität wird auch durch den Einsatz des hessischen Dialekts erzeugt. Arjouni kann gut (be-)schreiben, wie folgendes Beispiel zeigt:

„Er hatte den Ton eines aufstrebenden Offiziers, der einen Gefreiten wegen ungebügelter Hosen zur Sau macht. Seine Zähne hackten die Wörter am Ende scharf ab. Ich fürchtete, er könnte sich aus Versehen die Zunge abbeißen.“

(Seite 79)

* Jakob Arjouni: Happy birthday, Türke!, Hamburg 1985