Buchkritik „Inside AfD“ von Franziska Schreiber

Buch
Das in diesem Jahr erschienene Buch „Inside AfD“ von Franziska Schreiber wird im Untertitel als „Der Bericht einer Aussteigerin“. Ob Schreiber tatsächlich eine Aussteigerin ist, bleibt nach der Lektüre mehr als fraglich. Dazu weiter unten mehr.
Ausgestiegen ist sie aber unzweifelhaft aus der AfD, in welcher sie im Juni 2013 Mitglied wurde. Zehn Tage vor der Bundestagswahl 2017 ist sie dann nach einem Wahlaufruf zugunsten der FDP ausgetreten. Ihre eigene Partei war ihr unheimlich geworden.
Über ihre vier Jahre in der AfD hat Schreiber nun ein Buch von knapp 200 Seiten verfasst. Da Schreiber zeitweise sächsische Landesvorsitzende der „Jungen Alternative“ und sowohl im Team von Frauke Petry als auch im Büro von Marcus Pretzell, damals Europaabgeordneter für die AfD, mit arbeitete, kann sie der Leserin/dem Leser ein paar spannende Inneneinsichten geben.

Zuerst skizziert die Autorin ihre Biografie und wie sie über eine Politverdrossenheit und eine neoliberale Einstellung zur AfD findet. Durch den Personalmangel bedingt wird sie hier schnell stellvertretende und schließlich Landesvorsitzende der „Jungen Alternative“ (JA). In dieser Funktion verfasst sie große Teile des Programms der JA Sachsen.
Zwar behält Schreiber einige Interna für sich, so deutet sie beispielsweise wichtige SpenderInnen nur an. Trotzdem erfährt man durch die Lektüre einige Interna.

Der Skandal, dass der VS-Chef der AfD-Vorsitzenden Ratschläge gab, schaffte es durch Schreibers Buch ja in die Schlagzeilen. Konkret schreibt sie in ihrem Buch:

„Das Bundesamt für Verfassungsschutz sah das allerdings anders, Frauke Petry war schon im Herbst 2015 bewusst, dass die Partei in den Fokus des Inlandgeheimdiensts rückte. Dessen Chef, Hans-Georg Maaßen, wandte sich an sie, schrieb das Magazin Der Spiegel Monate später. Petrys Bestreben, den saarländischen Landesverband wegen Überschneidungen mit dem rechtsextremen Milieu auflösen aufzulösen, sei auf Hinweise des obersten Verfassungsschützers zurückzuführen. Petry hat dies öffentlich immer bestritten – auf Maaßens Wunsch hin.
Tatsächlich trafen sich die beiden mehrfach, sie sprach in meiner Gegenwart sehr wohlwollend von den Zusammenkünften und von ihm. Die beiden schienen so etwas wie Sympathie füreinander entwickelt zu haben. Viel wichtiger aber: Hans-Georg Maaßen signalisierte Petry, wenn die Partei mit einer Beobachtung durch den Verfassungsschutz zu rechnen hatte, und er sagte ihr, was sie dagegen tun müsse. Mindestens zweimal ging es dabei darum, dass der Parteivorstand ein Parteiausschlussverfahren gegen den Thüringer Rechtsaußen Björn Höcke einleiten müsse, weil sonst die Beobachtung und eine Nennung im Verfassungsschutzbericht unvermeidbar seien. Es sei nicht entscheidend, so erläuterte es Maaßen, dass es tatsächlich zu einem Ausschluss komme, sondern es gehe darum zu zeigen, dass der Bundesvorstand noch in der Lage sei, auf demokratische Weise Entscheidungen gegen solche Unruhestifter herbeizuführen.“

(Seite 15-16)
Dass trotz des Verbleibs von Höcke in der AfD, der Inlandsgeheimdienst die AfD unbeobachtet gelassen hat, zeigt übrigens das der VS ein politisches Instrument ist und keine festen Kriterien besitzt, wann eine Gruppe zum Beobachtungsobjekt wird.

Auch berichtet sie von Koalitionsplänen von der CDU und der AfD, sowohl in Sachsen-Anhalt, als auch in Thüringen:

„In Sachsen-Anhalt plädierten 2016 namenhafte Vertreter der CDU für eine schwarz-blaue Koalition. Ich arbeitete damals für die Fraktion und hörte von einem Vorgespräch zwischen den Vorständen beider Parteien. […] Es bedurfte eindringlicher Telefonate aus der Bundes-CDU, um das zu verhindern.“

(Seite 16)
Und in Sachsen gab es eine gegenseitige Annäherung im Internet:

„In der Facebook-Gruppe »Konservative in der CDU« vernetzten sich Angehörige der Union und der FDP mit solchen der AfD; alle wussten, wer welcher Partei angehörte, und wir kommunizierten ausgesprochen kollegial und freundschaftlich.“

(Seite 17)

Sie berichtet dass Depressionen Gauland mehrere Tage lahm legten:

„Dort traf sie auf eine aufgelöste Ehefrau. Gauland selbst lag mit schwersten Depressionen antriebslos im Bett.“

(Seite 71)

Sie berichtet vom Sexismus innerhalb der AfD, den sie durch Poggenburg selbst erfahren hat:

„Mir näherte er [Andre Poggenburg] sich von hinten, während ich, damals Vorstandsassistentin, bei der ersten Vorstandssitzung der sachsen-anhaltinischen Fraktion das Protokoll schrieb, schaute mir über die Schulter, dabei stützte er sich auf meinen unteren Rücken auf, die Hand glitt zwischen Bluse und Hose. Es war mir extrem unangenehm, aber ich hätte mich nicht wehren können, ohne einen Eklat auszulösen.“

(Seite 107)

Sie berichtet, wie sei selbst nach rechts rutschte und sich in einer Blase bewegte:

„In meinem alten Facebook-Profil mit fast 3000 AfD-Freunden bestanden die Neuigkeiten auf meiner Startseite nur aus Katastrophen und Skandalen – sie las sich ungefähr so ausgewogen wie der Stürmer“

(Seite 208-209)

In innerparteilichen Kämpfen wird hart gefochten. Schreiber berichtet, wie sie mit Anderen Luckes „Weckruf“-Kampagne mit Fakes-Facebook-Seiten attackierte.
Sie berichtet von der Binnenregeln in AfD und JA, die jegliche Kritik als Schwäche diffamierten. Eine Grenze nach rechts, gab es in der JA nicht. Rechte Taten wurden verwendet, um sich durch Erpressbarkeit zu integrieren:

„Treue beweist und Vertrauen gewinnt, wer etwas tut, was den Rückweg in die Mehrheitsgesellschaft verbaut. Ein Akzeptanzsuchender singt also auf der Rückfahrt vom Parteitag in der Bahn Landserlieder und zeigt den Hitlergruß, nimmt an einem IB-Protest teil oder überzieht den politischen Gegner mit Begriffen aus dem Tierreich. Aufzeichnungen solcher »Heldentaten« können später zur Denunziation von Abtrünnigen verwendet werden, weshalb die Bereitschaft dazu mit Respekt belohnt wird.“

(Seite 57)

Mehrmals schreibt sie das das offizielle Programm der AfD nicht (mehr) allzuviel über den Charakter der AfD aussagen könnte:

„Aber das Mitte 2016 verabschiedete Programm ist mittlerweile nicht mehr als ein Werbeplakat. Die wahren Absichten der heutigen Parteimitglieder werden von den schriftlich niedergelegten Zielen verdeckt, auf die man sich bei einem Parteitag einigte, als die Liberalen knapp in der Mehrheit waren. Das Programm der AfD camounfliert die wahren Ziele der Parteirechten, der heutigen Mehrheit. Es spiegelt das Stimmungsbild bei der Mehrheit der Partei nicht mehr wider.“

(Seite 97)

„Zu zentralen Fragen stehen im AfD-Programm Potemkinsche Dörfer, Fassaden, die mit der gelebten Welt der Wutbürger wenig bis nichts mehr zu tun haben […].“

(Seite 108)

„Es gibt aber ein ungeschriebenes Programm, das die geheimen Ziele der Partei versammelt, genau genommen des Teils, der inzwischen die Mehrheit stellt.“

(Seite 112)

Problematisch ist Schreibers komplette Kritiklosigkeit gegenüber Frauke Petry, ihrer ehemaligen Chefin, die sie offenbar ungebrochen bewundert.
Sie schreibt über ihre erste Begegnung mit Petry:

„Ich hatte meine politische und persönliche Mentorin gefunden.“

(Seite 42)
Außerdem gibt sie zu:

„Ich glaube ich war ein wenig in sie verliebt.“

(Seite 41)
Diese Schwärmerei hat Schreiber ganz offensichtlich nie abgelegt.

Sie stellt die AfD als Opfer des Rechtsrucks dar, fast schon als feindliche Übernahme.
Damit strickt sie strickt am Gründungsmythos der AfD als einer liberalen Partei mit und vergisst ein ‚national-‘ und ‚neo-‘ vor das ‚liberal‘ zu setzen. Genau das war Schreiber nämlich auch schon bei ihrem Eintritt: Eine Nationalneoliberale. So ist Schreiber keine komplette Aussteigerin aus der rechten rechten Ideologie, sondern erst einmal nur aus der AfD. Das merkt man, wenn sie etwa das „Zentrum für politische Schönheit“ als „gefährliche Brandstifter“ (Seite 183) bezeichnet.
Ironischerweise vertritt Schreiber damit den Kurs dessen Mannes (Lucke), den sie ihrer Chefin half 2015 zu stürzen. Sie lobt den Kurs unter Lucke, ist aber Parteigängerin Petrys.
Nicht der einzige Widerspruch im Buch.
Sie macht aus allen Macht- und Verteilungskämpfen inhaltliche Auseinandersetzungen und kann so Petry Höcke immer inhaltlich gegenüberstellen. Dabei ignoriert sie, dass es bei den Streitereien in der AfD nicht nur um Inhalte, sondern auch um Macht ging und geht.
Höcke sieht sie als kommenden Vorsitzenden der AfD, glaubt also das dieser seine Zurückhaltung irgendwann aufgeben und nach dem Vorsitz greifen wird.

Das Buch enthält neben einigem Neuen, auch viel Bekanntes. Der Preis ist gemessen an der Seitenzahl nicht billig. Trotzdem kann die Lektüre sowohl Kenner*innen als auch AfD-Unerfahrene nochmal mit mehr Informationen versorgen. Aber eher mit interessanten Details und Episoden als mit einer reflektierten Analyse.

Franziska Schreiber: Inside AfD. Der Bericht einer Aussteigerin, München 2018.


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