Buchkritik „Rosenjahre“ von Jasmin Tabatabai

Buch
Das Buch „Rosenjahre. Meine Familie zwischen Persien und Deutschland“ (Berlin, 2011) ist eine Art Mix aus Biografie und Autobiografie. Die 1967 geborene Autorin beschreibt darin das Leben ihrer Mutter und ihr eigenes in einem Zeitraum von 1956 bis 1978.
Im Jahr 1956 lernt in München nämlich die 18-jährige Rosemarie „Rose“ Otterbach den knapp 30-jährigen Modjtaba „Taba“ Tabatabai kennen, einen persischen Maschinenbaustudenten.
Rose wächst in München-Schwabing auf und wird aufgezogen von ihrer alleinerziehenden Mutter. Es ist ein einfaches und von Armut geprägtes Leben. Doch Rose ist anders als viele anderen Mädchen in ihrem Alter. Sie interessiert sich für ferne Länder und andere Sprachen, ebenso wie sie auch archäologisch interessiert ist.
Vorsichtig entwickelt sich zwischen Taba und Rose eine Liebesbeziehung. Anfangs so prüde wie es in der damaligen Adenauer-Zeit möglich war.
Als Taba 1957 in seine Heimat zurück muss folgt Rose ein halbes Jahr später seinen Bitten und Drängen und besucht ihn dort. Aus geplanten ein oder zwei Monaten werden mehrere Monate samt Heirat. Die geschwisterlos aufgewachsene Rose wird liebevoll von der Großfamilie Tabas aufgenommen. Diese ist sehr liberal eingestellt und gehört zur oberen Mittelschicht des Landes. Trotz des liberalen Zuschnitts, gibt es auch in dieser Familie eine familiäre Hierarchie, nach der das Familienoberhaupt der älteste Mann ist.
Nach einer Eingewöhnungszeit in Teheran geht das Paar im Januar 1958 nach Norden, wo Taba mit seinem Bruder bei der Stadt Gorgau einen landwirtschaftlichen Betrieb gegründet hat. Für die Arbeiter*innen haben sie sogar ein eigenes Dorf gegründet. Diese behandeln sie nach kapitalistischen Maßstäben fair. Trotzdem ist Taba der Agha. Andernorts herrscht noch der traditionelle Rassismus vor, von dem Rose schockiert ist:

„Es war das erste Mal, dass Rose ihre neue Heimat von einer Seite kennenlernte, die ihr gar nicht gefiel. Eine Seite jenseits der geschichtsträchtigen Städte, der iranischen Gastfreundschaft und der schönen Landschaften. Es war erschreckend, wie sehr das Wohl der Menschenhier noch vom Wohlwollen ihres Herrn und Brotgebers abhing.“

(Seite 143)
Rose gewöhnt sich gut in die iranische Gesellschaft ein. Nichtsdestotrotz kommt es anfangs immer wieder zu kulturell geprägten Missverständnissen.
Beeindruckt ist Rose von den selbstbewussten Frauen der iranischen Mittelschicht und der allgemeinen Wertschätzung für Gedichte.
Insgesamt bekommt das Paar vier Kinder, darunter zuletzt die Autorim. Das Buch hat eine feministische Tendenz, da es immer wieder das Patriarchat in der iranischen Gesellschaft kritisiert, etwa die Höherbewertung des männlichen Nachwuchs.
Die Kinder wachsen zweisprachig auf, gehen in Teheran auf die deutsche Schule und die Eltern besuchen immer wieder Deutschland. Von Oktober 1963 bis Oktober 1964 lebt die gesamte Familie im bayrischen Augsburg. Danach kehren sie in den Iran zurück.
Der Iran der 1970er ist zumindest im Teheraner Bürgertum sehr westlich und liberal geprägt:

„Teheran war in den siebziger Jahre eine moderne, wenn nicht die modernste Stadt im Nahen Osten. Kinos, Bars, Discos, Männer mit langen Koteletten und in Schlaghosen, Frauen im Minirock und unverschleiert – so etwas gab es dort.“

(Seite 254)
Bereits 1963 erlangten Frauen im Iran das Wahlrecht – noch vor den Frauen in der Schweiz.
Doch dann beginnen die Proteste gegen das autokratische Regime des Schahs.

Symbolfigur des Gegenprotests wird der Islamist Chomeini, den auch viele Nicht-Islamist*innen unterstützen:

„Aber egal, wie man es dreht und wendet: Es ist erstaunlich, wie viele hochintelligente und gebildete Menschen damals ihren Verstand ausgeschaltet hatten und auf Chomeini hereinfielen. Kommunisten und Demokraten, alle gingen für ihn auf die Straße. Selbst Frauenrechtlerinnen. Wenn man sie heute darauf anspricht, behaupten dieselben: »Der Schuft hat uns betrogen und falsche Versprechungen von Demokratie gemacht.«
Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Chomeini hat von Anfang an deutlich gemacht, was er plante: eine islamische Republik, die Rückkehr zu Scharia, der islamischen Rechtsprechung, und den »Heiligen Krieg«. All das hatte er gleich zu Beginn in seinen Reden und Schriften proklamiert. Sie haben ihm einfach nicht genau zugehört oder nicht genau zuhören wollen.“

(Seite 272)
Rose und ihre Kinder gehen im Dezember 1978 sicherheitshalber nach Westdeutschland. Aus dem nur kurz geplanten Exil wird ein dauerhaftes. Sie kehren nie zurück. Nur der Vater versucht erfolglos sein Landgut zurück zu erhalten.
Der Iran ändert sich schnell:

„In der Schule mussten die Kinder jetzt zum Morgenappell täglich »Tod Amerika! Tod Israel« skandieren, und selbst zu Hause mussten die Erwachsenen mehr denn je aufpassen, worüber sie sprachen, da die Schüler angehalten wurden, ihre Angehörigen auszuspionieren und den Lehrern jedes Fehlverhalten zu melden. Selbst in den Kindergärten gab es regelrechte Verhöre der Kleinen. Dabei wurde perfide raffiniert vorgegangen, indem Erzieherinnen den Kindern einen Satz Spielkarten zeigten und fragten, wer so etwas schon einmal im Elternhaus gesehen hatte. Jede Art von Glücks- oder Kartenspiel war unter der neuen Regierung verboten, und so fand man über die Kinder heraus, in welchen Haushalten man sich nicht an dieses Gesetz hielt. Nicht selten kam es anschließend zu Razzien in den elterlichen Wohnungen.“

(Seite 278)

Das Buch ist spannend geschrieben und man erfährt manches über den Iran vor der Islamischen Revolution. Sympathisch sind auch die feministisch geprägten kritischen Untertöne. Der unangekündigte Wechsel zwischen Mutter- und Tochter-Perspektive verwirrt manchmal ein wenig.
Trotzdem eine Leseempfehlung!

Jasmin Tabatabai: Rosenjahre. Meine Familie zwischen Persien und Deutschland, Berlin 2011.


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