Archiv für September 2018

Buchkritik „Rot“ von Uwe Timm

Rot von Uwe Timm
Im Jahr 2001 erschien der Roman „Rot“ von Uwe Timm. In diesem schildert er wie ein alt gewordener Revoluzzer, ein Alt-68er eine Affäre mit einer jüngeren Frau, Iris, eingeht. Dieser Thomas Linde, Jahrgang 1945, wird durch seine Beziehung zu der jüngeren Frau zur Selbstreflexion gezwungen. Ebenso durch das Auftauchen eines ehemaligen Genossen namens Aschenberger. Dieser ist tot, spielt aber im Buch eine wichtige Rolle, da Linde den Nekrolog auf ihn halten soll. Denn er ist von Beruf Beerdigungsredner. Stellenweise wird auch klar dass größere Teile des Buches eigentlich eine Ansprache ans Trauerpublikum sind.
Aschenberger und Lindes Leben stehen für zwei unterschiedliche Wege. Aschenberger ist seinen alten Idealen bis zuletzt treu geblieben, wirkte aber aus Lindes Sich dadurch versteinert. Linde dagegen hat wie viele andere ehemalige Genoss*innen sich ins Bürgertum integriert. Das Motto lautet gewissermaßen ‚Rotwein statt Revolution‘! Man ist vom Kommunismus zum Konsumismus konvertiert:

„[…] ballt nicht mehr die Faust in der Tasche, sammelt keine Eisenmuttern mehr, um damit die Scheiben der Bank einzuwerfen, nein, er hat dieses Haus geklauft – habe ich geklauft gesagt? – mit einem Bausparvertrag von eben dieser Bank, deren Scheiben er vor dreißig Jahren eingeworfen hat […].“

(Seite 289)
Diese Veränderung verlief schrittchenweise:

„Die Trägheit der Herzen, die Feigheit bei den kleinen Entscheidungen im Alltag, das erlaubt den Mächtigen, mächtiger zu werden.“

(Seite 279)
Linde befindet sich, verstärkt durch seine Beschäftigung mit Aschenberger, in einer Midlife Crisis. Das seine Geliebte einen Mann hat, der nichts von der Affäre weiß, macht sein Leben nicht eben einfacher.

Älter heterosexuelle Schriftsteller scheinen eine starke Vorliebe für Geschichten von älteren Männern mit jungen Geliebten zu haben. Ihre Bücher dienen ihnen als Projektionsfläche ihrer Wünsche. So auch bei Uwe Timm. Das ist für sich genommen noch nicht schlimm, auch wenn einen diese Altersgeilheit manchmal anödet. Leider sind die Frauenfiguren dadurch eher eindimensional und werden vor allem nur als verführerisch beschrieben. Auch bei Timm sind die Frauen vor allem Lustobjekte, die vor allem über ihr Aussehen eingeführt werden. Vielleicht ist das auch ehrlich, weil sie aus der Sicht eines älteren Mannes beschrieben werden. Es wäre jedoch nett ihnen ein wenig mehr Handlungsfähigkeit und Charakter zu verleihen.
Insgesamt ist „Rot“ gut geschrieben und liest sich schnell und flüssig. Kann man lesen, muss man aber nicht.

Uwe Timm: Rot, München 5. Auflage 2005.

Buchkritik „Der blinde Mörder“ von Margaret Atwood


Das Original „Der blinde Mörder“ von der kanadischen Schriftstellerin Margaret Atwood erschien im Jahr 2000. Es ist ein Roman von knapp 700 Seiten, der mehrere Ebenen besitzt.
Zum einen ist da die Perspektive einer alten Frau, Iris Chase, die ihr Leben 1998 und 1999 als Seniorin mit wachen Geist in alten Körper schildert. Dann ist ihr Rückblick auf ihre Jugend mit ihrer Schwester und die Ehe.
Zu guter Letzt ist noch der titelgebende Fantasy-Roman „Der blinde Mörder“ ihrer Schwester.
Die Autorin, Laura Chase, beging mit 25 Jahren Selbstmord. Ihr Debüt-Roman erschien posthum.

Die beiden Schwestern Iris und Laura Chase wachsen in einer kanadischen Provinzstadt als Töchter eines Knopf-Fabrikanten auf. Ihre Mutter verstirbt infolge einer Fehlgeburt. Bis dahin verläuft ihr Leben behütet und isoliert. Der Vater ist mit seinen Töchtern überfordert und wird infolge seiner Teilnahme am Ersten Weltkrieg nachhaltig traumatisiert. Er fängt an zu trinken und wird Atheist:

„Aber etwas viel Schlimmeres war geschehen: mein Vater war jetzt Atheist. Über den Schützengräben war Gott zerplatzt wie ein Luftballon, und nichts war von ihm übrig geblieben als ein paar schmuddelige kleine Fetzen der Heuchelei. Die Religion war nur ein Knüppel, mit dem man auf die Soldaten einprügeln konnte, und jeder, der etwas anderes behauptete, war ein frömmlerischer Schwätzer.“

(Seite 108)
Um sein Unternehmen zu retten verheiratet er seine älteste Tochter, die Ich-Erzählerin, an seinen Konkurrenten Richard E. Griffin. Es ist keine Zwangsheirat, sondern eine Zweckheirat, der die Tochter aus Gehorsam zustimmt. Nachts im Bett herrscht aber dann doch der Zwang. Richard misshandelt und vergewaltigt seine sehr viel jüngere Frau:

„Und das war die Decke, die ich von nun an anstarren würde, durch den Nebel aus Musselin, während unterhalb meiner Kehle irdische Dinge vor sich gingen.“

(Seite 411)

„Meine Aufgabe bestand darin, die Beine breit zu machen und den Mund zu halten.“

(Seite 444)
Ihm hilft bei der Zurichtung seiner Frau und seinen ambitionierten Plänen seine Schwester Winifred. Diese versucht die Frau ihres Bruders gesellschaftsfähig zu machen. Wichtig ist vor allem die Präsentation, wie die Ich-Erzählerin auch feststellt:

„Meine Aufgabe bestand darin zu lächeln.“

(Seite 409)
Gleichzeitig soll auch aus der jüngeren Schwester, nunmehr Laura Griffin, eine Dame gemacht werden. Doch Laura ist eigensinnig und von naiver Ehrlichkeit. Die spätere Verfasserin von „Der blinde Mörder“ rebelliert und verweigert sich.
Schließlich begeht sie mit 25 Jahren Selbstmord. Das ist für Iris das Startsignal, sich selber von Richard und dessen Schwester Winifred loszusagen.
Zwischen diesen Rückblicks-Erzählungen und den Schilderungen des Lebens als alte Frau werden die Treffen eines Liebespaares beschrieben, in welchem der Mann seiner heimlichen Geliebten eine ausgedachte Geschichte auf dem Planeten Zykron erzählt. Diese ist zwar in vielen Dingen gewollt sehr klischeehaft, aber andererseits auch sehr ideenreich und spannend. So dass die Leserin/der Leser auch bei dieser Geschichte durchaus wissen will, wie sie ausgeht.

Der Roman beschreibt spannend ein Frauenschicksal der Oberschicht. Die Hauptprotagonistin kämpft sich langsam frei aus der ihr zugedachten Rolle. Atwood beschreibt ihr Schicksal einfühlsam und streift immer wieder das Patriarchat kritisch, wie etwa in folgenden Sätzen:

„Männer hatten damals Bedürfnisse; sie waren zahlreich, diese Bedürfnisse; sie lebten unterirdisch in den dunklen Winkeln und Nischen des Wesens eines Mannes, und hin und wieder sammelten sich ihre Kräfte und machten einen Ausfall, wie eine Rattenplage. Sie waren so gerissen und stark, wie konnte man von einem echten Mann erwarten, dass er gegen sie ankam? Das war die Doktrin, laut Winifred, und – um fair zu sein – auch laut einer Menge anderer Leute.“

(Seite 633)
Ein Lesetipp!!!

Margaret Atwood: Der blinde Mörder, Berlin, 2. Auflage 2014.