Archiv für Oktober 2018

Buchkritik „Bitch Doktrin“ von Laurie Penny

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Im Jahr 2016 verfasste die britische Feministin und Journalistin ihr Buch „Bitch Doktrin“, welches 2017 auf Deutsch erschien. Es handelt sich um eine ambitionierte Streitschrift gegen die patriarchalen Zustände in dieser Welt und gegen die mit diesen verwobene Wirtschaftsform. An einer Stelle benennt Penny ihn konkret als „Kamikaze-Kapitalismus“. Das Buch ist ein Aufruf zum Widerstand, besonders gegen „Gender-Repression“ und „Gender-Essentialismus“.
Die Frauenfrage hält sie – zu Recht – für fundamental:

„Ich sage euch, warum die Thematik so wichtig ist. Wenn wir Frauen nicht gewinnen. Gewinnt niemand. Wen Queere, an den Rand Gedrängte, Freaks und Außenseiter nicht frei leben können, dann sind unsere Freiheiten das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt wurden.“

(Seite 11-12)
Denn das Patriarchat zerstört gerade die Welt:

„Es ist nicht übertrieben, wenn ich behaupte, dass toxische Männlichkeit die Welt zerstört. Wir Feminist*innen laufen natürlich schon seit Jahren in in unserer schrillen hysterischen Art dagegen Sturm, doch vor der Wahl Donald J. Trumps, vor den Wahlerfolgen der Ultrarechten nahm uns niemand ernst.“

(Seite 12)
Gleichzeitig ist ihr Buch ein Appell zur Einheit innerhalb der linken und feministischen Bewegung. Sympathisch ist dass sie ihre Stimme auch für Transmenschen, Genderqueer und Intersexuelle erhebt und auf deren besonders problematische Lage hinweist:

„Jüngsten Studien zufolge wurden 25 Prozent ihnen wegen ihres Gendersstatus körperlich attackiert, Hunderte werden jedes Jahr ermordet. Bis zu 50 Prozent der Trans-Teenager unternehmen einen Selbstmordversuch.“

(Seite 186)
Vieles, was Penny schreibt ist nicht neu, aber sie als bekannte Autorin popularisiert Feminismus in breiten Leser*innen-Schichten.
Penny diskutiert und bejaht Polyamorie und Sexarbeit in überzeugender Weise.
Sie kritisiert die Verlogenheit im Bereich Sexualität. Frauen ohne Partner sind „alte Jungfer“ und Männer ohne Partnerinnen gelten als „Junggesellen“. Denn noch immer gilt Mann als Synonym für Mensch.
Sie empfiehlt heterosexuelle Frauen das Single-Dasein als bessere Variante zur ungleichen Paar-Beziehung und Kinderkriegen:

„Ich liebe Kinder, aber nicht so sehr, dass die damit verbundene Arbeit, der Schmerz, die Sorgen und die eingebüßten Chancen es mir wert wären – im Moment nicht, vielleicht auch nie.“

(Seite 72)
Sie nimmt Stellung zum Thema Quote und Leistungen. Sie bejaht aus taktischen Gründen die Quote:

„In einer idealen Welt wären Quoten überflüssig. In einer idealen Welt, einer echten Leistungsgesellschaft, würden die fähigsten Menschen aufsteigen, und das brächte automatisch Vielfalt mit sich. Aber womöglich führt der einzige Weg in eine Welt, in der Quoten überflüssig sind, über Quoten.“

(Seite 105)
Sie kritisiert Genderkontrolle und Vergewaltigungskultur, sowie das „Anspruchsdenken der [männlichen] Nerds“.
Ebenso kritisiert sie das die Vielfalt von Frauen nicht abgebildet wird und will das Frauen* und Mädchen „nicht schön sein müssen“. Bis heute ist für Frauen* Perfektionismus eine Anpassungsstrategie:

„Für Frauen bedeutet »sich Mühe geben« ein teures, zeitraubendes und schmerzhaftes Prozedere mit Schneiden, Bleichen, Färben, Rasieren, Zupfen, Hungern, Trainieren und der richtigen Wahl der Kleidung, die den gewünschten Eindruck vermittelt, ohne dass frau aussieht wie eine Schaufensterpuppe.“

(Seite 156)

Manchmal nimmt die Autorin Bezug auf englischsprachige Diskurse, die beim deutschsprachigen Publikum zum Teil unbekannt sein dürften. Bestimmte Diskussionen und Akteur*innen muss sich die/der durchschnittliche Leser*in in der Bundesrepublik erst selber recherchieren.
Auch bezieht sie sich immer wieder gerne auf Statistiken:

„In Studien wurde nachgewiesen, dass Frauen, die weniger wiegen, unabhängig von der Einkommensklasse für dieselbe Arbeit mehr Geld erhalten und bessere Aufstiegschancen haben als schwerere Frauen. Fähige mächtige Männer dürfen in Politik, Wirtschaft und Kultur dick und schlapp werden, wohingegen Frauen, die es wagen, einen hochkarätigen Job anzunehmen, damit rechnen müssen, stets nach ihrem Aussehen beurteilt zu werden: Wir sind entweder zu unattraktiv, um akzeptiert zu werden, oder zu hübsch, als dass wir etwas beizutragen hätten.“

(Seite 156-157)
In beiden Fällen wären Fußnoten hilfreich gewesen. Manchmal hätte man schon gerne den Titel der Umfrage oder ihr Erscheinungsjahr erfahren.

Abgesehen vom Inhalt ist Pennys Sprache an manchen Stellen einprägsam, schön und von literarischer Qualität:

„Oft hört man von den »Wellen« des Feminismus. Ich habe den Feminismus nie so gesehen. Für mich ist er keine Abfolge von Wellen, sondern ein großer grollender Tsunami, der sich behäbig über eine Einöde allgemein akzeptierter Annahmen wälzt und alte Gewissheiten fortschwemmt.“

(Seite 23)

„Für mich ist Feminismus so gut wie jedes Viagra. Der Feminismus schenkte mir in Jahren des Wachsens und Lernens nach das Selbstvertrauen, Anspruch anzumelden auf meinen eigenen Körper und mein eigenes Begehren, wie auch die Stärke, nein zu sagen, wenn mir eher nach einer Tasse Tee und Kuscheln zumute war.“

(Seite 200)

Immer wieder blickt sie auf das Patriarchat im Westen:

„In Ländern wie Irland, Spanien und den USA ist der Frauenkörper nach wie vor ein Kriegsschauplatz des rechtsgerichteten Patriarchats im Kampf um moralische Vorherrschaft.“

(Seite 195)
Ihre Kritik an den „mächtigen weißen Männern“ macht im Westen Sinn, in Ostasien etwa sind andere Männer die Machthalter. Leider sagt sie das nicht.

Leider gibt es in „Bitch-Doktrin“, anders als bei „Fleischmarkt“ und „Unsagbare Dinge“ auch ein paar Punkte zu kritisieren. So muss man Penny nicht in allen ihren Ausführungen folgen. So ignoriert ihre Kritik an Indentitätspolitik, dass diese Kritik besonders an bestimmten Ausformungen in Teilen differenzierter daher kommen kann.
Befremdlich wirkt auch ihre Verniedlichung und Verharmlosung von Angriffen auf die Presse:

„Wer in diesen Tagen im »Journalisten«-Outfit loszog, dem wurde die Kamera zertrampelt und die Zähne eingeschlagen von Kids, die genau wussten, dass die große Mehrheit der britischen Mainstream-Presse als Rowdys und Hooligans abstempeln würde, denn unter der Maske der Objektivität ging das schon seit Jahrzehnten so, und den Kids war mittlerweile alles egal.“

(Seite 98)
Offenbar findet es Penny irgendwie gerechtfertigt, wenn „Kids“ – es sind wohl eher Halbstarke – Journalist*innen die Zähne einschlagen, weil sie in der Tendenz nicht vorurteilsfrei über die Subalterne berichten. Sie rechtfertigt und rationalisiert hier das Ressentiment gegen Medien und dessen Folgen.
Bei ihrer These, die „Lebensschützer“ wollten im Grunde eigentlich Frauen für ihre freie Sexualität bestrafen, indem sie sie zum schmerzhaften Gebären zwingen würden, ist falsch. Penny führt hier an dass von diesen „Lebensschützer“ ja eine Ausnahme in Fällen von Schwangerschaften in Folge einer Vergewaltigung gemacht würden:

„Die Linie eines »Verbots mit Ausnahmen« gehört standardmäßig zur Argumentation konservativer Abtreibungsgegner in den USA und anderswo, und angesichts seiner Scheinheiligkeit bleibt einem glatt die Spucke weg. Wenn einer wirklich und wahrhaftig glaubt, dass ein Fötus tatsächlich ein autonomes Wesen ist, warum sollte er dann wie von Zauberhand keins mehr sein, wenn die Mutter dem Geschlechtsverkehr nicht zugestimmt hat?“

(Seite 205)
Daraus folgert Penny dass es im Grunde ja doch nicht um die Rettung der „Ungeborenen“ gehen würde. Denn auch bei einem „Ungeborenen“ infolge einer Vergewaltigung handle es sich ja nach dem Weltbild der „Lebensschützer“ um schützenswertes Leben. Doch gerade den christlich motivierten „LebensschützerInnen“ geht es tatsächlich darum dass nach ihrer Interpretation ihrer religiösen Schriften das Leben mit der Befruchtung beginnt. Deswegen sind in einigen streng katholischen Ländern auch Abtreibungen nach Vergewaltigungen nicht erlaubt. Diese Ausnahme bei manchen „LebensschützerInnen“ ist eher ein zähneknirrschendes Zugeständnis.
Kritischen Leser*innen stoßen sicher auch ihre Vokabeln „Körperfaschismus“ und „Geschlechterfaschismus“ auf. Die dominanten Körpernormsetzungen müssen auf jeden Fall kritisiert werden. Aber ob das etwas mit Faschismus zu tun hat, ist mehr als fraglich.

Penny erzählt wie es für sie emotional anstrengend war, wenn die Kritik von der Seite kam, auf der sie sich selber sieht. Sie behauptet aber generell das es in Diskussionen um das Thema Political Correctnes etc. es den Rechten und Reaktionären nur um Machterhalt ginge und die Linken generell nur differenzierte Kritik üben würden. Das ist aber zu einfach. Hier unterschätzt sie das Internet und seine Dynamiken. Es sind eben nicht mehr nur ein paar Beschwerdebriefe mit differenzierter Kritik, sondern sehr schnell werden hunderte bis tausende Kommentare mobilisiert. Auch bei gerechtfertigter Kritik versteigen sich hier manche schnell im Ton. Zumal auch auf linker Seite die Fehlertoleranz zum Teil eher gering ist. Da das Internet unmittelbar funktioniert erreicht die Kritisierten der Frust ihrer Kritiker*innen sofort und ungefiltert. Das kann auch bei einer berechtigten Kritik zu Ausfällen führen und die kritisierte Person zu Recht anstrengen und verstören.

Verwunderlich ist auch ihr sehr optimistisches Loblied auf eine neue Generation von Aktivist*innen. Andere und kritischere Beobachter*innen sehen eher eine entpolitisierte und entsolidarisierte Generation, die im Einzelkämpfer*in-Modus versucht im Eissturm des Kapitalismus zu überleben.

Natürlich ist Penny trotz aller Detailkritik sehr lesenswert. Allerdings findet sich in diesem Buch mehr zu Kritisieren als in „Fleischmarkt“ oder „Unsagbare Dinge“, ihrem bisher besten Buch, welches auf Deutsch erschienen ist.

Laurie Penny: Bitch Doktrin, Hamburg 2017.