Buchkritik „Das Netzwerk der Identitären“ von Andreas Speit (Hg.)

Noch ein Buch über die Identitären? Ist das notwendig? Nun ja, offenbar dachten das zumindest die Autor*innen des im Oktober 2018 erschienenen und von Andreas Speit herausgegebenen Sammelband „Das Netzwerk der Identitären. Ideologie und Aktionen der Neuen Rechten“.
Sammelband Das Netzwerk der Identitären
Der Band bietet kompakte Informationen zu unterschiedlichen Themen, wie den geistigen Ahnherren der Identitären, den Vertretern der „Konservativen Revolution“ oder den Verstrickungen mit altvölkischen Sippen und Bünden. Die Qualität der Kapitel schwankt, besonders gut liest sich das Musik-Kapitel. Manche Kapitel sind eher im lockeren Reportage-Stil verfasst, andere sind dagegen analytischer.
Es wird klar dass die Identitären sich in eine antibürgerliche Tradition setzen, wenn führende Vertreter betonen sie wollten keine Sub- sondern eine Gegenkultur sein.

Das Buch hinterfragt die Selbstdarstellung der Identitären und vergleicht Anspruch und Wirklichkeit, etwa der behaupteten Zugänglichkeit:

„Auf der Facebook-Seite des Flamberg wird darauf hingewiesen , dass die Veranstaltungen grundsätzlich privat sind und nach vorheriger Kontaktaufnahme besucht werden können. Ein offenes Haus ist der Treff der Identitären nicht.“

(Seite 88)
Auch mit der Intellektualität ist es nicht weit her:

„Trotz der ideologischen Schulungen im Flamberg und des eigenen elitären Selbstverständnisses hält sich die Intellektualität der Identitären in Grenzen. Ihr Terrain ist das Parolenhafte, die Rebellion, der Lifestyle. Hier zeigt sich nicht nur der Anpassung an die vermeintliche Zielgruppe, sondern auch die eigene Gefangenheit in der Popkultur, Erlebnisorientierung und Gewalt. Für die theoretische Durchdringung bleibt das IfS in Schnellroda zuständig.“

(Seite 91)
Ebenso werden die Paradoxa der Identitären betont:

„Das Paradox, dass sich die IB aus den Arsenalen kultureller und politischer Bewegungen bedient, deren Charakter sie in ihrer Programmatik als dekadent und die eigene Identität zersetzend beschreiben, wird darüber gelöst, dass diese Formen »patriotisch« aufgeladen werden.“

(Seite 187-88)

„Sie geben sich als aktionistisch und offen aus, bieten aber Stammtische an, bei denen man sich anmelden muss. Sie wollen traditionsbewusst wirken und sich gegen den Zeitgeist stellen, unterwerfen sich aber radikal den Gesetzen der sozialen Moderne. Sie wollen rebellische Dissidenten sein, aber gleichzeitig sympathisch und nicht zu radikal. Sie proklamieren für sich, eine Bewegung zu sein, pflegen aber einen elitären Habitus und inszenieren sich fast wie Popstars.“

(Seite 201)
Das Buch zieht das Fazit:

„Die medialen Einzelerfolge der IB sollten nicht überblenden, dass sie bis heute nicht die Relevanz erreicht haben, um regelmäßig in Massenmedien zu gelangen: Ihre Inszenierung auf dem Brandeburger Tor war deshalb erfolgreich, weil sie von der Symbolkraft der gewählten Bühne profitierten – nicht wegen der Relevanz der IB.“

(Seite 200)
Trotzdem können die Identitären nicht ignoriert werden, denn:

„Als politische Vorfeldorganisation extrem rechter Partei agieren die Identitären durchaus als wichtiges Bindeglied zur neurechten Szene; als vermeintliche Bewegung haben sie aber keine größere Bedeutung erlangt.“

(Seite 201)

An dem Buch haben Kenner*innen mitgeschrieben und es enthält detaillierte Informationen und gute Einschätzungen. Trotzdem ist der Sammelband „Untergangster des Abendlandes“ bei einer ersten Beschäftigung mit dem Thema die bessere Wahl, da hier mehr und tiefer gehende Analysen angeboten werden. „Das Netzwerk der Identitären“ kann ja dazu als Ergänzung gelesen werden von denjenigen, die noch mehr Informationen suchen.

Andreas Speit (Hg.): Das Netzwerk der Identitären. Ideologie und Aktionen der Neuen Rechten, Berlin Oktober 2018.


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