Buchkritik „Antifa in London“ von Martin Lux

Antifa in London
Die Übersetzung des Buchs „Antifa in London“ von Martin Lux erschien 2013 in einem Wiener Verlag.
Es handelt sich um einen biografischen Bericht eines Antifaschisten in London in den 1970er Jahren. Es ist die Zeit als die Rechten sich um den Hetzer Enoch Powell um 1970 wieder beginnen, auf der Straße zu sammeln. Die britischen Rechten werden im Buch übrigens als „Übers“ – von „Übermenschen – bezeichnet.
Lux stammt aus der Arbeiterklasse und kann mit einer akademischen Linken nicht viel anfangen. Aber auch in Bezug auf seine eigene Klasse hegt er keine großen Illusionen. Die größtenteils sozial und sexuell konservative Arbeiterschicht ist mit Rassismus vergiftet:

„Anders als die Linken mit ihrer All-Inclusive-Ideologie, hatte ich immer noch keine Illusionen über die Arbeiterklasse, speziell wenn es um deren infektiösen Rassismus ging.“

(Seite 21)
Interessant ist auch, wie Lux beschreibt wie antifaschistische Demonstrant*innen in einem Londoner Armeleute-Stadtteil bei einer Demonstration von den örtlichen Jugendlichen unterstützt und bei einer anderen angefeindet wurden.

Mit Linken, Kommunisten und Studenten kann Lux nicht viel anfangen. Statt politischer Theorie fungiert für Lux der berühmte Speakers Corner als ‚Schule des Lebens‘.
Geschildert werden im Buch vor allem Auseinandersetzungen, vor allem Schlägereien, mit Neonazis. Daneben wird im Buch auch Polizeigewalt und Gegengewalt geschildert.
Lux hasst zwar Neonazis, aber er sucht in den Schlägereien auch Amüsement und Unterhaltung. Das Schimpfwort Polit-Hooligan passt auf ihn ganz gut.
Interessant ist das er damals mit Zionisten und jüdischen Londoner*innen zusammen kämpfte:

„Kein Grund mit diesen Typen zu diskutieren; ich zog los um Verstärkung zu finden. Bald hatte ich einige kantige Zionisten gefunden, manche von ihnen kannte ich schon seit Jahren. Obwohl ich mit ihrer Politik genauso wenig wie sie mit meiner übereinstimmten, waren wir doch alle auf eine feine Nazi-Schlägerei aus.“

(Seite 32)

„Ich war von einigen älteren jüdischen Frauen erheitert.
Sie erzählten mir von den alten Zeiten, als Mosley und seinen Schwarzhemden-Abschaum entgegen hielten. Diese alten Damen entpuppten sich als wahre Fans der Pflastersteine. Eine von ihnen beschrieb, wie sie hunderte von Murmeln auf den Strassen unter den Hufen der Polizeipferde fallen liess, damit die Pferde ausrutschen und ihre Reiter zu Boden gehen.“

(Seite 34)
Bei der Lektüre denkt man anfangs noch das der Ton im Buch nicht gerade politisch korrekt, aber dafür ehrlich und authentisch ist. Der Autor hat es eben so erlebt und spricht eben so. So nennt er seine GegnerInnen „Wichser“ und „Nazi-Cunts“. Skurril wird es schon, wenn er beschreibt, wie er und andere die Neonazis mit dem Hitlergruß provozieren. Dazu gesellen sich homophobe oder sexistische Sprüche.
Lux ist auch ein Antifeminist und schimpft über „Queere Sprüche zum Anbraten“. Er beschwert sich das Feminist*innen ihn ausgrenzen. Doch die Feminist*innen liegen mit ihrem Macho-Vorwurf an den Autoren definitiv nicht falsch. Über eine Demonstration in Brixton schreibt er beispielsweise:

„Weil Brixton damals ein angesagtes Viertel war, tauchte eine aussergewöhnlich grosse Menge auf, zumeist »anti-sexistische« Männer und ihre hässlichen, feministischen Tussis.“

(Seite 81)

Lux hat keinerlei reflektiertes Verhältnis zu Gewalt, hat Bock auf „Aggro“ und schwelgt in Riotromantik:

„Wer wusste schon, wo uns die Sache noch hinführen würde, von nun an? Viel weiter, so hoffte ich. Molotovs, Barrikaden, Tränengas, Schusswaffen, Revolte…
Nur her!“

(Seite 75)
Lux beschreibt am einen richtigen Gewaltexzess:

„Das war unsere zehnfache Rache: wir traten seinen Schädel zu Brei. Rundherum brach völliges Chaos aus. […] Innerhalb weniger Minuten häuften sich halb-bewusstlose Körper am Boden, Blut spritzte an die Wände, weinrote Lachen bildeten sich durch beständiges Tröpfeln auf dem Boden. […] Nur das Prickeln von Novokain liess meine Oberlippe einfrieren, es war der klassische Adrenalin-Rausch. […] Wir schlugen sie zu Brei, Eisenstangen küssten ihre Marillen und Körper. Wir zeigten keine Gnade als wir ihre Kanten zur Strecke brachten […]. Ich liess ihn ziehen. Irgendwer musste überleben, um die Geschichte den anderen zu erzählen. […] Die Skins bettelten in diesem Chaos auf Knien um Gnade, während einige wahnsinnige Anti-Faschisten mit gezückten Klingen über ihnen standen. Einigen der jüngeren, armseligen Nazis wurde der kalte Stahl erspart, obwohl alle gut einstecken mussten. Andere wurden gestochen und geritzt. Nichts tödliches, aber eine lebenslange Erinnerung an das Zusammentreffen in dieser Nacht und ihren falschen Weg. Hatte ich auch nur ein Deka Mitleid oder Reue die ganzen Brutalitäten dieses Abends, die sich vor mir ausgebreitet haben? Einen Scheiss! […]
Ich ging an einer Frau vorbei, die eine meiner regelmäßigen Peiniger war. »Kannst du dich erinnern, wie du gesagt hast, wir sind genauso schlimm wie die Nazis selber? Also, das war falsch … Wir sind noch einmal um einiges schlimmer! Gute Nacht, Schatzerl«.“

(Seite 107)
Das ist eklig. Stellt sich nur die Frage: Warum musste so ein unreflektierter Rückblick auf die 1970er in London unbedingt auch noch ins Deutsche übersetzt werden?

Martin Lux: Antifa in London, Wien 2013.