Buchkritik „Aus meinem Jugendland“ von Isolde Kurz

Die Schriftstellerin Isolde Kurz (1853-1944) hat 1918 mit „Aus meinem Jugendland“ ihre Jugendbiografie vorgelegt.
Aus meinem Jugendlande von Isolde Kurz
Kurz war die Tochter einer Feministin und Sozialistin und pflegte in der Frauenfrage eine emanzipatorische Haltung. Allerdings legte sie gegen Ende ihres Lebens eine abwertende Haltung gegenüber geistig Behinderten an den Tag und war bereit mit dem NS-Regime zu kooperieren. Bezeichnend war, dass sie 1933 der „Sektion für Dichtung in der Preussischen Akademie der Künste“ beitrat, die damals jüdischen Mitgliedern diese Stellung aberkannte.

Schauplatz der Jugendbiografie von Isolde Kurz ist vor allem die Universitätsstadt Tübingen.
Die Stadt ist kleiner als heute und geprägt von den Verbindungsstudenten:

„Ferner die Keilereien zwischen den Farben [Studentenverbindungen], die sich nicht leiden mochten, und endlich die ganz großen Studentenschlachten, wo die gesamte Studentenschaft einmütig gegen die Obrigkeit oder das Philisterium, oder was sonst in ihre Vorrechte eingegriffen hatte, zu Felde zog.“

(Seite 75)

„Die Zahl der Schoppen, die für eine Fuchsentaufe nötig sein sollte, wage ich nicht zu nennen; über die bei diesem Vorgang angewandten Zwangsmaßregeln gingen gruselige Gerüchte.“

(Seite 82)
Die Universitätsstadt bildet auch ganz eigenwillige Figuren heraus:

„Da war unter anderem der Ewige Student, ein Mensch, der bis zu seinem Tode auf der Universität verblieb und der mit der Zeit mehr als vierzig Semester auf den Rücken bekam. Er hatte sehr ansehnliche Stipendien, die ihm solange ausbezahlt wurden, als er studierte; diesen zuliebe studierte er immer weiter, Chemie und Naturwissenschaften, ohne je ein Examen zu machen.“

(Seite 91)

Ihre Mutter war ein für damalige Verhältnisse ziemlich ungewöhnlicher Freigeist.Sie war Schriftstellerin, Frühsozialistin und Vegetarierin. Ursprünglich war sie eine geborene Baronesse, hat sich aber 1848 im Zuge der bürgerlichen Revolution von 1848/49 verweltlicht.
Ihr Vater ist Bibliothekar ebenfalls ein 1848er-Veteran, aber eher deutschnational ausgerichtet.
So ist die Haltung der Eltern zu Kriegsgewinn und Reichsgründung 1871 sehr unterschiedlich. Ihre Mutter ist aus ihrer revolutionärer Biografie gegen Bismarck und pro-französisch, ihr Vater dagegen begrüßt die Gründung des deutschen Kaiserreichs.
Um sie dem damaligen reaktionären Zeitgeist zu entziehen, unterrichtet ihre Mutter die Kinder daheim. Dazu werden die Kinder areligiös erzogen und gelten in der Nachbarschaft als „Heidenkinder“.

Im Haus ihrer Eltern herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Sie lernt so etwa Dr. Edouard Vallaint, den späteren Minister der Pariser Kommune, kennen, der auch in Tübingen eine Zeit lang lebte.
Bereits zu dieser Zeit gab es einen frühsozialistischen Gesprächskreis in Tübingen:

„In dem kleinen Tübinger Zirkel wurden jetzt an Stelle der bisherigen humanistischen Fragen mit Leidenschaft die Schriften von Proudhon, Marx, Lasalle und Bebel erörtert.“

(Seite 236)

Interessant an der Biografie ist der spezifische Frauenblick auf die damaligen patriarchalen Verhältnisse. Sie beschreibt, wie sie als erste Frau reitet und schwimmt und die Reaktion des engstirnigen (pietistischen) Tübingen darauf:

„Da war es denn schließlich auch kein Wunder, wenn die gute Stadt Tübingen sich dagegen auflehnte, daß es in ihren Mauern eine Familie gab, die ihre einzige Tochter unter geistigen und körperlichen Übungen aufwachsen ließ wie ein Fürstenkind der italienischen Renaissance oder sagen wir schlechtweg: wie ein junges Mädchen des damals noch ungeborenen 20. Jahrhunderts.

“ (Seite 345)
Das sie und ihre Eltern politisch eingestellt waren, verstärkte das generelle Misstrauen:

„[…], und es gab damals in Tübingen erwachsene Leute, die allen Ernstes die Sechzehnjährige für eine staatsgefährliche kleine Persönlichkeit ansahen, der man geheimnisvolle politische Umtriebe zutraute.“

(Seite 254)
Frauen galten damals bei fast allen nur als ‚Damen‘, die vor allem passiv sein sollten:

„Unwissenheit galt damals noch als besondere Zierde der deutschen Jungfrau, die noch ganz unter dem Banne des Gretchenideals stand; an keinerlei geistigen Dingen durfte sie irgendwelchen Anteil äußern, und große Namen mußten ihr so ungeläufig sein, daß sie mit der Zunge darüber stolperte.“

(Seite 344)
Frauen sollten schön aussehen, im Gegensatz zu den Männern:

„Auch wurde nur die weibliche Schönheit bewundert, bei Männern galt sie eher für einen Makel und nahezu unvereinbar mit mannhaften Eigenschaften. Vernachlässigung des eigenen Körpers wurde mit Bewußtsein, wenn nicht gar mit sittlichem Stolz geübt.“

(Seite 244)

Einiges wird im Buch eher angedeutet als explizit ausgeschrieben. Etwa ihre Beschreibung der tiefen Freundschaft ihres 15-jährigen Bruders Edgar und des Pfarrersohn Ernst Mohl. Diese lässt sich durchaus auch als homosexuelle Verliebtheit zumindest von Edgars Seite aus interpretieren. Nach dem Zerwürfnis der beiden schreibt sie auch von Mohl als Edgars „ehemals Geliebten“:

„Die Erschütterung ging auch bald vorüber, aber sie hatte auf sein ganzes Leben eine Nachwirkung. Er verschloß fortan das Zärtlichkeitsbedürfnis, dessen er sich schämte, in tiefster Brust und wurde in der Form so schroff und herb, daß auch seine Angehörigen den Weg nicht mehr so recht zu seinem Inneren fanden. Er wollte fortan keinen Herzensfreund mehr.

“ (Seite 219)
Später schließt sich genau dieser Bruder Edgar übrigens der SPD an.

Sehr amüsant liest sich das Haschisch-Abenteuer von Isolde Kurz und ihren Brüdern. Ein Beispiel für die literarische Beschreibung von Drogenerfahrungen, die es natürlich auch damals gab.

Durch die liberale Erziehung ihrer Eltern, vor allem ihrer Mutter, wird Isolde Kurz früh unabhängig. Ab dem Alter von zwölf Jahren arbeitete sie als Übersetzerin aus dem Italienischen. Sie beschließt auch sich nicht an einen Mann zu binden, weil das zu der damaligen Zeit die Aufgabe ihrer relativen Freiheit bedeutet hätte. Trotzdem wird sie von ihrer „vulkanischen Mutter“ bedrängt einen ihr unlieben Brautwerber zu heiraten. Sie fühlt sich von ihrer Mutter, die sie ansonsten sehr freiheitlich erzogen hat, sehr unverstanden.
Schließlich verlässt sie Tübingen in Richtung Italien und damit endet auch ihre Biografie.

Ein Lesetipp für jede*n, die/der etwas über die damaligen (Geschlechter-)Verhältnisse im 19. Jahrhundert wissen will.

Grab Isolde Kurz
Grab von Isolde Kurz in Tübingen

Isolde Kurz: Aus meinem Jugendland, Tübingen 1918.


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