Buchkritik „Deutschland über alles“ von Joachim Fernau


Die Geschichtsdarstellung „Deutschland über alles“ von Joachim Fernau ist der Versuch Geschichte vereinfacht und eher volkstümlich darzustellen. Wichtig ist es zu wissen dass Fernau Kriegsberichter der Waffen-SS war und vor 1945 entsprechende Propagandatexte verfasste.
Das merkt man den ersten 3/4 des Buches nicht unbedingt an. Fernau schreibt aber auch in diesem Abschnitt von einem „Charakter der Deutschen“ und versucht durch einen schrägen Vergleich die Nürnberger Prozesse zu delegitimieren:

„Das war im Oktober 1760.
Ein Jahr später sehen wir Friedrich immer noch kämpfend. Immer noch existiert der König von Preußen. Immer noch ist der Krieg nicht beendet. Was Friedrich aufrechterhielt, weiß der liebe Gott. In diesem Stadium tat er nicht mehr und nicht weniger als das, was im Jahre 1946 in Nürnberg verbrecherisch genannt wurde: Er wollte es nicht glauben, er konnte es nicht fassen und war entschlossen, bis zur Selbstvernichtung seines Volkes zu kämpfen.“

(Seite 105)
Im letzten Viertel des Buches wird es so richtig problematisch. Bis dahin betreibt Fernau vor allem eine personalisierte Geschichtsschreibung, in der er versucht große Geschichte durch kleine Geschichten darzustellen. Dabei bleiben Bauern Statisten und Frauen sogar weniger als das. Stellenweise amüsant, insgesamt aber sehr flapsig versucht Fernau Geschichte jenseits von akademischer Geschichtskunde zu erschließen.
Im letzten Viertel verharmlost Fernau massiv die NS-Diktatur indem er ihn als eine Art Wetterwechsel beschreibt:

„Als die Menschen in Deutschland am Morgen des 25. März 1933 erwachten, befanden sie sich in einem Staatsgebilde, das sie bisher noch nie erlebt hatten. Eine Diktatur, sieh mal einer an! Frauen fragten beim schnellen Morgenkaffee ihre Ehemänner, was sie davon hielten, und alleinstehende Fräuleins wandten sich wenigstens an den Briefträger. Man schaute auf die Straße hinaus, ob irgendetwas Besonderes wäre, aber es war nichts.

“ (Seite 173-174)
In so einer Darstellung wird das Leiden der NS-Opfer mit der Machtergreifung 1933 verharmlost und die Massen-Basis der Nationalsozialisten in der Bevölkerung ignoriert.
Auch eine Dolchstoßlegende erschafft Fernau für den Zweiten Weltkrieg:

„Heute, 22 Jahre nach dem Kriegsende wird nun sogar bei uns offen geschrieben, was längst aktenkundig war: daß mindestens von 1942 an jeder Schachzug, jede Planung der deutschen Kriegsführung von einem riesigen Stab von Verrätern an den Feind weitergegeben wurde.“

(Seite 181)
Vermutlich meint er die Gruppe „Rote Kapelle“.
In seiner Beschreibung der Pläne für Deutschland nach 1945 käut Fernau Verschwörungsmythen wieder, indem er dem Kaufmann- und dem Morgenthau-Plan realen Einfluss auf die Nachkriegsplanung zubilligt:

„Einiges davon war schon lange bis ins kleinste ausgearbeitet und schriftlich niedergelegt. Da war einmal der Theodor Kaufmann-Plan »Germany must perish«. Er war einfach, er sah vor, die Deutschen zu sterilisieren. Einen anderen Plan hatte man an der Harvard-Universität ausgearbeitet; nach ihm sollten alle Deutschen als lebenslängliche Zwangsarbeiter auf die Nachbarvölker verteilt und biologisch mit ihnen verschmolzen werden. Der Außenminister Hull und viele andere des Schreibens Kundige hatten auch noch Lösungen im Strumpf. Dem Ohr Roosevelts am nächsten stand Henry Morgenthau, dessen »Programm to prevent Germany from starting a World War III« dem amerikanischen Präsidenten gut gefiel. Minister Morgenthau mußte nach Roosevelts Tode im April 1945 sein Programm angesichts der tauben Ohren der Militärs wiederholt ändern. Zum Schluß sah es ganz manierlich aus. Es wollte uns lediglich zu einem Ackerbauvolk machen und, wie er sich ausdrückte, auf dem niedrigsten Stand halten.“

(Seite 182)
In Wahrheit werden hier offenbar eigene alte deutsche Vernichtungspläne eines ehemaligen NS-Parteigängers auf die alten Feinde projiziert.

Joachim Fernau: Deutschland über alles, ???


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