Archiv der Kategorie 'ungefragt-kommentiert-informiert'

Buchkritik „Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee

Buch

Das Buch „Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee, bürgerlich Nelle Lee (1926-2016), mit dem Originaltitel „To Kill a Mockingbird“ erschien erstmals 1960 in den USA. Bis heute verkaufte sich dieser antirassistische Roman über 40 Millionen Mal und gilt schon längst als Klassiker. Trotzdem besitzt er bis heute Aktualität.
Die Autorin hat für ihr Buch offenbar viel Material aus ihrer eigenen Biografie verwendet. Sie ist in der Stadt Monroeville als Tochter eines liberalen Rechtsanwaltes aufgewachsen. Der Roman schildert das Leben in dem fiktiven Kleinstädtchen Maycomb im südlichen Alabama in den 1930er Jahren aus Sicht der Erzählerin Scout, Tochter eines liberalen und humanistisch eingestellten Rechtsanwaltes namens Atticus Finch. Dieser übernimmt die Verteidigung des Schwarzen Tom Robinson, dem zu Unrecht die Vergewaltigung einer weißen Frau vorgeworfen wird. Fortan ist er als „Niggerfreund“ sozial geächtet und Angriffen ausgesetzt. Auch seine beiden Kinder leiden darunter. Die kindliche Ich-Erzählerin verteidigt ihren Vater und ihren Bruder, zweifelt aber anfangs auch an der Haltung ihres Vaters:

„»Atticus, du musst dich irren.«
»Wieso?«
»Weil die meisten Leute denken, dass du dich irrst …«
»Sie sind durchaus berechtigt, so zu denken, und sie können auch verlangen, dass wir ihre Meinung respektieren. Aber bevor ich mit anderen leben kann, muss ich mit mir selber leben. Das Einzige, was sich keinem Mehrheitsbeschluss beugen darf, ist das menschliche Gewissen.«“

(Seite 170)
Es ist realistisch, dass Atticus zu dieser Zeit und an diesem Ort letztendlich in seiner guten Mission scheitert, denn der Angeklagte ist schwarz und die Jury weiß:

„Atticus hatte, um Tom Robinson zu retten, jedes Mittel benutzt, das freien Männern zur Verfügung steht, doch in den geheimen Gerichtshöfen des menschlichen Herzens war er als Verteidiger nicht zugelassen.“

(Seite 384)

Die bereits erwähnte Scout, ist am Buchanfang sechs Jahre alt und am Ende acht, hat einen zehn- bzw. zwölfjährigen Bruder, Jem. ‚Scout‘ heißt eigentlich Jean Louise und hat keine Lust darauf, die typische Mädchenrolle einzunehmen. Sie läuft in Hosen herum – damals sehr unüblich – und prügelt sich wie ein Junge. Die liberale Erziehung des Witwers Atticus Finch ermöglichen ihr diese Freiheiten. Unwissende Leser*innen bemerken auch erst nach einiger Zeit das Scout ein Mädchen ist. Dieser Wildfang in Latzhose kann auch nicht durch ihre später hinzugezogene Tante Alexandra gebändigt werden:

„Tante Alexandria war, was meine Kleidung betraf eine Fanatikerin. Ihr zufolge bestand für mich keine Hoffnung eine Lady zu werden, solange ich Hosen trug. Auf meinen Einwand, in einem Kleid könne ich nichts unternehmen, antwortete sie, ich solle ja auch nichts unternehmen, wozu man Hosen brauche.“

(Seite 133)
Sie will einfach keine Lady sein. Ihr Vater lässt ihr das durchgehen, denn er ist anders als andere Väter. Er ist ein – im besten Sinne dieses Wortes – weichherziger Intellektueller, der sich irgendwann dazu entschieden hat, nicht zu hassen. So behandelt er auch seine schwarze Köchin Calpurnia menschlich. Zu dieser Zeit im tiefen Süden der USA eine Ausnahme.
Als Dritter zu dem Geschwisterpaar gesellt sich noch der Feriengast ‚Dill“ dazu, dem Lee die Züge des mit ihr befreundeten Truman Capote gegeben hat.

In dem Buch wird kritisch der Rassismus thematisiert, aber ebenso werden, wie dargestellt, in dem Buch auch Geschlechterrollenbilder hinterfragt. Es ist somit nicht nur ein antirassistischer, sondern auch ein feministischer Klassiker.
Neben den Geschlechterrollen und dem Nebeneinanderleben von Schwarzen und Weißen werden weitere Gegensätze thematisiert, etwa ein Stadt-Land-Gegensatz bzw. der Gegensatz von Arm und Reich. Die Kleinstadt-Südstaatenristokratie, im Buch als „angesehene Familien“ beschrieben, schaut verächtlich auf die weiße Unterschicht in der Stadt und die kulturell andersartigen und verarmten Weißen, die auf dem Land und in den Wäldern wohnen.
Auch Religion spielt eine große Rolle, immerhin spielt die Geschichte in den 1930ern im so genannten „Bible Belt“:

„»Du bist zu jung, um das zu verstehen, aber manchmal ist die Bibel in der Hand eines bestimmten Mannes schlimmer als eine Flasche Whisky […]«“

(Seite 77)

Die Sprache ist dicht und schön. Die naive Perspektive von Scout überzeugt meist, auch die dabei verwendeten Metaphern lesen sich gut, wie etwa die folgende:

„Wenn ich mit Francis sprach, hatte ich immer das Gefühl, ich sänke langsam auf den Grund des Ozeans. Er war das langweiligste Kind, das mir je begegnet ist.“

(Seite 133)

Wer das Buch noch nicht kennt, die/der sollte es unbedingt lesen!

Harper Lee: Wer die Nachtigall stört, Hamburg 3. Auflage 2017.

Kurzrezension „Waffenwetter“ von Dietmar Dath


Dietmar Dath hat 2007 den Roman „Waffenwetter“ veröffentlicht. In ihm schreibt er konsequent aus der Sicht von Claudia, einer 18-Jährigen kurz vor dem Abitur. Der Blick in den Kopf eines weiblichen Teenagers scheint durchaus authentisch.
Claudia Opa Konstantin ist ein alter Parteikommunist und Stalin- und Lenin-Anhänger, der in seiner ausgestorbenen Parallelwelt lebt:

„»ich bin ja korrespondierendes mitglied der nichtexistenten internationale.« […] wir treiben in verschiedenen kleinstarchen auf dem meer der unwissenheit, des verrats, ach, warum nicht klassisch: des irrtums, und schicken einander brieftauben.“

(Seite 79)
Ironischerweise ist Konstantin gleichzeitig Millionär. Dass der Kommunisten-Opa Millionär ist, mutet wie Satire an. Wer aber weiß dass die stalinistische MLPD zweimal die höchste Einzelparteispende erhalten hat, weiß dass es auch reiche SympathisantInnen von K-Parteien gibt.
Konstantin plant mit seiner Enkelin eine Reise nach Alaska, wo eine angebliche Wetterwaffe namens HARP ihren Standort hat. Diese will der Opa mit seiner Enkelin untersuchen.
Die hat aber auch noch andere Probleme, u.a. hat sie einen älteren „heimlichen geliebten“.

Die Buchstaben sind konsequent klein geschrieben und Sätze brechen oft unvermittelt ab. Das soll den authentischen Teenager-Gedankengang untermalen.
Dath hat immer wieder ein paar schöne Sätze wie die folgenden:

„die zwei wachmänner vor dem lebensmittelladen gucken osterinselkopfmäßig steinern zu uns her, […]“

(Seite 106)

„warum schauen wir der welt noch zu? weil wir die fernbedienung verloren haben.“

(Seite 205)
Auch einzelne Worte wie „französischerfilmschmollmund“ oder „karojackenvater“ sind richtige Perlen.
Trotzdem kann der Roman nicht so richtig zur Lektüre empfohlen werden. Er wird in der zweiten Hälfte immer wirrer und die Fight-Club-mäßige Auflösung des Ganzen überzeugt nicht wirklich.

* Dietmar Dath: Waffenwetter, 2007

Kurzrezension „Happy birthday, Türke!“ von Jakob Arjouni

Mit seinem Krimi „Happy birthday, Türke!“ hat Jakob Arjouni eine solide Krimikost vorgelegt.
Hauptermittler ist Kemal Kayankaya, ein in Deutschland sozialisierter aus der Türkei stammender Mann, der ein ziemliches Alkoholproblem hat. Er ist ‚Privatschnüffler‘. Damit ermittelt mal nicht der typische eigenbrötlerische (Ex-)Kommissar, wie in so vielen anderen Krimis.
Der Krimi stammt aus dem Jahr 1985 spielt auch in den 1980er Jahren. In der Türkei herrscht noch die Militärdiktatur und die DDR liegt noch irgendwo im Ausland. Handlungsort ist Frankfurt/Main. Kayankaya ermittelt hier auch im Rotlichtbezirk:

„Helles, saftiges Neon, Zentnerbusen, orgiastisch grunzende Frauen in Öl, rosa kolorierte Arschberge zogen sich links und rechts die Häuserwände entlang.“

(Seite 44)
Da Kayankaya von allen ständig als „Türke“ oder „Ausländer“ wahr genommen wird, wird er ständig mit Alltagsrassismus konfrontiert
Er ist auf der Suche nach den Mördern von Ahmed Hamul, einem Türken, der erstochen wurde. Beauftragt hat ihn dessen Ex-Frau.
Insgesamt ein guter und authentischer Krimi. Die Authentizität wird auch durch den Einsatz des hessischen Dialekts erzeugt. Arjouni kann gut (be-)schreiben, wie folgendes Beispiel zeigt:

„Er hatte den Ton eines aufstrebenden Offiziers, der einen Gefreiten wegen ungebügelter Hosen zur Sau macht. Seine Zähne hackten die Wörter am Ende scharf ab. Ich fürchtete, er könnte sich aus Versehen die Zunge abbeißen.“

(Seite 79)

* Jakob Arjouni: Happy birthday, Türke!, Hamburg 1985

Buchkritik „Antifeminismus in Bewegung“

Juliane Lang und Ulrich Peters haben dieses Jahr den Sammelband „Antifeminismus in Bewegung“ über „Aktuelle Debatten um Geschlecht und sexuelle Vielfalt“ herausgegeben.
In der Einführung schreiben die beiden zu den Geschlechterverhältnissen und den Rekurs von AntifeministInnen auf eine angebliche Naturgegebenheit:

„Dass Geschlechterverhältnisse nie »naturgegeben«, sondern immer Ergebnis sozialer Aushandlungen waren, wird von den Protagonist/innen zurückgewiesen – um die sozialromantische Erzählung eines in sich harmonischen Friedens zwischen den Geschlechtern zu verbreiten, der durch moderne Dekadenzen in Form feministischer Politiken der Vielfalt geschlechtlicher, sexueller und familialer Lebensweisen zerstört würde.“

(Seite 15)
Einzelne Kapitel beschäftigen sich mit dem Ideologem vom „Volkstod“, mit dem Magazin COMPACT als „anifeministischen Diskursorgan“, der „‘Lebesschutz‘-Bewegung in Deutschland“ oder dem Thema „Antifeministische und antimuslimische Homofreundlichkeit in der Alternative für Deutschland“. Zum letztgenannten Phänomen heißt es im Buch:

„Homofreundliche Positionen, die in der AfD zu finden sind, zeugen von der Vereinbarkeit unterschiedlicher Positionen mit einer Gesamtpartei, die auf eine rassistische und heteronormative Agenda setzt. Sie sind zu erklären als ein Ausdruck dieses zeitgenössischen Nationalismus. Solange die Akzeptanz Homosexueller den thematischen Schwerpunkten der AfD (Euroskepsis, strenge Zuwanderungspolitik, Geschlechterkonservatismus) nicht widerspricht – ja sie sogar bestätigt – nutzt sie der AfD, um ernst genommen zu werden.“

(Seite 154-155)
Weitere Kapitel beschäftigen sich mit „Antifeministischen Positionen im österreichischen Männerrechtsdiskurs“, „Antifeminismus bei deutschnationalen Burschenschaften“, dem „Verhältnis von Antifeminismus zum Antisemitismus“, der Debatte um geschlechtergerechte Sprache und „Hass-Kampagnen und Silencing im Netz“.
In dem Abschnitte über die „Folgen antifeministischer Diskursinterventionen“ geht es um „Pädagogisches Handeln in Zeiten antifeministischer Organisierungen und Stimmungsmache“, sowie um die „Präventionsarbeit und Beratung männlicher Betroffener sexueller Gewalt unter den Eindrücken antifeministischer Diskurse“.

Ein Schwerpunkt des Bandes liegt auf dem antifemistischen Feindbild ‚Genderismus‘, welches seit dem Sommer 2006 als Kampagne gegen die vermeintliche „Gender-Ideologie“ in Erscheinung tritt.
Antifeminismus ist, so betonen die Autor*innen, eng verbunden mit einem Geschlechterkonservatismus, dessen Aufbrechen bei den Konservativen eine Verfallserzählung und -angst anfacht.
Klar wird auch, dass der Antifemininismus sich modernisiert hat. Er hat kaum mehr ein reines „Zurück an den Herd!“-Programm, sondern tritt moderner und vielfältiger auf. Trotzdem geht er weiterhin von einer Wesenhaftigkeit von Geschlecht aus.
Es wird klar, dass Antifeminismus sich im Auftreten und Inhalt stark ausdifferenziert hat. Der starke Österreich-Fokus mehrerer Beiträge könnte für Leser*innen aus Deutschland diese Kapitel möglicherweise nicht so interessant machen.
Auch als Einstiegslektüre ist das Buch auf Grund seines analytischen Tiefgangs und seines Anspruchs eher ungeeignet. Für mit dem Thema Vertraute ist der Band dagegen eine wichtige und aktuelle Ergänzung zum Thema.
Insgesamt ist das Buch ein Sammelband mit lehrreicher Lektüre, die den derzeitigen Wissensstand zum Thema Antifeminismus wieder gibt.

Juliane Lang, Ulrich Peters (Hg.): Antifeminismus in Bewegung. Aktuelle Debatten um Geschlecht und sexuelle Vielfalt, Hamburg 2018.

Buchkritik „Allein unter Juden“ von Tuvia Teneboom


Der aus Israel stammende Autor war Mitte 2013 bis Anfang 2014 in Israel und hat darüber das Buch „Allein unter Juden“ geschrieben. Es ist eine Art Reise- und Undercover-Reportage, in denen Tenenboom von diversen Erlebnissen mit Israelis und PalästinenserInnen berichtet.
Tenenboom rechnet dabei immer wieder mit seinen Gesprächspartner*innen ab, stellenweise gerät das ziemlich polemisch. Doch Tenenboom hat mit vielen Recht und kitzelt aus ihnen die Wahrheit heraus. Dafür tritt er je nach Gegenüber als der Jude Tuvia oder der Deutsche Tobi auf. Durch seine Sprach-Kenntnisse (Hebräisch, Arabisch, Englisch und Deutsch) enttarnt er, dass viele seiner Gesprächspartner*innen häufig je nach anvisierten Publikum mehrere Versionen einer Geschichte parat haben. So haben viele palästinensischen VertreterInnen offenbar zwei Versionen, eine für AusländerInnen (u.a. für ausländische Journalist*innen) und eine weitere untereinander.
Besonders gerne macht sich Tenenboom über linke Intellektuelle lustig – er selbst bezeichnet sich als „trockener Intellektueller“. Tenenboom stellt auch israelische Linksintellektuelle bloß, die zwar für die Palästinenser*innen und Arme allgemein streitet, ohne aber im Alltag allzuviel Kontakt zu ihnen zu haben. Spöttisch merkt Tenenboom an:

„Interessanterweise scheinen die Linken in diesem Land mit seinen Reichen identisch zu sein. Wie das funktioniert, und warum, ist mir ein Rätsel.“

(Seite 110)
Außerdem hält Tenenboom die israelische Linke für naiv, da ihr Friedenswillen auf palästinensischer Seite bei vielen gar nicht auf echte Gegenliebe stößt. Von israelischen Linken wird der palästinensische Nationalismus und der häufig enthaltene Antisemitismus gerne ausgeblendet. So schildert Tenenboom, wie ein palästinensischer Teilnehmer einer Friedensreise ihm erst die Hand geben, nachdem er ihm versichert hat, dass er kein Jude sei. Finanziert wurde diese „Friedensreise“ übrigens von der CDU-nahen „Konrad-Adenauer-Stiftung“ mit 45.000 Euro.

Im eigenen nationalistischen Narrativ scheinen die Palästinenser*innen einer Art Minderwertigkeitskomplex zu erliegen, da sie mit der jüdischen Verfolgungsgeschichte ‚konkurrieren‘. Dadurch verstärken sie und ihre Unterstützer*innen die Opfererzählungen. Deswegen wird bei der Beschreibung der Lage der Palästinenser*innen gegenüber Tenenboom schnell ein „wie die Nazis“ oder „schlimmer als die Nazis“.
Andererseits sind bei viele Araber*innen die Deutschen überaus beliebt. Die Gegenwartsdeutschen geben viel Geld und die Vergangenheitsdeutschen sind sehr beliebt für ihren eliminatorischen Antisemitismus.

Darüber hinaus werden offenbar für die ausländischen Medien ganze potemkinsche Dörfer erbaut. Es werden Flüchtlingsunterkünfte gezeigt, deren Bewohner*innen ganz woanders und relativ komfortabel wohnt. Noch die Enkel- und Urenkelgeneration von 1948 Geflüchteten wird dazu angehalten, sich als Flüchtlinge zu begreifen und zu definieren.
Um das Bild vom underdog aufrecht zu erhalten, werden Auseinandersetzungen mit israelischen Soldat*innen nicht nur provoziert, sondern geradezu inszeniert.
Palästina gewinnt vielleicht derzeit nicht den Krieg, sehr wohl aber den Krieg der Bilder.

In Israel und den besetzten Gebieten agieren viele Stiftungen und NGOs, so dass schon von „NGO-Palästina“ die Rede ist. Vielen geht es nicht nur um Frieden, sondern auch um eine Diffamierung Israels. Sie agieren eindeutig propalästinensisch:

„Ich lernte dieser Tage mehr über Europa, als ich je wissen wollte. Je mehr ich in Israel unterwegs bin, desto öfter sehe ich sie: NGOs hier, NGOs da. Es schmerzt mich mitzuerleben, wie junge Europäer ausschließlich zu dem Zweck in dieses Land reisen, noch ein wenig mehr Hass auf die Juden in sich aufsaugen, als sie schon haben.“

(Seite 182)
Viele mit deutschen Geldern finanzierte Projekte wie Filme sind einseitig israelfeindlich und laut Tenenboom sogar antisemitisch:

„Brächten deutsche Fernseh- und Filmproduzenten solche Filme im eigenen Namen heraus, gäbe es einen Riesenaufschrei, und man würde sie – zu Recht – des Antisemitismus bezichtigen. Um diese Hürde zu umgehen, finanzieren gewitzte deutsche Produzenten Juden, damit sie die Drecksarbeit für sie erledigen.“

(Seite 438)
Auch kritisiert Tenenboom gerne die Friedensbewegung in und außerhalb Israels, ihre fehlende Kritikfähigkeit und ihre Selbstgerechtigkeit:

„Man kann, ich wiederhole: man kann Friedensfreunde nicht kritisieren. Sie haben das Monopol auf Mitgefühl und Wahrheit und bestehen unerschütterlich auf ihrem grundlegenden Menschenrecht, ihre Meinung zu sagen, ohne dass irgendjemand noch ein Sterbenswörtchen von sich geben darf, nachdem sie gesprochen haben.“

(Seite 333)
Doch nicht nur die nationalistische Palästinenser*innen, die Friedensbewegung und linke Israelis bekommen bei Tenenboom ihr Fett weg, ebenso christliche Zionisten und religiöse Juden, die wie US-Evangelikale auftreten und den Sündenerlass quasi verkaufen. Er schreibt auch über chassidische Sekten mit monarchistischen Dynastien, die vor menstruierenden Frauen warnen.

Manchen mag Tenenboom zu polemisch sein und man muss ihm und seiner Einschätzung auch nicht in jedem Detail zusatimmen, aber er hat doch mit vielen Recht und ist ein scharfer Beobachter und Kritiker.
Störend wirkt dass er manchmal etwas altmännernotgeil schreibt. Frauen werden viel eher als Männer nach ihrem Aussehen beurteilt und eine hübsche Frau ist dann bei ihm eine „sexy Lady“.
Wer über so etwas hinweg lesen kann, für die/den lohnt die Lektüre. Der Inhalt bewegt sich jenseits der tendenziell mehrheitlich israelfeindlichen Berichterstattung, die häufig die palästinensischen Darstellungen unkritisch übernimmt.

Tuvia Tenenboom: Allein unter Juden, Berlin 2014.