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Buchkritik „Inside AfD“ von Franziska Schreiber

Buch
Das in diesem Jahr erschienene Buch „Inside AfD“ von Franziska Schreiber wird im Untertitel als „Der Bericht einer Aussteigerin“. Ob Schreiber tatsächlich eine Aussteigerin ist, bleibt nach der Lektüre mehr als fraglich. Dazu weiter unten mehr.
Ausgestiegen ist sie aber unzweifelhaft aus der AfD, in welcher sie im Juni 2013 Mitglied wurde. Zehn Tage vor der Bundestagswahl 2017 ist sie dann nach einem Wahlaufruf zugunsten der FDP ausgetreten. Ihre eigene Partei war ihr unheimlich geworden.
Über ihre vier Jahre in der AfD hat Schreiber nun ein Buch von knapp 200 Seiten verfasst. Da Schreiber zeitweise sächsische Landesvorsitzende der „Jungen Alternative“ und sowohl im Team von Frauke Petry als auch im Büro von Marcus Pretzell, damals Europaabgeordneter für die AfD, mit arbeitete, kann sie der Leserin/dem Leser ein paar spannende Inneneinsichten geben.

Zuerst skizziert die Autorin ihre Biografie und wie sie über eine Politverdrossenheit und eine neoliberale Einstellung zur AfD findet. Durch den Personalmangel bedingt wird sie hier schnell stellvertretende und schließlich Landesvorsitzende der „Jungen Alternative“ (JA). In dieser Funktion verfasst sie große Teile des Programms der JA Sachsen.
Zwar behält Schreiber einige Interna für sich, so deutet sie beispielsweise wichtige SpenderInnen nur an. Trotzdem erfährt man durch die Lektüre einige Interna.

Der Skandal, dass der VS-Chef der AfD-Vorsitzenden Ratschläge gab, schaffte es durch Schreibers Buch ja in die Schlagzeilen. Konkret schreibt sie in ihrem Buch:

„Das Bundesamt für Verfassungsschutz sah das allerdings anders, Frauke Petry war schon im Herbst 2015 bewusst, dass die Partei in den Fokus des Inlandgeheimdiensts rückte. Dessen Chef, Hans-Georg Maaßen, wandte sich an sie, schrieb das Magazin Der Spiegel Monate später. Petrys Bestreben, den saarländischen Landesverband wegen Überschneidungen mit dem rechtsextremen Milieu auflösen aufzulösen, sei auf Hinweise des obersten Verfassungsschützers zurückzuführen. Petry hat dies öffentlich immer bestritten – auf Maaßens Wunsch hin.
Tatsächlich trafen sich die beiden mehrfach, sie sprach in meiner Gegenwart sehr wohlwollend von den Zusammenkünften und von ihm. Die beiden schienen so etwas wie Sympathie füreinander entwickelt zu haben. Viel wichtiger aber: Hans-Georg Maaßen signalisierte Petry, wenn die Partei mit einer Beobachtung durch den Verfassungsschutz zu rechnen hatte, und er sagte ihr, was sie dagegen tun müsse. Mindestens zweimal ging es dabei darum, dass der Parteivorstand ein Parteiausschlussverfahren gegen den Thüringer Rechtsaußen Björn Höcke einleiten müsse, weil sonst die Beobachtung und eine Nennung im Verfassungsschutzbericht unvermeidbar seien. Es sei nicht entscheidend, so erläuterte es Maaßen, dass es tatsächlich zu einem Ausschluss komme, sondern es gehe darum zu zeigen, dass der Bundesvorstand noch in der Lage sei, auf demokratische Weise Entscheidungen gegen solche Unruhestifter herbeizuführen.“

(Seite 15-16)
Dass trotz des Verbleibs von Höcke in der AfD, der Inlandsgeheimdienst die AfD unbeobachtet gelassen hat, zeigt übrigens das der VS ein politisches Instrument ist und keine festen Kriterien besitzt, wann eine Gruppe zum Beobachtungsobjekt wird.

Auch berichtet sie von Koalitionsplänen von der CDU und der AfD, sowohl in Sachsen-Anhalt, als auch in Thüringen:

„In Sachsen-Anhalt plädierten 2016 namenhafte Vertreter der CDU für eine schwarz-blaue Koalition. Ich arbeitete damals für die Fraktion und hörte von einem Vorgespräch zwischen den Vorständen beider Parteien. […] Es bedurfte eindringlicher Telefonate aus der Bundes-CDU, um das zu verhindern.“

(Seite 16)
Und in Sachsen gab es eine gegenseitige Annäherung im Internet:

„In der Facebook-Gruppe »Konservative in der CDU« vernetzten sich Angehörige der Union und der FDP mit solchen der AfD; alle wussten, wer welcher Partei angehörte, und wir kommunizierten ausgesprochen kollegial und freundschaftlich.“

(Seite 17)

Sie berichtet dass Depressionen Gauland mehrere Tage lahm legten:

„Dort traf sie auf eine aufgelöste Ehefrau. Gauland selbst lag mit schwersten Depressionen antriebslos im Bett.“

(Seite 71)

Sie berichtet vom Sexismus innerhalb der AfD, den sie durch Poggenburg selbst erfahren hat:

„Mir näherte er [Andre Poggenburg] sich von hinten, während ich, damals Vorstandsassistentin, bei der ersten Vorstandssitzung der sachsen-anhaltinischen Fraktion das Protokoll schrieb, schaute mir über die Schulter, dabei stützte er sich auf meinen unteren Rücken auf, die Hand glitt zwischen Bluse und Hose. Es war mir extrem unangenehm, aber ich hätte mich nicht wehren können, ohne einen Eklat auszulösen.“

(Seite 107)

Sie berichtet, wie sei selbst nach rechts rutschte und sich in einer Blase bewegte:

„In meinem alten Facebook-Profil mit fast 3000 AfD-Freunden bestanden die Neuigkeiten auf meiner Startseite nur aus Katastrophen und Skandalen – sie las sich ungefähr so ausgewogen wie der Stürmer“

(Seite 208-209)

In innerparteilichen Kämpfen wird hart gefochten. Schreiber berichtet, wie sie mit Anderen Luckes „Weckruf“-Kampagne mit Fakes-Facebook-Seiten attackierte.
Sie berichtet von der Binnenregeln in AfD und JA, die jegliche Kritik als Schwäche diffamierten. Eine Grenze nach rechts, gab es in der JA nicht. Rechte Taten wurden verwendet, um sich durch Erpressbarkeit zu integrieren:

„Treue beweist und Vertrauen gewinnt, wer etwas tut, was den Rückweg in die Mehrheitsgesellschaft verbaut. Ein Akzeptanzsuchender singt also auf der Rückfahrt vom Parteitag in der Bahn Landserlieder und zeigt den Hitlergruß, nimmt an einem IB-Protest teil oder überzieht den politischen Gegner mit Begriffen aus dem Tierreich. Aufzeichnungen solcher »Heldentaten« können später zur Denunziation von Abtrünnigen verwendet werden, weshalb die Bereitschaft dazu mit Respekt belohnt wird.“

(Seite 57)

Mehrmals schreibt sie das das offizielle Programm der AfD nicht (mehr) allzuviel über den Charakter der AfD aussagen könnte:

„Aber das Mitte 2016 verabschiedete Programm ist mittlerweile nicht mehr als ein Werbeplakat. Die wahren Absichten der heutigen Parteimitglieder werden von den schriftlich niedergelegten Zielen verdeckt, auf die man sich bei einem Parteitag einigte, als die Liberalen knapp in der Mehrheit waren. Das Programm der AfD camounfliert die wahren Ziele der Parteirechten, der heutigen Mehrheit. Es spiegelt das Stimmungsbild bei der Mehrheit der Partei nicht mehr wider.“

(Seite 97)

„Zu zentralen Fragen stehen im AfD-Programm Potemkinsche Dörfer, Fassaden, die mit der gelebten Welt der Wutbürger wenig bis nichts mehr zu tun haben […].“

(Seite 108)

„Es gibt aber ein ungeschriebenes Programm, das die geheimen Ziele der Partei versammelt, genau genommen des Teils, der inzwischen die Mehrheit stellt.“

(Seite 112)

Problematisch ist Schreibers komplette Kritiklosigkeit gegenüber Frauke Petry, ihrer ehemaligen Chefin, die sie offenbar ungebrochen bewundert.
Sie schreibt über ihre erste Begegnung mit Petry:

„Ich hatte meine politische und persönliche Mentorin gefunden.“

(Seite 42)
Außerdem gibt sie zu:

„Ich glaube ich war ein wenig in sie verliebt.“

(Seite 41)
Diese Schwärmerei hat Schreiber ganz offensichtlich nie abgelegt.

Sie stellt die AfD als Opfer des Rechtsrucks dar, fast schon als feindliche Übernahme.
Damit strickt sie strickt am Gründungsmythos der AfD als einer liberalen Partei mit und vergisst ein ‚national-‘ und ‚neo-‘ vor das ‚liberal‘ zu setzen. Genau das war Schreiber nämlich auch schon bei ihrem Eintritt: Eine Nationalneoliberale. So ist Schreiber keine komplette Aussteigerin aus der rechten rechten Ideologie, sondern erst einmal nur aus der AfD. Das merkt man, wenn sie etwa das „Zentrum für politische Schönheit“ als „gefährliche Brandstifter“ (Seite 183) bezeichnet.
Ironischerweise vertritt Schreiber damit den Kurs dessen Mannes (Lucke), den sie ihrer Chefin half 2015 zu stürzen. Sie lobt den Kurs unter Lucke, ist aber Parteigängerin Petrys.
Nicht der einzige Widerspruch im Buch.
Sie macht aus allen Macht- und Verteilungskämpfen inhaltliche Auseinandersetzungen und kann so Petry Höcke immer inhaltlich gegenüberstellen. Dabei ignoriert sie, dass es bei den Streitereien in der AfD nicht nur um Inhalte, sondern auch um Macht ging und geht.
Höcke sieht sie als kommenden Vorsitzenden der AfD, glaubt also das dieser seine Zurückhaltung irgendwann aufgeben und nach dem Vorsitz greifen wird.

Das Buch enthält neben einigem Neuen, auch viel Bekanntes. Der Preis ist gemessen an der Seitenzahl nicht billig. Trotzdem kann die Lektüre sowohl Kenner*innen als auch AfD-Unerfahrene nochmal mit mehr Informationen versorgen. Aber eher mit interessanten Details und Episoden als mit einer reflektierten Analyse.

Franziska Schreiber: Inside AfD. Der Bericht einer Aussteigerin, München 2018.

Buchkritik „Rosenjahre“ von Jasmin Tabatabai

Buch
Das Buch „Rosenjahre. Meine Familie zwischen Persien und Deutschland“ (Berlin, 2011) ist eine Art Mix aus Biografie und Autobiografie. Die 1967 geborene Autorin beschreibt darin das Leben ihrer Mutter und ihr eigenes in einem Zeitraum von 1956 bis 1978.
Im Jahr 1956 lernt in München nämlich die 18-jährige Rosemarie „Rose“ Otterbach den knapp 30-jährigen Modjtaba „Taba“ Tabatabai kennen, einen persischen Maschinenbaustudenten.
Rose wächst in München-Schwabing auf und wird aufgezogen von ihrer alleinerziehenden Mutter. Es ist ein einfaches und von Armut geprägtes Leben. Doch Rose ist anders als viele anderen Mädchen in ihrem Alter. Sie interessiert sich für ferne Länder und andere Sprachen, ebenso wie sie auch archäologisch interessiert ist.
Vorsichtig entwickelt sich zwischen Taba und Rose eine Liebesbeziehung. Anfangs so prüde wie es in der damaligen Adenauer-Zeit möglich war.
Als Taba 1957 in seine Heimat zurück muss folgt Rose ein halbes Jahr später seinen Bitten und Drängen und besucht ihn dort. Aus geplanten ein oder zwei Monaten werden mehrere Monate samt Heirat. Die geschwisterlos aufgewachsene Rose wird liebevoll von der Großfamilie Tabas aufgenommen. Diese ist sehr liberal eingestellt und gehört zur oberen Mittelschicht des Landes. Trotz des liberalen Zuschnitts, gibt es auch in dieser Familie eine familiäre Hierarchie, nach der das Familienoberhaupt der älteste Mann ist.
Nach einer Eingewöhnungszeit in Teheran geht das Paar im Januar 1958 nach Norden, wo Taba mit seinem Bruder bei der Stadt Gorgau einen landwirtschaftlichen Betrieb gegründet hat. Für die Arbeiter*innen haben sie sogar ein eigenes Dorf gegründet. Diese behandeln sie nach kapitalistischen Maßstäben fair. Trotzdem ist Taba der Agha. Andernorts herrscht noch der traditionelle Rassismus vor, von dem Rose schockiert ist:

„Es war das erste Mal, dass Rose ihre neue Heimat von einer Seite kennenlernte, die ihr gar nicht gefiel. Eine Seite jenseits der geschichtsträchtigen Städte, der iranischen Gastfreundschaft und der schönen Landschaften. Es war erschreckend, wie sehr das Wohl der Menschenhier noch vom Wohlwollen ihres Herrn und Brotgebers abhing.“

(Seite 143)
Rose gewöhnt sich gut in die iranische Gesellschaft ein. Nichtsdestotrotz kommt es anfangs immer wieder zu kulturell geprägten Missverständnissen.
Beeindruckt ist Rose von den selbstbewussten Frauen der iranischen Mittelschicht und der allgemeinen Wertschätzung für Gedichte.
Insgesamt bekommt das Paar vier Kinder, darunter zuletzt die Autorim. Das Buch hat eine feministische Tendenz, da es immer wieder das Patriarchat in der iranischen Gesellschaft kritisiert, etwa die Höherbewertung des männlichen Nachwuchs.
Die Kinder wachsen zweisprachig auf, gehen in Teheran auf die deutsche Schule und die Eltern besuchen immer wieder Deutschland. Von Oktober 1963 bis Oktober 1964 lebt die gesamte Familie im bayrischen Augsburg. Danach kehren sie in den Iran zurück.
Der Iran der 1970er ist zumindest im Teheraner Bürgertum sehr westlich und liberal geprägt:

„Teheran war in den siebziger Jahre eine moderne, wenn nicht die modernste Stadt im Nahen Osten. Kinos, Bars, Discos, Männer mit langen Koteletten und in Schlaghosen, Frauen im Minirock und unverschleiert – so etwas gab es dort.“

(Seite 254)
Bereits 1963 erlangten Frauen im Iran das Wahlrecht – noch vor den Frauen in der Schweiz.
Doch dann beginnen die Proteste gegen das autokratische Regime des Schahs.

Symbolfigur des Gegenprotests wird der Islamist Chomeini, den auch viele Nicht-Islamist*innen unterstützen:

„Aber egal, wie man es dreht und wendet: Es ist erstaunlich, wie viele hochintelligente und gebildete Menschen damals ihren Verstand ausgeschaltet hatten und auf Chomeini hereinfielen. Kommunisten und Demokraten, alle gingen für ihn auf die Straße. Selbst Frauenrechtlerinnen. Wenn man sie heute darauf anspricht, behaupten dieselben: »Der Schuft hat uns betrogen und falsche Versprechungen von Demokratie gemacht.«
Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Chomeini hat von Anfang an deutlich gemacht, was er plante: eine islamische Republik, die Rückkehr zu Scharia, der islamischen Rechtsprechung, und den »Heiligen Krieg«. All das hatte er gleich zu Beginn in seinen Reden und Schriften proklamiert. Sie haben ihm einfach nicht genau zugehört oder nicht genau zuhören wollen.“

(Seite 272)
Rose und ihre Kinder gehen im Dezember 1978 sicherheitshalber nach Westdeutschland. Aus dem nur kurz geplanten Exil wird ein dauerhaftes. Sie kehren nie zurück. Nur der Vater versucht erfolglos sein Landgut zurück zu erhalten.
Der Iran ändert sich schnell:

„In der Schule mussten die Kinder jetzt zum Morgenappell täglich »Tod Amerika! Tod Israel« skandieren, und selbst zu Hause mussten die Erwachsenen mehr denn je aufpassen, worüber sie sprachen, da die Schüler angehalten wurden, ihre Angehörigen auszuspionieren und den Lehrern jedes Fehlverhalten zu melden. Selbst in den Kindergärten gab es regelrechte Verhöre der Kleinen. Dabei wurde perfide raffiniert vorgegangen, indem Erzieherinnen den Kindern einen Satz Spielkarten zeigten und fragten, wer so etwas schon einmal im Elternhaus gesehen hatte. Jede Art von Glücks- oder Kartenspiel war unter der neuen Regierung verboten, und so fand man über die Kinder heraus, in welchen Haushalten man sich nicht an dieses Gesetz hielt. Nicht selten kam es anschließend zu Razzien in den elterlichen Wohnungen.“

(Seite 278)

Das Buch ist spannend geschrieben und man erfährt manches über den Iran vor der Islamischen Revolution. Sympathisch sind auch die feministisch geprägten kritischen Untertöne. Der unangekündigte Wechsel zwischen Mutter- und Tochter-Perspektive verwirrt manchmal ein wenig.
Trotzdem eine Leseempfehlung!

Jasmin Tabatabai: Rosenjahre. Meine Familie zwischen Persien und Deutschland, Berlin 2011.

Buchkritik „Zwanzig Lewa oder tot“ von Karl-Markus Gauß

Der österreichische Reiseschriftsteller Karl-Markus Gauß schreibt in der Tradition eines Egon Erwin Kisch. Er nimmt seine Leser*innen in seinem Buch „Zwanzig Lewa oder tot“ (Wien, 2017) mit in die eher unbekannte Ecken Osteuropas. Es geht nach Moldawien, in die nordserbische Vojvodina, in die kroatische Hauptstadt Zagreb und nach Bulgarien.

Buch

Moldawien, das frühere Bessarabien, ist das ärmste Land Europas. Hier gibt es auch die schlechtesten Straßen Europas. Trotzdem oder gerade auf Grund seiner touristischen Unerschlossenheit findet Gauß Gefallen an dem Land. Er reist auch in das seit 1992 von Moldawien de facto abgespaltene Transnistrien und in die autonome Region der Gagausen, ein kleines Turkvolk, welches aber christlich-orthodox ist.
Im Gegensatz zu den antiziganistischen Klischees berichtet er vom sozialen Aufstieg der bessarabischen Roma in Soroca durch Hausiererhandel in der realsozialistischen Mangelwirtschaft. Diese Gruppe stellte den ersten Millionär in der Sowjetunion. Der relative Wohlstand schlug sich auch im Bau von großen Häusern nieder, die im Volksmund als „Zigeunerpaläste“ bezeichnet werden.
Im Gegensatz dazu steht seine Beschreibung des Roma-Viertel Stolipinovo im bulgarischen Plodiv. Es ist der größte Roma-Slum Europas, bewohnt von türkischsprachigen mehrheitlich muslimischen Roma. Trotz der Anfeindungen durch die bulgarisch-christliche Mehrheitsgesellschaft sieht Gauß hier noch Hoffnung bei den Bewohner*innen.
Überhaupt ist es Gauß anzurechnen dass er auch nach dem Schicksal angefeindeter und verfolgter Minderheiten schaut. So enthält das Buch auch jüdische Geschichten aus Moldawien, Bulgarien und der Vojvodina.

Das sympathische an Gauß ist, dass er nationale Mythen kritisch hinterfragt, etwa die nationalistische Wende in Zagreb. Der Nationalismus hat mit seinem Erstarken in Osteuropa nach 1990 viel zerstört, wie etwa in der Vojvodina:

„Wie in jeder Region, die ins Räderwerk der Gewalt und Gegengewalt, der Verfolgung und Rache geriet und ihm mit einem Donnerschlag der ethnischen Purifizierung zu entkommen versuchte, hat es auch der Wojwodina lange nachwirkenden Schaden zugefügt, dass das jahrhundertealte Ineinander der Nationen und Nationalitäten zerschlagen wurde.“

(Seite 97)
Er kritisiert auch den Staatssozialismus und die durch ihn verursachten Verwerfungen, wie auch die Schneisen, die der Nach-Wende-Kapitalismus durch Moldawien geschlagen hat.
Für Moldawien etwa analysiert er, wie sich korrupte parteikommunistische, nationalrumänische und liberale Regierungen abwechseln. Das EU-Gelder versickern ist eher die Ausnahme denn die Regel. Doch Gauß hat auch berechtigte Kritik an den Auswirkungen am EU-Sparregime und an der Einflussnahme der EU. So schreibt er:

„Um in Vorverhandlungen über Verhandlungen zum Beitritt in die Europäische Union einzutreten, hat die Moldau die grenze zum Unionsmitglied Rumänien aufrüsten müssen, auf dass niemand über dieses Land und diesen Fluss in die Union gelangen könne. Die Moldau selbst hat überhaupt nichts davon, dass sie sich von der Union und für die Union zum Grenzwächter abkommandieren ließ. Aber sie muss den Grenzwächter spielen, um mit der Union im Gespräch zu bleiben, und sie spielt ihn gewissenhaft. Überall im Lande rosteten die industriellen und landwirtschaftlichen Maschinen der einstigen Kombinate dahin; allein dieser Kampftrupp war technologisch mit Computern, Nachtbildkameras, Maschinengewehren auf den Unionsstandard AI-plus gebracht worden.“

(Seite 57)
Die EU profitiert noch auf andere Weise von Moldawien. Besonders die arbeitsfähige Generation moldawischer Frauen verdingen sich im Westen, in Russland oder die turksprachigen Gagausinnen in Istanbul als billige Arbeitskräfte. Deswegen wird in Moldawien eine ganze Generation von ihren Großeltern aufgezogen, weil die Mütter und Väter fast das ganze Jahr über im Ausland arbeiten müssen.
Nicht ganz so schlimm, aber auch nicht viel besser ist es in Kroatien, wie Gauß feststellt:

„Das Versprechen der Freiheit, die ihnen in Europa blühen werde, hatte sich für sie nur zur Hälfte erfüllt, denn konnten sie sich jetzt auch in Deutschland oder Dänemark um einen Job bewerben, mussten sie, wenn sie das nicht wollten, als Akademikerinnen von mehr als dreißig Jahren doch im Wohnzimmer der Eltern wohnen, das abends nach dem Fernsehen zu ihrem Schlafzimmer umgebaut wurde.“

(Seite 140)

Das Buch liest sich flott und unterhaltsam. Es macht Lust die beschriebenen Länder zu bereisen. Mit über 20 Euro für etwa 200 Seiten ist der Preis aber etwas hoch.

Karl-Markus Gauß: Zwanzig Lewa oder tot, Wien 2017.

Buchkritik „Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee

Buch

Das Buch „Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee, bürgerlich Nelle Lee (1926-2016), mit dem Originaltitel „To Kill a Mockingbird“ erschien erstmals 1960 in den USA. Bis heute verkaufte sich dieser antirassistische Roman über 40 Millionen Mal und gilt schon längst als Klassiker. Trotzdem besitzt er bis heute Aktualität.
Die Autorin hat für ihr Buch offenbar viel Material aus ihrer eigenen Biografie verwendet. Sie ist in der Stadt Monroeville als Tochter eines liberalen Rechtsanwaltes aufgewachsen. Der Roman schildert das Leben in dem fiktiven Kleinstädtchen Maycomb im südlichen Alabama in den 1930er Jahren aus Sicht der Erzählerin Scout, Tochter eines liberalen und humanistisch eingestellten Rechtsanwaltes namens Atticus Finch. Dieser übernimmt die Verteidigung des Schwarzen Tom Robinson, dem zu Unrecht die Vergewaltigung einer weißen Frau vorgeworfen wird. Fortan ist er als „Niggerfreund“ sozial geächtet und Angriffen ausgesetzt. Auch seine beiden Kinder leiden darunter. Die kindliche Ich-Erzählerin verteidigt ihren Vater und ihren Bruder, zweifelt aber anfangs auch an der Haltung ihres Vaters:

„»Atticus, du musst dich irren.«
»Wieso?«
»Weil die meisten Leute denken, dass du dich irrst …«
»Sie sind durchaus berechtigt, so zu denken, und sie können auch verlangen, dass wir ihre Meinung respektieren. Aber bevor ich mit anderen leben kann, muss ich mit mir selber leben. Das Einzige, was sich keinem Mehrheitsbeschluss beugen darf, ist das menschliche Gewissen.«“

(Seite 170)
Es ist realistisch, dass Atticus zu dieser Zeit und an diesem Ort letztendlich in seiner guten Mission scheitert, denn der Angeklagte ist schwarz und die Jury weiß:

„Atticus hatte, um Tom Robinson zu retten, jedes Mittel benutzt, das freien Männern zur Verfügung steht, doch in den geheimen Gerichtshöfen des menschlichen Herzens war er als Verteidiger nicht zugelassen.“

(Seite 384)

Die bereits erwähnte Scout, ist am Buchanfang sechs Jahre alt und am Ende acht, hat einen zehn- bzw. zwölfjährigen Bruder, Jem. ‚Scout‘ heißt eigentlich Jean Louise und hat keine Lust darauf, die typische Mädchenrolle einzunehmen. Sie läuft in Hosen herum – damals sehr unüblich – und prügelt sich wie ein Junge. Die liberale Erziehung des Witwers Atticus Finch ermöglichen ihr diese Freiheiten. Unwissende Leser*innen bemerken auch erst nach einiger Zeit das Scout ein Mädchen ist. Dieser Wildfang in Latzhose kann auch nicht durch ihre später hinzugezogene Tante Alexandra gebändigt werden:

„Tante Alexandria war, was meine Kleidung betraf eine Fanatikerin. Ihr zufolge bestand für mich keine Hoffnung eine Lady zu werden, solange ich Hosen trug. Auf meinen Einwand, in einem Kleid könne ich nichts unternehmen, antwortete sie, ich solle ja auch nichts unternehmen, wozu man Hosen brauche.“

(Seite 133)
Sie will einfach keine Lady sein. Ihr Vater lässt ihr das durchgehen, denn er ist anders als andere Väter. Er ist ein – im besten Sinne dieses Wortes – weichherziger Intellektueller, der sich irgendwann dazu entschieden hat, nicht zu hassen. So behandelt er auch seine schwarze Köchin Calpurnia menschlich. Zu dieser Zeit im tiefen Süden der USA eine Ausnahme.
Als Dritter zu dem Geschwisterpaar gesellt sich noch der Feriengast ‚Dill“ dazu, dem Lee die Züge des mit ihr befreundeten Truman Capote gegeben hat.

In dem Buch wird kritisch der Rassismus thematisiert, aber ebenso werden, wie dargestellt, in dem Buch auch Geschlechterrollenbilder hinterfragt. Es ist somit nicht nur ein antirassistischer, sondern auch ein feministischer Klassiker.
Neben den Geschlechterrollen und dem Nebeneinanderleben von Schwarzen und Weißen werden weitere Gegensätze thematisiert, etwa ein Stadt-Land-Gegensatz bzw. der Gegensatz von Arm und Reich. Die Kleinstadt-Südstaatenristokratie, im Buch als „angesehene Familien“ beschrieben, schaut verächtlich auf die weiße Unterschicht in der Stadt und die kulturell andersartigen und verarmten Weißen, die auf dem Land und in den Wäldern wohnen.
Auch Religion spielt eine große Rolle, immerhin spielt die Geschichte in den 1930ern im so genannten „Bible Belt“:

„»Du bist zu jung, um das zu verstehen, aber manchmal ist die Bibel in der Hand eines bestimmten Mannes schlimmer als eine Flasche Whisky […]«“

(Seite 77)

Die Sprache ist dicht und schön. Die naive Perspektive von Scout überzeugt meist, auch die dabei verwendeten Metaphern lesen sich gut, wie etwa die folgende:

„Wenn ich mit Francis sprach, hatte ich immer das Gefühl, ich sänke langsam auf den Grund des Ozeans. Er war das langweiligste Kind, das mir je begegnet ist.“

(Seite 133)

Wer das Buch noch nicht kennt, die/der sollte es unbedingt lesen!

Harper Lee: Wer die Nachtigall stört, Hamburg 3. Auflage 2017.

Kurzrezension „Waffenwetter“ von Dietmar Dath


Dietmar Dath hat 2007 den Roman „Waffenwetter“ veröffentlicht. In ihm schreibt er konsequent aus der Sicht von Claudia, einer 18-Jährigen kurz vor dem Abitur. Der Blick in den Kopf eines weiblichen Teenagers scheint durchaus authentisch.
Claudia Opa Konstantin ist ein alter Parteikommunist und Stalin- und Lenin-Anhänger, der in seiner ausgestorbenen Parallelwelt lebt:

„»ich bin ja korrespondierendes mitglied der nichtexistenten internationale.« […] wir treiben in verschiedenen kleinstarchen auf dem meer der unwissenheit, des verrats, ach, warum nicht klassisch: des irrtums, und schicken einander brieftauben.“

(Seite 79)
Ironischerweise ist Konstantin gleichzeitig Millionär. Dass der Kommunisten-Opa Millionär ist, mutet wie Satire an. Wer aber weiß dass die stalinistische MLPD zweimal die höchste Einzelparteispende erhalten hat, weiß dass es auch reiche SympathisantInnen von K-Parteien gibt.
Konstantin plant mit seiner Enkelin eine Reise nach Alaska, wo eine angebliche Wetterwaffe namens HARP ihren Standort hat. Diese will der Opa mit seiner Enkelin untersuchen.
Die hat aber auch noch andere Probleme, u.a. hat sie einen älteren „heimlichen geliebten“.

Die Buchstaben sind konsequent klein geschrieben und Sätze brechen oft unvermittelt ab. Das soll den authentischen Teenager-Gedankengang untermalen.
Dath hat immer wieder ein paar schöne Sätze wie die folgenden:

„die zwei wachmänner vor dem lebensmittelladen gucken osterinselkopfmäßig steinern zu uns her, […]“

(Seite 106)

„warum schauen wir der welt noch zu? weil wir die fernbedienung verloren haben.“

(Seite 205)
Auch einzelne Worte wie „französischerfilmschmollmund“ oder „karojackenvater“ sind richtige Perlen.
Trotzdem kann der Roman nicht so richtig zur Lektüre empfohlen werden. Er wird in der zweiten Hälfte immer wirrer und die Fight-Club-mäßige Auflösung des Ganzen überzeugt nicht wirklich.

* Dietmar Dath: Waffenwetter, 2007