Archiv der Kategorie 'ungefragt-kommentiert-informiert'

Kurzrezension „Happy birthday, Türke!“ von Jakob Arjouni

Mit seinem Krimi „Happy birthday, Türke!“ hat Jakob Arjouni eine solide Krimikost vorgelegt.
Hauptermittler ist Kemal Kayankaya, ein in Deutschland sozialisierter aus der Türkei stammender Mann, der ein ziemliches Alkoholproblem hat. Er ist ‚Privatschnüffler‘. Damit ermittelt mal nicht der typische eigenbrötlerische (Ex-)Kommissar, wie in so vielen anderen Krimis.
Der Krimi stammt aus dem Jahr 1985 spielt auch in den 1980er Jahren. In der Türkei herrscht noch die Militärdiktatur und die DDR liegt noch irgendwo im Ausland. Handlungsort ist Frankfurt/Main. Kayankaya ermittelt hier auch im Rotlichtbezirk:

„Helles, saftiges Neon, Zentnerbusen, orgiastisch grunzende Frauen in Öl, rosa kolorierte Arschberge zogen sich links und rechts die Häuserwände entlang.“

(Seite 44)
Da Kayankaya von allen ständig als „Türke“ oder „Ausländer“ wahr genommen wird, wird er ständig mit Alltagsrassismus konfrontiert
Er ist auf der Suche nach den Mördern von Ahmed Hamul, einem Türken, der erstochen wurde. Beauftragt hat ihn dessen Ex-Frau.
Insgesamt ein guter und authentischer Krimi. Die Authentizität wird auch durch den Einsatz des hessischen Dialekts erzeugt. Arjouni kann gut (be-)schreiben, wie folgendes Beispiel zeigt:

„Er hatte den Ton eines aufstrebenden Offiziers, der einen Gefreiten wegen ungebügelter Hosen zur Sau macht. Seine Zähne hackten die Wörter am Ende scharf ab. Ich fürchtete, er könnte sich aus Versehen die Zunge abbeißen.“

(Seite 79)

* Jakob Arjouni: Happy birthday, Türke!, Hamburg 1985

Buchkritik „Antifeminismus in Bewegung“

Juliane Lang und Ulrich Peters haben dieses Jahr den Sammelband „Antifeminismus in Bewegung“ über „Aktuelle Debatten um Geschlecht und sexuelle Vielfalt“ herausgegeben.
In der Einführung schreiben die beiden zu den Geschlechterverhältnissen und den Rekurs von AntifeministInnen auf eine angebliche Naturgegebenheit:

„Dass Geschlechterverhältnisse nie »naturgegeben«, sondern immer Ergebnis sozialer Aushandlungen waren, wird von den Protagonist/innen zurückgewiesen – um die sozialromantische Erzählung eines in sich harmonischen Friedens zwischen den Geschlechtern zu verbreiten, der durch moderne Dekadenzen in Form feministischer Politiken der Vielfalt geschlechtlicher, sexueller und familialer Lebensweisen zerstört würde.“

(Seite 15)
Einzelne Kapitel beschäftigen sich mit dem Ideologem vom „Volkstod“, mit dem Magazin COMPACT als „anifeministischen Diskursorgan“, der „‘Lebesschutz‘-Bewegung in Deutschland“ oder dem Thema „Antifeministische und antimuslimische Homofreundlichkeit in der Alternative für Deutschland“. Zum letztgenannten Phänomen heißt es im Buch:

„Homofreundliche Positionen, die in der AfD zu finden sind, zeugen von der Vereinbarkeit unterschiedlicher Positionen mit einer Gesamtpartei, die auf eine rassistische und heteronormative Agenda setzt. Sie sind zu erklären als ein Ausdruck dieses zeitgenössischen Nationalismus. Solange die Akzeptanz Homosexueller den thematischen Schwerpunkten der AfD (Euroskepsis, strenge Zuwanderungspolitik, Geschlechterkonservatismus) nicht widerspricht – ja sie sogar bestätigt – nutzt sie der AfD, um ernst genommen zu werden.“

(Seite 154-155)
Weitere Kapitel beschäftigen sich mit „Antifeministischen Positionen im österreichischen Männerrechtsdiskurs“, „Antifeminismus bei deutschnationalen Burschenschaften“, dem „Verhältnis von Antifeminismus zum Antisemitismus“, der Debatte um geschlechtergerechte Sprache und „Hass-Kampagnen und Silencing im Netz“.
In dem Abschnitte über die „Folgen antifeministischer Diskursinterventionen“ geht es um „Pädagogisches Handeln in Zeiten antifeministischer Organisierungen und Stimmungsmache“, sowie um die „Präventionsarbeit und Beratung männlicher Betroffener sexueller Gewalt unter den Eindrücken antifeministischer Diskurse“.

Ein Schwerpunkt des Bandes liegt auf dem antifemistischen Feindbild ‚Genderismus‘, welches seit dem Sommer 2006 als Kampagne gegen die vermeintliche „Gender-Ideologie“ in Erscheinung tritt.
Antifeminismus ist, so betonen die Autor*innen, eng verbunden mit einem Geschlechterkonservatismus, dessen Aufbrechen bei den Konservativen eine Verfallserzählung und -angst anfacht.
Klar wird auch, dass der Antifemininismus sich modernisiert hat. Er hat kaum mehr ein reines „Zurück an den Herd!“-Programm, sondern tritt moderner und vielfältiger auf. Trotzdem geht er weiterhin von einer Wesenhaftigkeit von Geschlecht aus.
Es wird klar, dass Antifeminismus sich im Auftreten und Inhalt stark ausdifferenziert hat. Der starke Österreich-Fokus mehrerer Beiträge könnte für Leser*innen aus Deutschland diese Kapitel möglicherweise nicht so interessant machen.
Auch als Einstiegslektüre ist das Buch auf Grund seines analytischen Tiefgangs und seines Anspruchs eher ungeeignet. Für mit dem Thema Vertraute ist der Band dagegen eine wichtige und aktuelle Ergänzung zum Thema.
Insgesamt ist das Buch ein Sammelband mit lehrreicher Lektüre, die den derzeitigen Wissensstand zum Thema Antifeminismus wieder gibt.

Juliane Lang, Ulrich Peters (Hg.): Antifeminismus in Bewegung. Aktuelle Debatten um Geschlecht und sexuelle Vielfalt, Hamburg 2018.

Buchkritik „Allein unter Juden“ von Tuvia Teneboom


Der aus Israel stammende Autor war Mitte 2013 bis Anfang 2014 in Israel und hat darüber das Buch „Allein unter Juden“ geschrieben. Es ist eine Art Reise- und Undercover-Reportage, in denen Tenenboom von diversen Erlebnissen mit Israelis und PalästinenserInnen berichtet.
Tenenboom rechnet dabei immer wieder mit seinen Gesprächspartner*innen ab, stellenweise gerät das ziemlich polemisch. Doch Tenenboom hat mit vielen Recht und kitzelt aus ihnen die Wahrheit heraus. Dafür tritt er je nach Gegenüber als der Jude Tuvia oder der Deutsche Tobi auf. Durch seine Sprach-Kenntnisse (Hebräisch, Arabisch, Englisch und Deutsch) enttarnt er, dass viele seiner Gesprächspartner*innen häufig je nach anvisierten Publikum mehrere Versionen einer Geschichte parat haben. So haben viele palästinensischen VertreterInnen offenbar zwei Versionen, eine für AusländerInnen (u.a. für ausländische Journalist*innen) und eine weitere untereinander.
Besonders gerne macht sich Tenenboom über linke Intellektuelle lustig – er selbst bezeichnet sich als „trockener Intellektueller“. Tenenboom stellt auch israelische Linksintellektuelle bloß, die zwar für die Palästinenser*innen und Arme allgemein streitet, ohne aber im Alltag allzuviel Kontakt zu ihnen zu haben. Spöttisch merkt Tenenboom an:

„Interessanterweise scheinen die Linken in diesem Land mit seinen Reichen identisch zu sein. Wie das funktioniert, und warum, ist mir ein Rätsel.“

(Seite 110)
Außerdem hält Tenenboom die israelische Linke für naiv, da ihr Friedenswillen auf palästinensischer Seite bei vielen gar nicht auf echte Gegenliebe stößt. Von israelischen Linken wird der palästinensische Nationalismus und der häufig enthaltene Antisemitismus gerne ausgeblendet. So schildert Tenenboom, wie ein palästinensischer Teilnehmer einer Friedensreise ihm erst die Hand geben, nachdem er ihm versichert hat, dass er kein Jude sei. Finanziert wurde diese „Friedensreise“ übrigens von der CDU-nahen „Konrad-Adenauer-Stiftung“ mit 45.000 Euro.

Im eigenen nationalistischen Narrativ scheinen die Palästinenser*innen einer Art Minderwertigkeitskomplex zu erliegen, da sie mit der jüdischen Verfolgungsgeschichte ‚konkurrieren‘. Dadurch verstärken sie und ihre Unterstützer*innen die Opfererzählungen. Deswegen wird bei der Beschreibung der Lage der Palästinenser*innen gegenüber Tenenboom schnell ein „wie die Nazis“ oder „schlimmer als die Nazis“.
Andererseits sind bei viele Araber*innen die Deutschen überaus beliebt. Die Gegenwartsdeutschen geben viel Geld und die Vergangenheitsdeutschen sind sehr beliebt für ihren eliminatorischen Antisemitismus.

Darüber hinaus werden offenbar für die ausländischen Medien ganze potemkinsche Dörfer erbaut. Es werden Flüchtlingsunterkünfte gezeigt, deren Bewohner*innen ganz woanders und relativ komfortabel wohnt. Noch die Enkel- und Urenkelgeneration von 1948 Geflüchteten wird dazu angehalten, sich als Flüchtlinge zu begreifen und zu definieren.
Um das Bild vom underdog aufrecht zu erhalten, werden Auseinandersetzungen mit israelischen Soldat*innen nicht nur provoziert, sondern geradezu inszeniert.
Palästina gewinnt vielleicht derzeit nicht den Krieg, sehr wohl aber den Krieg der Bilder.

In Israel und den besetzten Gebieten agieren viele Stiftungen und NGOs, so dass schon von „NGO-Palästina“ die Rede ist. Vielen geht es nicht nur um Frieden, sondern auch um eine Diffamierung Israels. Sie agieren eindeutig propalästinensisch:

„Ich lernte dieser Tage mehr über Europa, als ich je wissen wollte. Je mehr ich in Israel unterwegs bin, desto öfter sehe ich sie: NGOs hier, NGOs da. Es schmerzt mich mitzuerleben, wie junge Europäer ausschließlich zu dem Zweck in dieses Land reisen, noch ein wenig mehr Hass auf die Juden in sich aufsaugen, als sie schon haben.“

(Seite 182)
Viele mit deutschen Geldern finanzierte Projekte wie Filme sind einseitig israelfeindlich und laut Tenenboom sogar antisemitisch:

„Brächten deutsche Fernseh- und Filmproduzenten solche Filme im eigenen Namen heraus, gäbe es einen Riesenaufschrei, und man würde sie – zu Recht – des Antisemitismus bezichtigen. Um diese Hürde zu umgehen, finanzieren gewitzte deutsche Produzenten Juden, damit sie die Drecksarbeit für sie erledigen.“

(Seite 438)
Auch kritisiert Tenenboom gerne die Friedensbewegung in und außerhalb Israels, ihre fehlende Kritikfähigkeit und ihre Selbstgerechtigkeit:

„Man kann, ich wiederhole: man kann Friedensfreunde nicht kritisieren. Sie haben das Monopol auf Mitgefühl und Wahrheit und bestehen unerschütterlich auf ihrem grundlegenden Menschenrecht, ihre Meinung zu sagen, ohne dass irgendjemand noch ein Sterbenswörtchen von sich geben darf, nachdem sie gesprochen haben.“

(Seite 333)
Doch nicht nur die nationalistische Palästinenser*innen, die Friedensbewegung und linke Israelis bekommen bei Tenenboom ihr Fett weg, ebenso christliche Zionisten und religiöse Juden, die wie US-Evangelikale auftreten und den Sündenerlass quasi verkaufen. Er schreibt auch über chassidische Sekten mit monarchistischen Dynastien, die vor menstruierenden Frauen warnen.

Manchen mag Tenenboom zu polemisch sein und man muss ihm und seiner Einschätzung auch nicht in jedem Detail zusatimmen, aber er hat doch mit vielen Recht und ist ein scharfer Beobachter und Kritiker.
Störend wirkt dass er manchmal etwas altmännernotgeil schreibt. Frauen werden viel eher als Männer nach ihrem Aussehen beurteilt und eine hübsche Frau ist dann bei ihm eine „sexy Lady“.
Wer über so etwas hinweg lesen kann, für die/den lohnt die Lektüre. Der Inhalt bewegt sich jenseits der tendenziell mehrheitlich israelfeindlichen Berichterstattung, die häufig die palästinensischen Darstellungen unkritisch übernimmt.

Tuvia Tenenboom: Allein unter Juden, Berlin 2014.

Buchkritik „Die stärksten Verbündeten des Westens“ von Stefanie Birkholz

Buch
Letztes Jahr erschien im Konkret-Literaturverlag das Buch „Die stärksten Verbündeten des Westens“ mit dem Untertitel „Der Antibolschewistische Block der Nationen 1946-1996“ von Stefanie Birkholz.
Der „Antibolschewistischer Block der Nationen“ (ABN) wurde 1946 gegründet und hatte seinen Sitz in München. In ihm organisierten sich antikommunistische Emigrantenkreise, die vor 1945 zumeist mit den Deutschen kollaboriert hatten und/oder die selbst eine faschistischen Ideologie vertreten hatten. Häufig hatten diese Gruppen vor 1945 von den Nationalsozialisten unabhängige ethnische Säuberungs- und Vernichtungsprogramme propagiert und umgesetzt. Die Kriegsniederlage spülte viele dieser NationalistInnen und FaschistInnen nach Westeuropa.
Hier wurden sie unter den Vorzeichen des Kalten Krieges von der Bundesrepublik, Großbritannien und den USA bzw. deren Geheimdiensten BND, M16 (bis 1954) und CIA bzw. dessen Vorläufer CIC subventioniert und vor Verfolgung geschützt.
Die Autorin verweist darauf, dass die ABN-Mitgliedsorganisation „Organisation Ukrainischer Nationalisten“ (OUN) in Westdeutschland mit CIC-Hilfe wohl bis zu 100 Personen, u.a. in Displaced-Persons-Lagern in Mittenwald und Regensburg, ermordete. Während es dem US-Geheimdienst CIC um die Ausschaltung von KommunistInnen ging, nutzte die OUN eher die Unterstützung für die Ausschaltung der Konkurrenz im eigenen Lager und von Mitwissern.
Die Hoch-Zeiten des Einflusses des ABN waren in den 1950er und 1960er Jahren und in den 1980er Jahren. Im Jahr 1983 traf Stetzko sogar den US-Präsidenten Ronald Reagan und 1984 hielt er eine Rede vor dem US-Congress.
Der ABN gründete 1967 die „World Anti-Communist League“ (WACL) mit, die u.a. von Franco-Spanien und Taiwan unterstützt wurde.
Im Exil machten sich diese nationalistischen Kreise daran die eigene Geschichte umzuschreiben. Aus faschistischen Bewegungen wurden demokratische Freiheitskämpfer.
Die Autorin schreibt:

„Das Spannungsverhältnis zwischen seinem Profil als Sammelbecken exilierter NS-Kollaborateure und seiner Entwicklung hin zu einem Verbündeten westlicher Antikommunisten prägte den ABN zeit seiner Existenz.“

(Seite 133)
Nach der Wende im Ostblock gelang es ihnen dieses Geschichtsbild und nationalistische Mythen allgemein in ihren Ursprungsländern zu verankern. Die Narrative des Exils wurden teilweise bestimmend. Die Wende selbst dagegen wurde von einheimischen Oppostionsbewegungen getragen, auf sie hatten die rechten Exilkreise anfangs kaum Einfluss.
Die Geschichte von ABN und OUN vollzieht Birkholz auch am Beispiel des OUN-Führungspaares Jareslaw und Slawa Stetzko nach.
Jareslaw Stetzko (1912-1986) war OUN-Mitglied und als solches u.a. 1939 Organisator des OUN-Kongresses, der in Rom, also im faschistischen Italien, stattfand. Mit dem Einmarsch der Deutschen 1941 wurde er vom OUN kurzzeitig zum „Präsident der Ukraine“ ausgerufen. Später kam er als privilegierter Häftling ins KZ und wurde 1944 wieder frei gelassen, um gegen die Sowjets zu kämpfen. Nach Kriegsende amtierte er als Präsident des „Antibolschewistischen Block der Nationen“ und war Präsidiumsmitglied der „World Anti-Communist League“. Zusätzlich war er von 1968 bis zu seinem Tod alleiniger Führer der OUN-B, der wichtigsten ukrainisch-nationalistischen Gruppe im Exil. Seine Frau Jaroslawa bzw. Slawa Stetzko (1920-2003) war seit 1938 OUN-Mitglied und fungierte nach 1945 als Herausgeberin der „ABN-Correspondence“. Seit 1991 war sie OUN-Vorsitzende und zudem ABN-Präsidentin. Sie kehrte nach dem Fall des Eisernen Vorhangs in die Ukraine zurück und saß für den „Kongress Ukrainischer Nationalisten“ 1997 bis 2003 im Parlament.

Das Buch liest sich für Geschichts-Interessierte schnell und ist eine gute und knappe Einführung in dieses vergessene Kapitel aus der Geschichte der Blockkonfrontation.

Stefanie Birkholz: „Die stärksten Verbündeten des Westens“. Der Antibolschewistische Block der Nationen 1946-1996, Hamburg 2017.

Kurzrezension des Sammelbands „Unter Sachsen. Zwischen Wut und Willkommen“

Sammelband Unter Sachsen
Heike Kleffner und Matthias Meisner sind Herausgeber*innen des Sammelbandes „Unter Sachsen. Zwischen Wut und Willkommen“, der im Jahr 2017 erschien.
In diesem werden die Gründe für die besonders rechte Schieflage dieses ostdeutschen Bundeslandes in mehreren Beiträgen betrachtet.
Die Gründe für Sachsens Anfälligkeit werden bereits in der Wendezeit verortet. So schreibt etwa Andreas Wassermann in seinem klugen Text „Ein bisschen Singapur – nur ohne Stockhiebe“:

„Wie die Mehrheit der Sachsen wollte auch Biedenkopf niemals reformieren, sondern restaurieren. Gemeinsames Ziel war die Wiederherstellung einer präsozialistischen Bürgerlichkeit. Vor allem die ehemalige Residenzstadt Dresden sollte – möglichst von der Moderne unangetastet – 18. Jahrhundert renoviert werden und der Rest des Landes zur bürgerlichen Puppenstube oder Modelleisenbahnlandschaft mit Hightech-Leuchttürmen mutieren – mit Biedenkopf, dem passionierten Spielzeugeisenbahner, an den Schaltköpfen.“

(Seite 30)
Wassermann kommt zu dem Fazit:

„Und so entwickelte sich in der Biedenkopf-pur-Ära Sachsen zu einem recht eigenartigen Land. So ein bisschen Singapur – nur ohne Stockhiebe. Wie in den Tigerstaaten des Fernen Ostens war auch in Biedenkopfs Sachsen Kritik eher unerwünscht.“

(Seite 32)
Auch die anderen Beiträge über die sächsische Provinz, die Geschichte des MDRs, den Aufbau Ost oder Uwe Steimle als Ausdruck der ostdeutschen Volksseele sind erhellend und kenntnisreich. Sie wurden von Insider und Kennerinnen verfasst. Der Bericht über von Neonazis Angegriffenen, z.B. in Colditz, die von der Polizei allein gelassen wurden, st besonders erschütternd.
Zwischendurch gibt es in dem Sammelband immer wieder einen Kommentare von Bewohner*innen mit der Überschrift „Mein Sachsen“. Die zeigen noch einmal andere Perspektiven, z.B. die von Rassismus-Betroffenen, auf.
Negativ aus dem Rahmen des Sammelbands fällt der Beitrag von Stefan Locke, dem FAZ-Korrespondent für Sachsen und Thüringen. Patzelt sei nicht PEGIDA-nah und die Fotos von Bachmann mit Hitlerbärtchen seien ein Fake. Woher Locke dieses Geheimwissen hat – zumal Bachmann selbst die Existenz der Fotos eingeräumt hatte, sie aber als Scherz darstellte- verrät Locke aber nicht.
Egal, ein schlechter Beitrag, macht den Sammleband insgesamt noch nicht schlecht. Allen an den „Sächsischen Verhältnissen“ Interessierten sei die Lektüre ans Herz gelegt.

Heike Kleffner, Matthias Meisner (Hg.): Unter Sachsen. Zwischen Wut und Willkommen, Berlin 2017.